LOSLASSEN IST EINE KUNST


In unserer heutigen Gesellschaft wird Durchhaltevermögen als ein äußerst wertvoller Charakterzug verstanden. Starke Persönlichkeiten geben nie auf. Sie kämpfen immer weiter und erhalten dafür Anerkennung und Respekt.
Jene allerdings, die von ihren Zielen abkommen und ihre Aufgaben nicht zu Ende bringen, gelten dagegen oft als schwache Charakterpersönlichkeiten.

Auch wenn Durchhalten als ein Ideal in unserer Gesellschaft verstanden wird, so bringt es im Alltag oft nachteilige Folgen mit sich, da ein stures Verfolgen von Zielen nicht selten zu Misserfolg und Unglück führt.

Wer sich durchbeißt erlebt oft eine übermäßig positive Wahrnehmung von Ausdauer und vermeintlicher Stärke. Dabei treten sowohl die eigentliche Funktion als auch die Bedeutung des Aufgebens in den Hintergrund. Es wird vergessen, dass das Ablassen von Zielen ein natürliches Werkzeug unseres selbstkorrektiven Handelns ist, welches uns z.B. vor Fehlentwicklungen in unserer Lebenswegeplanung schützen soll. Denn wer seine Ziele unerbittlich verfolgt, der zahlt auch unweigerlich den Preis dafür. Diabetes, Herzerkrankungen und Formen des vorzeitigen Alterns sind keine seltenen Entwicklungen bei der Verfolgung dieses vermeintlichen Ideals.

Dagegen erscheinen Menschen, die sich von unerreichbaren Zielen loslösen können oft als weitaus glücklicher und letztendlich auch gesünder. Eine logische Schlussfolgerung, wenn man bedenkt, dass permanentes Durchhalten Stress erzeugt, genauer das Stresshormon Kortisol. Wer also schwer zu erreichende Ziele aufgeben kann, erfährt u.a. eine Verringerung der Produktion von Kortisol und somit auch eine Steigerung des eigenen Wohlbefindens.

Natürlich gehört zu einer optimalen Lebensgestaltung eine gut überlegte Kombination aus Durchhalten und Ablassen, da ein permanentes Aufgeben von Zielen einen vergleichbar negativen Effekt haben würde, wie eben das starre Verfolgen jener Ziele. Daher sollte man sich grundsätzlich auch tatkräftig für die eigenen Wünsche und Träume einsetzen, diesen jedoch nicht hoffnungslos verfallen. Man sollte erlernen zu wissen, wann es gilt aufzuhören. Und das ist keineswegs ein hoffnungsloses Unterfangen.

Zunächst muss man sich klar machen, warum es eigentlich so schwer fällt von bestimmten Zielsetzungen loszulassen. Vielleicht verspürt man Scham oder hat einfach nur Angst davor, als charakterschwach zu gelten. Andererseits kommen auch verschiedenste gedankliche Steuerungsmechanismen in Gang, sobald ein Ziel anvisiert wird. So werden z.B. entmutigende Faktoren von vornherein ausgeblendet oder eine Kostenrechnung über die bisher erbrachten Bemühungen erstellt, die bei einer Aufgabe definitiv verloren gehen würden. Und letztendlich hemmen sich Aufgeben und Durchhalten auch gegenseitig, was ein überlegtes Loslassen durchaus erschwert.

Jedoch sollte unbedingt klar sein, dass, egal wie wichtig auch das angestrebte Ziel sein mag, seine Umsetzung spätestens dann infrage gestellt werden muss, sobald das psychische und physische Wohl darunter zu leiden beginnt. Daher sollte man eine grundsätzliche Achtsamkeit auf das eigene Wohlbefinden sowie der emotionalen Lage entwickeln. Zudem empfiehlt sich grundlegend eine rationale Analyse der Gesamtsituation. Ist das Vorhaben zu hoch oder die Realisierbarkeit erschwert, droht Stress. Wir leiden an Schlaflosigkeit, permanenter Unruhe und Antriebslosigkeit. Zweifel am Vorhaben sind sodann ein äußerst nützlicher Denkanstoß.

Wer seine Lage also möglichst objektiv und realistisch bewerten möchte, sollte auch möglichst sensibel mit den ihm zur Verfügung stehenden Informationen umgehen. So kann man z.B. hinterfragen, wie man sich fühlt, ob man unzufrieden ist oder ob das angestrebte Vorhaben sogar den Preis der Gesundheit rechtfertigt. Und falls ja, inwiefern? Oftmals können Außenstehende bei der Bewertung helfen oder zumindest auf mögliche Verzerrungen der eigenen Beurteilung hinweisen, da sie einen größeren Abstand zu den Vorgängen besitzen, als man selbst.

Kommt man nun zu dem Entschluss, von seinem Vorhaben abzulassen, sollte man auch nicht gleich alles stehen und liegen lassen.

Falls möglich, beendet man seine Aktivitäten in kleinen Schritten und macht einen „sauberen Schluss“. Man sollte dem Umfeld respektvoll gegenübertreten, vor allem aber sich selbst. Denn wenn man sein Ziel aufgibt, wirkt man oft verletzbarer und sensibler als zuvor. Schließlich verbindet man seine Ziele und Wünsche gerne mit der eigenen Identität. Je zentraler nun die Wünsche für die eigene Lebenssituation stehen, desto belastender kann auch der Ablösungsprozess empfunden werden. Eine wirklich gute Methode damit umzugehen scheint, sich selbst die Vorteile des Loslassens im Gegenzug zu den Nachteilen des ursprünglichen Ziels vor Augen zu halten.

Zudem könnte man neue, realisierbare Ziele ins Auge fassen, um sein Seelenheil zu stabilisieren. Vielleicht eine Freizeitbeschäftigung, etwas, was man immer schon einmal tun wollte? Auf jeden Fall ist es wichtig, sich für neue Reize und Handlungsoptionen zu öffnen sowie neue Perspektiven in Betracht zu ziehen. Denn dies sollte deutlich geworden sein, Durchhaltevermögen ist nicht immer positiv, von Zielen ablassen ebenso nicht.

Daher sollte man sich im Sinne einer optimalen Lebensplanung niemals von seinen Träumen blenden und schon gar nicht von gesellschaftlichen Überzeugungen beeinflussen lassen. Es sollte unbedingt erlernt werden, stärker auf die Signale des eigenen Körpers und der Seele zu achten, um so schmerzliche Pyrrhussiege zukünftig vermeiden zu können.

Harry Bejol