WAGENBURG IM RIESELFELD – DER NEUE PLATZ

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In der letzten Ausgabe berichtete ich vom um uns herum entstehenden Stadtteil, unserem langsamen Abschied vom alten Platz und unserem lieb gewonnenen Waldstück. Aber die Verlockungen der neuen Welt, wie Strom und fließend Wasser, übten natürlich auch einen gewissen Reiz auf uns aus, sodass manch einer mit einem lachenden und einem weinenden Auge die knapp 200 Meter Umzugsreise auf sich nahm. Da standen wir nun im Sommer 2002 auf unserem neuen Gelände: Ein Stück von ungefähr 3000 Quadratmetern aus dem Wald herausgeschnitten und eingezäunt, in der Mitte des kahlen Platzes standen zwei riesig anmutende Container und das war es. Eine Wagenburg, wie wir sie vor Kurzem noch hatten, konnte man sich hier nur mit sehr viel Phantasie vorstellen.

Zwar hatte man am Zaun, dort wo sich die Parzellen befanden, noch den einen oder anderen Baum stehen gelassen, aber die meisten von denen mussten dann auch noch weg, weil sie den Wagen im Wege standen. Wir hatten damals noch zwei Traktoren, mit deren Hilfe wir nach und nach die Wohn- und Bauwagen auf das neue Areal zogen, sodass der Platz am Abend wenigstens nicht mehr ganz so leer und verlassen aussah. Das war aber auch wirklich ein richtiges Stück Arbeit, die Umzieherei. Da die meisten unserer Wagen schon viele Jahre im Wald standen, ohne einmal bewegt worden zu sein, war die eine oder andere Fuhre ziemlich abenteuerlich. Vereinzelt wurden sogar Wetten abgeschlossen, welcher Wagen den Umzug übersteht und welcher nicht. Am Ende ging alles gut und nach zwei Tagen standen alle Wagen auf dem neuen Platz und jeder begann sich auf seiner Parzelle einzurichten.

Die Größe des Geländes war vorher genau berechnet worden, sodass jeder Bewohner ein gleich großes Stück Land zugewiesen bekam. Wir waren zum Schluss 20 Personen auf dem alten Platz gewesen und so war der neue Platz eben auch auf 20 Leute ausgelegt und aufgeteilt. Jeder hatte ca. 100 Quadratmeter zugewiesen bekommen und konnte nun „sein Grundstück“ in Beschlag nehmen, irgendwie erinnerte das Ganze an die ersten Siedler im wilden Westen und die Landverteilung!

Gleich nachdem jeder seinen Wagen abgestellt hatte, ging es auch schon los mit der Sucherei: „Wo ist mein Stromanschluss?“. Innerhalb kürzester Zeit waren kreuz und quer über den Platz irgendwelche Kabel gezogen und angeschlossen und jeder genoss es, auf einen Schalter zu drücken und Licht zu haben. Die wenigen, die sich noch keine Kabel oder Lampen besorgt hatten, mussten wie in alten Tagen noch mal auf Kerzen zurückgreifen, aber die waren ja jetzt billig zu haben. Einige hatten sich sogar schon einen Fernseher angeschafft und zogen sich deshalb schon früh am Abend in ihre Wagen zurück, um endlich mal wieder ausgiebig in die Glotze zu schauen. Ich für meinen Teil schnappte mir ein Buch und legte mich ins Bett. Der Unterschied, ob man mit „normalem Licht“ oder bei Kerzenschein liest, ist enorm, stellte ich fest.

Einen weiteren bedeutenderen Unterschied stellten unsere Hunde fest, als sie zu ihrem abendlichen Waldspaziergang aufbrechen wollten. Plötzlich war da ein Zaun, wie weiland die Berliner Mauer! Die konnten ihren geliebten Wald sehen, konnten ihn riechen, aber es führte kein Weg hinein. Mein Eisbär war total verwirrt, denn wie an jedem Abend standen Ulis Hunde vor dem Wagen, um ihn abzuholen und dann ging es nicht weiter. Der kam irgendwann ganz verstört in meinen Wagen und schaute mich verwundert an, als wollte er sagen, mach den Zaun wieder weg. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum sich seit dem kaum einer von uns noch mal einen Hund zugelegt hat, denn mit der vorher viel gepriesenen Hundefreiheit auf unserem Platz war es jetzt vorbei, die Hunde waren kaserniert. Ich habe neulich mal durchgezählt, hatten wir einstmals mehr als 30 Hunde, so sind es jetzt noch sechs, allerdings keiner mehr, der den alten Platz und somit die Freiheit noch erlebt hat.

Und es sollte noch schlimmer werden, denn so nach und nach zäunten wir uns selbst ein, das heißt, die meisten von uns zogen nun auch noch einen Zaun um ihr Grundstück, bzw. 2 oder 3 Leute schmissen ihre Parzellen zusammen und bauten darum einen Zaun. Nun konnten die Hunde nicht mal mehr mit dem Nachbarhund rumtoben, sie konnten sich nur noch an den Zaun stellen und diesen provozieren. Mit der Zeit lebten wir uns auf dem neuen Platz ein und gewöhnten uns langsam an den Luxus. Die meisten hatten inzwischen einen Fernseher, jeder hatte seinen Kühlschrank, sodass er nach der Arbeit ein kaltes Feierabendbier trinken konnte. Man brauchte nicht mehr mitten in der Nacht zum Ferdinand -Weiß-Haus fahren, damit man noch einen Platz beim Duschen kriegt, man musste nicht mehr mit einem riesigen Seesack voller Wäsche in den Waschsalon fahren und wir brauchten auch kein Wasser mehr vom Mundenhof. Das alles konnten wir jetzt hier daheim. Wir brauchten uns kaum noch zu bewegen, also sollte man meinen, wir wären alle glücklich und zufrieden.

Doch wie immer in der Geschichte bringt das Neue nicht immer nur Gutes, für uns änderte sich das Leben mit dem Einzug des Fortschritts auch ziemlich radikal. Während wir früher jeden Abend in größeren oder kleineren Gruppen zusammensaßen, quatschten, Musik hörten und natürlich auch tranken, so hockt heute jeder in seinem Wagen vor der Glotze oder dem Computer. An den Wochenenden liegt der Platz manchmal wie ausgestorben da. Irgendwie ging uns beim Umzug der Gemeinschaftssinn verloren und wir haben ihn bis heute nicht wieder gefunden. Es ist nun nicht so, dass wir uns gegenseitig aus dem Weg gehen oder uns plötzlich nicht mehr leiden können, wir hocken auch noch ab und zu am Lagerfeuer zusammen, aber es wird immer seltener und irgendwie ist der Flair von früher verflogen.

In der Anfangszeit hier war das ja noch zu verstehen, schließlich war die Platzmitte mit Ausnahme der beiden Sanitärcontainer leer und wer will schon in einer solchen Tristesse ein Feuerchen machen und sich gemütlich hinsetzen. Doch nach ein paar Monaten fanden sich Sponsoren, die uns ein Blockhaus als Gemeinschaftshütte schenkten, nun dachte ich, es wird alles wie früher. Doch trotz der richtig guten Holzhütte und obwohl der Platz allmählich wieder begrünt wurde, der alte Geist stellte sich einfach nicht wieder ein. Das kann doch nicht nur am Fernsehen oder daran liegen, dass die meisten von uns arbeiten. Werden wir etwa alt?

Manchmal erinnere ich mich noch an früher, da hatten wir vorn bei Georg seinem Wagen eine Dartscheibe an einen Baum genagelt. Ringsherum standen ein paar Stehtische für das Bier und da hielten wir uns dann stundenlang auf und spielten. Manche waren den ganzen Tag nicht hier wegzukriegen, die hätten bei dem Training in jeder Profiliga mitspielen können. Meistens lief ein Kassettenrecorder mit Batterien betrieben, sodass wir unsere Lieblingsmusik mitgrölen konnten. Samstags lief das Radio und es wurde Fußball gehört, heute gibt es Sky auf dem Platz. Meist waren wir an der Dartscheibe, bis es zu dunkel war um die Zahlen zu erkennen, dann wurde ein Lagerfeuer gemacht und man ging zum gemütlichen Teil über.

Beim Stichwort Lagerfeuer fällt mir etwas Seltsames ein; mir ist damals zweimal der Wagen abgebrannt, aber bei den ganzen Lagerfeuern, die wir im Laufe der Jahre mitten im Wald gemacht haben, ist eigentlich nie etwas Nennenswertes passiert! Komisch!

Jedenfalls will ich sagen, dass ich heute immer noch gern auf dem Platz lebe, dass aber das Familiäre, Gemütliche und Gemeinschaftliche nicht mehr so ausgeprägt ist wie früher. Die Jahre vergingen und der Platz wurde mehr und mehr ansehnlich. Fast jeder hatte auf seinem Grundstück etwas angepflanzt, seien es Obstbäume und -sträucher, Kräuter und Gemüse oder einfach nur irgendwelches Grünzeug. Vor der Hütte hatten wir einen kleinen Jägerzaun aufgestellt, damit uns die Hunde in Ruhe lassen, wenn wir mal grillen oder so. Alles in allem sah es so gemütlich aus, wie man es sich nur machen konnte. Als das Jahr 2011 begann, mussten wir uns so langsam Gedanken machen, was denn im nächsten Jahr wird. Unser Pachtvertrag, den wir beim Einzug auf das Gelände bekamen, war für 10 Jahre gültig und würde somit 2012 auslaufen.

Nach einigen Beratungen und Sitzungen beschlossen wir, einen Tag der offenen Tür, verbunden mit einem Platzfest durchzuführen. Ziel war es, den Leuten nochmals unsere Art zu leben vorzustellen und natürlich für uns zu werben, in der Hoffnung, dass unsere Pachtverträge verlängert werden. Seit geraumer Zeit hatten wir schon ein Zuzugsstopp auf dem Platz, das heißt, wenn jemand stirbt oder wegzieht, darf dafür kein Neuer auf den Platz ziehen. Uli sagte damals immer, die wollen den Platz aussterben lassen und es hatte damals ja auch wirklich den Anschein.

Aus diesem Grund luden wir zu unserem Tag der offenen Tür nicht nur die Bewohner des Stadtteils ein, sondern auch Vertreter aller Gemeinderatsfraktionen, um Klarheit über unsere Zukunft zu erhalten. Ob das gelang, wie unser Fest war und noch einiges mehr in der nächsten Ausgabe.

Carsten