Theater Instrumental


Ständig fällen wir Urteile über unsere Mitmenschen und leiten sodann Handlungen ab, die vor allem unser eigenes Leben beeinflussen.

Jeder Mensch hat Vorurteile, ein Fragment unserer evolutionären Entwicklung.


Die Bildung von Stereotypen schützte unsere Vorfahren vor unangenehmen Überraschungen, da sie somit in der Lage waren, eine schnelle Entscheidung bezüglich ihres Gegenübers treffen zu können.

Mit einem Blick beurteilen zu können, ob einem der Fremde nun freundlich oder gar feindlich gesinnt war, konnte lebensentscheidend sein, oftmals für die ganze Gruppe. Die Bildung von Stereotypen und ihre zumeist unbewusste Anwendung, sind ein Teil unseres kognitiven Apparates. Was früher als lebensnotwendig erschien, bringt uns heute jedoch schneller in unangenehme Situationen als uns lieb sein könnte.

Zumindest stehen wir uns damit oft selbst im Weg, wenn wir uns diesen Prozess nicht bewusst werden lassen. Jeder kennt das: Der erste Eindruck einer fremden Person lässt uns entweder zu Wohlwollen oder Abneigung ihr gegenüber tendieren. Anhand von Aussehen, Bewegung und Sprache schließen wir so zum Beispiel auf den Grad der Bildung. Aufgrund des Körperbaus entscheiden wir, ob jemand vielleicht fleißig oder faul ist. Das Alter lässt uns erkennen, ob sich jemand schicklich oder gar unschicklich benimmt, eben seinem Alter entsprechend. All dies und mehr schließen wir aus oftmals nur einem Blick auf unser Gegenüber und leiten sodann daraus ab, ob wir uns nun auf diese Person einlassen wollen oder nicht. Man könnte also sagen, wir handeln in einem gewissen Grad stereotypisch. Doch wie funktioniert das eigentlich?

Unser Gehirn erschafft im Laufe unseres Lebens ein Kategoriensystem – Schubladen, in die wir etwas einordnen können. So sehen wir jemanden mit bunten Haaren und ordnen ihn der Schublade „Punk“ zu. So galten zum Beispiel vor gar nicht allzu langer Zeit tätowierte Menschen entweder als „Knastbrüder“ oder Seefahrer. In jedem Fall aber als weniger angenehme Zeitgenossen. Heutzutage jedoch scheinen Menschen ohne Tätowierung schon gar nicht mehr up to date.

Somit hat sich also der Stereotyp – tätowierte Persönlichkeit – verändert und damit auch die dazugehörige Schublade in unserem Gehirn. Diese ist zwar nach wie vor vorhanden, jedoch nun anders beschriftet. Wir sammeln also Eindrücke und Verhaltensweisen und ordnen diese unseren selbstbeschrifteten Gehirnschubladen zu. Welche Bezeichnungen wir nun auf die jeweiligen Schubladen schreiben, ist abhängig von unserem Lebensumfeld, von unserer Kultur, unserer Gesellschaft. So saugen wir permanent Eindrücke auf und lernen dabei pragmatische Zusammenhänge. Oftmals auch solche, die wir eigentlich gar nicht lernen möchten.

Schlank ist schön wäre zum Beispiel eine solche Verknüpfung, ein Problem, das sich in unserem Modeverständnis widerspiegelt;
zumindest dann, wenn man an die zahllosen Diskussionen um Magersucht denkt. Je häufiger wir also diverse Zusammenhänge beobachten, desto intensiver verfestigen sich die unbewussten Verknüpfungen. Fragen Sie doch mal einen Spanier, welcher Begriff ihm als erstes einfällt, wenn er einen Deutschen beschreiben müsste.

Denken Sie nun vielleicht selbst gerade an die Sandale?
Jede Wette, dass das auch Ihr erstes Bild im Kopf war!
Denken Sie an einen Franzosen und Sie sehen Käse und Wein?
Denken Sie an einen Chinesen und Sie werden sicherlich nicht umhin kommen, an einen Fotoapparat zu denken.
Wie Sie nun sehen können, funktioniert das System unserer Stereotype äußerst einfach und schnell – vor allem jedoch ohne dabei viel Kapazität für bewusstes Denken zu verschwenden.
Und genau das ist das evolutionäre Grundprinzip:
Gefahren oder Wohlwollen erkennen zu können, ohne dafür viel Zeit und Energie aufwenden zu müssen und dementsprechend handlungstätig zu werden.

Heute allerdings sind wir nicht mehr den Gefahren ausgesetzt, die unsere Verwandten aus der Steinzeit befürchten mussten. Unsere Welt hat sich verändert, das Funktionsprinzip der Stereotypenbildung hingegen nicht.

Stellen Sie sich vor, sie gehen zu einem Vorstellungsgespräch. Im Aufzug begegnen Sie einem Mann mit einem ungeordneten Aktenbündel unter dem Arm. Er ist leicht untersetzt, schwitzt ein bisschen und seine Kleidung erweckt den Anschein, als hätte sie das vergangene Jahrzehnt noch gerade so überlebt. Aufgrund seines gesamten Erscheinungsbildes stecken Sie ihn sogleich in die Schublade faul und ungepflegt.

Der Aufzug öffnet sich und dem Mann entgleitet das Aktenbündel. Alles fliegt herum. Aufgrund Ihrer unmittelbaren Abneigung dieser Person gegenüber, verlassen sie den Fahrstuhl, ohne zu helfen. Vielleicht denken Sie auch noch – was für ein „Loser“. Und nun stellen Sie sich Ihre Überraschung vor, wenn Sie das Personalbüro betreten und sich Ihnen genau dieser Mann als der Personalchef vorstellt. Was meinen Sie, haben sich Ihre Chancen, die Stelle zu bekommen, verbessert? Wohl eher nicht. Ihr Vorurteil und Ihr unbewusstes Verhalten dem Mann gegenüber stehen Ihnen nun im Weg.

unser stereotypisches Denkverhalten eben nicht mehr im Weg steht, müssen wir uns diesen Prozess bewusst machen. Das ist der erste und wichtigste Schritt. Jeder hat Vorurteile. Jeder handelt teils bewusst, teils unbewusst nach seinen stereotypen Denkverknüpfungen. Und jeder ist dabei der „Macht des Moments“ unterlegen. Da wir das nun wissen, sollten wir uns angewöhnen zu beobachten und nicht zu bewerten.

Damit uns Ein wichtiger Unterschied; denn wenn wir etwas nur beobachten, bilden wir uns dabei keine vorläufige Meinung. Wir sehen einfach nur zu, was geschieht. Oftmals fallen uns dabei positive Dinge auf, die wir durch eine schnelle Bewertung der Situation übersehen würden. Sodann sollten wir uns angewöhnen, grundsätzlich eine positive und freundliche Grundhaltung zu präsentieren. Lächeln Sie. Ein Lächeln bewirkt Wunder und kostet kein Geld. Leider fällt genau das vielen Menschen eher schwer. Sollten Sie ebenfalls dazu gehören, so stellen Sie sich doch einfach etwas Schönes vor, eine Begebenheit, die Ihnen ganz besondere Freude bereitet – und Sie lächeln automatisch. Ihre ganze Mimik wird sich zum Positiven verändern, Ihre Stimmlage, ja sogar Ihre Körpertemperatur. All das tragen Sie nun nach außen.

en Sie bitte nicht, Sie müssten mit jedem Menschen, der Ihnen begegnet, eine „Stop-and-Go-Beziehung“ eingehen. Darum geht es gar nicht. Sie sollten lediglich durch Ihr Verhalten die Situation entschärfen und anderen nicht gleich auf die Nase binden, dass Sie Abneigung ihnen gegenüber empfinden. Ist es Ihnen nicht auch schon einmal passiert, dass Sie jemanden gesehen haben und im ersten Moment dachten – mit dem will ich nichts zu tun haben? Später stellte sich vielleicht heraus, dass diese Person über ganz andere hervorragende Eigenschaften verfügt und Sie nun froh sind, dass, aus welchen Gründen auch immer, Sie sich doch auf diese Person eingelassen haben. Diesbezüglich sicherlich ein Glücksfall.

Aber denk Jedoch benötigen Sie hierfür kein Glück. Wenn Sie bewusst die Situation beobachten und dabei freundlich bleiben, erkennen Sie die positiven Eigenschaften des Gegenübers sofort, zumindest haben Sie beste Chancen dazu. Und die ursprünglich evolutionäre Schutzfunktion der stereotypen Denkverknüpfungen bleibt ebenfalls erhalten. Sie wird sogar noch um ein Vielfaches verfeinert.

Daher brauchen wir also keine Angst zu haben, dass eine tolerantere Verhaltensweise uns Schwierigkeiten bereiten könnte. Im Gegenteil, werden Sie toleranter, so können Sie nur gewinnen. Und wenn Sie gewinnen, dann gewinnen auch alle andern. Denken Sie einmal darüber nach.

Harry Bejol