WAGENBURG IM RIESELFELD
EIN VIERTELJAHRHUNDERT IM WALD

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Neulich hatten wir mal wieder unsere Sonntagsbesprechung in der Wagenburg, die eigentlich nur stattfindet, wenn es irgendwelche Probleme gibt oder es mal wieder Pläne gibt für Aufräumaktionen, Umbauten oder größere Partys. Nachdem die kleineren Problemchen abgehakt waren, sagte Werner, wir müssten in diesem Jahr mal wieder ein richtiges Fest veranstalten, schließlich existiert unser Platz jetzt 25 Jahre.

Da schlackerten uns erst mal die Ohren, 25 Jahre, das hörte sich an wie eine Ewigkeit, doch nachdem jeder für sich nochmal durchging, wie lange er schon auf dem Platz lebt und wer vorher schon da war, kamen wir zu dem Ergebnis, das wird schon stimmen. Ist ja nicht so, dass wir auf der Wagenburg jetzt unbedingt einen Grund brauchen, um zu feiern, aber so ein Jubiläum kommt einem dann doch auch ganz recht.

Also, eine Fete wird es wohl irgendwann im Sommer geben, aber auch für den FREIeBÜRGER sind die 25 Jahre Grund genug, die Wagenburg noch einmal vorzustellen. Schließlich haben einige unserer Mitarbeiter und Verkäufer mal dort gelebt, einige tun es sogar heute noch und mit Uli Herrmann lebte ja auch irgendwie das Herz der Zeitung hier auf dem Platz. Angefangen hat alles im Winter 1989/90, als ein paar langhaarige Hippies mit Traktor und Bauwagen in Freiburg landeten und im Industriegebiet Haid Quartier bezogen. Mit dabei waren auch der spätere FREIeBÜRGER-Gründer Uwe Baranek und Claus, unser Webmaster.

Lange ließ man die Leute dort natürlich nicht stehen, schon nach ein paar Tagen tauchten Polizisten auf und erklärten den Wagenbewohnern, dass sie dieses Gelände verlassen müssten. Freundlich wie Polizisten nun mal sind, sagten sie dem Häufchen, sie sollten sich doch auf der anderen Seite der Opfingerstraße hinstellen, da wäre Platz. Genau genommen war das von den ganzen angedrohten Räumungen im Laufe der Jahre, die einzige, die auch wirklich durchgeführt wurde.

Der kleine Siedlertreck setzte sich also in Bewegung, überquerte die Opfingerstraße und stellte die Wagen auf einer lichten Stelle im Wald ab. Hier gab es eine größere Betonfläche, auf der sich noch die Reste ehemaliger Stallanlagen befanden und ringsherum war Wald. An diesem Platz beschlossen die Jungs nun ihre Zelte aufzuschlagen, bzw. die Wägen abzustellen. Das waren also die Gründer der ersten Freiburger Wagenburg und auch die ersten Besiedler des Rieselfeldes, denn den heutigen Stadtteil gab es damals noch nicht.

Natürlich sprach sich so etwas ziemlich schnell herum in einer Stadt wie Freiburg und so tauchten immer mal wieder Leute im Rieselfeld auf, um auch dort zu leben. Als ersten der heute noch auf dem Platz Lebenden verschlug es Wolfgang zu den Waldmenschen, einen Wagen hatte er sich irgendwo besorgt und so wurde auch aus dem nicht sesshaften Wolfgang ein Wagenburgler. Als er nach einer Weile für ein paar Wochen nach Italien wollte, brauchte er jemanden, der auf seinen Wagen aufpasst. In der Stadt traf er Werner, der obdachlos war, das besetzte Haus, in dem er lebte war gerade geräumt worden.

In dieser Situation kam ihm das Angebot natürlich gelegen, und so packte er sein Bündel und kam auch dort raus. Da sich die Hausbesetzerszene in Freiburg eh so langsam auflöste, war ihm so ein Wagen doch allemal lieber, als auf der Straße zu leben. Ihm gefiel es im Wald so gut, dass er bis heute geblieben ist.

Werner machte es sich so richtig heimisch, damals hatte man ja noch freie Platzauswahl, heute ist das alles etwas beengter. Anfangs lebte er noch in einem Hauszelt, in dem er sich so gut es ging einrichtete, dann bekam er von einem Bekannten seinen ersten Wagen, in einem schönen knalligen Rosa gestrichen! Schade nur, dass ich aus dieser Zeit kein verwertbares Bildmaterial mehr gefunden habe, beim Anblick dieses Rosa-Werner-Wagens würde wohl jeder Frühlingsgefühle bekommen. Werner hatte damals einen ziemlich großen Bekanntenkreis und so brachte er nach und nach auch so einige Leute mit auf den Platz.

Die meisten kamen aus der Punk - oder Wohnungslosenszene und viele von ihnen blieben in Ermangelung von Alternativen hier. Diese brachten dann auch wieder Bekannte mit, und so stieg die Einwohnerzahl im Rieselfeld an, so dass es bald zwischen 30 und 40 Menschen waren, die auf dem Platz lebten, dazu kamen mindestens eben so viele Hunde.

Irgendwer kam dann mal auf die Idee, sich beim Amt für öffentliche Ordnung mit der Adresse Opfingerstraße 190 anzumelden, um endlich eine Meldeadresse zu haben. Da es funktionierte, folgten die meisten diesem Beispiel und so kam dann auch die Post in unseren entlegenen Winkel. Doch auch anderen blieb die steigende Anzahl von Bauwagen und Bewohnern nicht verborgen und so setzte sich 1991 auch die Stadt mit dem Phänomen Wagenburg auseinander.

Dort kam man schnell zu dem Ergebnis, dass so was nicht geht, die können ja nicht einfach illegal in ihren Wagen im Wald hausen. Schnell war ein Gutachter zur Hand, der bestätigte, dass der gesamte Boden dort durch Quecksilber verseucht wäre und so beschloss man, aus Sorge um die auf dem Platz lebenden Menschen, dass sie dort weg müssen. Die fehlenden sanitären Einrichtungen taten ihr übriges dazu, so kann (darf?) man nicht leben.

Irgendwann im Frühjahr 1991 erhielt dann jeder seine Räumungsverfügung, einen Ersatzstandort gab es damals nicht. Die meisten hatten sich gerade so richtig eingelebt und wollten das natürlich nicht aufgeben, also beschloss man, in der Gemeinschaft zu bleiben, egal was passiert!

Einige legten Widerspruch ein, es gab noch eine Weile Schriftverkehr mit dem Amt, aber sonst passierte nichts. Irgendwann wurden Dixie-Klos aufgestellt, die Post kam weiterhin und sogar der Müll wurde abgeholt. Die Stadt schien ihre Räumungsgedanken aufgegeben zu haben, der Platz war geduldet und die Leute konnten bleiben. Für ein paar Jahre zog nun Ruhe ein im Wald, es kamen immer mal wieder neue Leute dazu, andere zogen weg,einige verstarben.

Irgendwann in dieser Zeit zog auch ich auf den Platz und stand zwischen Uli, Atze, Achim, Werner und Ingo mitten im Wald. Die meisten der Leute kannte ich aus der Stadt und auch der Platz war mir nicht fremd, war ich doch schon oft, nach diversen Partys, hier zu mir gekommen. Wie gesagt, ließ uns die Stadt damals in Ruhe und so genossen wir das Leben. Ein Teil von uns ging arbeiten, der Rest vergnügte sich mit Bier und Gesellschaftsspielen, so hatte eben jeder was zu tun.

Man muss sich das Rieselfeld damals folgendermaßen vorstellen:
Den gesamten Stadtteil gab es noch gar nicht, vom Lindenwäldle bis zum heutigen Naturlehrpfad war alles Wildnis, nur von ein paar Trampelpfaden durchkreuzt und dahinter kam der Wald. Das alles war damals sogar Naturschutzgebiet, was aber ein paar Jahre keinen mehr interessieren sollte. Jedenfalls gab es in dieser weiten Landschaft außer uns keine Menschenseele, die nächsten Nachbarn waren auf dem Mundenhof.

Die Gemeinschaft war inzwischen weiter angewachsen, in Hochzeiten sollen es wohl zwischen 50 und 60 Menschen gewesen sein, die hier wohnten. Einige hatten sich in Grüppchen abgesetzt, so wohnte ein Teil eben mitten im Wald, andere auf dem Gelände des ehemaligen Stalles und wieder andere standen vorn am Waldweg. Zum Einkaufen fuhren wir mit Traktor und Anhänger zum Basar (heute Realmarkt), Wasser holten wir auf die gleiche Art am Mundenhof, dafür hatten wir einen 1000 Liter Tank auf einem Hänger befestigt.

Wollten wir in die Stadt, mussten wir durch die Pampa zum Lindenwäldle laufen, hier fuhr dann eine Bahn. Wie gesagt, war das alles noch Wildnis damals und mehr als einmal hab ich morgens auf dem Weg vor Schreck mein Frühstücksbier verloren, weil einen Meter vor mir ein Fasan hochgeflogen ist, aber irgendwie war das halt auch schön!

Auch das Leben auf dem Platz war klasse, irgendwie hatte das wirklich noch was von Abenteuer, Freiheit und Romantik. Mitten im Wald, abends Lagerfeuer mit Musik, Grillen, Bier und guter Laune, und überall rannten große und kleine Hunde rum. Ja, die Vierbeiner darf man auch nicht vergessen, damals hatte jeder von uns mindestens einen. Denen hat es auf jedem Fall gut getan, das Leben in der Wagenburg.

Hier konnten sie wirklich frei leben und (fast) ohne Grenzen herum toben.

Besonderen Spaß hatten sie immer, wenn Jogger kamen, da schlossen sich selbst verfeindete Hunde zur Jagdgemeinschaft zusammen. Die waren aber auch zu blöd, statt die Waldwege außen rum zu nehmen, liefen die auf unserem Trampelpfad mitten zwischen unseren Wagen hindurch. Das gab immer ein schönes Geschrei, aber selbst schuld, wir sind ja auch nicht durch deren Wohnzimmer gejoggt.

Jedenfalls war das noch Freiheit pur, doch irgendwann zerplatzt auch die schönste Idylle. Mitte der 1990er kamen dann wieder Gerüchte auf, dass wir verschwinden müssen und es bald eine Räumung gäbe. Diesmal kam die Stadt mit größeren Geschützen, mit einem neuen Stadtteil! Da war für uns dann klar, dass wir den Wald wohl räumen müssen, doch kampflos wollten wir unser Leben nicht aufgeben! Wie es weiterging mit der Mutter aller Freiburger Wagenburgen, lesen Sie in der nächsten Ausgabe.

Carsten