Januar 2012

Dieser Artikel von Ella steht in der Januarausgabe 2012



EIN RETTUNGSSCHIRM FÜR MICH


Unwetterwarnung im Südwesten. Sturmtief „Joachim“ fegt die Straßen leer. Wer ein Zuhause hat, weiß dieses jetzt ganz besonders zu schätzen und verlässt es nur, sofern es unvermeidlich ersc heint. Der Dezember zeigte sich als windiger Bruder. Marktbeschickern wehte er das erhoffte Geschäft, wenn nicht gar die Stände fort.

rettungsschirm

Der Dezember zeigte sich als windiger Bruder. Marktbeschickern wehte er das erhoffte Geschäft, wenn nicht gar die Stände fort. Seit Einführung in 2002 wurde das Wort EURO wohl nicht so häufig im Munde geführt wie in den vergangenen Wochen.
Die Währung, die wir mit den meisten Europäern teilen, befindet sich im freien Fall. Oder entgleitet sie uns?
Frau Merkel, die schwäbische Hausfrau, verspricht, mit Rettungsschirmen gehe es wieder aufwärts.
Hm, soso!
Aber bestimmt weiß sie ja, welches Bild sie beschreibt: Kurzfristig mag es immer wieder hinauf schnellen, aber zu guter Letzt muss der Höhenflug auf dem Boden der Tatsachen enden.
Wir hoffen weich...

WIE STEUERT MAN EINEN RETTUNGSSCHIRM?

Sparen oder investieren? Sowohl als auch. Arbeiten oder Pause machen? Natürlich auch beides. Es gehört ja zusammen, wenn man tätig ist, sein kann, sein darf. Sowohl die Pausen zum Ausruhen als auch die Pausen zum Nachdenken haben ihren Sinn.

EIN VERMEIDBARER KNALLEFFEKT

Zehn Tage vor Weihnachten gab es auf der Autobahn ein vorgezogenes Silvesterfeuerwerk als ein Laster wegen eines geplatzten Reifens in Brand geriet. Der Kraftfahrer konnte sich mit der abgekoppelten Zugmaschine vor den berstenden Spraydosen, die er geladen hatte, in Sicherheit bringen. Auch die angerückte Feuerwehr konnte zunächst nur in 30 Metern Entfernung von dem krachenden Inferno agieren. Hat das Geschehen einen Abfüller solcher hochexplosiven Stoffe dazu gebracht, nachzudenken, ob er etwas besser machen könnte? Hält es Käufer künftig an, genauer zu prüfen, ob das Produkt ihrer Wahl unvermeidlich mit Treibgas gefüllt sein muss?

IST DER KLIMAWANDEL ZU STEUERN?

In den ersten Minuten des Jahres sind in Millionenhöhe EURO in die Luft geschossen worden – und als stinkender Rauch herunter gekommen. Millionen traumatisierter Vögel, Wiesen und Waldtiere bestehen jeweils diese „Stresstests“ nicht. Doch nicht nur der Mann aus dem Volk entflammt rascher ein Feuerzeug als einen hellen Blick auf unsere doch bereits sichtbar getrübte Gegenwart. Vertreter aller Herren Länder treffen sich zum Klimagipfel, dann zum nächsten, übernächsten, usw. Es scheint sich um nette unverbindliche Treffen zum Tee zu handeln, wenn jedes Mal ein anderer Staat der Gastgeber ist. Schaun’ wir mal, dann sehen wir schon.

SPENDEN UND STIFTUNGEN GEGEN DAS UNHEIL STIFTEN

Eine Menge EUROS werden als Nothilfe über die Erde versendet. Nicht alle kommen dort an wo sie sollten. Oft aber lindert die Hilfe die Not von Taifunopfern, Flut-Obdachlosen, Hungernden in Dürregebieten, arbeitslosen Fischern vor einem Ölteppich. Wäre aber manche Katastrophe undramatischer ausgefallen oder es hätten Menschenopfer vermieden werden können? In einer Zeit, da scheinbar alles machbar ist, schaffen Gier nach schnellem Profit und Gedankenlosigkeit unnötig viel Zerstörendes.

AUFMERKSAMKEIT ZUR RECHTEN ZEIT

Wir halten es offenbar für Luxus, die Ereignisse eines Jahres zu verstehen und zu verarbeiten. Ergründen, grübeln, planen – das wird an Eliten delegiert, an kleine Grüppchen, deren Lösungsvorschläge die Masse der Bevölkerung nie erreichen. Aller verdichteten Nachrichtenproduktion zum Trotz bleibt der Wirkungsgrad optimistisch stimmender Neuigkeiten gering.

Als Beispiel soll der Zukunftspreis dienen, der jeweils zum Jahreswechsel verliehen wird: 2011 machte ein Team, das von der deutschen Autoindustrie gefördert wurde, den 3. Platz mit seinem sogenannten 6D-Bordcomputer.
Kamerabeobachtung rundum die Karosserie, Abstandberechnungen und automatisches Eingreifen ins Fahrverhalten (Bremsen; Ausweichmanöver) könnten in Kürze die Unfallrate erheblich senken. Rang 2 fiel auf Wissenschaftler aus Freiburg, die mit einer Spezialbeschichtung so etwas wie einen Brennglaseffekt in Solarzellen erzeugen. Die Solarmodule würden um ein mehrfaches leistungsfähiger.

Das Fraunhofer Institut Leipzig schließlich durfte den 1. Preis entgegennehmen. Auch dort war in Sonnentechnologie geforscht worden. Dieses Team hat nun ein organisches Material vorzuweisen, das seltene teure Erden einspart, die oft mit ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen gewonnen werden. Damit lassen sich Wände und Fenster beschichten und der Energieerzeugung zuführen.

NICHTS IST EINFACH

Auch nicht alles, was je eine Auszeichnung erhalten hat, ist umgesetzt worden. Doch immer war jede Idee die Grundlage für eine verbesserte. Aufnehmen und Abgeben: ein Winterthema, wie ich meine. Noch sind die Tage kurz. Kälte, Schnee und Eis lähmen unsere Betriebsamkeit. Auch das kann man wohlwollend sehen: Es ist weniger hektisch. Weniger aggressiv geht es auf den Straßen zu.
Man zieht die Schultern ein, will dem Wärmeverlust durch Zusammenrollen entgehen. Jeder ist bei sich. Vom Umsatz her gesehen ist der Winter für den FREIeBÜRGER eine wahre Eiszeit.

Und doch hätte sich dieses Projekt als Sprachrohr, Teilhabe und Notgroschen für arme Leute ohne die gemeinsamen Pausen, das Besprechen und Vertiefen kaum entwickeln können. Mit den Wintern sind auch im Umland Menschen hinzugekommen, die unserem Konzept vertrauen, weil sie nirgends sonst so deutlich verfolgen können, wohin ihr Geld geht. Die meisten VerkäuferInnen schaffen sich ein schützendes Zuhause.

Sie haben ihre Würde wiedererlangt, können sich waschen und sauber kleiden. Lernen durch Anteilnahme und Anerkennung auch wieder die Augen zu heben, zugeschneit aber ohne Furcht mit Kunden zu reden. Mitten in der Betriebsamkeit fällt das nicht auf; uns nicht und auch nicht unseren Kunden. Erst der Winter bringt solche Einsichten.

Es geht um etwas, das man Prestige nennen könnte, wäre diese Vokabel nicht im Sprachgebrauch von der Eitelkeit mit Beschlag belegt. Ich bleibe also bei „gutes Ansehen“ für VerkäuferIn und Straßenzeitung. Und ich habe vielfach in diesen Wochen erkannt, dass Stammkunden mit einem gewissen Stolz auf uns zu gehen, weil sie in dem Gewirr und Druck von Angeboten und Bitten erkannt haben, wo es Sinn macht zu helfen und wo ihre Unterstützung ihnen selbst überprüfbar bleibt. Sie sind Wohltäter, Mentoren.

Das ist eine ganz andere Rolle als eben mal mit einem Obulus sein Gewissen zu beruhigen. Oft sind meine Artikel eigentlich Briefe an meine Leser. Was zwischen Menschen ehrlich, klar und ausgewogen hin und her geht, macht stark, ausdauernd und zufrieden. Ich kenne die Augen, die Stimmen der Menschen, die mich unterstützen. Überrascht es, wenn ich sage, das ist zurzeit der einzige Rettungsschirm, auf den ich vertraue?


Ella