die Strassenzeitung aus Freiburg


Ausgabe
Dezember 2012

Doppelausgabe


Dieser Artikel von Carsten steht in der Ausgabe Dezember 2012








NIEMALS GEHT MAN SO GANZ...


Im Dezember dieses Jahres beendet Klaus Fournell seine mehr als 14-jährige Tätigkeit als Sozialarbeiter im Ferdinand-Weiß-Haus, der Anlaufstelle für Wohnungslose des Diakonischen Werks Freiburg. Klaus war während dieser Zeit maßgeblich an der Gestaltung des Ferdinand-Weiß-Hauses sowie an dessen Integration im Stadtteil Stühlinger beteiligt.

Flaschensammler

Klaus Fournell beendet seineTätigkeit als Sozialarbeiter im FWH

Der gebürtige Hamburger studierte am anderen Ende Deutschlands, in Nürnberg, Sozialwesen, ging nach dem Studium als Sozialarbeiter zurück in seine Heimatstadt, wo er zunächst bei der Hamburger Wohnungsbaugesellschaft SAGA in der Gemeinwesenarbeit eingesetzt wurde, das heißt, er betrieb Stadtteilarbeit und kümmerte sich um soziale Probleme der Mieter.

Danach arbeitete er eine zeitlang in Königswinter bei Bonn, als Jugendbildungsreferent. Dort wurden Seminare mit und für Jugendliche zu allen möglichen sozialen und politischen Themen durchgeführt. Seine nächste Anstellung fand er dann wieder in Norddeutschland, in Kiel bei der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft, dem Arbeitnehmerflügel der CDU.

Hier arbeitete er als Landessozialsekretär und war zuständig für die soziale und gewerkschaftliche Betriebsarbeit in den verschiedenen Unternehmen. Als dann auch diese Stelle auslief, standen der inzwischen verheiratete Fournell und seine Frau vor der Frage, wie und wo sie einen Neuanfang starten.

Mit Nürnberg und Freiburg lagen zwei konkrete Angebote vor, doch da Klaus die Stadt Nürnberg aus seiner Studienzeit schon kannte, entschieden sie sich dafür, etwas Neues kennen zu lernen und zogen nach Freiburg, wo er 1996 seine Stelle an der evangelischen Fachhochschule antrat.

Klaus Fournell arbeitete an dem Projekt Quartiersaufbau Rieselfeld mit, welches im gerade neu entstehenden Freiburger Stadtteil soziale Strukturen schaffen und den zukünftigen Bewohnern den Start erleichtern sollte. Nachdem diese für zwei Jahre ausgeschriebene Stelle 1997 zu Ende ging, war Klaus für ein halbes Jahr arbeitslos und versuchte sich neu zu orientieren.

1998 schrieb das Diakonische Werk eine ABM-Stelle als Sozialarbeiter im Ferdinand Weiß-Haus aus, auf die er sich dann erfolgreich bewarb. Durch seine Tätigkeit an der evangelischen Fachhochschule hatte er schon Erfahrungen mit der ev. Kirche gesammelt und konnte sich das Diakonische Werk gut als langfristigen Arbeitgeber vorstellen. Bis dahin hatte Fournell keinerlei Erfahrung in der Arbeit mit Wohnungslosen, war allerdings neugierig auf sein neues Tätigkeitsfeld.

Als nach zwei Jahren die ABM-Maßnahme beendet war und die Diakonie ihn weiter fest im FWH beschäftigen wollte, entschloss er sich zum Bleiben. Ausschlaggebend waren für ihn die gute Zusammenarbeit im Team und dass er nicht auf irgendeinem Verwaltungsposten in einem Büro saß, sondern in einer Außenstelle des Diakonischen Werks Freiraum für seine tägliche Arbeit hatte!

Es gab hier keine Vorgesetzten, die Entscheidungen zu fällen hatten, sondern die Entscheidungsgewalt lag im Team, besonders über die Gestaltung der Arbeit innerhalb der Anlaufstelle. Da er keine Probleme im Umgang mit Menschen und auch keine Kontaktängste hatte, fand Klaus sehr schnell Zugang zu den Wohnungslosen, die täglich die Anlaufstelle aufsuchten. Einer der „Türöffner“ für ihn war das Skatspiel, bei dem er einige der Besucher kennen lernte und mit ihnen ins Gespräch kam. Am meisten beeindruckte ihn in dieser Anfangszeit die Feststellung, dass die dort verkehrenden Wohnungslosen zwei Gesichter zu haben scheinen.

Auf der einen Seite scheinen sie einfach nichts auf die Reihe zu kriegen, geben das Geld häufig für irgendwelche Süchte aus und stehen mit praktisch nichts da, andererseits sind sie aber auch wieder Überlebenskünstler.

Das heißt, sie müssen täglich die größten Probleme bewältigen, die er sich bis dahin gar nicht vorstellen konnte, wie z.B. wo sie die nächste Nacht verbringen oder wo sie das Geld für den nächsten Tag herbekommen und diese dann aber auch irgendwie lösen. Anfangs hatte Klaus Fournell keine höheren Ziele für seine Arbeit in der Wohnungslosenhilfe, er begriff schnell das praktizierte Prinzip, dass eine Tagesstätte nicht dazu da ist, die Situation der Wohnungslosen zu verbessern, sondern es soll ihnen beim Verlassen der Einrichtung nicht schlechter gehen als vorher!

Doch schon bald merkte er, dass er damit nicht zufrieden ist, dass ihm das nicht ausreicht. Er begann, die Besucher nicht nur als Wohnungslose zu sehen, sondern in erster Linie als Menschen die Bedürfnisse haben und auch am gesellschaftlichen Leben teilnehmen wollen und sollen. So begann er gemeinsam mit dem FWH-Team Veranstaltungen für die Besucher zu organisieren, die bis heute gut besucht sind. So finden zum Beispiel regelmäßig Skat-, Kicker- oder Tischtennis-Turniere im Ferdinand-Weiß-Haus statt, bei denen man auch einmal andere Seiten von Wohnungslosen kennen lernt und deren Fähigkeiten bewundern kann.

Ab und an sponsert der Sportclub Freiburg Eintrittskarten für ein Bundesligaspiel und auch in den Europapark nach Rust gibt es jährlich Ausflüge vom FWH. Nicht vergessen darf man die Freizeitwoche, bei der in jedem Jahr die Besucher gemeinsam mit dem FWH-Mitarbeiterteam für ein paar Tage in den Urlaub fahren. Auch eine Fußballmannschaft ist im FWH entstanden, die seit einigen Jahren mit wechselndem Erfolg aber viel Spaß an kleineren Turnieren teilnimmt.

Mittlerweile ist es dem FWH- Team um Klaus Fournell gelungen, das Ferdinand-Weiß-Haus fest im Stadtteil Stühlinger zu integrieren und zu einer Art Stadtteiltreff für sozial benachteiligte Menschen zu machen, denn inzwischen zählen längst nicht mehr nur Wohnungslose zu den täglichen Besuchern, die die verschiedenen Angebote des FWH wahrnehmen.

Eine klare Einstellung hat Klaus Fournell darüber, dass Sozialarbeit im Bereich Wohnungslosenhilfe allein nicht ausreicht, es müsse auch vernünftige Sozialpolitik betrieben werden, ein Sozialarbeiter muss gewillt sein, an den Rahmenbedingungen etwas verändern zu wollen, sonst ist er in seinem Beruf fehl am Platz. Doch auch er weiß, dass es bis hin zur Verbesserung der Wohnungslosensituation in Freiburg noch ein weiter Weg ist und dass dafür erst einmal mehr sozialer Wohnraum zur Verfügung stehen muss. Denn ohne diesen scheitern alle noch so schlauen Konzepte und Maßnahmen der Wohnungslosenhilfe!

Nach seiner Tätigkeit im FWH wird sich Klaus auch weiterhin sozial engagieren. Ab dem nächsten Jahr arbeitet er dann als gesetzlicher Betreuer. Das heißt, er hilft Menschen, die bestimmte Lebensbereiche nicht mehr selbst regeln können, beim Bewältigen verschiedener Probleme. Diese Betreuer werden vom Gericht eingesetzt und helfen u.a. bei der Schuldenregulierung, bei Ämter- oder bei Wohnraumproblemen.

So lernt Klaus erneut einen neuen Bereich der Sozialarbeit kennen und hat dann eins noch intensiver, das, was er ja immer wollte: den Kontakt zu Menschen!

Carsten