Ausgabe
Juni 2013

Doppelausgabe


Dieser Artikel von Micky steht in der Ausgabe Juni 2013






ALLES GRÜN IM GRÜN



 

Uli Männchen CC-BY-SA-ag Freiburg

Die Stadt Freiburg stellte sich deshalb auf einige Schwierigkeiten und Proteste ein, die ein großes Polizeiaufgebot verhindern sollte. Am späten Vormittag startete nach dem ökumenischen Gottesdienst die DGB-Demo.

Ihr schloss sich der antikapitalistische Block an, dessen Forderungen auch bei einigen Gewerkschaftlern guten Anklang fanden. Für den antikapitalistischen Block ist es notwendig, sich für eine Welt jenseits von Krieg, Krise und Kapitalismus einzusetzen.

Diese Forderungen gehen weit über die der Gewerkschaften hinaus, die sich damit zufrieden geben, faire Löhne, gute Arbeit und sichere Renten zu fordern, aber das bestehende System, in dem die Verschlechterungen für viele Arbeitnehmer inzwischen ein fester Bestandteil sind, wird nicht als Hauptursache für die Probleme gesehen.

Diese Demonstration lief übrigens ohne größere Schwierigkeiten ab und sie wurde kaum durch irgendwelche Ordnungshüter begleitet bzw. behindert. Danach gab es im Stühlinger Park die alljährliche Kundgebung des DGB, mit Reden von Funktionären und Politikern, mit Infoständen unterschiedlicher Gruppierungen und Initiativen (u. a. der DKP, FAU, Antifaschistische Linke, Kuhle Wampe...) und zahlreichen Ständen, die sich um das leibliche Wohl der Besucher kümmerten.

Während es sich viele Besucher auf den Bänken im Park mit einer Bratwurst und/oder einem Humpen Bier schon bequem gemacht hatten, versammelte sich am Anfang der nördlichen Hälfte der Klara-Straße eine Handvoll Menschen. Hier sollte gegen 12.30 Uhr die „Libertäre 1.-Mai-Demo“ starten. Schon jetzt beobachteten zahlreiche Polizisten in martialischem „Kampfoutfit“ die Teilnehmer der zweiten 1. Mai Demo. Das Motto für diesen Aufmarsch: „Nieder mit der Arbeit! Gegen Staat, Nation und Kapital!“

Für die Teilnehmer dieser Demo war klar, dass eine andere, gerechtere Welt möglich sein könnte, allerdings nicht in einer vom Kapital dominierten Gesellschaftsform. Das Gewerkschaftsmotto „Gute Arbeit, sichere Rente, soziales Europa!“ klingt in Anbetracht der sich seit Jahren verschlechternden Situation von Arbeitnehmern in Deutschland und der zunehmenden Verarmung weiter Teile der Bevölkerungen in Europa fast wie Hohn. Während die Gewerkschaften mit ihren Forderungen nur versuchen, die negativen Auswirkungen für Arbeitnehmer zu mildern, will die „Libertäre 1. Mai Demo“ die Probleme an der Wurzel fassen und stellt die Systemfrage. Ein bunter Haufen aus Linken, Antifaschisten und Anarchisten marschierte los und wurde gleich von einem starken Polizeiaufgebot begleitet. Immer wieder wurde der Demonstrationszug ohne erkennbaren Grund gestoppt, was natürlich den Unmut der Demonstranten verstärkte.

Durch das Verbot des Straßenfestes Im Grün war die Stimmung unter den Teilnehmern eh schon etwas aufgeheizt. Allerdings herrschte unter den Demonstranten der starke Wille, die Straßen heute in Besitz zu nehmen. Die Polizei wirkte oft unsicher und etwas konzeptlos, es machte irgendwie den Eindruck als ob die eine Gruppe der Ordnungshüter nicht so genau wusste, was die andere macht. Die Demonstranten nutzen diese Situationen aus, und so kam es auch dazu, dass ein Teil der Demonstranten einige Polizisten umrundeten und diese dann plötzlich inmitten der Demonstranten standen.

Am Bahnhof wurde es brenzlig, einige fast durch Demonstranten eingeschlossene Polizisten versuchten sich durch Rempeln, Schubsen und Tritte in eine bessere Lage zu versetzen. Hier kam es auch zum ersten Mal dazu, dass ein Polizist den Schlagstock zog und damit drohte. Der Demonstrationszug bahnte sich weiter seinen Weg durch die Eisenbahnstraße und den Friedrichring und bog dann zwischen Stadttheater und der Baustelle der Universitätsbibliothek in das Stadtviertel Im Grün ein, wo ja eigentlich jedes Jahr das 1-Mai-Fest auf mehreren Straßen stattfindet.

Dieses Jahr sollte eine große Polizeipräsenz das Treiben auf den Straßen verhindern, deshalb wurde die „Libertäre 1-Mai-Demo“ durch eine große Anzahl Polizisten an der Ecke Belford-/Wilhelmstraße gestoppt. Unter lautstarken Protesten der Demoteilnehmer wurde die Demo nun durch die Polizei aufgelöst. Allerdings hatte es die „Libertäre Demo“ geschafft, mit fast 400 Menschen in das durch starke Polizeikräfte belagerte Viertel zu kommen.

Ein großer Schwung Gäste für das 1. Mai Fest im Grün ist also schon eingetroffen. Nach Auflösung der Demo konnte sich jeder einzeln oder in kleinen Gruppen durch das Viertel bewegen.. Die Polizeikräfte standen an alle wichtigen Positionen im Viertel, an jeder Ecke mindestens 10 Mann, an einigen Stellen wurden auch die Straßen durch Polizeiketten zu drei Viertel abgetrennt, so das nur ein schmaler und leicht zu kontrollierender Streifen für die Besucher offen stand.

Immer mehr Gäste trafen im Grün ein und wunderten sich über die Kontrollpunkte und die Polizeipräsenz an vielen zentralen Punkten. Da auf den Straßen das Mitführen von Bierflaschen untersagt war, und auch der Kyosk und Kneipen, wie der Geier, kein Bier für die Straße verkauften, kam auf den Wegen keine richtige Feierstimmung auf. Die fast lückenlose Überwachung der Straßen inkl. Taschenkontrolle und anderer Schikanen, nervte viele Gäste und die meisten zogen sich auf die Privatgelände im Grether und in der Specht-Passage zurück. Dort wurde umso wilder gefeiert. „Wir haben Spaß, Ihr nur Bereitschaft“.

Dieser und andere Slogans wurden schon auf der Demo, nun aber auch immer wieder vom Partyvolk den Polizeikräften zugerufen. Als vom Grether-Gelände eine kleine Technoparade Richtung Adlerstraße starten wollte, wurde diese nach wenigen Metern durch das Querstellen eines Polizeiwagens gestoppt. Dann bot sich dem Zuschauer ein unfreiwillig komisches Bild.

Eine Reihe Polizisten stand stocksteif und mit ernster Miene vor dem Wagen, um die kleine Technoparade in Zaum zu halten, gleichzeitig tobte zu harten Beats eine tanzwütige Menge ausgelassen und wild auf dem begrenzten Areal. Auch wenn die Partyzone fast nur auf Grether-Gelände und Specht-Passage eingegrenzt wurde, die zahlreich anwesenden Bürger ließen sich das Feiern nicht vermiesen. Schließlich kamen am späten Nachmittag auch noch die Freunde harter Gitarrenmusik auf ihre Kosten.

Unter den Blicken zahlreicher Polizisten tanzten an einer Ecke des Grether-Geländes zahlreiche Menschen zu Protestrock, Hardcore und Punk unter freiem Himmel. Schon etwas komisch, so ein Punkkonzert unter Polizeischutz-/beobachtung. Die Festbesucher ignorierten die unerwünschten grünen Party-Teilnehmer und feierten die Livebands. Im Laufe des Abends kam es für manche Besucher noch zu einigen Schikanen an den Kontrollpunkten der Polizei. Ansonsten ging das Fest Im Grün ohne größere Zwischenfälle zu Ende.

Im Nachhinein stellt sich einem die Frage, warum es nicht möglich gewesen ist, das 1. Mai-Fest Im Grün wie jedes Jahr zumindest zu dulden und das durch Bürger aus dem Viertel organisierte Straßenfest zuzulassen. Seit vielen Jahren läuft dieses Fest friedlich ab. Bei vielen Weinfesten ist der Lärm, der Müll oder die Belästigung für Anwohner größer, trotzdem finden sie jedes Jahr statt.

Und warum muss eine Minderheit von Anwohnern, die sich Im Grün gegen das Straßenfest wehrt, vor Zuständen bewahrt werden, die für Anwohner des Augustiner Platzes oder andere Bereiche in der Innenstadt jedes Wochenende Normalzustand sind?

Der Verdacht liegt nahe, dass in Freiburg der Stadtverwaltung besonders die Feiern der links-alternativen Szene in der Nähe der Innenstadt ein Dorn im Auge sind und diese nicht in das Konzept der Gentrifizierung und Kommerzialisierung der Innenstadt und der angrenzenden Viertel passt. Und nächstes Jahr?

Wird es dann wieder einen teuren Polizeieinsatz geben, um ein traditionelles von den Anwohnern eigenständig organisiertes Straßenfest zu verhindern?

Es bleibt zu hoffen, dass für die Zukunft eine vernünftige Lösung gefunden wird, damit die Polizeikräfte zu Hause bleiben und die Bürger weiter ihr Straßenfest Im Grün feiern können.

Micky