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VITAMINE JE MEHR, DESTO GESÜNDER?

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Vitamine, Enzyme, Mineralstoffe und Spurenelemente, Substanzen, die uns vor Stress schützen, uns gesünder machen sowie Lebensfreude und Tatendrang versprechen.
Das ist zumindest die Message, die wir alltäglich durch zahllose Vitalwerbungen vernehmen können.

Der heutige Mensch sei vielen belastenden Faktoren ausgesetzt und benötige deshalb umso mehr dieser lebenswichtigen und lebensbereichernden Supplemente.

Daher erscheint es auch nicht verwunderlich, dass die Pharmaindustrie für die sogenannten Vitaminanhänger ein enormes Sortiment von Vitalstoffpräparaten zur Konsumierung bereitstellt. Apotheken, Drogeriemärkte, sogar einfache Lebensmittelmärkte bieten dem Kunden hierzu eine umfangreiche Auswahl an. Darunter lassen sich konzentrierte Vitamincocktails, Pillenschachteln und Brauseröhrchen voller Nahrungsergänzungsmittel mit den verlockendsten Versprechungen finden.

Vitamin C und B zur Stärkung der „Männergesundheit“, Vitamin E „für die Balance der Blutfettwerte“, Magnesium für „Herz und Muskeln“, Vitamine für stabilere Rentnerknochen, für Schwangere, für Frauen, die noch nicht schwanger sind, für Sportler – oder schlicht Multivitamine „zur Ergänzung der Vitaminversorgung“. Ca. 18 Millionen Deutsche, das entspricht rund 28 % der Bevölkerung zwischen 14 und 80 Jahren, greifen regelmäßig auf solche Supplemente zurück.

Nach Angaben der Marktforschungsfirma IMS Health macht das einen Umsatz für die Pharmaindustrie von ca. 907 Millionen Euro pro Jahr aus. Dabei sind die Vitamine als Zusätze in Lebensmitteln noch gar nicht berücksichtigt worden. Nach eigenen Angaben von DSM, dem weltgrößten Hersteller solcher Supplemente, solle heute kaum mehr ein Produkt in den Regalen zu finden sein, das frei von Zusätzen in Form von Vitaminen ist.

Ca. 20 Milliarden Schweizer Franken setzt die Firma Nestlé mit „Produkten, die einen gesundheitsfördernden Zusatznutzen haben“ weltweit jährlich um. Somit scheint die Nachfrage nach diesen Supplementen eine klare und vor allem rentable Sache zu sein. Doch wie nützlich oder notwendig ist eigentlich die Einnahme von zusätzlichen Vitalstoffen?

So argumentieren Herstellerfirmen wie DSM unter anderen mit „Vitaminmangelerscheinungen“ bei z.B. Menschen, die sich unausgewogen ernähren, Menschen unter erhöhter körperlicher Belastung – z.B. durch Sport – Frauen, die die Antibabypille einnehmen, Frauen während ihrer Periode, werdende Mütter und stillende, ebenso Vegetarier, Raucher, ältere Menschen und Kranke. Demnach leiden heute so ziemlich alle Menschen an einem Vitaminmangel.

Allerdings sollte man bei dieser Aussage auch berücksichtigen, dass DSM, zu deren Kunden auch Nestlé, Coca-Cola, Kraft und Unilever gehören, über drei Milliarden Euro Umsatz allein mit ihrer Nährstoffsparte macht. Ein anderes Bild hingegen zeigt sich sodann bei der Betrachtung vergangener Studien mit dem Ergebnis, eine zusätzliche Vitaminzufuhr sei nicht nur unnötig, sondern für den gesunden Menschen sogar schädlich. So wollten 1994 finnische Forscher innerhalb einer Studie nachweisen, dass die Zugabe von Vitamin E und Betacarotin vorteilhaft für Raucher sei. Nachgewiesenermaßen haben Raucher einen niedrigeren Vitaminspiegel als Nichtraucher.

Daher schien die Annahme logisch, dass eine Zugabe von Vitamin E und Betacarotin für Raucher nur vorteilig sein könne. Das Ergebnis der Studien jedoch war ernüchternd. Es stellte sich heraus, dass gerade bei jenen Probanden, die die Supplementzusätze erhielten, die Fälle von Lungenkrebs um 18 % anstiegen und die Gesamtsterblichkeit gegenüber den Probanden die Placebos erhielten, insgesamt um ca. 8 % erhöht wurde. Somit erwiesen sich die erst so hoch geschätzten Rauchervitamine eher als schädlich und keinesfalls notwendig. In einer jüngeren Studie zeigte sich dann eine weitere Schädlichkeit von Vitamin E als Zusatzstoff. Bei 35.500 gesunden Männern ab 55 Jahren erhöhte sich das Risiko an Prostatakrebs zu erkranken bei der Vitamin einnehmenden Gruppe sogar um 17 %.

Innerhalb der letzten Jahre zeichnete sich somit insgesamt ein erschreckendes Ergebnis für die Vitaminindustrie ab – nämlich, dass sich die Sterblichkeitsrate durch die Zufuhr von Vitaminsupplementen signifikant erhöhte, und zwar bei Vitamin A, Betacarotinen und Vitamin E. Bei Vitamin C und Seelen zeigte sich kein Effekt. Das Versprechen der Vitaminindustrie, Vitaminsupplemente würden das Leben bereichern, erscheint somit eindeutig als hinfällig. Dennoch könnte man den Eindruck gewinnen, dass diese Erkenntnis noch nicht bis zu den Multikonzernen durchgedrungen sei, wenn man sich die Regale von Apotheken und Supermärkten betrachtet. Selbst die sogenannten Vitaminanhänger scheinen von der Nutzlosigkeit, sogar der Schädlichkeit der Einnahme von Vitaminsupplementen nicht gerade überzeugt zu sein.

Das bestätigen zumindest die Umsatz-zahlen der Vitaminmultis. Wenn man sich vor Augen hält, dass nach wie vor Vitamin C als das beliebteste Vitamin gilt, rund 13 % der Bevölkerung, das sind knapp elf Millionen Menschen, nehmen es regelmäßig als Ergänzungsmittel ein, so muss man sich die Frage gefallen lassen, für wen sich nun eigentlich diese Supplemente als nützlich erweisen. Für den gesunden Menschen sind sie bestenfalls überflüssig. Zumal, wie DSM bereits selbst argumentierte, seien etliche Vitaminsupplemente in ausreichender Menge in unserer Nahrung zu finden, woraus man wiederum schließen sollte, dass die deutsche Bevölkerung allein schon durch die normalen Lebensmittel ausreichend mit Vitaminen versorgt sei.

So sind z.B. landwirtschaftliche Böden heutzutage durch spezifische Düngeverfahren weitaus nährstoffreicher als sie das früher waren. Und bei den meisten Vitaminen, z.B. A, E, B1, B2, B12 und C, wird heute bereits durch einen normalen Lebensmittelkonsum eine Zufuhr zwischen 100 und 200 Prozent der empfohlenen Tagesmenge erreicht. Allerdings muss auch hier ein Zugeständnis an eine mögliche Unterversorgung gemacht werden, und zwar bei Vitamin D. Jedoch kann der menschliche Körper diesen Vitaminstoff schließlich selbst produzieren. Dazu sei es aus-reichend, zwischen März und Oktober täglich 15 Minuten ins Freie zu gehen – ohne Sonnencreme. Denn die abgeblockte UV-Strahlung reduziere die körpereigene Produktion von Vitamin D.

Wer also mit dem Gedanken spielt, er würde aufgrund seiner Ernährung oder aufgrund seiner Lebensweise an Vitaminmangel leiden, sollte sich somit beruhigt fühlen. Genau das scheint eben nicht der Fall zu sein. Wer nicht gerade an Mangelerkrankungen leidet und sich heutzutage normal und gesund ernährt, kann mit ruhigem Gewissen auf die Zufuhr von Vitaminsupplementen verzichten.

Zudem ist die Aufnahme von Vitaminen über Lebensmittel, wie z.B. Grünkohl, Spinat oder Feldsalat, mit der Einnahme von künstlich erzeugten Vitaminpräparaten nicht zu vergleichen. Vitamine in Obst und Gemüse haben noch keinem geschadet und sind wohl auch uneingeschränkt zu empfehlen. Doch auch hier stellt sich berechtigterweise die Frage, welche Mengen an Vitaminen denn nun wirklich empfehlenswert sind?

Hierzu geben u.a. die DGE – Deutsche Gesellschaft für Ernährung sowie die WHO – Welt-gesundheitsorganisation gewisse Richtwerte an. Vergleicht man jedoch die jeweiligen Angaben, so muss man feststellen, dass sich die Organisationen über die Mengenangaben nicht unbedingt einig zu sein scheinen. Ebenso differenzieren die Angaben von Jahr zu Jahr. So liegt z.B. die DGE-Empfehlung bei Vitamin C bei 100 Milligramm pro Tag, während die WHO 45 Milligramm pro Tag zugrunde legt.

Bei Vitamin A liegt die DGE-Empfehlung für Männer bei 1000 Mikrogramm pro Tag während die WHO 600 Mikrogramm für ausreichend erklärt. Welchen Zahlen man nun folgen möchte, muss wohl jedem selbst überlassen bleiben. Fakt ist jedoch, dass sich die Menschen vor Augen halten sollten, dass jeder, der sich einigermaßen normal – d.h. abwechslungsreich und gesund – ernährt, bereits ausreichend Vitamine zu sich nimmt.

Mit etwas Achtsamkeit gegenüber seinem eigenen Körper kann man zudem sehr gut feststellen, ob einem etwas fehlt oder nicht. Denn unser Körper ist derart konzipiert, dass er uns eigentlich genau zeigt, was ihm fehlt oder zuwider ist – indem er einfach auf etwas Bestimmtes Appetit signalisiert oder nicht. Letztendlich enthält ein gut zelebriertes Essen, da sind sich die meisten Wissenschaftler einig, alles, was ein Mensch braucht und ist zudem als optimal für Psyche und Körper zu bewerten.

Harry Bejol