Pflege am Boden

Wie wir schon in der März-Ausgabe 2014 berichtet haben, ist die Lage im Pflegebereich dramatisch.

Aus diesem Grund finden bundesweit jeden 2. Samstag im Monat sogenannte Smartmobs statt (Smartmob ist eine Form des Flashmobs, mit politischer oder weltanschaulicher Botschaft).

Nach dem Runterzählen eines Countdowns legen sich alle Protagonisten gleichzeitig für 10 Minuten auf den Boden.

Die noch relativ junge bundesweite Bewegung »Pflege am Boden«, will damit auf die Missstände in der Pflege aufmerksam machen, und der Gesellschaft und Politik mit dieser Form des Protestes zu symbolisieren, dass sich die Pflege tatsächlich am Boden befindet und dass dringender Handlungsbedarf seitens der Politik besteht.

In Freiburg fand am 12.04.2014 der sechste Freiburger Smartmob statt. Dieses Mal wieder in der Kajo/Ecke Schusterstraße.

Der FREIeBÜRGER unterhielt sich mit dem Krankenpfleger und Veranstalter Carsten Kraft.

Hallo Carsten, wie lange arbeitest Du schon im Pflegebereich und in welchen Bereich bist du tätig?

Ich arbeite seit 1996 als Krankenpfleger. Zur Zeit bin ich im Loretto-Krankenhaus in der Notfallambulanz tätig.

Was hat sich innerhalb dieser Zeit verändert?

Verändert hat sich vor allen Dingen die Qualität der Pflege. Die Pflegekräfte sind zum Teil völlig überlastet. Das betrifft am stärksten meine MitarbeiterInnen auf den Pflegestationen. Die Arbeit wurde durch gewinnorientiertes Handeln der Politik, dem zur Folge auch von vielen Arbeitgebern, immer mehr verdichtet.

Ein massiver und unverantwortlicher Stellenabbau fand in den letzten Jahren statt. Arbeitskräfte fehlen an allen Ecken und Enden. Diese dadurch resultierende Überbelastung der Pflegekräfte führt zu einer nicht mehr verantwortbaren Pflege am Patienten.

Teilweise führen diese Mängel sogar zu einer „gefährlichen Pflege“!

Warum ist die Pflege am Boden?

Die Pflege ist am Boden, weil es die Politik geschafft hat, die Schwäche der Pflege, sich zu wehren, auszunutzen. Die große Schwäche der Pflege ist, dass sie sich teilweise auch gar nicht wehren kann, wie z.B. durch Demonstrationen. In der Pflege kann man einen Patienten nicht einfach so in seinen Ausscheidungen oder mit seinem schlechten Zustand liegen lassen.

Eine Maschine kann ich abstellen, um zu streiken, das geht. Einen Patienten dagegen kann ich nicht einfach abstellen. Von daher, egal welche Protestaktionen stattgefunden haben, der Krankenhausablauf war immer gewährleistet.

Und dadurch führen solche Protestaktionen zu relativ wenig Resonanz und beeindrucken die Politik einfach nicht. Das wurde eigentlich schon immer konsequent gewinnorientiert von ihr ausgenutzt, mit dem Ergebnis, dass die Pflege jetzt in einer großen Krise steckt.

Wie sieht der Personalschlüssel aus und wie groß ist der Anteil an Fach- und Hilfskräften?

Dazu kann ich leider nicht viel sagen, weil ich auf der Ambulanz tätig bin. Wir haben einen anderen Personalschlüssel, der anders berechnet wird, als auf den Pflegestationen. Konkrete Zahlen kann ich nicht nennen, da müsste man Fachleute auf den Stationen befragen.

Es wird geschätzt, dass bundesweit bis zu 30.000 Fachkräfte fehlen. Rein rechnerisch werden sich die Zahlen bis zum Jahre 2030 verzehnfachen. Die Politik reagiert mit wahnwitzigen Ideen, wie zum Beispiel, dass es eine Option sei, Hilfskräfte aus dem Ausland abzuziehen.

Diese wiederum werden mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Dumpinglöhnen arbeiten. Oder es kommen von ihr Vorschläge, dass Patienten in Altenheimen, die sich noch relativ eigenständig versorgen können, mit in die Pflege integriert werden können.

Theoretisch würde das auch ein Stück weit klappen, was z.B. Spazierengehen oder Beschäftigungsarbeiten angeht, aber die Pflege kann letztendlich nur von Fachkräften ausgeführt werden.

Es ist ja nicht nur einfach das „Füttern und Abwischen“, da steht so viel mehr dahinter. Von der richtigen Einschätzung und Beobachtung des Gesundheitszustandes des Patienten, usw., bis hin zu einer therapeutischen Bewegungstherapie bei Schlaganfallpatienten. Das können und dürfen einfach keine Hilfskräfte leisten.

Da helfen auch solche Aktionen nicht weiter, wie die vor einiger Zeit, mit den „Schlecker-Frauen“.


Wie viele Menschen musst Du am Tag versorgen und wie viel Zeit bleibt Dir dafür?
Das kann ich so konkret nicht sagen, da ich auf der Ambulanz arbeite. Wir beschäftigen uns mit Notfallpatienten.

An manchen Tagen ist es eher ruhig und an manchen Tagen haben wir bis zu hundert Patienten im Laufe des Tages notfallmäßig zu versorgen. Von daher gibt es keine festen Zahlen in der Notfallambulanz. Stichwort Fließbandarbeit.

Kannst Du den Unterschied zwischen der berechneten Pflegezeit und der tatsächlich notwendigen Pflegezeit erklären?

Was ich weiß, das sind die Erfahrungen von den KollegInnen der Inneren Station. Es bleiben ihnen gerade einmal 20 Minuten Zeit am Tag, um einen Patienten komplett zu versorgen. Das heißt:
Waschen, Medikamente richten, Verbände machen, usw., die Visite ausarbeiten, Dokumentation, was die längste Zeit in Kauf nimmt, Untersuchungen anmelden, und vieles, vieles mehr. Von der berechneten Pflegezeit zu der tatsächlich Notwendigen, herrscht eine große Diskrepanz.

Inwieweit ist das noch menschenwürdig, sowohl für die zu Pflegenden, als auch für die Pflegekräfte?

Es wird von den Pflegekräften versucht, die Pflege so menschenwürdig wie möglich für die Patienten zu gestalten. Das führt allerdings dazu, dass die Anzahl und die Dauer der Krankheitsausfälle in den letzten Jahren stetig gestiegen sind.

Gerade die Diagnose Burnout nimmt in Gesundheitsberufen enorm zu und ist ein ernstzunehmendes Problem geworden. Es wird von den Pflegekräften jeder Zeit versucht, die Würde des Patienten aufrecht zu erhalten, obwohl es bedingt durch Personalmangel, nicht immer zu hundert Prozent möglich ist.

Wenn ein Patient A klingelt, der dringend auf Toilette muss, kann ihm nicht immer sofort geholfen werden, da vielleicht noch drei andere geklingelt haben , unter anderem einer, als kleines Beispiel, der seinen venösen Zugang verloren hat. Da muss natürlich abgewägt werden, welcher Patient jetzt Priorität hat.

In solch einen Fall muss man leider den Patienten A in seinen Ausscheidungen liegenlassen, bis man Zeit für ihn hat.

Hast Du schon Situationen erlebt, in der gravierende Fehler passiert sind, die aber nicht tragbar sind?

Ich persönlich nicht, da ich rechtzeitig den Funktionsbereich gewechselt habe. Ich weiß aber von aktuellen Berichten von Pflegekräften, die im Stress Medikamente verwechselt haben, die über Patienten nicht richtig Bescheid wussten

Hat er Wunden? Wenn ja, wo? Wie werden die versorgt? Was muss getan werden?

Der Informationsfluss stockt zwischen den Pflegekräften, weil einfach die Zeit für eine räumliche Übergabe nicht mehr da ist.

Wie oft werden Dinge, die zeitlich nicht möglich sind, in der Doku einfach abgehakt?

Die Doku ist ein ganz großes Problem.
Was nicht dokumentiert wurde, ist für die MDK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) nicht gemacht worden, und wird von daher auch nicht von den Kassen bezahlt.

Zusätzlich wird dieser Mangel häufig im Nachhinein auch noch bemängelt. Es muss jede Kleinigkeit dokumentiert werden. Ich persönlich habe es bisher noch nie gemacht, aber kann mir sehr gut vorstellen, dass in Stresssituationen, weil auch einfach die Zeit fehlt, gerne einmal Pflegeleistungen am Patienten in der Doku abgehakt werden, obwohl sie nicht vollbracht wurden.

Musst Du zusätzliche Tätigkeiten ausführen, für die Du eigentlich nicht zuständig bist?

Nein, in meinem Zuständigkeitsbereich in der Notfallambulanz muss ich das zum Glück nicht.

Wie viel Zeit verbringst Du mit der Doku?

Ich habe das große Glück, dass auf der Ambulanz die Doku von den Ärzten übernommen wird. Ich selbst muss auf der Ambulanz fast nichts dokumentieren. Die Ärzte sitzen zum Teil immer noch sehr lange an ihren Schreibtischen.

Auf anderen Stationen sieht das aber ganz anders aus. Die jetzige Form der Dokumentation stellt eine unnötig zusätzliche Belastung für die Pflegekräfte dar, und verschlingt enorm viel Zeit, die der Pflege am Menschen verloren geht.

Wie viel Überstunden hast Du?

Überstunden hat jeder. Die KollegInnen auf den Stationen, gerade im Bereich der Inneren Medizin, haben wesentlich mehr Überstunden als ich in der Ambulanz, und sie bekommen diese auch nur teilweise oder gar nicht mehr abgebaut.

Es gibt eine kleine Faustregel in der Pflege:
Wenn ich eine 100 Prozent Stelle habe, arbeite ich 110 Prozent. Vollzeitarbeit in der Pflege ist eine Dauerbelastung. Eine Reduzierung der Vollzeitkräfte ist teilweise nicht möglich, da die Nachwuchskräfte fehlen.

Was muss sich ändern, damit eine gute Pflege für die Menschen gewährleistet ist?

Die Politik muss die gesetzlich erforderlichen Grundlagen schaffen, dass es den Pflegedienstleitungen in Krankenhäusern und Altenheimen wieder möglich ist, mehr Personal einzustellen.

Die Attraktivität und die Anerkennung des Pflegeberufes muss in der Gesellschaft wieder steigen. Es muss ihr wieder bewusst gemacht werden, dass wir nicht nur „füttern und abputzen“!

Damit verbunden ist natürlich auch eine ordentliche finanzielle Entlohnung, die das Ganze wieder für potenzielle Berufseinsteiger attraktiver macht. Auch ganz wichtig ist, dass der Personalschlüssel hoch gesetzt wird.

Es muss ein einheitlicher Personalschlüssel her, der festlegt, wie viele Pflegekräfte nötig sind, um eine menschenwürdige Pflege an den Patienten gewährleisten zu können.

Und das alles muss ganz klar fixiert werden! Was würdest Du Dir persönlich wünschen, wenn Du selbst einmal auf Pflege außerhalb der Familie angewiesen wärst?

Nicht ins Krankenhaus zu müssen...!

Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen Euch weiterhin viel Erfolg mit Euren Aktionen und hoffen sehr, dass sich immer mehr Menschen mit Euch solidarisieren.

Ekki

Juni 2014

Dieser Artikel von Ekki
steht in der Maiausgabe 2014



Pflege am Boden

ist ein von Parteien, Gewerkschaften und Berufsverbänden unabhängiger Zusammenschluss von Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten oder Pflegenden Angehörigen und Menschen, denen die Pflege am Herzen liegt.

Gemeinsam wollen wir Politik und Gesellschaft auf die Missstände der derzeitigen Pflegesituation in Deutschland aufmerksam machen.

Vom Gesetzgeber fordern wir eine Reformierung der Pflegepolitik, die die Situation für Pflegende, Gepflegte und Angehörige nachhaltig verbessert, damit in Zukunft die Würde des Menschen wieder an erster Stelle stehen kann.