100 Jahre Kuhle Wampe

Kuhle Wampe

In einer kleinen Bucht am südlichen Ufer des Großen Müggelsees in Berlin-Köpenick entstand 1913 ein kleiner Zeltplatz, der sich nach der forstamtlichen Bezeichnung der Gemarkung, Kuhle Wampe benannte. Der Name mutet vielleicht etwas seltsam an, hat aber eine völlig logische Bedeutung. Wampe steht in Berlinerisch für Bauch und soll die bauchartige Ausbuchtung des Seeufers beschreiben, Kuhl steht für kühl und bezeichnet die Wassertemperatur in der dortigen Bucht. Kuhle Wampe kann aber auch mit "leerer Bauch" übersetzt werden, was auf einen Großteil der später in den zwanziger Jahren dort lebenden Bewohner zutraf.

Über die Ursprünge der Entstehung des Zeltplatzes, etwa wer die ersten Bewohner waren und warum ausgerechnet an dieser Stelle, lassen sich nur Vermutungen anstellen. Fakt ist allerdings, dass der Sommer 1913 in Berlin ziemlich feucht war und man davon ausgehen kann, dass die Flucht vor der Sommerhitze wohl kaum der Grund für die Gründung von Kuhle Wampe war.

Die Wahl des schattigen Südufers, wo der Seezutritt relativ billig zu haben war, könnte darauf verweisen dass bereits die ersten Camper dort über nur geringe finanzielle Mittel verfügten. Eine andere Erklärung wäre, der Schriftsteller Curt Grottewitz hätte die ersten Zeltplatzbewohner auf diese Stelle aufmerksam gemacht. Er wohnte nur wenige Minuten Fußweg entfernt und ermunterte in seinem Buch "Sonntage eines großstädtischen Arbeiters in der Natur" die Berliner ArbeiterInnen zu Ausflügen ins Berliner Umland und beschrieb unter anderem auch diese Bucht am Müggelsee.

Als sich das Zeltdorf auf den Lichtungen der ansonsten sehr schattigen und sumpfigen Bucht vor 100 Jahren gründete, zählte es nicht mehr als 20 Zelte, breitete sich aber rasch aus. In den zwanziger Jahren lebten hier bereits mehr als 300 Menschen in ca. 100 Zelten, hauptsächlich ArbeiterInnen, die ihren schlechten Lebensbedingungen entfliehen wollten oder mussten. Gründe dafür gab es reichlich!

Zum einen hatten sich bedingt durch den Wirtschaftsboom Ausgangs des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts die Bevölkerungszahlen der Großstädte deutlich erhöht. So stieg zum Beispiel die Einwohnerzahl von Berlin von 1899 bis 1913 von 1,6 auf 2,7 Millionen an! Dadurch wurde natürlich auch in Berlin Wohnraum immer teurer und für die meist kinderreichen Arbeiterfamilien nur noch schwer zu bezahlen. So fanden dann auch immer mehr zwangsgeräumte Familien Zuflucht bei Kuhle Wampe.

Als Ende der zwanziger Jahre durch die Wirtschaftskrise auch noch immer mehr Menschen ihre Arbeit verloren, wuchs die Größe der Arbeitersiedlung Kuhle Wampe auf ein Vielfaches an. Hier fanden Arbeiter und auch immer mehr Arbeitslose mit ihren Familien nicht nur eine billige Unterkunft sondern fanden auch Gemeinsamkeit und Entspannung in der Natur und beim Sport. Viele der hier lebenden Mitglieder der Zeltstadt gehörten den sich vermehrt gründenden Arbeitersportvereinen wie zum Beispiel dem Turnverein Fichte an. So lernten Kinder hier schwimmen oder Fahrrad fahren und es wurden sogar Wettkämpfe für Kinder wie auch Erwachsene durchgeführt.

Eine wichtige Rolle spielten die Frauen und Mütter in der Kuhle Wampe-Siedlung. Sie organisierten den Tagesablauf während ihre Männer täglich nach Berlin zur Arbeit fuhren oder versuchten welche zu finden, oder gar erst am Wochenende aus Berlin zurückkamen. So mussten sie sich nicht nur um die tägliche Versorgung der Gemeinschaft kümmern, sie waren unter der Woche auch für die Instandhaltung des Zeltplatzes und die Beaufsichtigung der zahlreichen Kinder zuständig.

So organisierten sie oft kleine Wettkämpfe und gemeinsame Ausflüge für die Kinder und Jugendlichen, damit den Männern nach einer harten Arbeitswoche das Wochenende zum Erholen blieb. Ungefähr 1925 entstanden hinter Kuhle Wampe zwei weitere Zeltstädte, die sich dann alle zur Kolonie Interessenverband Kuhle Wampe zusammenschlossen. Sie gilt als eine der ersten Zeltkolonien Deutschlands. Nach der Machtergreifung durch die Nazis 1933 wurden unter anderem die Arbeitersportvereine verboten und es kam auf dem Zeltplatzgelände zu Terroraktionen. Zwei Jahre später wurde Kuhle Wampe durch die Faschisten aufgelöst!

Später in der DDR war Zelten ein Ersatz für die fehlenden Urlaubsplätze und so wurde unweit des originalen Kuhle Wampe Geländes ein Wanderstützpunkt der "Köpenicker Naturfreunde" zu einem großen Zeltplatz erweitert.

Zur Erinnerung an die historische Zeltstadt erhielt der Jugendcampingplatz 1976 den Ehrennamen Kuhle Wampe. Er besteht bis heute. Inzwischen wurde am Ufer des Müggelsees, dort wo sich das Zeltdorf befand, eine Gedenkstele errichtet, die an das Arbeiterzeltlager Kuhle Wampe von 1913-1935 erinnern soll.

Kuhle Wampe "Mopeds"

Wenn man die Männer und Frauen von damals, die auf dem Zeltplatz Kuhle Wampe lebten, mit der heutigen Zeit vergleicht, könnte man sie als die ersten
Wagenbürgler bezeichnen.

Auch hier leben in der heutigen Zeit Menschen, die einerseits dem zunehmenden Städtelärm in die Natur entfliehen wollten, andererseits aber auch aus wirtschaftlicher Not diesen Weg wählten.



Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?

1932 entstand unter Regie von Slatan Dudow der Spielfilm Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt, der auch das Leben in dieser Arbeitersiedlung beschreibt. Dudow wollte einen Film drehen, der das Elend der Massenarbeitslosigkeit und das Wachsen der Jugend aus kleinbürgerlicher Enge in die proletarische Solidarität beschreibt.
Das Drehbuch schrieben Bert Brecht, Ernst Ottwald und Dudow selbst, die Musik stammte von Hanns Eisler. Darsteller waren unter anderem Hertha Thiele, Ernst Busch und Erwin Geschonneck.

Auf dem Originalgelände reichten Licht und Platz nicht aus, außerdem wollte Produktionsleiter Georg Hoellering die Idylle nicht stören: "Die Bewohner waren alle sauber und ordentlich. Hatten ihre kleinen Gärten (.) und wollten nicht, dass all die Filmleute hier herumtrampeln."
Gedreht wurde ganz in der Nähe des Platzes und viele der Bewohner wirkten in diesem Film als Statisten mit, sie verdienten sich damit ein paar Mark oder bekamen ein warmes Essen für eben ihre Kuhle Wampe.

In der Nähe des Drehortes trieben sich oft Nazi-Sturmtruppen herum, sodass Kommunisten um Schutz gebeten werden mussten!
Der Film erzählt von den Folgen massenhafter Arbeitslosigkeit und sozialen Kürzungen, von Verzweiflung und Zwangsräumungen, aber auch von Sensibilität, Solidarität und Entschlossenheit zum politischen Kampf. Vordergründig sollte nicht das individuelle Schicksal der HeldInnen berühren, sondern die Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse sollte das Publikum zum Handeln bewegen.

Erzählt wird die Geschichte von Anni und ihrem Freund Fritz, ihrer Freundin Gerda und den Brüdern. Zu Beginn des Films stürzt sich Annis Bruder aus Verzweifelung über seine Arbeitslosigkeit aus dem Fenster, nachdem er lange vergeblich auf der Suche nach Arbeit war. Seiner Familie wird kurz darauf die Wohnung gekündigt, sie zieht in die Gartenkolonie Kuhle Wampe. Hier beginnt ihre Liebe zu Fritz und ihr Leben mit ihm. Anni und ihre Freunde wachsen in die Arbeiterbewegung hinein.
Der Film wurde zensiert und mehrere Szenen herausgeschnitten, so auch eine, in der dazu aufgefordert wird, Wohnungsräumungen durch kollektiven Widerstand der Arbeiter zu verhindern.

Der Film wurde zwar vor über 80 Jahren gedreht, weist aber nahezu erschreckende Parallelen zur heutigen Zeit auf! So findet sich die im Film beschriebene prekäre soziale und wirtschaftliche Lage heute in fast allen südlichen EU-Ländern wieder. Auch in Deutschland sind Arbeits- und Wohnungs-losigkeit keine Relikte der Vergangenheit mehr, sodass der Film Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt nichts an Brisanz oder Aktualität eingebüßt hat!

Motorradclub Kuhle Wampe

Kuhle Wampe

Kuhle Wampe lebt noch heute, bundesweit als Motorradclub mit eben demselben Namen! Wenn sie auftreten erkennt man sie schnell an dem roten, fünfzackigen Stern, der einen gelben Sturzhelm umschließt und dem Schriftzug "Motorradclub Kuhle Wampe" ringsherum. Überall, wo es gilt sich für die Gesellschaft einzusetzen, gegen Ungerechtigkeiten einzustehen oder Naziaufmärsche zu verhindern, kann man sie finden.

1976 gründete sich nach einem Filmeabend der erste Motorradclub mit dem Namen Kuhle Wampe, bereits zwei Jahre später traf man sich in Dortmund mit fünf MC und gründete einen Dachverband "Motorradclub Kuhle Wampe", eines der Gründungsmitglieder waren die Wampen aus Freiburg. Inzwischen besteht der Verband Kuhle Wampe aus ungefähr 60 lokalen MCs aus dem gesamten Bundesgebiet.

Kuhle Wampe versteht sich seit der Gründung 1978 als der etwas andere Motorradverein, dessen Mitglieder sich neben dem Motorradfahren auch für politische und gesellschaftliche Belange einsetzen.

Der MC Kuhle Wampe sucht deshalb auch ständig Kontakt zu Menschen und anderen Organisationen, um in einer breiten Zusammenarbeit gegen rechte und unsoziale Tendenzen in unserer Gesellschaft anzugehen.
Besonderen Wert legt Kuhle Wampe auf antifaschistische Arbeit und gerechte und gleiche Behandlung aller Menschen egal welcher Hautfarbe oder Religion, sowie auf Pazifismus.

Der "Motorradclub Kuhle Wampe" in Freiburg wurde wie erwähnt bereits 1978 gegründet und feiert wie der Bundesverein in diesem Jahr sein 35-jähriges Bestehen! Zurzeit hat er 22 Mitglieder, das Vereinsheim befindet sich in der Fabrik in der Habsburger Straße.

Auch hier wird politisches Engagement groß geschrieben, man kooperiert beispielsweise mit der Antifa Freiburg und der KTS, fährt zu Gegendemonstrationen bei NATO-Gipfeln und unternimmt kollektive Motorradausflüge um Naziaufmärsche zu stoppen, wie vor einigen Jahren, als es geschlossen nach Friedrichshafen ging!

Unvergessen wird den FreiburgerInnen auch der 14.09. 2002 bleiben, als mehr als 20000 Menschen am Hauptbahnhof einen Aufmarsch der NPD verhinderten! Die Freiburger Wampen trommelten einige befreundete MC aus der Umgebung zusammen, Wampen von außerhalb kamen in die Stadt und los ging der Motorradkorso!

Start war am Clubheim, 240 Motorräder machten sich auf den Weg in die Innenstadt. Unter dem Applaus der zahlreichen Zuschauer ging es zur Kundgebung von Walter Jens am Platz der Alten Synagoge. Mit besagten 240 Maschinen riegelten sie dann die Rückseite des Bahnhofes ab, sodass sich den Nazis auch von dieser Seite aus kein Weg in die Stadt bot! Wie gesagt ein unvergessener Moment!

Kuhle Wampe Freiburg engagiert sich auch für die Freiburger Partnerstadt Wiwili in Nicaragua, denen sie zwei Motorräder zur Unterstützung ihres Wasserprojektes schickten. Weiterhin unternehmen sie gemeinsam Ausfahrten und Wanderungen oder verbringen den Urlaub gemeinsam.

Kuhle Wampe Pinguintreffen

Legendär sind ihre Pinguintreffen, bei denen dann im Winter bei Eis und Schnee gezeltet wird. In jedem Jahr bietet Kuhle Wampe ein Sicherheitsfahrtraining an, bei dem sich Fahranfänger oder Fahrer, die lange nicht auf ihrem Zweirad saßen, die nötige Routine für die Motorradsaison holen können.

Wie gesagt, der Club zählt derzeit etwas über 20 Mitglieder, Zuwachs ist erwünscht, gerne auch jüngere Leute, da die Freiburger Wampen schon fast alle zwischen 40 und 50 Jahre alt sind.

Melden kann man sich bei Kuhle Wampe in der Fabrik Habsburger Straße,
Clubabende sind mittwochs ab 20.30 Uhr.


Carsten und Ekki


August-September Doppelausgabe

Doppelausgabe

Dieser Artikel von Carsten und Ekki steht in der August-September Doppelausgabe 2013