WAGENBURG IM RIESELFELD – WIR BLEIBEN!

Zeitung
In der letzten Ausgabe endete ich damit, dass unser 10-jähriger Pachtvertrag vor dem Ablaufen stand und wir uns mal wieder Gedanken machen mussten, wie es weiter gehen soll. Diesmal wollten wir aber nicht bis auf den letzten Drücker warten, sondern wir gingen schon ca. 1 Jahr vor Vertragsende in die Offensive.

Wie schon gesagt, hatten wir beschlossen, einen Tag der offenen Tür durchzuführen und nun ging es ans Organisieren desselbigen.
Als erstes mussten wir uns auf einen Termin einigen und da das Frühjahr 2011 schon ziemlich weit fortgeschritten war, wäre es für einen Termin im Sommer schon ein wenig knapp geworden, schließlich hatten wir ja vor, Vertreter der Gemeinderatsfraktionen einzuladen, denn wir wollten hier in gemütlicher Stimmung bei einem Bierchen oder einem Glas Wein unsere Zukunft und die der Wagenburg klären!

War gar nicht so einfach, alle Eventualitäten unter einen Hut zu kriegen, aber schließlich entschlossen wir uns auf einen Termin nach der Urlaubszeit. Das hatte den Vorteil, dass es dann nicht mehr so heiß ist, allerdings auch den Nachteil, dass das Wetter dann schon ziemlich unbeständig ist und es somit halt auch regnen könnte, was sich natürlich nachteilig auf das Grillfleisch auswirken würde. Nachdem wir eine Weile sämtliche „Was wäre wenn?“ - Situationen durchgekaspert hatten, waren wir uns einig, keinen Metzger leer zu kaufen und nicht zu grillen. Stattdessen sollte ein vernünftiges Buffet her, aber eines, das sich sehen lassen konnte.

Also riefen wir unseren Sternekoch, den Flo, an, schließlich hatte er uns ja schon mehrmals bei irgendwelchen festlichen Ereignissen bekocht. Der ließ sich auch nicht lange bitten, denn so hatte er mal wieder die Gelegenheit, sein Können vor einem auserlesenen Personenkreis aufblitzen zu lassen. Nachdem nun das Wichtigste zuerst geklärt war, machten wir eine Liste mit Dingen, die noch erledigt werden müssen, wie Festzelt besorgen, Holz für ein Lagerfeuer, Musik, und, und, und...

Aber das Schöne an größeren Feiern ist ja immer, dass man vorher aufräumt und natürlich wollten auch wir unseren Platz schön sauber haben, bevor die Gäste eintrudeln. Beim Aufräumen haben wir dann erst gemerkt, wie viel Müll und Schrott sich in den letzten Jahren hier schon wieder angesammelt hatte. Wir mussten zwei Container kommen lassen, um das ganze Zeug zu entsorgen. Danach hatten wir wieder jede Menge Platz auf dem Platz!

In der Woche vor dem Fest wurde es dann richtig hektisch auf der Wagenburg. Die einen bauten das Festzelt und die Bühne auf, die nächsten machten Holz, andere putzten und so war halt jeder beschäftigt. Ich war die letzten Tage beim Chefkoch, half ihm beim Einkauf und bei diversen Vorbereitungen für das Buffet. Im Vorfeld hatten wir überall im Stadtteil Einladungen aufgehängt, ein paar Rathausleute eingeladen und verschiedenen Medien Bescheid gegeben, es war alles vorbereitet, der Tag der offenen Tür konnte kommen.

Endlich war es soweit, der für uns so wichtige und eventuell über unsere Zukunft entscheidende Tag war gekommen und natürlich regnete es! Wie sollte es auch anders sein, wenn wir mal was Größeres vorhaben. Aber egal, wir mussten es halt nehmen wie es ist und so warteten wir bei diesem Mistwetter geduldig, wer denn nun alles kommen würde.

Als erstes kamen Bekannte von uns, die sich natürlich eine (fast) kostenlose Party nicht entgehen lassen wollten, aber auch die ersten Stadtteilbewohner trauten sich so langsam auf unser Gelände und schauten sich hier ein wenig um und man kam auch schnell ins Gespräch. Dank des Regens verlagerten sich die Unterhaltungen schnell ins Festzelt, wo Flo mit seinen Köstlichkeiten wartete. Hier waren aber wirklich weder Kosten noch Mühe gescheut worden, um ein Buffet auf die Tafel zu zaubern, das dem Vergleich mit jedem Nobelschuppen stand gehalten hätte. Von einer selbst gemachten Kartoffelsuppe über diverse Salate bis zu Roastbeef und Bratenaufschnitt war alles dabei, nur als ein Gast entrüstet fragte, wo denn das Essen für Veganer sei, verlor unser Koch kurzzeitig einmal die Fassung.

Inzwischen war es fast mittags und nach und nach fuhren die Limousinen vor und brachten die hohen Gäste aus dem Rathaus zu unserem Fest. Nach einem Begrüßungsschlückchen und etwas Small Talk, wurde es dann endlich ernst. Als erstes begrüßte Platzsprecher Ekki offiziell alle Anwesenden und verwies dann in einer begeisternden Rede nochmals auf den Anlass dieses Tages und auf unsere berechtigten Zukunftsängste. Von allen anwesenden Gemeinderatsfraktionen, und natürlich von unseren Nachbarn aus dem Stadtteil, erhielt diese Eröffnungsansprache zustimmenden Beifall. Deswegen haben wir übrigens auch nach Ekkis Wegzug keinen Platzsprecher mehr gewählt, weil keiner sich solche Reden zutraut. Zu Recht!

Nun war die Stadt am Zug, hier vertreten durch Bürgermeister Ulrich von Kirchbach. In einer erstaunlich kurzen Rede würdigte er kurz die Entstehung des Platzes und sagte am Ende die von uns erwarteten Worte. Nämlich, dass unsere Pachtverträge über 2012 hinaus auf unbestimmte Zeit verlängert werden. Ferner wurde der Zuzugsstop aufgehoben und er ließ auch durchblicken, dass mit dem Gelände eh nichts anderes geplant sei.

Für uns hieß das also, wir können hier bleiben und brauchen uns wohl auch in den nächsten Jahren keine Sorgen zu machen. Wäre ja auch irgendwie Blödsinn, uns hier wieder wegzuschicken, da dies hier eine städtische Einrichtung ist, müsste man dann ja auch wieder ein Ersatzgelände finden, dieses teuer erschließen und der Umzug würde auch nicht billig sein. Jedenfalls hatten wir jetzt unsere Zusage und somit hatte der Tag der offenen Tür seinen Zweck ja eigentlich erfüllt. Jetzt ging es an den gemütlichen Teil, es war schließlich genug zu essen und vor allem zu trinken da. Am späten Nachmittag und am Abend spielten dann noch zwei Bands, sodass bis spät in die Nacht hinein gefeiert wurde.

Ja, das ist jetzt vier Jahre her und wir leben noch immer glücklich und zufrieden hier auf unserem Platz. Nur vor ein paar Monaten machten wir uns für kurze Zeit Gedanken. Als Gerüchte zu uns drangen, man plane den Stadtteil zu erweitern und das dort ansässige Naturschutzgebiet irgendwo anders anzusiedeln. Wir waren schon auf der Pirsch, um dort ein Tier oder eine Pflanze zu finden, welche vom Aussterben bedroht ist, aber da wurde aus dem Rathaus auch schon Entwarnung gegeben. Ein Naturschutzgebiet darf nicht weggerissen werden und es wird woanders gebaut! Basta!

Das ist zwar einigen der dort sitzenden Herren sauer aufgestoßen, aber da kann man halt nix tun. Natürlich hat man sich geärgert, dass man vor 20 Jahren hier ein Naturschutzgebiet ausgewiesen hat, aber irgendeinen Kompromiss an die hier zerstörte Natur musste man ja machen. Ich bin mir aber sicher, so schnell wird es in Freiburg und Umgebung auch kein neues Naturschutzgebiet mehr geben! Aber das ist uns hier ziemlich gleichgültig, wir haben unseres und das ist wichtig. Obwohl ich mir sicher bin, dass kaum einer von unserem Platz jemals dort war! Jetzt haben wir also wieder unsere Ruhe und nutzen das natürlich auch aus. Da der Zuzugsstop aufgehoben ist, sind gleich mal ca. 10 Hühner hierher gezogen und versorgen uns mit Eiern. Auf den einzelnen Grundstücken gärtnern die Leute mehr oder wenig erfolgreich vor sich hin und wenn die Regenzeit endlich mal vorbei ist, dann können wir einen weiteren Sommer in unserer selbst gewählten Idylle genießen.

Im Laufe der 25 Jahre sind hier viele Menschen gekommen und noch mehr gegangen, auf die eine oder andere Art. Alles in allem sind wir eine gesunde Mischung aus alten und jungen Leuten, die sich irgendwie zusammengefunden haben und nun zusammen leben. Wobei das jung immer weniger wird, denn wenn wir manchmal am Feuer sitzen und Geschichten erzählen, die wir gemeinsam erlebt haben, stellen wir meist fest, dass die Storys schon 20 Jahre oder länger zurückliegen. Da merken wir dann allmählich, dass wir selbst alt geworden sind, aber hier auf und mit der Wagenburg im Rieselfeld......!

Carsten