ÜBER WOHLIGE GEFÜHLE
UND SOZIOLOGISCHE SINNFRAGEN

Im Juli 2011 habe ich viele Nachmittage in der Redaktion des FREIeBÜRGER verbracht, die damals noch in der Ensisheimerstraße war.
Schöne Nachmittage. Mit viel Kaffee und noch mehr Zigaretten. Ein paar Wochen zuvor hatte mit dem Rauchen aufgehört, habe die Frühstückszigarette durch Frühstücks-Yoga ersetzt. Atemübungen statt Inhalieren. Aber wenn man zu den Gemütlichkeits- und Geselligkeitsrauchern gehört, ist die FREIeBÜRGER-Redaktion ein denkbar schlechter Ort um standhaft zu bleiben. Ich hab mich dort so wohl gefühlt, dass ich mir genüsslich und ohne schlechtes Gewissen wieder meine erste Zigarette gedreht habe. Ich hatte sowieso schon bessere Ideen, als die, kurz vor der Prüfungsphase mit dem Rauchen aufzuhören.

Waage
Lena Hartmann

Und die FREIeBÜRGER-Redaktion war der ideale Ort um mich von selbstauferlegten Zwängen zu befreien. Das mag vielleicht ein etwas merkwürdiger Einstieg in diesen Artikel sein, aber die Erinnerung daran gibt mir ein wohliges Gefühl. Und wohlige Gefühle hatte ich in dieser Zeit nur selten.

Denn ich war mit der Aufgabe konfrontiert, nach fünf Jahren Soziologiestudium meine Abschlussarbeit zu schreiben. Für die kleinen Narzissten, die wir ja alle sind, bedeutet das DIE Chance, endlich zeigen zu können, welch verkanntes Genie in einem steckt.

Mit der eigenen unspektakulären Mittelmäßigkeit kann man sich dann in dem großen schwarzen Loch nach dem Ende des Studiums befassen. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls saß ich mit meinen narzisstischen Ambitionen und einem Tonaufnahmegerät in der FREIeBÜRGER-Redaktion, um Interviews zu führen, die ich für den Forschungsteil meiner Arbeit brauchte.

Hier kommt jetzt der soziologische Teil. Was auch immer das bedeuten mag. Vielleicht beginne ich damit, welches Thema ich mir ausgesucht habe, um die 80 Seiten zusammen zu bekommen, mit denen ich meine soziologischen Fähigkeiten unter Beweis stellen wollte.

Ich habe mich in meinem Studium viel mit Arbeit, Arbeitslosigkeit und Armut auseinander gesetzt. Der kritische Blick auf beinahe alles, insbesondere alles, was mit dem Staat zu tun hat, geht Soziologiestudierenden ja irgendwann in Mark und Bein über und so auch mir.

Nur war ich auf einmal mit dem irritierenden Gefühl konfrontiert, nicht mehr so richtig zu wissen, wen und was ich eigentlich kritisieren soll, wenn es um Arbeit, Arbeitslosigkeit und Armut geht.

Der Grund dafür war ein einfaches Konzept, das immer wieder in meinen Recherchen zu Armut und Arbeitslosigkeit aufgetaucht ist: "Jeder ist seines Glückes Schmied". Egal ob Managementlehrbücher, Selbsthilferatgeber, Parteiprogramme oder Parolen der Agentur für Arbeit: Überall schien die Lösung für alle möglichen Missstände darin zu bestehen, sich auf die Eigenverantwortung der Menschen zu berufen. Es schien, als gäbe es nichts, das einen daran hindern könnte, selbstverantwortlich sein Leben zu gestalten.

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Und genau hier lag mein Problem. Denn eigentlich ist das ja was Gutes, sein Leben eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen.

Also warum sollte ich das kritisieren wollen? Aber mich beschlich zunehmend ein Gefühl von Misstrauen und Ärger, denn ich fragte mich, ob wir denn wirklich so frei sind, dass wir alles, was wir uns vornehmen auch erreichen können.

Sind wir so unabhängig, dass wir alle Missstände, die wir in unserem Leben vorfinden, selbstständig beseitigen können?

Dass wir allen Gefahren und Risiken, denen wir ausgesetzt sind, eigenverantwortlich vorbeugen können? Mit der richtigen Ausbildung, dem richtigen Freundeskreis, dem richtigen Riecher, der nötigen Motivation und dem nötigen Willen?

Und haben wir denn die Freiheit, zu entscheiden, wie das Glück auszusehen hat, das sich jeder schmieden soll? Diese Fragen haben mich beschäftigt und auf der Suche nach Antworten bin ich auf immer mehr Absurditäten gestoßen.

Am häufigsten fand ich diese in den Hartz-Gesetzen und überhaupt in der Umgestaltung des Sozialstaats, der jetzt nicht mehr für die soziale Absicherung, sondern für die Aktivierung von arbeitslosen, Entschuldigung, arbeitssuchenden Bürgern zuständig ist, also dem sogenannten "aktivierenden Sozialstaat".

Rechtlich verankert wurde der Leitsatz der Aktivierung und Eigenverantwortung erstmals im ,Gesetz zur Reform der arbeitsmarktpolitischen Instrumente', kurz ,Job-AQTIV-Gesetz', das im Umfeld des Bündnisses für Arbeit als Vorläufer der Hartz-Gesetze 2001 verabschiedet wurde.

Das Kürzel AQTIV steht für Aktivierung, Qualifizierung, Training, Investition und Vermittlung. Nach dem Prinzip "Fördern und Fordern" hat man sich verschiedene Maßnahmen und Programme überlegt, die arbeitslosen Menschen helfen sollen, sich selbst aus der Arbeitslosigkeit zu befreien. 

An der Motivation und den Fähigkeiten müsse man ansetzen, damit die Integration in den Arbeitsmarkt gelingen könne.

Als seien Menschen ohne Arbeit generell antriebslos, lustlos und völlig ahnungslos, was ihre eigenen Fähigkeiten und Interessen betrifft.

Einige dieser Maßnahmen klingen zuweilen wie ein schlechter Witz. So mussten in Hamburg Hartz IV-Empfänger-Innen in einem XXL-Kinder-Einkaufsladen, den der TÜV Nord in einer riesigen Lagerhalle aufbauen ließ, Plastiksalatköpfe abstauben, Kunstgeld zählen und Kunde spielen. Das sollte ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern. Der TÜV-Nord kassierte dabei für jeden Kursteilnehmer 500-800 Euro. Eine schöne Sache. Für den TÜV Nord.

Kein Witz. Ich wünschte, es wäre einer. Eine weitere fragwürdige Variante von Hilfe zur Selbsthilfe hat sich das Jobcenter Brandenburg ausgedacht. Dort bekamen im Rahmen einer 50plus Aktion Hartz IV-Empfänger-Innen Schrittzähler verpasst.

Denn, so der Chef der Bundesagentur für Arbeit Heinrich Alt, "wer sich gut fühlt, wer sich fit fühlt, hat auch Selbstvertrauen - und bekommt nachweislich schneller einen Job".   Es liegt nun also an der mangelnden Bewegung und dem daraus resultierenden fehlenden Selbstbewusstsein, dass man keine Arbeit findet. Und was ist die Lösung? Schrittzähler!

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Zeitungsverkauf

Auch andere nette Geschichten sind mir zu Ohren gekommen. So musste eine Bekannte von mir im Rahmen einer Fördermaßnahme stundenlang mit anderen Teilnehmern Tabu spielen. Wozu? Natürlich auch, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.

Es sollte ihre Kommunikationsfähigkeit trainieren

. Wäre es nicht so traurig, könnte man beinahe darüber lachen. Bei allem Zynismus, den ich mir einfach nicht verkneifen kann und will, ist daran bestimmt nicht alles schlecht.

Es mag Förderprogramme geben, die es wirklich ermöglichen, dass Menschen eine Arbeit finden, die zu ihnen passt und sie erfüllt. Aber in zu vielen Fällen wird der Ruf nach Eigenverantwortung zu einer verlogenen und entwürdigenden Farce.

Verpackt in hübsche Slogans, die suggerieren sollen, dass alles möglich ist, wenn man es nur richtig will. Jeder ist seine eigene Ich-AG und wer scheitert, ist selbst schuld. Man hat also alles selbst in der Hand. Aha. Soso.

Als gäbe es keine politischen und marktwirtschaftlichen Entscheidungen, die die Regeln vorgeben; als hätten wir kein System, das seine Arbeitslosen selbst produziert und Armut trotz Arbeit möglich macht. Durch Technik, die menschliche Arbeitskraft ersetzt, durch den Export von Produktion und den Import von Billigarbeitskräften, durch Mini-Jobs, 1-Euro-Jobs und Leiharbeiter.

Und die Lösung kommt in Form von Tabu und Schrittzählern daher? So sieht also die Eigenverantwortung aus, die man braucht, um sein Leben selbstständig und unabhängig gestalten zu können? Und überhaupt, wenn jeder seines Glückes Schmied ist, wer verteilt dann die Werkzeuge?

Und wer bestimmt, was Glück ist? Nachdem ich also Managementliteratur, Parteiprogramme, Gesetzesbücher und Selbsthilferatgeber gewälzt habe, um herauszufinden, was denn nun Eigenverantwortung ausmacht und dabei immer verzweifelter wurde, angesichts dessen, was ich da zu lesen bekam, habe ich im richtigen Moment den FREIeBÜRGER in die Hand bekommen.

Ich las dort, dass der FREIeBÜRGER e.V. gegründet wurde "um Menschen in prekären Lebenslagen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben". Oh Gott, dachte ich. Bitte nicht ihr auch. Vorgeschädigt durch die Hilfe-zur-Selbsthilfe-Programme der Agentur für Arbeit war ich natürlich auf der Hut, was das Konzept Selbsthilfe betraf.

Sollte die Freiburger Straßenzeitung, auf die ich große Stücke hielt, etwa in dieselbe Kerbe schlagen, wie Politik und Wirtschaft? Das konnte nicht sein. Auf den ersten Schreck folgte dann die Erkenntnis, dass ich hier vielleicht Ansichten zu Eigenverantwortung und Freiheit finden würde, die ein neues Licht auf meine Fragen werfen könnten.

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Ich habe also mein Vorhaben mit Uli und Co. besprochen, einen Interviewleitfaden konzipiert, Aufnahmegeräte besorgt und bin in die Redaktion spaziert, um Interviews zu führen. Wo wir wieder bei dem wohligen Gefühl wären.

Und bei der Frage, was denn nun Eigenverantwortung bedeutet. Auf diese Frage habe ich in den Interviews eine Antwort bekommen, die mir einleuchtender und menschlicher und richtiger erschien als das meiste, was ich zuvor gehört und gelesen habe: Eigenverantwortung kann bedeuten,

Nein zu sagen. Nein zu sagen, wenn es darum geht, unsinnige und lächerliche Förderprogramme mitzumachen, die wertvolle Zeit stehlen.

Nein zu sagen, zu Mini-Jobs mit entwürdigender Entlohnung. Nein zu sagen, zu den Spielregeln, die sich andere ausgedacht haben.

Nein zu sagen, zu Umschulungen, die etwas aus einem machen, was man nicht sein will.

Die Konsequenz davon kann bedeuten, in Kauf zu nehmen, aus der sozialen Absicherung zu fallen, weil man seine persönlichen Werte nicht verraten möchte.

Ich habe mit Menschen gesprochen, die niemanden brauchen, der ihnen erklärt, wofür sie sich motivieren sollen. Die niemanden brauchen, der ihnen erklärt, was Glück heißt.

Denn das Glück, das man sich schmieden soll, wenn es nach der Agentur für Arbeit und der Wirtschaft geht, besteht darin, ein Teil der Maschinerie zu sein. Zu arbeiten, um des arbeiten willens.

Unter allen Bedingungen. Sich dieser Vorstellung von Glück zu verweigern, um die Freiheit und die Zeit zu haben, in Würde das zu tun, womit man sich gut fühlt, ist die Form von Eigenverantwortung, die ich beim FREIeBÜRGER kennengelernt habe. Mit diesem Verständnis von Eigenverantwortung zeigen die Menschen beim FREIeBÜRGER, dass sie es sind, die wirklich an dieses Konzept und den Menschen dahinter glauben.

Denn betrachtet man die Debatten um das bedingungslose Grundeinkommen sieht man, dass es mit der Eigenverantwortung, die der Staat seinen Bürgern zutraut, nicht weit her ist.

Das Argument, das Grundeinkommen würde dazu führen, dass niemand mehr freiwillig arbeitet, wird von den Menschen beim FREIeBÜRGER und ihrer Vorstellung von Eigenverantwortung widerlegt. In den meisten von uns steckt sehr viel mehr als der bloße Wunsch, finanziell zu überleben. Dieses Mehr braucht Freiheit und Kreativität, um sich entfalten zu können.

Und keinen Druck, keine Zwänge und schon gar keine Schrittzähler. Ist diese Freiheit nicht gegeben, gilt es, sie sich zu nehmen. Jeder so wie er kann. Beim FREIeBÜRGER habe ich Menschen getroffen, die sich diese Freiheit erkämpft haben.

Es ist eine Institution entstanden, die es ermöglicht, jenseits von Hartz IV-Maßnahmen ein Maß an Freiheit und Würde zu bewahren, selbstständig und unabhängig einer Arbeit nachzugehen oder sich in Artikeln der Öffentlichkeit mitzuteilen.

Eine Institution, die zugunsten der eigenen Werte und Unabhängigkeit auch mal Nein sagt zu Sponsoren oder Trägern; die sich durch Gesetzesbücher kämpft, um aufklären zu können; die ein Forum bietet für alternative Sichtweisen und Lebensentwürfe.

Eine Institution, die Hilfe zur Selbsthilfe anbietet, weil Selbsthilfe auch darin bestehen kann, gegen alle Widerstände für die eigene Würde einzustehen. Jean-Jacques Rousseau sagte einmal: "Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will". Beim FREIeBÜRGER habe ich gelernt, dass Eigenverantwortung genau darin bestehen kann, für diese Form von Freiheit einzustehen.

Noch nicht einmal ein Jahr ist seit der Abgabe meiner Magisterarbeit vergangen und ich kann mich kaum noch an meine eigenen Worte auf den 80 Seiten erinnern. Wie ein verstaubtes altes Buch, dessen Seiten vergilbt und abgegriffen sind, erscheint mir mein eigenes Werk, abgelegt in einem verborgenen Winkel meines Oberstübchens. Ich mag es ungern hervorholen und darin blättern.

Es erinnert mich nämlich vor allem an eins: An das unbefriedigende und zuweilen beschämende Gefühl, sich hinter Wissenschaft und Sachlichkeit zu verstecken, anstatt Visionen in Worte zu packen und ihnen durch Handeln Ausdruck zu verleihen.

Während ich eine Arbeit verfasst habe, die in der Fülle von wissenschaftlichen Arbeiten versickert und sogar in meinen eigenen Erinnerungen verblasst, schaffen die Menschen beim FREIeBÜRGER Tatsachen.

Sie verändern, sie treten für ihre Überzeugung ein, kämpfen gegen Widerstände an und glauben an Visionen. Sie übernehmen Verantwortung. Für sich und andere. Für ihre Werte und Ideale. Und verschaffen wohlige Gefühle.

Danke.
Lena Hartmann