Ausgabe
Dezember 2012

Doppelausgabe


Dieser Artikel von Micky steht in der Ausgabe Dezember 2012



Anlaufstelle Freiburger StraßenSchule
Schwarzwaldstraße 101

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag 13-17 Uhr

Tel. 0761 / 4891956



DIE FREIBURGER STRASSENSCHULE



Seit 1997 kümmert sich die Freiburger Straßenschule um junge Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen auf der Straße landen bzw. keine Bleibe mehr haben. Trotz der engagierten Arbeit der Freiburger Straßenschule und anderer Institutionen in den letzten Jahren steigt die Anzahl von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die ihren Lebensmittelpunkt auf die Straße verlegen.

Immer mehr junge Menschen auf der Straße

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Die Gründe dafür sind vielfältig und haben sich auch im Laufe der letzten Jahre verändert. Noch vor einigen Jahren waren hauptsächlich eine von Armut oder Gewalt geprägte Familiensituation und daraus resultierende schulische Schwierigkeiten eine Hauptursache von Straßenkarrieren.

In den letzten Jahren verschärften der Rückzug der Jugendhilfe und die Hartz IV-Gesetzgebung die Lebenssituationen vieler Jugendlichen. Die Jugendhilfe hat es verpasst, sich den Bedürfnissen der Jugendlichen heute anzupassen.

Viele junge Menschen fühlen sich z.B. durch die strikten Regeln in Wohnungseinrichtungen der Jugendhilfe eingeengt, gerade der Freiheitsdrang vieler junger Menschen wird nicht berücksichtigt. Viele Jugendliche, die mit der klassischen Jugendhilfe unzufrieden sind, suchen heute auch Hilfe in der Anlaufstelle der Straßenschule.
Durch die Einführung von Hartz IV hat sich nicht nur die finanzielle Situation in vielen der davon betroffenen Familien verschärft, sondern es wurde den Jugendlichen die Möglichkeit genommen, mit der Volljährigkeit bei Differenzen innerhalb der Familie ihren eigenen Weg zu gehen.
Die jungen Menschen unter 25 Jahren unterliegen nicht nur einer rigiden Sanktionspraxis, sondern sie müssen – so lange sie ihren Lebensunterhalt nicht selbst finanzieren können – bis zum Alter von 25 Jahren bei ihren Eltern (in der so genannten „Bedarfsgemeinschaft“) wohnen bleiben, da für die Gruppe der unter 25-jährigen Hartz IV-Bezieher keine Unterkunftskosten übernommen werden.
Gerade bei Beziehern von ALG II ist der zur Verfügung stehende Wohnraum in der elterlichen Wohnung eh meist sehr knapp bemessen, da kommt es innerhalb der Familie recht schnell zu Schwierigkeiten.
Und der Frust ist vorprogrammiert, da die Bedarfsgemeinschaft für junge Menschen unter 25 Jahre in schwierigen Situationen schnell zur Zwangsgemeinschaft werden kann, und manche dann auf der Straße die Anerkennung, Geborgenheit und Freiheit suchen, die ihnen zuhause fehlt. Aufgrund der fehlenden Perspektive nach Erreichen der Volljährigkeit, zieht es immer jüngere Menschen auf die Straße,

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da es für sie keinen Sinn mehr macht, bis zur Volljährigkeit in für sie schwierigen Verhältnissen auszuharren. Das Leben auf der Straße stellt die Jugendlichen dann vor neue Aufgaben und Schwierigkeiten.

Sich auf der Straße durchzuschlagen ist mühsam und anstrengend. Die jungen Menschen müssen sich z.B. täglich etwas zu essen organisieren oder nachts einen sicheren Schlafplatz finden.

Die Straßenschule versucht, diesen jungen Menschen zu helfen, ihnen neue Perspektiven aufzuzeigen, ihnen den Weg zurück in eine eigene Bleibe und einen strukturierten Tagesablauf zu ermöglichen.
Gerade für junge Menschen, die auf der Straße gelebt haben, ist es schwierig, sich wieder in einen geregelten Tagesablauf einzufügen. Diese Menschen haben auch große Schwierigkeiten, regelmäßig an Kursen und Maßnahmen teilzunehmen, deren Sinn sich ihnen nicht erschließt. Da kann es sehr schnell zu Problemen mit dem Jobcenter kommen. Gerade für die unter 25-Jährigen hat der Gesetzgeber härtere Sanktionen eingeführt, deshalb wird diese Personengruppe auch bei geringen Vergehen (z. B. Termin verpasst, Bescheinigung nicht abgegeben...) die Hilfe zum Lebensunterhalt komplett gestrichen.

Nur noch Unterkunft und Heizung werden übernommen. Das bringt dann junge Menschen zum Schulden machen oder sie verwenden das Geld für die Unterkunft für den täglichen Bedarf. Am Ende stehen schließlich Schulden bzw. der Verlust der Bude wegen Mietrückständen.

Dieses härtere Vorgehen gegen jüngere Menschen wird im Gesetzestext mit „erzieherischen Maßnahmen“ erklärt. (SGB II, 31 a, Absatz

Die Arbeit und Hilfsangebote der Straßenschule

Die Straßenschule sucht aktiv den Kontakt zu Jugendlichen und jungen Menschen bis ca. 27 Jahren, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben und/oder mit Wohnungslosigkeit zu kämpfen haben. Beim Streetwork sind die Mitarbeiter zu unterschiedlichen Tageszeiten im Innenstadtgebiet unterwegs, sie gehen gezielt auf Jugendliche und junge Erwachsen zu und knüpfen Kontakte zu unterschiedlichen Straßenszenen.
Das Ziel ist, zu den jungen Menschen einen guten Kontakt herzustellen und eine verlässliche und vertrauensvolle Beziehung aufzubauen.

Das ist nicht immer ganz einfach und braucht Zeit, denn viele dieser Menschen haben häufig Enttäuschungen erlebt und negative Erfahrungen gemacht, deshalb haben sie oft ihre Schwierigkeiten mit Erwachsenen und/oder Behörden und Ämtern.
Die Mitarbeiter der Straßenschule akzeptieren die jungen Menschen so wie sie sind und nehmen sie mit ihren Problemen und ihrer Sicht der Dinge ernst.
Sie ermutigen diese, ihre Zukunft nach ihren Vorstellungen selbstständig aufzubauen und geben dabei passende Hilfestellungen.

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Wichtige zentrale Anlaufstelle in der Innenstadt ist ein Bus, der dienstags von 16 bis 18 Uhr vor dem Stadttheater am Werderring steht. Dort können junge Menschen direkt mit den Mitarbeitern der Straßenschule in Kontakt treten, um direkt von der Straße aus einige Dinge zu regeln. Ein Internetanschluss bietet die Möglichkeit der sofortigen Recherche von Hilfsmöglichkeiten auch bei schwierigen Lebensumständen und komplexen Problemlagen.

Die Anlaufstelle der Straßenschule in der Schwarzwaldstraße 101 ist mit ihren Angeboten speziell auf die Bedürfnisse junger Menschen von der Straße zugeschnitten. Hier können sie z.B. duschen, Wäsche waschen, gemeinsam kochen und essen, e ine Postadresse einrichten oder mit einem Arzt sprechen. Die jungen Menschen können mit den Mitarbeitern über ihre Zukunft und ihre Perspektiven sprechen und Unterstützung bei der Umsetzung erhalten.

Die geschulten Mitarbeiter sind verlässliche Ansprechpartner, gerade auch bei Themen wie Ausbildung, Schule, Suchterfahrung, Erkrankungen, Strafverfahren oder Schuldnerberatung. In den Räumen der Anlaufstelle in der Schwarzwaldstraße befindet sich auch die Galerie UpArt. Sie wurde eingerichtet, um jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich künstlerisch auszutoben.

Gerade in den Menschen von der Straße steckt viel Kreativität.

Zusammen mit dem Galerie-Mitarbeiter sprechen sie über ihre Ideen und Einfälle und setzen sie dann gemeinsam um. Mal geht es um alltagspraktische Dinge wie die Reparatur von Möbeln oder die Verschönerung von Kleidungsstücken, dann werden wieder Fotografien, Siebdrucke, Airbrush-Kunstwerke, Aquarelle und Ölmalereien angefertigt und Holzarbeiten ausgeführt. Im Wohnprojekt können sieben junge Wohnungslose im Alter von 18-27 Jahren unterkommen. Hunde sind übrigens auch willkommen.

Voraussetzung für eine Bewerbung um ein Zimmer im Wohnprojekt ist das Erreichen des 18. Lebensjahres und der Wille des Wohnungslosen, sein Leben ändern zu wollen. Die Mitarbeiter unterstützten die Bewohner dabei, ihre Angelegenheiten zu regeln, ihre selbst gesteckten Ziele zu erreichen und fördern ihre Ideen für die weitere Lebensgestaltung. Vor über zehn Jahren entstand in Kooperation mit der Freiburger Albert-Schweitzer-Schule III das arbeitspädagogische Projekt WerkStattSchule.

Oft führen Probleme in der Schule, Konflikte mit Eltern, Mitschülern und Lehrern bei jungen Menschen zum Ausstieg aus dem gewohnten Lebensmittelpunkt und können in d en Einstieg zu einem Leben auf der Straße führen. Die WerkStattSchule gibt schulmüden Schülern im Alter von 8-14 Jahren in Nachmittagsgruppen die Möglichkeit, in gemeinsamen Arbeitsprojekten, handwerkliche und organisatorische Fähigkeiten zu erfahren und zu üben.

Die Planung, Organisation und Durchführung wird zusammen mit den Kindern gemacht. Dadurch erlernen die Kinder neue Kompetenzen, die ihnen auch neue Perspektiven im Schulalltag eröffnen. Die Geschichte Gegründet wurde die Freiburger Straßenschule durch den Pädagogen Uwe von Dücker, der sich in den 80er und 90er Jahren mit der Straßensozialarbeit in unterschiedlichen lateinamerikanischen Ländern befasste. Als er Ende der 90er Jahre nach Freiburg zurückkehrte, musste er feststellen, dass es inzwischen auch im „wohlhabenden“ Deutschland junge Menschen auf der Straße gibt.

Er versuchte diese Erfahrungen und sein Wissen über Straßenkinder auch hier anzuwenden und gemeinsam mit anderen Fachleuten sein Konzept des partizipativen Lernens auf die Freiburger Verhältnisse zu übertragen. Da eigentlich alle Straßenkinder mangelnde und schwierige Bindungen zu Erwachsenen aufweisen, versuchten die Mitarbeiter der Straßenschule vertrauenswürdige Beziehungen zu den jungen Menschen aufzubauen, ihnen neue Perspektiven zu geben und ihnen bei der Bewältigung der Vergangenheit zu helfen.
Bis heute gilt für die Mitarbeiter der Grundsatz, den jungen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, sie vorbehaltlos anzunehmen und zuallererst einen tragfähige Beziehung zu jungen Wohnungslosen aufzubauen.

Die Arbeit war erfolgreich, aber es war in der Vergangenheit nicht immer einfach, genug finanzielle Mittel für die Arbeit aufzutreiben. Finanzierung Auch heute wird die Straßenschule weitestgehend aus Spendengeldern finanziert. Der Verein Freiburger Straßenschule e.V. hat den Zweck die Freiburger Straßenschule zu fördern. Innerhalb des Vereins Freiburger Straßenschule e.V. hat sich wiederum ein Förderkreis gegründet, der mit Aktivitäten wie Informationsveranstaltungen in Gemeinden, an Schulen oder Informationsstände in der Innenstadt von Freiburg Projekte der Straßenschule unterstützt.

Die Stadt Freiburg finanziert einen Teil des Wohnprojektes mit Betreuungspauschalen und unterstützt die Freiburger Straßenschule derzeit mit einem jährlichen Zuschuss. Eine Stiftung übernimmt derzeit anteilige Personalkosten für die Präventionsprojekte und für die aufsuchende Arbeit. Die Organisationsstruktur Heute ist die Straßenschule eine Einrichtung des SOS Kinderdorfes Schwarzwald.
Die Mitarbeiter sind auch beim SOS Kinderdorf Schwarzwald angestellt, die Einrichtungsleiterin hat die Dienst und Fachaufsicht und trägt die Verantwortung für die Projekte. Ausblick in die Zukunft In letzter Zeit ist die Anzahl der jungen Menschen, die Hilfe in der Straßenschule suchen, stark angewachsen.

Die Mitarbeiter gehen davon aus, dass in den nächsten Jahren die Zahl der Hilfesuchenden bei ihnen noch weiter steigen wird. Die zunehmende Verarmung gerade unterer und mittlerer Gesellschaftsschichten, die ständigen Kürzungen der Mittel im Sozial- und Jugendbereich, der stetig wachsende Leistungsdruck und besonders das repressive Verhalten der Jobcenter gegenüber jungen Menschen sind nur einige der Ursachen, die auch weiterhin für einen Anstieg der Anzahl von jungen Menschen auf der Straße und/oder in Wohnungslosigkeit führen werden.

Gerne möchten die Mitarbeiter der Straßenschule für noch mehr junge Menschen da sein, aber die bisherigen Mitarbeiter stoßen schon heute immer wieder an ihre Grenzen. Deshalb möchte die Freiburger Straßenschule in der Zukunft einen weiteren Mitarbeiter anstellen, um weiterhin genug Zeit für die einzelnen Betroffenen zu haben.

Anlaufstelle Freiburger StraßenSchule e.V.
Schwarzwaldstraße 101
Tel. 0761 / 4891956
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 13-17 Uhr

Freiburger StraßenSchule e.V.
Spendenkonto 100 87 87 9
Sparkasse Freiburg
BLZ 68050101

Micky