WOHNUNGSBAU GEHT AUCH ANDERS

Wenn man mal so durch Freiburg spaziert, egal durch welchen Stadtteil, stößt man unweigerlich auf Baustellen. Ganz gleich durch welches Viertel man gerade läuft, in welchen Straßen man unterwegs ist, alle paar hundert Meter steht ein Bauzaun, ein Kran oder ein Haus ist eingerüstet. 

Also, die Baubranche in Freiburg braucht sich nicht beklagen, allerorten wird gebaut.

In den ca. 20 Jahren, die ich hier lebe, wurden zwei komplett neue Stadtteile für mehr als 20 000 Einwohnern aus dem Boden gestampft.

Da stellt sich bei meinem imaginären Spaziergang allerdings die Frage, wieso die Zahl der Wohnungslosen bzw. Wohnungssuchenden in unserer Stadt trotzdem stetig ansteigt.

Es entsteht zwar jährlich massenhaft neuer Wohnraum, doch entweder werden die Wohnungen als Eigentum deklariert oder die Mieten in den neu entstandenen Wohnkomplexen sind derart hoch, dass sich ein normaler Bürger diese Wohnungen nicht leisten kann.

Zwar wird bei jedem größeren Wohnbauprojekt ein gewisser Anteil als sozialer Wohnungsbau ausgewiesen, doch von dem Begriff darf man sich nicht täuschen lassen. Sozialer Wohnungsbau bedeutet nicht, dass ein vom Sozialamt abhängig lebender Mensch nun auch in diese Wohnungen einziehen könnte, sondern lediglich, dass die Mietpreise für normal arbeitende und verdienende Menschen erschwinglich wären.

Doch das ist einem Gesetz unserer Gesellschaft geschuldet:
Dem Profit. Denn an wirklichen Sozialwohnungen würde der Eigentümer nichts verdienen und somit wäre ein solches Projekt für jeden Grundstücksbesitzer reizlos.

Dass es auch anders geht, beweist seit mehr als 10 Jahren die Genossenschaft wohnbau bogenständig eG, die Ende letzten Jahres für ihr soziales Engagement mit dem Hildegard Wohlgemuth Preis ausgezeichnet wurde.

Wohnbaugenossenschaften haben in Deutschland eine lange Tradition, so feierte die älteste Freiburger Baugenossenschaft, der Bauverein Breisgau, erst kürzlich den 115. Geburtstag, und sie alle haben das Ziel, guten und erschwinglichen Wohnraum für ihre Mitglieder zu schaffen, doch die wohnbau bogenständig geht in ihrem Konzept einen Schritt weiter als alle anderen.

Sie achtet beim Wohnungsbau vorrangig auf ökologische und soziale Aspekte. Die wohnbau bogenständig eG. wurde 2003 in Titisee-Neustadt gegründet und setzt auf sozialen Mietwohnbau in alter Bausubstanz.

Das heißt, es werden Grundstücke oder Gebäude gekauft und durch Sanierung auf ein bautechnisch hohes Niveau gebracht, ganz ohne sinnlosen Abriss und teuren Neubau. Die Genossenschaft um die beiden Vorstände Willi Sutter und Wolfgang Fugmann sieht ihren Vorzug in der lokalen Verankerung und übernimmt auch Verantwortung für den Ort, durch Bewahrung der örtlichen Strukturen und dem Erhalt historischer Gebäude.

Angefangen hatte Willi Sutter, der selbst viele Jahre auf dem Bau gearbeitet hat, indem er gemeinsam mit mehreren Privatleuten alte Häuser aufkaufte, diese sanierte, und somit Wohnraum unter anderem für Wohnungslose schuf. Schon damals arbeitete Sutter Hand in Hand mit dem Bauunternehmen „Domiziel“, in dem neben Langzeitarbeitslosen auch wohnungslose oder suchtkranke Menschen beschäftigt sind.

Diese Zusammenarbeit blieb auch nach Gründung der Genossenschaft bis heute bestehen. Mitglied bei wohnbau bogenständig kann jeder werden, unabhängig von Beruf, Ansehen oder seiner finanziellen Situation. Jedes Mitglied hat laut Satzung Anrecht auf eine genossenschaftseigene Wohnung. Einzige Verpflichtung beim Eintritt in die Baugenossenschaft ist der Erwerb von mindestens fünf Geschäftsanteilen, ein Anteil liegt bei 200,- Euro.

Für finanziell schwache Menschen übernimmt im Regelfall das Sozialamt den Erwerb der Geschäftsanteile an Stelle einer Kaution. Etwa einhundert Mitglieder zählt die Genossenschaft inzwischen. Aus den Einlagen der Mitglieder und den Mieteinnahmen bildet sich das Geschäftsvermögen der Genossenschaft.

Mit diesen Geldern werden dann Grundstücke bzw. Häuser gekauft, dann wird „Domiziel“ mit dem Bauvorhaben beauftragt, und neue, schöne, aber auch preiswerte Wohnungen entstehen. Diese Wohnungen stehen dann überwiegend Menschen zur Verfügung, die auf dem freien Wohnungsmarkt keine oder nur geringe Chancen haben. Es ist ein wichtiges Anliegen von bogenständig, dass bestehende Ortschaften erhalten bleiben.

Dazu gehört nicht nur der Erhalt von ortsbestimmender Architektur, sondern auch die Lebendigkeit des Ortes durch eine sozial gemischte Bewohnerschaft. Dazu arbeitet man in den verschiedenen Orten eng mit den unterschiedlichsten Institutionen und Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe zusammen und entscheidet gemeinsam über die Vergabe von Wohnungen an bedürftige Menschen. Beispiele dafür gibt es zur Genüge.

So wurde zum Beispiel das ehemalige Hotel Adler Post in Neustadt, welches unter Denkmalschutz steht, erworben, und in Abstimmung mit dem späteren Mieter, dem Caritasverband Freiburg-Stadt zu einem Wohnhaus für Menschen mit Behinderungen umgebaut. Entstanden ist eine Wohn- und Betreuungseinrichtung mit Einzelzimmern und Gemeinschaftsräumen, in der bis zu 24 behinderte Menschen aus der Region möglichst autonom und eigenverantwortlich leben können.

Dank der zentralen Lage ist es den Bewohnern möglich, wichtige Einrichtungen der Stadt aufzusuchen und somit selbstständig am öffentlichen Leben teilzunehmen. Ein weiteres Beispiel ist die Sanierung zweier denkmalgeschützter Häuser in Emmendingen.

Etwa 800 000 Euro investierte die Genossenschaft in den Erwerb und die Sanierung der beiden Gebäude und schuf hier 17 Wohnungen für Menschen, die zuvor wohnsitzlos waren. Auch hier wurden die Bauarbeiten von „Domiziel“ ausgeführt und in einem der beiden Häuser entstanden vier Appartements für Mitarbeiter der Baufirma, welche zum Teil ja auch aus der Wohnungslosenszene kamen.

Bei diesem Projekt arbeitete bogenständig eng mit der Caritas, der Diakonie, dem Zentrum für Psychiatrie und der Arbeitsgemeinschaft Jugend- und Gefährdetenhilfe zusammen. Gewissermaßen an einem runden Tisch wurde gemeinsam über die Belegung der entstandenen Wohnungen entschieden. So entstanden in Emmendingen statt Notunterkünften Wohnungen für Obdachlose.

Dies ist auch ein Motto der wohnbau bogenständig, man setzt auf eigenen Wohnraum statt auf Massenunterkünfte für Wohnungslose, erklärt Willi Sutter. Eine der aktuellen Baustellen der Genossenschaft befindet sich nun in Freiburg. In Haslach wird das alte Schulgebäude in der Markgrafenstraße saniert und auch hier sollen die Wohnungen an Menschen vergeben werden, die auf dem normalen Wohnungsmarkt chancenlos wären.

Auch hier wird wieder gemeinsam mit Vertretern der Wohnungslosenhilfe darüber entschieden, wer am dringendsten eine Wohnung benötigt und nach diesem Gesichtspunkt sollen die Wohnungen dann vergeben werden.

Fest steht schon, dass der Verein Obdach für Frauen zwei Wohnungen erhält, die nach Abschluss der Sanierungsarbeiten an wohnungslose Frauen übergeben werden. Bei diesem Projekt gab es ein Novum in den Freiburger Bauausschreibungen. Hat sonst immer der Meistbietende den Zuschlag für ein Baugrundstück bzw. ein zum Verkauf stehendes Gebäude erhalten, stellte die Stadt Freiburg als Eigentümer diesmal den sozialen Aspekt in den Vordergrund.

Da wohnbau bogenständig sozialen Wohnungsbau garantiert, bekam sie den Zuschlag für die Haslacher Alte Schule. Ursachen für fehlende Wohnungen, vor allem für finanziell schwächer gestellte Menschen und Familien, sieht Willi Sutter vor allem in der Steigerung der Grundstückspreise ins Unermessliche.

Für Grundstücksbesitzer bzw. -käufer ist es bedeutend lukrativer, evtl. bestehende Gebäude abzureißen und auf dem Grundstück Neubauten zu errichten, als Geld in Sanierungen zu stecken. Die neu gebauten Wohnungen werden meist verkauft oder aber teuer vermietet.

Hier sollte die Stadt ansetzen und die Unternehmer in die Pflicht nehmen. Man könnte städtische Grundstücke beispielsweise mit einer Auflage verkaufen, die den Käufer verpflichtet, einen Teil der Wohnungen als sozialen Wohnraum nachzuweisen. Im Dezember letzten Jahres wurde die Baugenossenschaft nun wie gesagt mit dem Hildegard Wohlgemuth Preis ausgezeichnet.

Eine Ehrung, die sie dankbar annahm und die ihr viel bedeutet. Es freut sie unglaublich, dass ihr Engagement in diesem Bereich so gewürdigt wird, sagte Willi Sutter in einem Gespräch. Auch die Zusammenarbeit mit OFF war wunderbar und es werde wohl nicht das letzte gemeinsame Projekt gewesen sein, betonte er abschließend.

Es ist also möglich, alte Gebäudestrukturen und Bausubstanzen zu erhalten, trotzdem neuen Wohnraum zu schaffen und diesen dann auch noch günstig zu vermieten. Wenn das im Kleinen möglich ist, warum dann nicht auch im Großen?

Carsten



März 2014

Dieser Artikel von Carsten
steht in der Märzausgabe 2014