Juli 2012


Dieser Artikel von Ulrike Pfab steht in der Juliausgabe 2012






Genossenschaftlich wirtschaften



VON BULGARISCHEM BIO-HONIG UND BANKERN, DIE ANDERS TICKEN

Bulgarien ist das ärmste EU-Land. Der Durchschnittsmonatslohn liegt gerade mal bei 350 Euro, Altersarmut und Landflucht stellen die Bulgaren vor riesige Probleme. Doch gerade auf dem Land tut sich etwas. Sogar im Bio-Sektor und das mit Unterstützung aus Deutschland. Ulrike Pfab, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit im Oikocredit Förderkreis Baden-Württemberg, fand auf ihrer Studienreise Erstaunliches über bulgarische Genossenschaften heraus.

Waage Die fruchtbaren, schwarzen Humusböden
sind ideal für Getreideanbau

„Bio ist die Zukunft – auch in Bulgarien“, davon ist Velika Slavova überzeugt.
Die 64-Jährige ist seit 17 Jahren Vorsitzende von NIVA, einer Agrargenossenschaft im Nordosten Bulgariens.

Neben dem konventionellen Anbau von Weizen, Gerste, Raps, Mais, Luzernen und Sonnenblumen sind sie seit kurzem in die Bioproduktion von Pflaumen, Fenchel, Koriander und Honig eingestiegen.

Gegründet 1993, wenige Jahre nach Ende des Kommunismus, hatte die Genossenschaft mit dem planwirtschaftlichen Erbe und den Herausforderungen des freien Marktes zu kämpfen. Es sei „eine Art darwinistischer Kampf ums Überleben“ gewesen.

In dieser Zeit machten Geschäftsbanken einen großen Bogen um Finanzierungsanfragen aus dem risikoreichen landwirtschaftlichen Sektor - und einen noch größeren, wenn die Anfragen von Genossenschaften kamen, die an LPGs (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) des alten Systems erinnerten, mit Maschinenparks voller reparaturfälliger Sowjetmodellen.

Ein Teufelskreis, denn mit minimalen Finanzmitteln war es für die neu gegründeten Kooperativen kaum möglich, erforderliche Renovierungen durchzuführen, Lagerhallen und Geräteschuppen zu bauen oder moderne, leistungsstarke Mähdrescher anzuschaffen.

GESCHÄFTSBANKEN MACHTEN EINEN GROSSEN BOGEN UM AGRARGENOSSENSCHAFTEN

Waage Gründungsmitglied Velika Slavova (Bildmitte)
führt seit 1995 die Geschäfte
der bulgarischen Agrargenossenschaft NIVAV
– die Förderung junger Mitarbeiter liegt ihr am Herzen.

Dann hörte Velika Slavova von Oikocredit. „Ich war zuerst sehr skeptisch. Warum sollte diese Genossenschaft bei uns investieren, während wir bei den einheimischen Banken keinen Kredit bekommen?“

Fast ein Jahr lang beobachtete die studierte Agraringenieurin, wie Oikocredit bei einem benachbarten Betrieb das Kreditgeschäft abwickelte. Bald erkannte sie, dass Oikocredit nicht nur gute Absichten hatte, sondern auch äußerst professionell arbeitete.

Dann wagte auch sie den Schritt. 2001 bekam sie in weniger als einem Monat eine Kreditzusage über 370.000 Euro für den Kauf neuer Maschinen.

Das bulgarische Oikocredit-Team leistete in den ersten Jahren der Zusammenarbeit wichtige Unterstützung zum einen durch die Bereitstellung von Krediten, zum anderen half es auch bei der Beantragung von landwirtschaftlichen EU-Fördermitteln.

Bei den monatlichen Besuchen standen die Oikocredit-Mitarbeitenden NIVA mit Rat und Tat zur Seite. Auch in den Jahren 2002, 2005 und 2009, in denen Stürme und außergewöhnlich heiße Sommer zu Ernte- und Verdienstausfällen führten, zeigte Oikocredit seine Stärke als sozialer Investor. Bestehende Kredite wurden umstrukturiert – Oikocredit ging die sogenannte Extra-Meile mit.

Das vertiefte und stärkte das Vertrauen und die Beziehung zwischen den Geschäftspartnern. „Selbst in schwierigen Zeiten hat Oikocredit an der Zusammenarbeit festgehalten. Dafür sind wir sehr dankbar“, so die Geschäftsführerin.

AUF DIE KOOPERATIVE ZÄHLEN VIELE

Inzwischen hat sich die Genossenschaft aus der kleinen Gemeinde mit dem ungewöhnlichen Namen „Professor Ishirkovo Dorf“ prächtig gemacht. Mit 130 Festangestellten und 150 SaisonarbeiterInnen ist NIVA ein gefragter Arbeitgeber. Besonders in strukturschwachen Gebieten, in denen zum Teil bis zu 70 Prozent der EinwohnerInnen arbeitslos sind, ist das ein wichtiger, sozialer Beitrag.

Tatsächlich ist es Velika Slavovas größtes Anliegen, noch mehr Arbeitsplätze zu schaffen und den Lebensstandard der weitgehend armen Dorfbevölkerung zu heben. Dies soll auch der extrem hohen Abwanderungsquote von jungen Familien entgegenwirken.

Die Kooperative lässt sich das einiges kosten. Im letzten Jahr investierte die bulgarische Agrargenossenschaft mit 75.000 Leva (ca. 38.000 Euro) fast 10 Prozent ihres Gewinns in soziale Projekte. Im Gegensatz zu großen internationalen Konzernen, die sich vollmundig mit ihren oft sehr bescheidenen CSR-Maßnahmen (Corporate Social Responsibility) brüsten, übernimmt NIVA hier wie selbstverständlich soziale und kommunale Entwicklungsaufgaben.

So führt die Gemeinschaft den Dorfladen fort, der kurz vor der Pleite stand, die Bäckerei daneben soll demnächst den Betrieb wieder aufnehmen und für nächstes Jahr ist sogar ein kleiner Gasthof geplant. Finanzielle Unterstützung erhalten nicht nur bedürftige ältere Genossenschaftsmitglieder, sondern auch der Kindergarten, die hiesige Schule samt Bücherei oder der Gemeindechor.

Im Winter, wenn die Straßen teils meterhoch mit Schnee bedeckt sind, übernimmt die Kooperative sogar den Räumdienst. So vermittelt die Genossenschaft den 1.300 Mitgliedern und auch der Dorfgemeinschaft Sicherheit, Perspektiven und Lebensqualität.

SONNENBLUMEN UND KORIANDER
RISIKOMANAGEMENT DURCH DIVERSIFIZIERUNG UND BIO-AUSBAU

 

Waage Bio-Honig aus Bulgarien.
Die Genossenschaft NIVA 93 plant, gezielt
in den Nischenmarkt vorzustoßen.

Damit das auch in Zukunft so bleibt, hat Velika Slavova bereits genaue Pläne: sie setzte auf weitere Produktdiversifizierung und Bio-Anbau. 2011 sind sie mit Früchten und Honig ins „grüne“ Business eingestiegen – trotz aller Widrigkeiten.

Denn in Bulgarien gibt es keinen Absatzmarkt für Bio-Produkte.

Daher geht die gesamte Ernte in den Export.

Bei der geringen Produktionsmenge, den strengen Auflagen sowie dem arbeits- und kostenintensiven Bio-Anbau bleibt allerdings finanziell nicht viel hängen.

Sicher wird es noch lange dauern, bis große Teile der Produktion umgestellt sind, aber die Marschrichtung zu einer nachhaltigen Nutzung der natürlichen Ressourcen stimmt - ein Anspruch, den auch Oikocredit fest in seinen Unternehmenszielen verankert hat.

 

VERTRAUEN PRÄGT DIE GESCHÄFTSBEZIEHUNG ZWISCHEN OIKOCREDIT UND SEINEN PARTNERUNTERNEHMEN

So ist die Situation in Bulgarien doppelt bemerkenswert - seitens gemeinwohlorientierter Genossenschaften wie auch seitens des 5-köpfigen bulgarischen Oikocredit-Teams.

Seit 1996 haben sie in Bulgarien insgesamt 242 Darlehen in Höhe von 65 Millionen Euro vergeben. Über 80 Prozent der Kredite gingen dabei an Agrargenossenschaften, also in eine Branche, die extrem vielen Widrigkeiten ausgesetzt ist – angefangen bei Schädlingen, über Dürren bis hin zu schwankenden Weltmarktpreisen.

Dennoch liegt der Anteil von ausfallgefährdeten Krediten derzeit bei null Prozent! Fast unglaublich - und doch!
Die engen, persönlichen Beziehungen und regelmäßigen Besuche des Oikocredit-Teams bei den Geschäftspartnern machen es möglich.

Sie sprechen die Sprache, sie kennen die Menschen und das Business – alle haben einen akademischen Hintergrund, einer der Oikocredit-Mitarbeiter ist sogar studierter Agrarökonom.

Und sie arbeiten für eine Organisation, die sich als Genossenschaft der weltweiten Förderung von sozialer Entwicklung verschrieben hat.

FAIRE ENTWICKLUNGSCHANCEN FÜR BULGARIEN

 

Waage In Bulgarien ist der Pferdekarren vielerorts noch
ein übliches Transportmittel.
Bei Spritpreisen von 1,30 Euro/Liter
ist es auch eine kostengünstige Variante.

Aber kann man bei Bulgarien, das seit 2007 Mitglied der EU ist, wirklich von einem armen Land sprechen? Der Durchschnittsmonatslohn von 354 Euro lässt den Lebensstandard erahnen.

Derzeit bildet das Land im EU-Armutsbericht das Schlusslicht, die Kinder finden mitunter die schlechtesten Ausgangsbedingungen vor.

Sicher ist es noch ein weiter Weg zu relativem Wohlstand. Entwicklung ist nötig und möglich und das Engagement der Kreditgenossenschaft Oikocredit, die sich in ihrer über 35-jährigen Tätigkeit als internationaler Entwicklungsfinanzierer einen Namen gemacht hat, nach wie vor sinnvoll.

Denn was Oikocredit und seine 40 bulgarischen Projektpartner hier leben, ist Social Business und partnerschaftliche Kooperation auf Augenhöhe – und zwar in Reinform:

Eigenverantwortung und Empowerment, wichtige Qualitätskriterien für wirksame Hilfe zur Selbsthilfe, finden sich gepaart mit einem wirtschaftlich gesunden und die Sozialstrukturen stärkendem Ansatz.

 

OIKOCREDIT BIETET EINE SOZIALE GELDANLAGE MIT MEHR WERT

Weltweit unterstützen inzwischen 45.000 private und institutionelle Anleger das Finanzierungsmodell von Oikocredit und haben so Teil an einem einzigartigen, solidarischen und partizipativen Ansatz für eine gerechtere Welt.

Oikocredit investiert inzwischen in rund 900 sozial verantwortliche Projekte in 70 Entwicklungs- und Schwellenländern und erwirtschaftet neben einer stabilen Rendite (i.d.R. 2%) vor allem einen hohen sozialen Gewinn.

Von den Erfahrungen in Bulgarien berichtete Ulrike Pfab, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Oikocredit Förderkreis Baden-Württemberg e.V.

Sie machte während einer Oikocredit-Studienreise u.a. Station bei der Agrargenossenschaft NIVA 93 in Silistra, im Nordosten Bulgariens.