VERHEIZTE JUGEND

BilderDie Alterspyramide kehrt sich um. Die Anzahl der Kinder und Jugendlichen in Deutschland geht von Generation zu Generation zurück, die Anforderungen, welche die Gesellschaft an diese stellt, steigen immer weiter. Nicht nur, dass uns ein verendender Planet hinterlassen wird, jetzt müssen wir auch noch die Rente von mehreren Generationen kinderloser Menschen mittragen. Die Jugend war schon immer frustriert, aber, wie schon unzählige Generationen vor uns, meinen Wir, in unserer Konfliktsituation einzigartig zu sein.

Im Gegensatz zu den Generationen vor uns, haben wir es allerdings aufgegeben uns aufzuregen. Die meisten haben akzeptiert, dass die Welt böse ist, und haben keine höheren Ziele, als möglichst stressfrei vom System zu profitieren, der Idealismus beschränkt sich darauf, das böse System auszunutzen. Auch kulturell fühlt man sich zunehmend sitzengelassen.

Seit den 80ern, spätestens jedoch seit den 90ern, scheinen die Jugendkulturen in einer Schleife zu hängen, Kunst interessiert eigentlich niemanden so richtig, die Popmusik stammt aus den USA und ist konstant nichtssagend, und, wie die Literatur, mehr dem Spaßfaktor zugewandt als allem anderen.

Intellektuell und ethisch sind wir verarmt. Und das ist natürlich für die in der Machtposition befindliche Generation nicht unpraktisch. Wie soll man Kapitalismuskritik anbringen, wenn Marx das Aktuellste ist, worauf man sich beziehen kann ?

Wo sind die ganzen Intellektuellen hin? Statt den Neudenkern die wir bräuchten, stoßen wir sogar hier auf Fachidioten, die zwar fundiertes Wissen, aber keine neuen Schlüsse anbieten können.

Systemanalyse? Ein bisschen. Systemkritik? Kaum.
Dafür aber viele Ideen, wie das System zu retten sei. Woher kommt das?

Die Wurzel der Fachidiotie liegt bereits im Kindesalter, es beginnt, sagen wir mal, im vierten oder fünften Lebensjahr, im Kindergarten also. In vielen deutschen Kindergärten werden die Kinder bilingual erzogen, lernen, lesen, schreiben und rechnen, noch bevor sie in die Schule kommen.

In der Schule geht es dann gleich weiter, der/die durchschnittliche Gymnasiast/in soll, neben 30-40 Schulstunden noch täglich mehrere Stunden mit Hausaufgaben zubringen.

Dazu kommen meist noch Sport und/oder ein Musikinstrument. Kein Wunder also, dass man die Schule mit dem Gefühl abschließt, nicht vorbereitet zu sein auf das Leben, das auf einen zukommt, ist doch in der Schulzeit kein Platz mehr für persönlichkeitsformende Erfahrungen wie beispielsweise eine Beziehung! Wie soll man lernen, eine Beziehung zu führen, wenn man nie Zeit hat?

Kein Wunder, dass immer mehr Menschen am Burnout-Syndrom und Depression erkranken, hat man doch keine Möglichkeit mehr zu üben, mit Konfliktsituationen umzugehen, oder gar eine gefestigte Persönlichkeit zu entwickeln.

Die Pubertät, eine für die Persönlichkeitsbildung essenziell wichtige Phase im Leben, geht unter dem Druck den der Arbeitsmarkt auf die Bildungseinrichtungen ausübt, völlig unter. So wird der Alltag für eine zunehmend große Anzahl von Menschen zum Problem.

Bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts schreibt Berthold Brecht in den „Schriften zum Theater“ (1957, Suhrkamp, Frankfurt): „Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zu viel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren.

Solcher Mittel gibt es vielleicht dreierlei: Mächtige Ablenkungen, die unser Elend gering schätzen lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschstoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen.“ Hier schließt sich der Kreis aus Produktion und Konsum.

Der produzierende Mensch kann sein Leben nicht ertragen, benötigt also Linderungsmittel, die natürlich auch produziert werden müssen. Papst Franziskus spricht von einer ,Kultur des Abfalls‘, in der der Mensch vom Konsumenten zum Konsumgut und schließlich zum Abfall degradiert wird.

Er redet des Weiteren von einem neuen „Goldenen Kalb“, und jeder, der sich als „nicht religiös“ oder „nicht katholisch“ versteht, und dem es aufstößt, dass ich mich hier auf das Oberhaupt der Katholischen Kirche beziehe, der möge doch mal bitte ein wenig reflektieren und überlegen, welchen Stellenwert das Geld und damit die Wirtschaft in seinem Leben einnimmt.

Unsere Jugend wird verheizt, bei dem Versuch, eine Wirtschaft zu bedienen, die wie ein Jungfrauen-fressender-Drache im Märchen, unheilvoll über uns schwebt, ohne dass wir einen Gedanken darauf verschwenden, dass es doch ursprünglich die Wirtschaft war, die uns dienen sollte, und nicht umgekehrt.
Wer dies erkannt hat, wird hoffentlich danach streben, aus dieser unheilvollen Situation zu entkommen.

Eine Patentlösung hierfür gibt es freilich nicht, eine Möglichkeit, zumindest geistig rege zu bleiben, ist es, zu versuchen, seine „Ersatzbefriedigung“ einigermaßen produktiv zu stillen: „Die Ersatzbefriedigungen wie die Kunst sie bietet, sind gegen die Realität Illusionen, darum nicht minder wirksam, dank der Rolle, die die Phantasie im Seelenleben behauptet hat.“ (Brecht).

Es ist natürlich viel einfacher, sich der simplen Unterhaltung hinzugeben, wie sie Fernsehen und Internet in Masse bieten, aber ich kann aus Erfahrung sprechen, es gibt nichts, was so erfrischend ist wie ein neuer Gedanke, auf den man plötzlich stößt.

Der Rückschluss hieraus lässt auch das desillusionierte Weltbild der westlichen Industrienationen und ihrer Jugend nachvollziehbar werden:
Der Geist, welcher abgefüllt mit einem grauen, trüben Einheitsbrei vor sich hindämmert, muss ja trübe und mürrisch werden!

Das Auge sieht nur, was das Hirn es sehen lässt! Ein Hirn also, das nur höchst Mittelmäßiges und sich immer Wiederholendes gewöhnt ist, wird das Außergewöhnliche nicht erkennen, selbst wenn der Mensch direkt davor steht!

Für denjenigen allerdings, der bereit ist danach zu suchen, hält die Welt unzählige Wunder bereit. Die Wirtschaft scheint zwar über allem zu stehen, aber das heißt nicht, dass sie das Wichtigste ist, womit wir im Leben zu tun haben.

Paul Gehri, 17 Jahre

Doppelausgabe 2014

Dieser Artikel von Paul Gehri,
steht in der Doppelausgabe
August - September 2014