RESOZIALISIERUNG ODER DISSOZIATION?

Stacheldraht
Maren Beßler/pixelo

Die Verhältnisse in deutschen Haftanstalten sind relativ human.

Das sind sie deswegen, weil allein das der Grundsatz des §3 Abs.1 StVollzG verspricht.
"Das Leben im Vollzug soll den allgemeinen Lebensverhältnissen soweit als möglich angeglichen werden".
Diese juristische Humanität ist relativ zu werten, da sie sowohl physische als auch psychische Erkrankungen hervorbringen kann.

Menschen, die über mehrere Jahre hinweg in Haft leben müssen, sind der täglichen Gefahr ausgesetzt, sich mit Infektionskrankheiten (Hepatitis / HIV) anzustecken, durch mangelnde Bewegung an Adipositas oder Diabetes zu erkranken oder Herz-Kreislaufbeschwerden zu erleiden.

Extremer verhält es sich mit der psychischen Erkrankung; der Veränderung der Selbstwahrnehmung, das Gefühl der Unwirklichkeit die Umwelt als fremd oder verändert wahrzunehmen und etwa den ständig begleitenden Zeitverlust. Phänomene der Dissoziation, die die Insassen durch ihre Haft begleiten und denen sie ohne professionellen Schutz hilflos ausgeliefert sind.

Oftmals sprechen Inhaftierte von einer "Gefühlshärte", wenn sie vom Tod eines geliebten Menschen erfahren - nicht, weil sie nicht fühlen wollen, sondern, weil sie nicht fühlen können - da sich ihre Sinneswahrnehmung und Gefühlsempfindung durch eine jahrelange Isolation zu einer ausgewachsenen dissoziativen Störung entwickelt hat.

Solche und andere Defizite sind mögliche Folgen dieser Angleichung an die allgemeinen Lebensverhältnisse, der Trennung auf längere Zeit von Heimat und der Familie, der Beschneidung von vitalen Bedürfnissen (Intimität, Sexualität, physische Regenerierung), den Verlusten an Lebensqualität (eingeschränkte Hygiene und Räumlichkeit), eingeschränkter Kommunikation sowie der Zwang zur Anpassung.

Sicher, Täter müssen für ihr Handeln die Konsequenz tragen und bestraft werden. Jedoch ist das gesetzlich vorgegebene Strafmaß der Entzug der Freiheit und nicht ein "Missbrauch der Seele".

Zudem wird damit nicht nur der Täter bestraft, sondern auch Angehörige der eigenen Familie - die Ehefrauen, Kinder, Eltern, etc. Dass die mit allgemeinen Lebensverhältnissen wenig bis gar nichts zu tun hat, zeigt sich, wenn man das Ausmaß dieses Angleichungsgrundsatzes in seiner Gesamtheit betrachtet:

Das Strafvollzugsgesetz sieht im §23 vor:

  • "Der Verkehr mit Personen außerhalb der Anstalt ist zu fördern [...] Die Aufrechterhaltung und Stärkung sozialer Bindungen trägt zur Eingliederung des Gefangenen in die Gesellschaft bei. Die Förderung solcher Kontakte dient einem menschlichen Grundbedürfnis. Ihre praktische Bedeutung liegt darin, dass der Gefangene zur Entfaltung seiner Fähigkeiten und Möglichkeiten und zur Befriedung psychischer-seelischer Bedürfnisse auf mitmenschliche Beziehungen angewiesen ist".
Soweit hört sich das wirklich human an, lässt man die Regelung des nachfolgenden §24 außer Acht, der besagt, dass die Besuchszeit pro Monat und Insasse mit mindestens einer Stunde geregelt werden muss. Alles, was über diese gesetzliche Regelung hinausgeht, obliegt dem Ermessen, bzw. den Möglichkeiten der Anstalten.


Und so gibt es in Deutschland leider mehr als genug Haftanstalten, in denen Insassen nicht mehr als ein bis zwei Stunden Besuch pro Monat empfangen dürfen, um dort familiäre Probleme bereden zu können. Oftmals ist jede Art des körperlichen Kontakts untersagt - umarmen verboten - und der Besuch wird sowohl optisch, als auch akustisch überwacht. Beziehungsprobleme, Verlust der Vater- Mutterrolle sind damit vorprogrammiert und den Kindern fehlt eine wichtige Bezugsperson. Begründung: Mangelndes Personal, fehlende Räumlichkeiten. Intimität und Privatsphäre sucht man vergeblich. Die Beschneidung der vitalen Bedürfnisse zieht sich durch den gesamten Haftalltag. Toiletten in "Mehrbettzellen" sind oft nur durch dünne Vorhänge zur übrigen Räumlichkeit getrennt, deren Stoff nicht einmal bis zum Boden reicht. Ebenfalls müssen Insassen zu jeder Zeit das Betreten und Durchsuchen der Hafträume und des eigenen Besitzes über sich ergehen lassen.

Als besondere psychische Belastung wird das Fehlen der Intimitäten und der Sexualität empfunden, die während der Haft zwanghaft unterdrückt werden und das, obwohl gerade zwischenmenschliche Beziehungen zu den Grundbedürfnissen eines Menschen gehören und für eine stabile Psyche bedeutsam sind.
In wenigen Haftanstalten gibt es die Möglichkeit, wo Paare einmal alle zwei oder drei Monaten in so genannten "Kuschelzellen" für wenige Stunden intim werden können, jedoch gilt dies ausschließlich für Eheleute. Von oftmals kargen Räumlichkeiten abgesehen, steht diese Möglichkeit Insassen mit einer Haftzeit von unter fünf Jahren nicht zur Verfügung.

Zur Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse bleibt nur die Onanie durch Genuss von billigen Sexzeitungen und die eigenen Phantasien an Frauen / Männern oder in wenigen Fällen - die Flucht in die Homosexualität übrig.

Auch die Lebensgefährten außerhalb der Haftanstalten haben Bedürfnisse, die nicht von und mit dem Lebenspartner erfüllt werden können, was nicht selten zu Affären oder gar zu Scheidungen führt. Somit wird dem Insassen nicht nur seine Freiheit entzogen - die Beziehung entzieht sich sodann gleich mit. Ein Gefühl der Machtlosigkeit, das auf die Seele drückt.

Vielleicht wäre vieles aufzufangen, wenn die Möglichkeiten der Kommunikation nicht ebenfalls erschwert wären. Telefonie unterliegt je nach Anstalt einer zeitlichen Begrenzung oder es gelten Vorgaben einer maximalen Anzahl an Telefonaten pro Quartal. In anderen Haftanstalten bleibt es dem Insassen überlassen, wann er telefonieren möchte und wie lange.

Sodann sind die Anruferzahlen begrenzt und die Telefongebühren so hoch, dass fast das gesamte Monatseinkommen ausgegeben werden muss, um regelmäßig mit den ausgewählten Teilnehmern telefonieren zu können. Oftmals sind Anrufe auf ein Mobilfunknetz - aus Gründen der Sicherheit - untersagt, was interessant wird, wenn der Partner über keine Festnetznummer verfügt; in Zeiten von I-Phone und Flatrates eine durchaus mögliche Variante.

Auch unterliegen die privaten Telefonate - zumindest elektronisch - einer Überwachung, so, wie auch der private Briefverkehr, der zumindest offen an die Postabteilung der Haftanstalt übergeben werden muss, damit er auf Drogen- oder Geldsendungen überprüft werden kann. Und wenn man davon absieht, das man als Insasse grundsätzlich unter einem Generalverdacht steht, so bleibt noch immer der fade Beigeschmack, dass die intimsten Gedanken jederzeit von Dritten gelesen oder gehört werden könnten. Was bleibt, ist die Anpassung an das System - unter Zwang und Weisung!

Wer Hilfe sucht, um mit dieser Humanität zurechtzukommen, ist sich meist selbst überlassen. Gesprächsgesuche an den Psychologischen Dienst werden oft sehr spät oder gar nicht beantwortet. Erkrankungen und Urlaube dezimieren die Zahl der in den Anstalten vorstelligen Psychologen drastisch. Finden sodann Gespräche statt, werden diese häufig oberflächlich gehalten, da die ständig vorherrschende Unterbesetzung selbst die Fachleute überfordert.
Dann werden Entscheidungen hinausgezögert, Konferenzen verschoben und nicht wenige Insassen zerbrechen an der ständigen Unsicherheit nicht zu wissen was geschieht. Fakt ist, das Straftaten und Fehlverhalten in unserer Gesellschaft vorkommen.

Daher ist die Justiz ein Bestandteil unserer Gesellschaft und ihre wichtigste Aufgabe ist die Resozialisierung - dem Menschen, der innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen ein "Fehlverhalten" aufgezeigt hat - straffällig geworden ist - dazu verhelfen, ein Leben ohne weitere Straftaten führen zu können, und zwar mit allen dem Vollzug zur Verfügung stehenden Mitteln. Das ist der Gedanke der Resozialisierung, um somit zukünftig Straftaten in unserer Gesellschaft verhindern, zumindest drastisch reduzieren zu können. Fakt ist aber auch, dass man sich die die Frage gefallen lassen muss, was in unserer Gesellschaft falsch läuft, dass es weiterhin Straftaten geben muss?
Betrachtet man diese im Strafvollzug gegenwärtige Humanität, bekommt man zumindest anteilig eine Antwort darauf; Lebensnotwendige mitmenschliche Beziehungen werden boykottiert, Sexualität und Intimität unterdrückt und Zwänge ausgeübt - Menschen mit Ängsten werden Menschen mit "Gefühlshärte" - und so wieder in unsere Gesellschaft "eingegliedert". Das Ziel der Resozialisierung wirkt utopisch, Dissoziation herrscht vor - und zwar seit Jahren.

Dabei ist eine Verbesserung der Umstände relativ zu erreichen, wenn endlich das dringend benötigte Personal und geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden. Auch dann, wenn alle Vorgänge in den Haftanstalten grundlegend unter dem Aspekt der Sicherheit und Ordnung gestellt werden, könnte so die eigentliche Strafe - der Entzug der Freiheit - effektiv an allgemeine Lebensverhältnisse ausgeglichen werden. D

as Mindeste, was jedoch geleistet werden kann - und muss - ist das Schaffen von ausreichend und schnell zugänglichen Anlaufstellen für Insassen, die Hilfe benötigen, und zwar in jeder Lage.

Der Insasse muss das Vertrauen gewinnen können, dass er trotz jeglicher Defizite nicht alleine steht, eine einfache aber effektive soziale Komponente einer funktionierenden Gesellschaft. Die vorherrschende Finanzpolitik allerdings macht gerade diese Einfachheit wieder zunichte. Jährlich werden Unsummen an Gelder ausgegeben, die in immer neuere Sicherheitstechniken investiert werden - ob nötig oder nicht - bis hin zum vollautomatisierten Strafvollzug.

Das bereits zu geringe Vollzugspersonal wird weiter dezimiert und somit selbst Opfer dieser juristischen Humanität. In der politischen Rhetorik werden die Begriffe - humaner Strafvollzug und Resozialisierung - weit nach oben gereicht, finanzpolitisch jedoch befinden sie sich in einem dunklen Loch und wirken utopisch.

Der Begriff der Dissoziation hingegen wird gleich gar nicht in den Mund genommen - höchstens hinter vorgehaltener Hand.
Solange das so bleibt, wird sich nur wenig verändern - wenig für die Opfer von Straftaten, wenig für die Täter und noch weniger für unsere Gesellschaft. Denn, wenn bei der Arbeit am Menschen die Menschlichkeit verloren geht, was bleibt dann noch übrig?
Harry Bejol