Ausgabe
Mai 2013

Doppelausgabe


Dieser Artikel von Rolf Jahn steht in der Ausgabe Mai 2013






WOHNRAUMMANGEL ?



Wohnungsmangel und kein Ende. Das könnte die Überschrift für einen Artikel über Freiburg im Breisgau sein. Es sollte natürlich Wohnungsnot heißen, aber an Details wollen wir uns nicht aufhalten. Die Frage, wo diese Wohnungsnot herkommt, die treibt so manchen Freiburger um, die Antwort könnte einfach sein: Es gibt keine Wohnungen. Das ist natürlich nur die – man verzeihe das Wortspiel – halbe Miete. Denn ganz so einfach ist es nicht. Wohnungsnot hat etwas mit fehlenden Wohnungsbau-Programmen zu tun, mit Gentrifizierung und künstlicher Verknappung. Wohnungsnot hat zu tun mit Luxussanierung und steigenden Mieten, mit Büroräumen und mit Profit.

Waage Wohnungsmangel und kein Ende.

Wohnungsnot hat nicht zuletzt zu tun mit sinkenden Real-Löhnen und mit allgemeiner Preissteigerung.

Wenn, wie in Freiburg i. Br., die Menschen über 40% ihrer verfügbaren Einkommen für die Miete aufbringen müssen, die Mieten aber nicht höher sind als zum Beispiel in Stuttgart, dann müssen die verfügbaren Einkommen in Freiburg wohl geringer sein als in Stuttgart.

Denn dort gibt der Mensch keine 40% seines verfügbaren Einkommens für die Miete aus, sondern 23. Wenn aber gleichzeitig die Mieten in Freiburg aufgrund der voranschreitenden Luxussanierungen immer weiter steigen, dann passt das irgendwann nicht mehr. Und so stehen dann also genügend Wohnungen zur Verfügung, bezahlen kann die aber keiner.

Klar wird, dass sich die Wohnungsnot in Freiburg auf bezahlbaren Wohnraum bezieht. Im übrigen steigen die Mieten ja nicht nur für Wohnraum, sondern auch für Gewerbe-Immobilien.

Und da wird das Ganze zum Teufelskreis.

Denn:  Immer mehr alteingesessene Geschäfte machen das Licht aus. Und immer mehr Konzerne eröffnen in Freiburg. Die wiederum beschäftigen überwiegend Teilzeitkräfte. Das führt zu sinkenden verfügbaren Einkommen. Womit wir wieder bei bezahlbarem Wohnraum wären, der in Freiburg fehlt. Das sind alles Binsen-Weisheiten, allgemein verfügbares Wissen

. Da braucht man keine Professur, um das zu verstehen. Solange Sprüche wie: „Das bestimmt der Markt“ an der Tagesordnung sind, solange wird sich nichts ändern. Denn der sogenannte Markt funktioniert, sobald es sich um Wohnungen handelt, in einer Großstadt nicht. Das ist ganz einfach erklärt: Wenn auf dem freien Land Bauer Huber ein Grundstück zuviel hat, dann baut er da vielleicht ein Häuschen drauf. Jetzt hat er schon eins, kann das neue also vermieten.

Zuerst einmal stellt sich die Frage, warum Bauer Huber da baut. Wahrscheinlich sieht er das als Teil seiner Altersvorsorge an. Dann stellt sich die Frage, ob Bauer Huber eventuell noch den Grundsatz „Eigentum verpflichtet“ verinnerlicht hat. Denn dann kümmert er sich auch um sein Haus, hält es instand. Wahrscheinlich ist das so, kaputt nützt ihm das Häuschen nämlich nicht.

Die dritte Frage ist natürlich die nach der Miethöhe. Wenn wir davon ausgehen, dass wie heute üblich, in der Gemeinde von Bauer Huber nur noch ein Bäcker und ein Metzger existiert, aber keine Post, kein Lebensmittelgeschäft und keine Busverbindung, Arbeitsplätze hat es auch nicht wirklich, dann ist klar, das die Anmietung des Häuschens nicht sonderlich attraktiv ist. Also wird er keine 15 Euro Kaltmiete für den Quadratmeter erzielen können, sondern eher 6 Euro.

Schauen wir in die Großstadt: Da ist alles vorhanden, von der Post über den Arzt, vom Bäcker bis hin zum Lebensmittelmarkt. Kurze Wege, auch ein Theater und ein Kino, Busse und Straßenbahnen fahren regelmäßig. Arbeitsplätze gibt es in ausreichender Zahl, Kindergarten und Schulen, Ausbildungsplätze natürlich auch. Jetzt darf man raten, welche Kaltmiete sich erzielen lässt.

Allerdings geht jetzt auch der Kampf um den verfügbaren Wohnraum los. Denn zusätzlich zu denen, die aus den oben genannten Gründen eine Wohnung in der Stadt suchen, kommen noch die, die in der Stadt wohnen wollen, aus verschiedenen Gründen. Sei es, dass ihnen die Stadt einfach gefällt, sei es aus Interesse an kulturellem Angebot, sei es aus Bequemlichkeit. Und dazu kommen auch noch die, die in die Stadt ziehen müssen, weil eben in der Stadt ihr Studienzweig angeboten wird. Da wird sich dann gegenseitig überboten, was den Mietzins angeht. Womit die Makler ins Spiel kommen, die sich für ihre Arbeit bezahlen lassen.

Das treibt die Wohnkosten für den Suchenden wieder in die Höhe. Komischerweise bleibt die Bezahlung des Maklers nämlich dem Mieter überlassen. Die Idee allerdings, den Auftraggeber nicht bezahlen zu lassen, die ist witzig. Wir klären das anhand eines durchschnittlichen Brötchens. Nehmen wir an, die Bäckerei wie-auch-immer, bekannt in Stadt und Land, hätte ein Brötchen zu verkaufen.

Dann setzt die Bäckerei wie-auch-immer eine Anzeige in die Zeitung, Rubrik Brötchen. Die sieht dann ungefähr so aus: „Brötchen zu verkaufen, nur an Nichtraucher, keine Tiere, Doppelverdiener ohne Kinder erwünscht.“ Der Kunde fühlt sich durch diese Anzeige angesprochen, will also das Brötchen kaufen, geht in die Bäckerei und bezahlt. Das ist soweit verständlich. Jetzt kommt aber einer auf die Idee, dem Bäcker zu erklären, dass das mit dem Brötchen doch irgendwie zuviel Arbeit sei. Und überhaupt, den richtigen Käufer zu finden, sei so einfach auch wieder nicht. Also solle der Bäcker doch bitteschön ihn, den Makler, damit beauftragen, seine Brötchen zu verkaufen. Bäcker wie-auch-immer findet die Idee bestechend, sorgt sich aber um die Kosten. Das wiederum stelle kein Problem dar, so der Makler, das lassen wir einfach den Brötchenkäufer bezahlen.

Dann sieht die Anzeige in Zukunft so aus: „Wunderschönes Brötchen, neu gebacken in 2013, wärmedämmende Eigenschaften, leider kein Balkon, sucht neuen Besitzer, der in dieses Traumbrötchen beißen will. Die Besichtigung kann am 31.02.2013 zwischen 17.00 und 17.15 Uhr erfolgen. Bitte nur Nichtraucher. Da ich ein ruhiges Brötchen bin, wären Kinder nicht so gut. Brötchenesser mit doppeltem Einkommen werden bevorzugt. Der Preis beträgt 0,30 Euro, zuzüglich Nebenkosten und 2 Brötchen Provision und zuzüglich MwSt. Dass da keiner die Bäckerei wie-auch-immer stürmt, dürfte klar sein.

Es sei denn natürlich, einer will dieses Brötchen unbedingt und hat das dafür nötige Kleingeld. Wo landet man dann, wenn man jetzt statt Brötchen von Wohnraum spricht? Richtig, bei nicht vorhandenem bezahlbarem Wohnraum. Es stellt sich heraus, dass der sogenannte Markt in der Stadt also nicht funktioniert. Wäre es aber da nicht die Aufgabe einer Stadtverwaltung, regulierend einzugreifen? Eben um bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen?

Und vielleicht darauf zu achten, dass nicht nur von sozial Schwächeren ausgegangen wird, sondern von Normalverdienern, die sich ja immer mehr als Niedriglohnempfänger entpuppen. Wenn auch Normalverdiener mit ihrem Normalverdienst eine Wohnung bezahlen können, dann müssen sie vielleicht auch nicht mehr aufstocken. Also bleibt mehr für die Schwächsten unter uns übrig. Das Ganze könnte dazu beitragen, die Stadt wieder attraktiv zu machen.

Wenn die Stadtverwaltung dann auch noch daraufhin arbeitet, dass nicht die vierte Filiale eines Konzerns in der Innenstadt eröffnet, dann könnten sich auch alteingesessene Geschäfte in der Stadt halten. Das würde die Stadt nämlich ganz sicher attraktiver machen.

Rolf Jahn