Februar 2012

Dieser Artikel von Micky steht in der Februarausgabe 2012




6,55 MILLIONEN ARBEITEN IM NIEDRIGLOHNBEREICH



Es ist heute in Deutschland nicht mehr ungewöhnlich, dass Menschen trotz Vollzeitstelle von ihrem Lohn nicht leben können. Sofort denkt man bei niedrigen Löhnen und schlechter Bezahlung an Zeitarbeit, aber es gibt auch in manchen Branchen Tariflöhne, die nur einen Nettolohn gewährleisten, bei dem die Arbeitnehmer „armutsgefährdet“ sind. In Deutschland sind Menschen armutsgefährdet, die weniger als 60 % des durchschnittlichen mittleren nationalen Einkommens zur Verfügung haben, also weniger als 940,- Euro netto.

Waage Bildquelle: Foto von: © Dr. Klaus-Uwe Gerhardt/pixelio

Die Leiharbeit gilt als Jobmotor in Deutschland, jeder dritte Job entsteht heute in der Zeitarbeit. Die Arbeitgeber freuen sich darüber, kosten die Zeitarbeiter doch viel weniger als die festangestellten Stammkräfte.

Und verschlechtert sich die Auftragslage und man hat nicht mehr genug Arbeit für alle, kann man die Anzahl der Leiharbeiter ohne große Schwierigkeiten reduzieren.

Zum ersten Mal liegen nun differenzierte Daten zum Arbeitsentgeld der Leiharbeitskräfte vor. Erstmals wird eine Sonderauswertung der Entgeltstatistik der BA vorgelegt, die eine Vollerhebung aller sozialversichert Beschäftigten darstellt und alle laufenden und einmaligen Bruttoverdienste umfasst – einschließlich anteiligem Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Insgesamt wurden Lohnangaben für 500.000 Personen ausgewertet.

Im Jahr 2009 lag das durchschnittliche Bruttomonatsentgelt in den alten Bundesländern bei lediglich 1.456 Euro brutto im Monat, in Ostdeutschland (inkl. Berlin) war es sogar noch niedriger, hier lag es bei gerade einmal 1.224 Euro

. Und das, obwohl diese Arbeitskräfte einen sozialversicherten Vollzeitjob in der Leiharbeit haben. Viele können von solch einem Vollzeitjob nicht leben. Bundesweit verdienten 10,5 % der vollzeitbeschäftigten Leiharbeitskräfte weniger als 1.000 Euro brutto im Monat, im Osten lag dieser Wert doppelt so hoch, hier waren es 21 % der vollzeitbeschäftigten Leiharbeitskräfte. Ein weiteres Fünftel der Leiharbeitskräfte verdiente nur zwischen 1.001 bis 1.200 brutto, im Osten sind es hier mehr als ein Viertel. Lediglich eine kleine Minderheit der Leiharbeitskräfte kommt auch bei Vollzeitarbeit monatlich auf mehr als 2.000 Euro brutto (19,1 %), während dies in der gesamten Wirtschaft für gut 70 % der Vollzeitbeschäftigten gilt.

Leiharbeiter verdienen im Durchschnitt nur die Hälfte vom dem was festangestellte Arbeitnehmer erhalten. 2009 lag im Westen das durchschnittliche Bruttoeinkommen aller Vollzeitbeschäftigten bei 2.805 Euro im Monat, bei Leiharbeitskräften lag es bei nur 1.456 Euro. Bei vergleichbarer Arbeitszeit ergibt sich ein Lohngefälle von 48,1 Prozent, Leiharbeiter verdienten damit nur gut halb soviel wie Vollzeitbeschäftigte im Durchschnitt insgesamt. Im Osten sind die Löhne insgesamt etwas niedriger und deshalb ist der Einkommensabstand auch geringer.

Die Leiharbeitskräfte verdienten aber auch immerhin 40 % weniger als die Vollzeitbeschäftigten im Osten insgesamt. Die schwierige finanzielle Situation von Leiharbeitskräften führt dazu, dass viele von ihnen trotz Vollzeitstelle nicht einmal das gesellschaftliche Existenzminimum sichern können. Armut ist trotz Arbeit an der Tagesordnung, selbst wenn das Aufstocken mit Hartz IV durch einen Zweitjob oder eine Erwerbstätigkeit anderer Familienangehöriger verhindert werden kann.

In der Mitte des Jahres 2010 wurden 92.000 Leiharbeitskräfte gezählt, die trotz sozialversichertem Job noch auf ALG II-Leistungen angewiesen waren. Das entspricht 13,1 Prozent aller sozialversicherten Leiharbeitskräfte. Aber nicht nur Leiharbeiter werden mit niedrigen Löhnen abgespeist, es gibt auch in einigen Berufsgruppen Tarifverträge, die so niedrige Stundenlöhne beinhalten, dass man auch bei einer 40-Stunden-Woche nur knapp über der Armutsgrenze liegt.

Bei dem schon oft zum Thema „Niedriglohn“ erwähnten Beruf der/des „Friseur/Friseurin“ liegt der Tariflohn nur bei ca. 3-8 Euro die Stunde. Und das obwohl der Friseur heute nicht nur die Haare schneidet, sondern Kunden auch bezüglich ihres Haarstylings berät, Haarpflegeprodukte verkauft und oft Services wie Kopfmassage oder Maniküre anbietet.

Eine Raumpflegerin erhält laut Tarif gerade einmal 4-8 Euro die Stunde. Weitere Berufsgruppen mit sehr niedrigen Tariflöhnen sind Textilreiniger, Wächter, Fleisch- und Wurstwarenhersteller, Kellner oder Koch.

Ein Koch hat immerhin eine dreijährige Ausbildung hinter sich, ist neben der Zubereitung von Speisen auch für den Wareneinkauf und die Erstellung von Speisekarten zuständig. Trotzdem gewährt ihm sein Lohn kaum die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen oder z.B. ein Kind mitzufinanzieren.

Besonders die Politiker von CDU/CSU und FDP haben sich jahrelang gegen einen flächendeckenden Mindestlohn gewehrt. Argumente hierfür waren immer, dass höhere Mindestlöhne Arbeitsplätze vernichten. Allerdings haben 20 von 27 EU-Ländern einen Mindestlohn und dort gibt es damit keine Probleme, denn höhere Löhne stärken durch mehr Konsum den Binnenmarkt. Bei unserem Nachbarn Frankreich liegt der Mindestlohn bei 9,- Euro brutto.

Die Politiker möchten gerne, dass starke Tarifparteien, also die Arbeitgeberverbände und die Gewerkschaften, angemessene Löhne aushandeln. Jedoch zeigen die niedrigen Tariflöhne in einigen Branchen, dass dieses System nur noch zum Nachteil vieler Arbeitnehmer funktioniert. Inzwischen bekommen 6,55 Millionen Menschen in Deutschland einen Niedriglohn, sind also „Arm trotz Arbeit“.

Die Niedriglohnschwelle liegt hier bei 9,06 Euro brutto. Viele werden wohl denken, dass es sich bei den Beziehern eines Niedriglohns zum Großteil um ungelernte Kräfte oder Hilfsarbeiter handelt, jedoch haben 75 % der Beschäftigten im Niedriglohnbereich eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen Fachhochschul- oder Universitätsabschluss. Trotz Vollzeitjob verdienen viele Beschäftigte also nicht genug, um davon leben zu können.

Deshalb sind sie auf die Hilfe des Staates angewiesen. Um das Existenzminimum von Geringverdienern mit Vollzeitjob zu sichern, musste der Bund im letzten Jahr 2 Milliarden aufwenden. Rechnet man die Gruppe der sozialversicherungspflichtigen Teilzeitjobber hinzu, dann hat der Staat durch Aufstockung der niedrigen Löhne rund 4 Milliarden beigesteuert.

Etwa die Hälfte der erwerbsfähigen Aufstocker verdiente nicht mehr als 6,50 Euro brutto die Stunde, bei jedem vierten Aufstocker lag der Stundenlohn bei unter 5,- Euro brutto. Da trotz dieser Erkenntnisse viele Politiker sich gegen Mindestlöhne wehren und Arbeitgeber durch ihr Sprachrohr Dieter Hundt ständig Lohnzurückhaltung fordern, kann man davon ausgehen, dass der Wirtschaft die „Billig-Löhner“ ganz recht sind und diese Geringverdiener mit Dumpinglöhnen ein großes Opfer für hohe Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik bringen. „Leistung muss sich wieder lohnen!“ tönte es aus dem Mund eines liberalen Politikers.

Und es wäre schön, wenn Arbeit in Deutschland wieder angemessen vergütet wird, d.h. dass jeder, der einer Vollzeitarbeit nachgeht, auch ohne zusätzliche Leistungen durch den Staat über die Runden kommt und sich auch eine gewisse gesellschaftliche Teilhabe (z.B. Kinobesuch, Vereinsmitgliedschaft, Besuch einer Musikveranstaltung...) leisten kann.

Schon lange ist die Einführung eines angemessenen Mindestlohns in Deutschland (z.B. 10 Euro/Stunde) überfällig, um auch die oft sehr hart arbeitenden Beschäftigten im Niedriglohnbereich besser zu stellen. Hier ist es nun die Aufgabe der Politiker, unserer gewählten Volksvertreter, einen Rahmen zu schaffen, dass Lohndumping und die weitere Ausweitung des Niedriglohnbereichs gestoppt werden. Micky