November 2011

Dieser Artikel von
Micky steht in der Novemberausgabe 2011


ES KANN JEDEN TREFFEN


„Obdachlosigkeit“ – für viele Bundesbürger eine Lebenssituation, die sie sich nicht vorstellen können. Und viele davon glauben, dass es sie nicht treffen kann. Nur selten macht man sich Gedanken über den Bettler an der Straßenecke. Wie ist er in diese Situation gekommen? Viele beruhigen sich mit der Annahme, dass der von Obdachlosigkeit Betroffene selbst schuld ist oder ein außergewöhnlich tragisches Schicksal ihn aus der Bahn geworfen hat.

Vermutlich ist der Schnorrer an der Ecke einfach ein Alkoholiker, der Haus und Hof versoffen hat und durch seine Sucht nicht mehr in der Lage war, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Gerne denken die Passanten daran, dass ein Obdachloser doch zumindest zu einem Teil schuld an seinem Schicksal ist.

Alte Phrasen wie „Wer Arbeit sucht, der findet auch welche“ und Sprichwörter wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ geistern durch das Unterbewusstsein vieler Menschen, die oft gleichgültig an armen Menschen in unseren Innenstädten vorbei hetzen. Es gibt doch in Deutschland ein hervorragend ausgebautes soziales Netz.

Doch leider hat dieses – unbemerkt von vielen, die nicht auf staatliche Transferleistungen angewiesen sind – starke Risse und Löcher bekommen. Mit der Agenda 2010 und der Einführung der Hartz IV-Gesetze sind die Bezüge für Bedürftige real gesunken, der pauschalisierte und von den einzelnen Kommunen festgelegte Betrag für Wohnraum ist besonders in den Ballungsgebieten viel zu niedrig.

In Freiburg stehen dem einzelnen Bezieher von ALG II maximal 45 qm zu einem Preis von 305 (in Ausnahmefällen bis 320 Euro) zu. Da wie die meisten Kommunen auch die Stadt Freiburg knapp bei Kasse ist, ist die Höhe des zugestandenen Betrags für Wohnraum eher politisch als an den realen Kosten für Wohnraum festgelegt. Wo bekommt man in Freiburg noch 45 qm für 300 Euro Kaltmiete? Quadratmeterpreise von 8, 9 oder 10 Euro sind in Freiburg längst normal.

Selbst die Freiburger Stadtbau, deren vorrangige Aufgabe nach eigener Aussage in der Bereitstellung von attraktivem und bezahlbarem Wohnraum besteht, verlangt oft, z.B. für Neubau-Wohnungen im Stühlinger, einen Quadratmeterpreis von 10 Euro kalt. Für viele Arbeitslose, Rentner und Geringverdiener sind die lokalen Wohnungspreise zu hoch.

Und spätestens wenn ein Arbeitsloser nach einem Jahr Arbeitslosigkeit in ALG II fällt, dann kann er sich unter Umständen von seiner Wohnung verabschieden, denn oft überschreitet die Miethöhe den zugestandenen Satz für Wohnraum. Nun muss sich der ALG II-Bezieher um günstigeren Wohnraum bemühen, er befindet sich dann in einem Mietsenkungs-Verfahren. Kann der Arbeitslose dann nicht nachweisen, dass er sich ausreichend um günstigeren Wohnraum bemüht, dann werden ihm die Bezüge für den Wohnraum auf den von den Kommunen festgelegten Satz gekürzt, die Differenz darf der Arbeitslose dann von seinen eh schon knappen Bezügen selbst tragen.

Mit Einführung von ALG II gibt es noch eine weitere Änderung im Gegensatz zur Sozialhilfe früher: Heute darf das Amt bei „Fehlverhalten“ des Arbeitslosen nicht nur die Gelder für den Lebensunterhalt sondern auch für die Miete kürzen. Schnell kann es da bei einem Bezieher von ALG II zu Mietrückständen und -schulden kommen. Und da über Kürzungen teilweise sehr willkürlich vom zuständigen Sachbearbeiter entschieden wird, kann man schnell in eine schwierige Situation kommen.

Im Zweifel wird erst einmal gekürzt, damit es ja nicht zu einer Überzahlung kommt. Ist dies unrechtmäßig geschehen, kann der Betroffene zwar Widerspruch einlegen, aber es kann sein, dass es eine Weile dauert, bis er wieder seine normalen Bezüge erhält. Aus den genannten Gründen ist es heute recht schwierig für Bezieher von ALG II eine Wohnung zu bekommen, da ein Vermieter nicht sicher sein kann, dass er regelmäßig seine Mietzahlungen bekommt, was für viele ein Grund ist, keine Zimmer oder Wohnungen an Arbeitslose mehr zu vermieten. Neben dem immer löchriger werdenden sozialen Netz gibt es viele andere Gründe, die zu Obdachlosigkeit führen können.

Besonders Krankheit oder psychische Probleme können in Armut und im weiteren Verlauf zum Verlust der Wohnung führen. Wer z.B. eine chronische Krankheit hat und nicht voll leistungsfähig ist, der kann schnell seine Arbeit verlieren. In den seltensten Fällen unterstützt der Arbeitgeber einen Mitarbeiter, der immer wieder krankheitsbedingt ausfällt.

Dazu kommen für den Betroffenen gestiegene Kosten für die Gesundheitsversorgung. Da heute hohe Ansprüche (Flexibilität, Akkord, unbezahlte Überstunden, ständige Erreichbarkeit…) an die Arbeitnehmer gestellt werden, wird es zunehmend schwieriger, den hohen Anforderungen einer komplexen und vielfältigen Arbeitswelt gerecht zu werden.

Immer mehr Menschen sind gestresst, fühlen sich überfordert, arbeiten bis zur Erschöpfung – nicht ohne Grund befürchten Experten, dass jeder 3. Arbeitnehmer vom „Burnout“ betroffen sein kann. Die Krankmeldungen wegen psychischen Erkrankungen, wie Depressionen, stiegen in den letzten Jahren stark an. Auch immer mehr Leitungsträger, Menschen, die vorbildlich in ihrem Beruf aufgingen, leiden zunehmend an Erschöpfungszuständen und Depressionen.

Kann man auf längere Zeit nicht die vom Betrieb gewohnte Leistungsfähigkeit erbringen, dann ist man recht schnell auf dem absteigenden Ast. Arbeitslosigkeit und Armut hängen zusammen und können in letzter Konsequenz zu Wohnungs- und Obdachlosigkeit führen. Und es gibt auch ganz persönliche Schicksalsschläge, die einen aus der Bahn werfen und letztendlich zur Obdachlosigkeit führen können. Z.B. der Tod eines Angehörigen oder die Scheidung von einem Partner können ausschlaggebend für einen sozialen Abstieg sein.

Wer solche Situationen nicht verkraftet, eine gewisse Zeit zur Verarbeitung dieser Situationen braucht und nicht oder nur bedingt seiner Arbeitsleistung nachkommen kann, der kann sehr schnell seine Arbeitsstelle verlieren. Eine Auszeit in schwierigen Situationen, Verständnis für Probleme außerhalb der Arbeitswelt, ist nur von den wenigsten Arbeitgebern zu erwarten.

Besonders Arbeiter und Geringverdiener sollen funktionieren, private Probleme interessieren da nicht, denn Arbeitnehmer sind leicht durch andere aus dem großen Heer der Arbeitslosen ersetzbar; aber auch für Selbstständige ohne große Absicherung können schwierige Lebenssituationen zum Ende ihrer Karriere führen.

Der Verlust der Arbeitsstelle und der damit verbundene Wegfall gesicherter Einnahmen führen auf kurz oder lang in die Armut. Und Armut und das Schicksal der Obdachlosigkeit hängen natürlich eng zusammen. Allerdings wird natürlich nicht jeder Arbeitslose auch automatisch obdachlos, auch wenn es für Arme schwieriger ist, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Zudem sind ständig steigende Preise für Nebenkosten und Strom mit knappem Budget immer schwerer zu stemmen.

Kommt dann noch eine unerwartete Ausgabe hinzu, dann kann es finanziell schnell eng werden. Wer einmal in der Armut gelandet ist, kommt ohne fremde Hilfe nur sehr schwer wieder heraus. Allerdings sind viele Betroffene auch zu stolz, um Hilfe anzunehmen oder schämen sich, dass sie ihren Lebensunterhalt nicht selbst erwirtschaften können.

Die BAG Wohnungslosenhilfe e.V. geht davon aus, dass es in Deutschland um die 300.000 Obdachlose gibt, genaue Zahlen gibt es nicht, da die Anzahl auf Schätzungen der Wohlfahrtsverbände beruht. Genaue Erhebungen durch den Bund oder die einzelnen Länder gibt es in Deutschland nicht. Dazu gibt es wohl ungefähr 30.000 Menschen, die keinerlei offizielle Hilfe in Anspruch nehmen und in keiner Statistik auftauchen. Zusätzlich sind ca. 120.000 Menschen wegen Mietschulden, Räumungsklage, etc. von akutem Wohnraumverlust bedroht.

Vermutlich liegt die Anzahl der Betroffenen allerdings noch höher, da in den offiziellen Zahlen nur Betroffene erfasst werden, welche die Hilfsangebote der Wohnungslosenhilfe und anderer Sozialeinrichtungen in Anspruch nehmen.

Micky

Wenn ich durch die Straßen von Freiburg gehe, habe ich den Eindruck, dass es immer mehr Menschen gibt, deren Zuhause die Straße ist. Besonders in der Innenstadt hat die Anwesenheit von Obdachlosen zugenommen, abends sieht man inzwischen einige Menschen, die in Passagen und in Eingängen Schutz suchen und dort nächtigen.

Die BAG Wohnungslosenhilfe e.V. geht davon aus, dass in den letzten Jahren die Anzahl der Obdachlosen jährlich um 5 % bis 7 % gestiegen ist.

  • Ich möchte deshalb versuchen, mir für die nächste FREIeBÜRGER-Ausgabe ein Bild über die lokale Obdachlosen-Szene zu machen.
  • Ich werde Kontakt mit Betroffenen aufnehmen und mich mit Sozialarbeitern unterhalten.
  • Ich möchte erfahren, welche Probleme die Leute hier auf der Straße haben und welche Hilfsangebote es gibt und ich möchte einige Obdachlose zu Wort kommen lassen, um über ihre alltäglichen Probleme zu berichten.
  • Ich möchte über das anstrengende Leben auf der Straße schreiben und unseren Lesern den Alltag von Betroffenen nahebringen und Verständnis für ihre schwierige Lebenssituation vermitteln.

Denn gerade die Schwächsten in unserer Gesellschaft brauchen unser Verständnis, Mitgefühl und Hilfe. Und Kenntnis über die Lebensumstände von Obdachlosen und Verständnis für deren Schwierigkeiten und Probleme ist ein erster Schritt hin zur Akzeptanz der Betroffenen und der Problematik der Obdachlosigkeit in unserer wohlhabenden Gesellschaft.

Micky