WIE SAND AM MEER?


Erzähle mir eine Geschichte und ich sage Dir, wer Du bist.

Erinnern Sie sich an Ihre letzte Unterhaltung oder vielleicht an die letzten Zeilen, die Sie gelesen haben? Auf was haben Sie dabei geachtet?
Vermutlich werden Sie dabei Ihr Augenmerk auf den Inhalt gerichtet haben und weniger auf die Wahl der verwendeten Wörter. Denn die stehen zumeist nicht im Zentrum Ihrer Aufmerksamkeit.

Psychologisch gesehen kann uns jedoch die Achtsamkeit auf die Wortwahl einen tiefen Einblick in das Innenleben von Menschen verschaffen. So sieht zum Beispiel der Sozialpsychologe James Pennbaker einen wesentlichen Zusammenhang zwischen der eigenen Psyche und der Benutzung von Wörtern. Demnach würden sich u. a. die Persönlichkeit und emotionale Verfassung, der Denkstil und die sozialen Beziehungen eines Menschen in der Art und Weise ausdrücken, wie er Präpositionen und Hilfsverben benutzt.

Das entdeckte Pennbaker Anfang der 1980er Jahre bei einer Untersuchung von Traumapatienten. Er stellte fest, dass sich ihr Gesundheitszustand strukturell verbesserte, nachdem sie ihre Schreckenserlebnisse aufzuschreiben begannen. Dabei kam es weniger auf den Inhalt ihrer Geschichten an als mehr auf ihren Schreibstil. Das Erstaunliche – je mehr ein Patient zwischen selbst- und fremdbezogenen Pronomen wechselte, umso größer war seine Genesungstendenz.

Ein Paradoxon für das Pennbaker auch eine Erklärung kennt: Seiner Meinung nach würde ein häufiges Springen zwischen „ich“ und „er“ oder „sie“ aufzeigen, dass jemand zu einem Perspektivenwechsel in der Lage ist, was für unsere psychische Gesundheit eine wichtige Fähigkeit wäre.

In weiteren Untersuchungen entdeckte er sodann systematische Unterschiede in der Benutzung von Sprache zwischen Frauen und Männern sowie der Abhängigkeit von Alter und sozialen Schichten. Weiterhin könne anhand der Wortwahl auch darauf geschlossen werden, in was für einer emotionalen Verfassung sich ein Mensch gerade befinden würde und welche Qualitäten seine Sozialbeziehungen hätten.

So würde zum Beispiel die weibliche Sprache tatsächlich mehr soziale, kognitive und Ich-Wörter enthalten als die männliche. Pennbaker begründet das mit einem hohen Interesse für andere Menschen und dem Ausdruck der hohen Selbstaufmerksamkeit von Frauen. Die männliche Sprache hingegen würde die weibliche durch ihren Gebrauch von Artikeln ausstechen. Bezüglich positiv-emotionalen sowie Wir-Wörtern würde zwischen beiden Parteien kein Unterschied feststellbar sein.

Auch der eigentliche Denkstil eines Menschen ließe sich anhand der Vorlieben für bestimmte Wörter erkennen, woraus sich wiederum Schlüsse auf bestimmte Verhaltensweisen und persönliche Einstellungen ziehen lassen würden.
Dabei gelten drei Denkstile als besonders relevant:
Das förmliche Denken agiert mit vielen Artikeln, Substantiven und Präpositionen.

Dabei spart dieser Stil mit Ich-Wörtern, Verben und einfachen Adverbien. Jemand der förmlich denkt, gilt als intellektuell und distanziert. Primär wirkt er als humorlos und arrogant, vielleicht auch nicht zuletzt dadurch, da für ihn Status und Macht eine übergeordnete Rolle spielen und Selbstreflexion nicht unbedingt zu seinen Stärken gehört.

Der analytische Denker hingegen versucht permanent die Welt zu verstehen. Er benutzt Kausalwörter (weil, aus diesem Grund), ausschließende Wörter (außer, ohne) Negationen und quantifizierende Wörter (viele, einige). Diese Persönlichkeit liest sehr viel und besitzt ein komplexes Selbstbild.

Der letzte der drei Denkstile, der narrative Denker, ist ein Geschichtenerzähler der Erfahrungen, Erkenntnisse und auch persönliche Erinnerungen in seinen Geschichten verarbeitet.

nd benutzt er Personalpronomen (besonders in der dritten Person), Verben und Konjunktionen. Was ihn auszeichnet, sind seine überdurchschnittlichen sozialen Fertigkeiten sowie seine positive Extrovertiertheit. Überwiegend benutzt er Personalpronomen (besonders in der dritten Person), Verben und Konjunktionen. Was ihn auszeichnet, sind seine überdurchschnittlichen sozialen Fertigkeiten sowie seine positive Extrovertiertheit.

Grundlegend, so Pennbaker, würde die Art und Weise des Denkens im Lebensverlauf weitgehend stabil bleiben. enn Sie als Kind also besonders oft in Geschichten gedacht haben, so werden Sie das vermutlich auch im Verlauf ihres Lebens beibehalten. Jedoch könnten die emotionale Verfassung und die derzeitige Lebenssituation einen nicht unwesentlichen Einfluss auf Veränderungen im Denkstil haben. Leiden Sie zum Beispiel gerade an einer tiefen Depression, kann demnach Ihr Denk- und Sprachstil plötzlich sehr direkt werde.

Ändert sich somit der Sprachstil eines Ihnen bekannten Menschen, so könnten Sie zum Beispiel darauf schließen, dass er vermutlich vor lebensverändernden Entscheidungen steht oder vielleicht emotional angegriffen ist. Demnach sei es auch möglich anhand der Sprache eines Menschen Rückschlüsse darauf zu ziehen, wie er es mit der Wahrheit halten würde.

Doch seien Sie vorsichtig, denn das ist mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Hierzu würde viel Übung und Fachkenntnis benötigt, und selbst dann sollten keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. Allerdings kann man durchaus eine Aussage darüber treffen, welche Sprache Ehrlichkeit signalisiert. Zum Beispiel eine Sprache, die sehr komplex ist, mit vielen Konjunktionen, Präpositionen und Negationen sowie zahlreiche inhaltliche Details.
Ebenfalls könne man sagen, dass eine unwahre Sprache paradoxerweise tendenziell mehr emotionale Wörter beinhalten würde.

Die Erklärung hierzu klingt plausibel: Berichtet jemand vom Tod eines geliebten Menschen, so wird er wahrscheinlich kaum sagen, „Ich war sehr traurig.“ Dass jemand traurig darüber ist, wenn jemand geliebtes stirbt, versteht sich quasi von selbst. Wenn sich hingegen jemand nur vorstellt, wie es sein mag, jemanden zu verlieren, wird er vielleicht denken, dass jemand, der so etwas erlebt sicherlich sehr traurig sein muss und das sodann in seinen Sprachgebrauch einarbeiten.

Jeder könne sich, so Pennbaker, die Sprachanalyse im täglichen Leben zunutze machen. Man müsse nur bewusst darauf achten, welche Wortwahl der Gesprächspartner verwendet bzw. nach auffälligen Mustern Ausschau halten.

Die Wörter, die jemand benutzt, zeigen, wie stark seine visuelle und taktile Sensitivität ausgeprägt ist und ob er eher verbal, funktional oder konzeptionell ausgerichtet ist. Alles in allem ist die psychologische Wortanalyse kein trockenes und akademisch weltfremdes Unterfangen. Und tatsächlich kann man durch eine achtsame Beobachtung der Wortwahl taktile und zutreffende Rückschlüsse auf einen Menschen ziehen.

Genauso kann man auch durch Selbstaufmerksamkeit die eigene Wortwahl verbessern und sogar situationsbedingt anwenden. Man sollte jedoch mit einer gewissen Vorsicht an seine Analyseergebnisse herangehen, denn allein die Tagesverfassung könnte das Ergebnis beeinflussen.

Und wollen Sie nun gerne Ihre E-Mails oder SMS analysieren, so sollte Ihnen von vornherein klar sein, dass bei Wenigschreibern die Aussagefähigkeit zusätzlich eingeschränkt ist.

Ansonsten – achten Sie vielleicht in Zukunft genauer auf Ihre Wortwahl.
Harry Bejol