WAGENBURG IM RIESELFELD
Der Kampf gegen den Stadtteil

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In der letzten Ausgabe habe ich damit begonnen unsere Wagenburg im Stadtteil Rieselfeld vorzustellen, ich berichtete über das Leben mitten im Wald, die kleinen und größeren Probleme, die dort auftauchen können und natürlich über jede Menge Spaß, den man dort haben kann. In dieser Ausgabe möchte ich Ihnen erzählen, wie es bei uns weiter ging, als die Wildnis verschwand und ein Stadtteil entstand.

Wie gesagt lebten wir Mitte der 90er völlig unbeschwert auf unserem Stückchen Land am Opfinger Wald, die Stadt schien sich mit unserer Lebensform abgefunden zu haben, jedenfalls kamen von dieser Seite eine ganze Weile keinerlei Schwierigkeiten. Doch das sollte sich ändern. Ich weiß nicht mehr genau, wann es war, aber ich glaube so um 1995 herum verdichteten sich die Gerüchte, dass hier im Rieselfeld ein neuer Stadtteil entstehen soll.

Anfangs gaben wir nicht viel auf diese Gerüchte, schließlich war das hier draußen ja ein Landschaftsschutzgebiet und da konnten die nicht einfach etwas hinbauen. Das war unsere Meinung, wir wurden jedoch schnell eines Besseren belehrt. Fast über Nacht verschwanden die Naturschutzschilder zwischen dem Lindenwäldle und unserem Areal und schon kurze Zeit später standen die ersten Bagger da, bereit, uns und unsere Idylle zu zerstören!

So kam uns beispielsweise zu Ohren, dass Naturschützer in dem Gebiet in dem wir lebten, einen kleinen Bachkrebs entdeckt hatten, der nur noch hier lebte und somit natürlich stark bedroht war. Das war natürlich ein gefundenes Fressen für uns, wir wurden schlagartig Naturschützer und Bachkrebsfans! Wir gründeten einen Verein „Zur Rettung des Bachkrebses und dem Erhalt der Wagenburg Biohum-Gelände“, druckten Unterschriftenlisten und gingen in ganz Freiburg auf Stimmenfang.

Natürlich banden wir auch die Medien in unseren Existenzkampf mit ein, schließlich lebten ja einige Zeitungsredakteure hier auf dem Platz. So kam die BZ hier auf den Platz, machte Fotos und druckte einen Artikel über uns ab. Im FREIeBÜRGER gab es monatlich Neues von der Wagenburg und natürlich druckten wir auch die Unterschriftenliste mit dem Bachkrebs ab. Der war sowieso witzig, den konnte man nur durch ein Mikroskop sehen und ich bezweifle, dass einer meiner Mitbewohner sich je die Mühe gemacht hat, das zu tun, aber wir gründeten eine Initiative zur Erhaltung dieses Viehs! Wer weiß, ob es den jetzt überhaupt noch gibt?

Höhepunkt unserer Medienkampagne war dann ein Film, den der Freund einer Bekannten professionell drehte und der im Kommunalen Kino gezeigt wurde. Der Film mit dem Titel „Wem gehört die Stadt“ zeigt ungeschönt unser Leben auf dem Wagenplatz, mit allen Vor- und Nachteilen. Der Filmemacher und sein Team begleitete uns ein paar Wochen, filmte uns bei allen möglichen Situationen und zeigte in seinem Werk auf, dass unsere Art zu leben nicht die schlechteste ist und sie es wert sei, erhalten zu bleiben. Alles in dem Film sprach für den Erhalt unserer Gemeinschaft und dass wir, wenn wir schon wegmüssen, zumindest ein neues Gelände bekommen. Das war die Quintessenz des Films und natürlich auch unser vordergründiges Anliegen.

Doch wir verließen uns nicht nur auf andere, sondern wurden auch selbst aktiv. Im Namen unseres neu gegründeten Vereins meldeten wir mehrmals einen Infostand in der Innenstadt an, um die Freiburger Bevölkerung über unser Anliegen zu informieren. Diese Stände stießen auf mehr Interesse, als wir eigentlich erwartet hatten. Den meisten Leuten in Freiburg war ja erst seit wenigen Wochen durch verschiedene Medien bekannt, dass es in Freiburg Wagenburgen gab, inzwischen gab es eine weitere Wagenburg, die heute auf dem Eselwinkel beheimatet ist.

Um so größer war ihr Erstaunen, als sie durch uns von unserem Leben erfuhren, der Art und Weise, wie wir durch den Tag gingen und unsere (noch vorhandene) Freiheit. Ich glaube, viele von denen, die zum ersten Mal etwas übers Wagenleben erfuhren, hätten gern mit uns getauscht! Jedenfalls sammelten wir reichlich Unterschriften von Menschen, die wollten, dass wir unseren Platz behalten können und die auch der Meinung waren, dass diese Art zu leben doch gerade zu Freiburg passt.

Die Anzahl der Unterschriften stieg zwar, wir erreichten jedoch nicht annähernd so viele, als dass wir etwas hätten damit anfangen können. Doch die Summe der Aktionen, sowie einige Fürsprecher deren Stimme in Freiburg Gewicht hat, sorgten dafür, dass wir zumindest gehört wurden. Das wurde aber auch Zeit, schließlich bewegten sich die Bagger unaufhaltsam auf unser Wäldchen zu, der größte Teil des ehemaligen Landschaftsschutzgebietes war schon irgendwelchen bunten, hässlichen Häusern gewichen. Nicht mehr lang und die ersten Häuser würden auch in unseren Vorgärten stehen. Mit allen legalen Mitteln versuchten wir, dass Unvermeidliche hinauszuschieben. Wir gingen in den gerade entstehenden Stadtteil, machten die Bewohner auf uns aufmerksam, erklärten ihnen, dass wir ihre Nachbarn sind und sammelten auch hier fleißig Unterschriften für unseren Verbleib.

Uli erfand sogar das Wohnraumvermiesen, ein lustiges Spiel, bei dem wir gezielt Menschengruppen suchten, die vor irgendwelchen Neubauten zur Wohnungsbesichtigung anstanden. Hatten wir diese gefunden, stellten wir uns dazu und einer von uns fragte den anderen dann leise, aber laut genug, ob das hier nicht die Gegend wäre, wo der Boden verseucht sei. Der andere antwortete dann mit, „ich glaube ja“, und dann überließen wir die Wohnungssuchenden ihren Gedanken. Hat zwar Spaß gemacht, aber letztendlich sind die Häuser dann doch alle bewohnt worden.

Auf jeden Fall lernten uns die „Neu-Rieselfelder“ kennen und der überwiegende Teil von ihnen hatte nichts dagegen in Nachbarschaft mit uns zu leben, im Gegenteil, sie fanden unsere Lebensform und -einstellungen sogar ganz gut. Einige von ihnen besuchten uns auch mal auf unserem Platz und überzeugten sich davon, dass man auch ohne Wohnung glücklich sein kann.

Inzwischen hatten wir von der Stadt erfahren, dass wir unseren Platz nicht ersatzlos räumen müssen und dass man an zuständiger Stelle schon damit befasst sei, ein geeignetes Gelände für uns zu suchen. Das zog sich nun allerdings hin, so dass wir einerseits die Gewissheit hatten, wir werden nicht geräumt, andererseits aber nicht wussten, wo wir hinkommen. So wirklich einfach und unbeschwert war die Situation damals nicht unbedingt. Natürlich hatte die Stadt auch eine Art Aussteigerprogramm für Wagenburgler parat, dass heißt, wenn wir dieses Leben aufgeben, wäre es wohl ziemlich einfach gewesen eine Wohnung zu finden.

Natürlich wollten wir das nicht, zumindest die Mehrheit. Einige haben allerdings in diesen unsicheren Zeiten dann den Platz doch verlassen, ein paar sind auf die Wagenburg nach Emmendingen gezogen; einige haben sich wirklich eine Wohnung gesucht. Ob das über das Aussteigerprogramm lief, ist nicht bekannt. Doch die meisten von uns harrten aus und warteten nun auf eine Entscheidung der Stadt, denn so allmählich wurden wir vom neuen Stadtteil eingemeindet.

Nach 2 oder 3 Jahren und ca. 20 Platz-Prüfungen, war es dann endlich so weit, die Stadt Freiburg wies uns ein neues Gelände zu. Was dann kam, hätte auch in Schildburg passieren können. Die Besichtigung unseres neuen Platzes fand praktisch auf dem Nachbargrundstück statt. Etwa 150 Meter vom letzten Wagen auf dem (nun ja alten) Platz entfernt, hatte man ein Stück Wald weggerissen, einigermaßen eingeebnet und eingezäunt. Ich war damals fasziniert von der Arbeitseffektivität einer städtischen Kommission, die zwei Jahre oder länger zig mögliche Plätze begutachtet und wieder verwirft, um dann am Ende ein paar Meter weiter den geeigneten Platz zu finden.

Respekt, aber uns war es egal, Hauptsache unsere Wagenburg und deren Fortbestehen war gesichert. Wir bekamen noch etwas Zeit, um unsere Habseligkeiten zu verstauen und uns vom altem Wald zu verabschieden, denn auf dem neuen Areal wurden noch die Strom- und Wasseranschlüsse gelegt. Doch davon dann in der nächsten Ausgabe, wenn es heißt, der Umzug auf den neuen Platz.

Carsten