RENTE:
HÖHERE BEITRÄGE, WENIGER LEISTUNGEN

Seit über dreißig Jahren verkünden uns Fachleute und Politiker, dass unsere Rente in der Zukunft nicht bezahlbar sein wird. Der Grund liegt am demografischen Wandel. Dieses Argument kennt heute jedes Kind:

Immer weniger Erwerbstätige müssen einen Rentner finanzieren. Die Last auf die Arbeitnehmer wächst.

Während in den 1950ern Jahren sieben Arbeitnehmer für einen Rentner aufkommen mussten, müssen nun bald 2 Arbeitnehmer die Rente für einen Ruheständler erwirtschaften. Daraus folgt, dass die Renten sinken müssen, da die Arbeitnehmer nicht immer mehr von ihrem Lohn abgeben können.

Um die entstehende Versorgungslücke zu schließen, sollen Arbeitnehmer nun zusätzlich privat vorsorgen. Neben der gesetzlichen Rente soll die private Rentenversicherung als zweite Säule die Finanzierung des Lebensabends stützen. Hauptargument für diesen Umbau des Rentensystems war, dass wir auch an zukünftige Generationen denken müssen und diese nicht immer weiter belasten können.

Die Experten gingen zur Jahrtausendwende davon aus, dass die Rentenbeiträge ohne diese Maßnahme im Jahr 2030 bis zu 40 % des Lohnes betragen könnten. Mit diesem hohen Wert konnte man natürlich die Menschen verängstigen.

Und besonders die Wirtschaft befürchtete, dass die Löhne wegen dieser Belastung zu teuer werden und dies dem Wirtschaftsstandort Deutschland schaden würde. Später wurde dieser Wert auf nur 28 % des Lohnes geschätzt. Aber immer noch waren Wirtschaftsvertreter und deren Fachleute der Meinung, dass auch 28 % des Lohnes für die Rente viel zu hoch sein.

Deshalb ließ man die Beiträge zur Rentenversicherung bei 22 % festsetzen. Davon zahlen Arbeitgeber und Arbeitnehmer jeweils 11 %. Allerdings ist klar, wenn man die Beiträge zur Rentenversicherung auf einem niedrigeren Prozentsatz als notwendig festschreibt, dann bekommt man natürlich auch eine kleinere Rente ausgezahlt.

Um diese Lücke zu stopfen führte Rot-Grün Ende der 1990er Jahre die Riester-Rente ein, die auch Geringverdienern ermöglichen sollte, durch staatliche Zuschüsse eine private Altersvorsorge aufzubauen. Um jedoch die volle Riesterförderung zu bekommen, muss der Arbeitnehmer mindestens 4 % seines B-Lohnes in einem Riestervertrag anlegen.

Während die Arbeitgeber früher die Hälfte der Rentenbeiträge bezahlt haben, zahlen sie heute die Hälfte der festgelegten 22 %, nämlich 11 %. Der Arbeitnehmer zahlt ebenfalls die 11 % und muss noch 4 % für private Vorsorge ausgeben. Trotzdem füllen die 4 % für die private Vorsorge nicht die Lücke, die durch das Absenken des Rentenniveaus entstanden ist.

Mindestens 6 % seines Lohnes sollte der Arbeitnehmer in die private Rentenversicherung investieren, um wieder auf das Rentenniveau der gesetzlichen Rentenversicherung vor der Reform zu kommen. Damit kommt der Arbeitnehmeranteil auf insgesamt 17 % des Lohnes, der Arbeitgeber jedoch nur auf 11 %.

Das heißt, dass die Solidargemeinschaft, in der der Arbeitnehmer und Arbeitgeber jeweils für die Hälfte des Rentenbeitrags aufkamen, aufgelöst worden ist. Die Last des Rentenbeitrags hat nun verstärkt der Arbeitnehmer zu tragen. Wir erinnern uns, um die gesetzliche Rente in der Zukunft weiter finanzieren zu können, hätten wir 28 % des Lohnes aufbringen müssen.

Nach der alten Regelung hätten sowohl Arbeitgeber und Arbeitnehmer jeweils die Hälfte bezahlt, also 14 %. Zählen wir nun die 11 % des Arbeitgebers und die 17 % des Arbeitnehmers (inkl. 6 % private Vorsorge) dann kommen wir ebenfalls auf 28 %. Also bräuchten wir eigentlich keine private Vorsorge, denn billiger als in der gesetzlichen Rentenversicherung ist es nicht geworden.

Ganz im Gegenteil:
Für den Arbeitnehmer ist die Belastung sogar höher geworden, da der Arbeitgeberbeitrag auf 11 % festgelegt ist und 17 % nun vom Arbeitnehmer gestemmt werden müssen. Hat diese Reform der Rentenversicherung überhaupt einen Vorteil für den Arbeitnehmer?

Die private Vorsorge ist in Zeiten boomender Börsen eingeführt worden. Die Politiker glaubten, dass die hohen Renditen an den Börsen ideal zum Aufbau einer Kapital gedeckten privaten Altersvorsorge sind und wollten auch dem so genannten kleinen Manne die Gelegenheit eröffnen, ebenfalls von diesen Renditen zu profitieren.

Doch bringt private Vorsorge wirklich soviel Rendite wie erhofft? Eine private Rentenversicherung muss die von der Finanzaufsicht festgelegten 2,25 Prozent Rendite garantieren. Viele Versicherungsunternehmen stellen bis zu 4,5 % Rendite in Aussicht. Allerdings gibt es darauf keine Garantie. Denn in diesen 4,5 % Rendite sind auch Überschuss-beteiligungen mit drin.

Da man auf diese allerdings keinen Rechtsanspruch hat, kann es jedoch sein, dass man trotz Gewinne der Versicherungskonzerne keine Überschuss-beteiligungen bekommt. Außerdem sind auch die 2,25 % Rendite nicht sicher. Denn in der privaten Rentenversicherung werden nur 80-90 % des eingezahlten Geldes verzinst, der Rest geht für Provisionen und Gebühren drauf.

Zieht man davon noch die Steuern und die Inflation ab, dann kommt man oft auf 0 % Rendite. Zudem werden die Gebühren für die gesamte Laufzeit des Vertrages vom Versicherer gleich zu Beginn kassiert, also kann es sein, dass man in den ersten Jahren nur für die Gebühren der Versicherer arbeitet.

Und muss man den Vertrag mit dem Versicherer frühzeitig kündigen, z.B. weil man wegen Arbeitslosigkeit und Krankheit die Beiträge nicht mehr bezahlen kann, so kann es sein, dass das ganze Geld weg ist, da sich ja zuerst der Versicherer bedient.

Private Rentenversicherung lohnt sich also nur, wenn man den Vertrag bis zum Ende durchhält. Inzwischen kostet die gesetzliche Rentenversicherung plus die Private den Arbeitgeber und Arbeitnehmer genau diesen Beitrag von 28 % des Lohnes (wovon ein Anteil von 17 % auf den Arbeitnehmer abgewälzt wurden), der die gesetzliche Rente weiter sicher gemacht hätte.

Man hätte also mit denselben Kosten die gesetzliche Rente zukunftssicher machen können. Vorteile für den Arbeitnehmer gibt es eigentlich nicht. Profitiert haben nur die Versicherungskonzerne (die Anzahl der privaten Rentenversicherungen hat sich in den letzten zehn Jahren vervierfacht) und die Arbeitgeber (von den 28 % Rentenbeitrag ist ihr Anteil bei 11 % festgeschrieben).

Auch das „Horrorargument“ des demografischen Wandels – immer weniger junge Menschen müssen für immer mehr Alte aufkommen – ist nicht so ganz richtig. Denn schon seit Adenauers Zeiten werden die Menschen immer älter und es kommen immer weniger Menschen nach.

Nach diesem Argument müsste die gesetzliche Rente schon lange tot sein. Denn dieses Argument beachtet nicht die steigende Produktivität einer dynamischen Volkswirtschaft wie die BRD eine ist. Experten gehen auch weiter davon aus, dass das Bruttosozialprodukt weiter ansteigt. Gleichzeitig soll die Bevölkerung in Zukunft schrumpfen.

D.h., dass immer weniger Menschen auf einen immer größeren Kuchen stoßen. Bei einer gerechter Verteilung würden die einzelnen Menschen immer größere Anteile bekommen. Der Wohlstand, die Rente würden steigen. Die gesetzliche Rente hat gegenüber der Privaten einige Vorteile: -

Da sie eine durch Umlage finanzierte Rente ist (d.h. die heutigen Arbeitnehmer zahlen einen Teil ihres Lohnes ein, der sogleich an die 20 Millionen Rentner ausgezahlt wird, die Arbeitnehmer erwerben dafür Rentenpunkte für ihre zukünftige Rente), kann sie nie ganz weg sein. Irgendetwas wird in diesem Land immer verdient werden. Und da man davon ausgeht, dass die Löhne auch in Zukunft weiter steigen, werden auch die Renten steigen, da sie mit der Höhe der Löhne gekoppelt sind. -

Da das eingezahlte Geld sofort wieder an die Rentner ausgezahlt wird, kommt auch die Inflation nicht zum Tragen. - Kommt für zusätzliche Leistungen auf (z.B. Reha-maßnahmen) und ist solidarisch (z.B. Kinderzeiten werden angerechnet). - Gesetzliche Rentenversicherung braucht nur 1,4 % der Beiträge für die Verwaltung, Private bis zu 20 % (da hier auch Provisionen, Kosten für Werbekampagnen, etc. anfallen).

Die Politik hat durch zahlreiche Maßnahmen das Rentenniveau der gesetzlichen Versicherung abgesenkt (einige Beispiele für Maßnahmen zur Beschädigung der gesetzlichen Rentenversicherung: Witwenrente gekürzt, Hochschuljahre werden nicht mehr angerechnet, Beitrag Pflegeversicherung aufgehalst, Entgeldumwandlung, Koppelung steigender Beiträge mit sinkenden Renten, Nachhaltigkeitsfaktor, Mini-Jobs senken den Rentenanspruch.).

Dies geschah wohl mit der Absicht, die private Vorsorge attraktiver zu machen und für notwendig erklären zu können. Inzwischen ist es so, dass ein Teil unserer Rentenbeiträge durch die zusätzliche private Vorsorge einfach in die Privatwirtschaft umgeleitet wurde, und es fraglich ist, ob die private Rente je die Leistungen der ehemaligen gesetzlichen Rente erfüllen kann.

Und die Frage bleibt:
Warum wurde das Rentensystem damals umgebaut, wenn es für die meisten Menschen in Deutschland nur Nachteile und höhere Kosten bringt?

Micky

April 2014

Dieser Artikel von Micky
steht in der Aprilausgabe 2014