DER SCHÖNE SCHRECKEN

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Sie lieben es an einem Gummiseil von Brücken zu springen, lesen gerne Krimis oder sehnen sich nach schockierenden Szenen in Horrorstreifen?

Wenn dem so ist, dann sind Sie ein sensation seeker. Aktiv suchen Sie nach Situationen, die Ihnen Adrenalinschübe verschaffen und nehmen dafür sogar Risiken und Gefahren auf sich.

Doch sein Sie jetzt nicht gleich schockiert, denn jeder von uns ist auf irgendeine Art und Weise ein sensation seeker. Wenn Sie exotische Liebesspiele bevorzugen, kein Fußballspiel im Stadion verpassen oder einfach nur den Sonnenaufgang am Grand Canyon anregend finden, gehören Sie ebenfalls zu dieser ganz speziellen Spezies Mensch und versuchen damit einfach nur Ihr Bedürfnis nach Stimulation zu befriedigen.

Während nun einige ihre Stimulationssuche nach „schönen“ und anregenden Dingen ausrichten, so gibt es eine ganze Menge Menschen, die von Tod, Schrecken, Unheil und Bedrohung dermaßen fasziniert sind, wie von kaum etwas sonst auf der Welt. Sie suchen die Angst und sie empfinden Lust dabei. Da stellt sich natürlich die Frage, warum das so ist? Vielleicht liegt dies an den Auswirkungen, die Angst und Schrecken auf unseren Körper haben?

Der Schweiß bricht aus, die Pupillen erweitern sich, das Herz beginnt zu rasen und die Muskeln werden mit Blut und Sauerstoff überflutet. Geschieht das in Maßen, so empfinden wir das tatsächlich als äußerst aufregend und wir befinden uns sodann in einem angenehmen psychophysiologischen Erregungsniveau.

Dabei empfinden wir zu wenig Erregung als langweilig, während zu viel Erregung uns wiederum in ungesunden Stress versetzt. Es kommt also auf die Dosis des Schreckens an, wenn dieser uns den richtigen Kick verschaffen soll. Und diese Dosierung ist typbedingt. Zusätzlich ändert sich das Bedürfnis nach Stimulation mit fortschreitendem Alter und sucht unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten. Während jüngere Menschen als eher draufgängerisch gelten, sind ältere Personen weitaus risikobewusster und finden daher ihre Stimulation auch in weniger gefährlichen Situationen. Allerdings gibt es auch hier die eine oder andere Ausnahme.

Somit bedarf es nicht unbedingt der Gefahr für Leib und Leben, um sich in ein angenehmes Erregungsniveau zu begeben. Doch was verschafft uns nun die Lust an der Angst?

Sind es vielleicht die Emotionen, die mit dem Schrecken einhergehen? Denken Sie an jemanden, der einen Reiz beim Stehlen empfindet. Er klaut nicht aus einer Lebensnotwendigkeit heraus, sondern allein wegen der Angst davor erwischt zu werden. Vielleicht benötigen wir ja diesen Angstzustand, um damit andere starke Emotionen spüren zu können, um uns selbst spüren zu können? Eine durchaus mögliche Vorstellung. Denn wirklich willkommen ist uns der Schrecken nur dann, wenn wir wissen, dass er bald wieder verflogen sein wird. Unsere Erregung kann schließlich erst so richtig genossen werden, wenn alles überstanden ist.

So erleben wir ein Wechselbad der Gefühle und der extremen Erregung folgt sogleich eine tiefe Entspannung. Wir empfinden also eine Art von Angstlust, auch, oder gerade dann, wenn es nicht unbedingt unser eigenes Leben betrifft. Schließlich möchte man ja diese Angst erfahren, aber man möchte sie nicht unmittelbar an sich erleben.

Vielleicht hat die Faszination am Schrecken einen noch weitaus tieferen Sinn? Ist die Lust an der Angst möglicherweise sogar ein Ausdruck der dunklen Seite unserer Persönlichkeit? Grausame und anstößige Situationen zu beobachten erlaubt uns schließlich unbewusste destruktive Fantasien auszuleben, ohne dabei anderen wirklich zu schaden.

Oder verhält sich das ganz anders und wir identifizieren uns gar nicht mit den Tätern und Monstern der Fiktion, sondern mit deren Opfern? Schließlich erweckt unser Mitgefühl mit ihnen wahnsinnig starke emotionale Zustände. Wie dem auch sei, letztlich schlüpfen wir nicht in die Figuren hinein, sondern beobachten sie nur. Wir blicken ihnen sozusagen beim Übertreten von moralischen Grundsätzen über die Schulter und finden das interessant. Demnach faszinieren uns Täter und Opfer gleichermaßen, denn am Ende wendet sich doch eh alles wieder zum Guten, was wiederum unheimlich beruhigend auf uns einwirkt.

Aus Chaos wird Klarheit, und aus Unrecht wird Recht. Unser eigenes Leben ist meist ungeordnet, verworren und undurchschaubar. Durch kausale Abläufe, Enthüllungen zur richtigen Zeit, rhythmischen Intervallen von Action und Erholung und beständigen Charakteren wirken fiktionale Geschichten dem Chaos unseres Lebens entgegen. Selbst dann, wenn das Ende der Geschichte einmal nicht gut ausgehen sollte.

Die Faszination also, die von Tod, Schrecken, Unheil und Bedrohung ausgeht sowie die Lust an der Angst sind vielseitig begründbar, zunächst jedoch in keiner Weise anrüchig. Wer also gerne Horrorgeschichten liest oder von Folterszenen in Splatterfilmen fasziniert ist, der muss sich erst einmal keine Sorgen um seine Psyche machen

Denn primär geht es beim sensation seeking ja lediglich um die Befriedigung des eigenen Stimulationsbedürfnisses, um das Erreichen eines angenehmen Erregungszustandes sowie der darauf folgenden Entspannungsphase. Allerdings sollte hier grundsätzlich sichergestellt sein, dass das angestrebte Stimulationsniveau die betroffene Person nicht überfordert. Achten Sie zum Beispiel immer auf die Altersfreigabe der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) bei Filmen und begeben Sie sich bitte grundsätzlich nicht in Situationen, die Ihr Leben oder das von anderen unmittelbar bedrohen könnte.

Denn so wäre ein positives Verhältnis von Erregung und Entspannung eindeutig als gestört zu erachten. Und sollten Sie vielleicht das Gefühl empfinden, ohne Schrecken und Angst gar nicht mehr leben zu können, dann wäre vielleicht die Hilfe eines Therapeuten äußerst ratsam. Sollten Sie hingegen hin und wieder Vergnügen dabei empfinden, sich zu gruseln, so bleibt mir nur, Ihnen recht viel Spaß dabei zu wünschen.

Harry Bejol