die Strassenzeitung aus Freiburg


März 2013

märz 2013
Foto: Karl-Heinz Laube/Pixelio

Dieser Artikel von Micky steht in der Märzausgabe 2012






GEBAUT UM KAPUTTZUGEHEN?



Wer kennt das nicht?
Kaum hat man die Raten für das Elektrogerät abgezahlt oder die viel zu kurze Garantie ist abgelaufen, schon gibt das Gerät den Geist auf. Die Behebung des Schadens, die Reparatur des Fehlers ist meist nicht möglich bzw. zu teuer und lohnt sich deshalb nicht. Mit etwas Wehmut denkt da mancher vielleicht an den Fernseher seines Opas, der zwar nicht mit solchen Extras wie Videotext ausgestattet war, jedoch über 25 Jahre Abend für Abend das Programm in die gute Stube der Großeltern brachte.

Waage Foto: REUTERS/Kim Kyung-Hoon

Warum haben heutige Fernseher keine so lange Lebensdauer mehr wie früher? Ist es wirklich so, dass die heutigen Geräte und Produkte nicht mehr qualitativ so hochwertig sind? Oder bauen die Hersteller gar einen Fehler mit ein, damit nach wenigen Jahren das Nachfolgemodell zahlreiche Käufer findet?

Und tatsächlich ist es so, dass die Hersteller in zahlreichen Produkten Schwachstellen einbauen, damit sie häufiger und in immer schnelleren Zyklen neue Produkte denselben Käufern verkaufen können.

Lucia Reisch, Wirtschaftsprofessorin Copenhagen Business School, Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung: „Eingebaute Obso-leszenz ist bei elektronischen Gütern absolut geplant und in gewissem Sinne auch notwendig: Die hohen Investitionskosten für die Entwicklung der Produkte müssen über den Konsum wieder reingeholt werden.“

Produkte haben heute laut Ansicht solcher Wirtschaftsprofessoren eine so genannte „Sinnvolle Gebrauchsdauer“, wobei sich natürlich die Frage stellt, für wenn es „sinnvoll“ ist, wenn kurz nach Ablaufen der Garantie die Güter kaputt gehen.

Einige Beispiele für einen eingeplanten Fehler oder Mangel in unseren Produkten:

  • In teuren Flachbildschirmen werden billige Elektrolytkondensatoren (Elkos) eingebaut. Diese brennen kurz nach Ablauf der Garantie durch.
  • Es gibt Drucker (Epson), in die ein Chip eingebaut ist, der nach einer gewissen festgelegten Blattanzahl einfach „Service“ fordert und nicht mehr weiter druckt. Angeblich muss das „Tintenvlies“ ausgewechselt werden. Tatsächlich stoppt der Chip nach einer vom Hersteller festgelegten Anzahl gedruckter Papiere die Funktionen.
  • In Küchengeräte (Mixer, etc) werden innen – auch wenn das Gerät ansonsten aus Edelstahl ist und einen qualitativ hochwertigen Eindruck macht – Zahnräder aus Kunststoff eingesetzt, die aufgrund ihrer Beschaffenheit natürlich schneller verschleißen, als Zahnräder aus Metall.
  • Geräte mit eingebauten Akkus. Wenn der Akku kaputt ist und nicht ausgetauscht werden kann, dann ist auch das gesamte Gerät ein Fall für den Müll. Eine geplant kurze Lebensdauer des Akkus führt zur Begrenzung der Nutzungszeit dieser Produkte.

Die Idee, durch Verkürzung der Haltbarkeit von Produkten mehr davon in kürzerer Zeit zu verkaufen, ist allerdings auch nicht neu. Schon im Jahre 1924 wurde das Phöbuskartell gegründet, welches zum Ziel hatte, die nominale Brenndauer von Glühlampen auf 1.000 Stunden festzulegen.

Die Hersteller von Glühlampen nahmen einfach nur einen dünneren Glühdraht und schon war die Lebensdauer des Leuchtkörpers zurückgefahren. Den Beweis, dass eine Glühlampe fast unbegrenzt brennen kann, findet man in einer Feuerwache von Livermore (US-Bundesstaat Kalifornien). Die dort hängende Glühbirne brennt seit 1901 nahezu durchgehend. Damit ist diese handgeblasene und 4 Watt starke Glühbirne die älteste brennende Glühbirne der Welt.

Waage Grafik: BUND Südlicher Oberrhein

Aber nicht nur einzelne Produkte unterliegen kurzer Haltbarkeit, selbst Gebäude, Brücken und Straßen sind nur noch über einen relativ kurzen Zeitraum einsetzbar/nutzbar.

Wie oft hört man von großen Gebäuden, bei denen dann nach ungefähr 10 Jahren die ersten Bauteile runter krachen oder dringend Nachbesserungen vorgenommen werden müssen. Und man wundert sich dann. Denn so alt ist das Gebäude ja noch nicht.

Ein schönes Beispiel für solch ein Bauwerk ist auch der Abriss der Freiburger Unibibliothek nach 33 Jahren. Im Jahr 1978 errichtete das Land Baden-Württemberg gegenüber des fast 100 Jahre alten Kollegiengebäudes I nach den Plänen des Universitätsbauamtes am Rotteckring ein neues Gebäude für die Unbibliothek.

Nun musste es „hauptsächlich wegen altersbedingt abgängiger Technik (Klimaanlage) und der Notwendigkeit, Schäden an der Fassade zu beheben, saniert werden.“ Aber anscheinend gab es noch andere Gründe für den Abriss, die in der Öffentlichkeit nicht unbedingt diskutiert werden. So funktionierte die Klimaanlage von Anfang an nicht richtig und der hohe Krankenstand von MitarbeiterInnen der Unibibliothek war ebenfalls ein Thema. Aus einer Sanierung ist nun ein Komplettabriss geworden. Bis auf die Fahrstuhlschächte wurden alle anderen Teile oberirdisch abgerissen.

Auffallend ist jedenfalls, dass die Unbibliothek nach nur 33 Jahren durch einem teuren Neubau ersetzt werden muss, während das über 100 alte Jahre Gebäude Kollegiengebäude I vermutlich noch weitere 100 Jahre alt werden kann, wenn es einigermaßen gepflegt wird. Niemand will nun fordern, dass man wie vor 100 Jahren bauen soll. Aber es hätte doch im Jahre 1978, in einer Zeit, in der ständig alles Neue als technischer Fortschritt gepriesen wurde, möglich sein müssen, ein neues Gebäude langlebig, dauerhaft, flexibel-funktional und schön zu bauen.

Die Baustelle der Freiburger Unibibliothek zeigt, wie schnell öffentliche Gebäude saniert werden müssen. Und wie teuer diese Erneuerungen oder Neubauten sind. Im Fall der Unibibliothek sind es 44 Millionen. Bauwerke, welche vor wenigen Jahrzehnten noch als „supermodern“ galten, bei deren Errichtung jedoch Nachhaltigkeit und Langlebigkeit kein Kriterium waren.

Heute sind mehr als die Hälfte der Freiburger Brücken, Mauern und Tunnel so marode, dass sie dringend saniert werden müssen. Um einen weiteren Verfall zu verhindern, müssten jährlich über 6 Millionen Euro investiert werden. Bislang sind im Jahr allerdings nur ca. 1,3 Millionen eingeplant. Für mehr ist kein Geld da.

Waage Grafik: BUND Südlicher Oberrhein

Aspekte der Nachhaltigkeit, Langlebigkeit und der Folgekosten sind bei Planung und Bau öffentlicher Gebäude bis heute oft kein Thema. Die deutsche Staatsverschuldung liegt bei über 2.067.000.000.000 Euro und das hat auch mit dieser verschwenderischen Art des Bauens in Vergangenheit und Gegenwart zu tun. Wichtig wäre in Zeiten hoher Staatsverschuldung, zukünftige Bauprojekte langfristig, nachhaltig und langlebig zu planen und zu bauen. Außerdem sollte man zuerst versuchen, die bisherige Infrastruktur und Bausubstanz zu erhalten, bevor man viel Geld für den Bau neuer Prestige-Objekte in die Hand nimmt.

Ob bei Bauwerken mit relativ kurzer Lebenszeit oder Produkten mit kurzer Haltbarkeit, es werden immer Rohstoffe verbraucht. Je schneller ein Gebäude neu erbaut oder ein Produkt neu erworben werden muss, umso eher werden neue Rohstoffe gebraucht. Hält z.B. ein Produkt anstatt nur 5 Jahre (oft sind es weniger!!!) 10 Jahre, so wird auch nur die Hälfte an Rohstoffen und Materialien verbraucht. Längere Haltbarkeit schont also Rohstoffe und Ressourcen.

Um Produkte dauerhaft im Besitz zu haben, muss ein Verbraucher sie auf längere Zeit gesehen, auch öfter kaufen. D.h. obwohl viele Produkte preiswerter geworden sind, muss er sie im selben Zeitraum mehrfach erwerben. Beispiel:
Die durchschnittliche Lebensdauer einer Waschmaschine lag 1998 noch bei rund zwölf Jahren. Heute hält sie maximal sechs Jahre, manche Billigprodukte sogar nur drei Jahre.

Daraus ergibt sich in einem Zeitraum, in dem der Verbraucher früher gerade einmal eine Waschmaschine erwarb (12 Jahre!), muss er bei der extrem reduzierten Haltbarkeit von 3 Jahren viermal seine Waschmaschine neu erwerben.
„Mehr arbeiten, schneller kaufen, schneller wegwerfen, weniger gut leben“ ist das Motto einer auf die Wirtschaft und den Wachstum ausgerichteten Gesellschaft. Der heutige Mensch definiert sich immer häufiger über den schnellen Konsum von immer idiotischeren, unnützen und kurzlebigeren Gütern.

Vor einigen Jahren war z.B. „das Shoppen“ die Freizeitbeschäftigung Nr. 1 der Amerikaner. Sie gingen durchschnittlich fünfmal die Woche einkaufen. Die Folge dieser Entwicklung: Der Verbraucher arbeitet und konsumiert immer mehr und immer hektischer und wird gleichzeitig immer unzufriedener. Er steckt in einer sich immer schneller drehenden Tretmühle aus Arbeit und Geldverdienen auf der einen und gesteigertem Konsum auf der anderen Seite.

Der vom Club of Rome im Mai 2012 veröffentlichte Report „2052“ beschreibt die Folgen des Überkonsums und der Verschwendungswirtschaft: „Die Menschheit hat die Ressourcen der Erde ausgereizt und wir werden in einigen Fällen schon vor 2052 einen örtlichen Kollaps erleben. Der Klimawandel wird dem Bericht zufolge sogar noch drastisch zunehmen: Die Treibhausgasemissionen werden erst 2030 ihren Höhepunkt erreicht haben. Das sei zu spät, um den globalen Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen, wie es sich viele Staaten vorgenommen haben, sagte Randers. „Wir stoßen jedes Jahr zweimal so viel Treibhausgas aus wie die Wälder und Meere der Erde absorbieren können.“

„Der Meeresspiegel wird um 0,5 Meter höher sein, das Arktiseis im Sommer verschwinden und das neue Wetter wird Landwirte und Urlauber treffen“, so Randers. Bis 2080 werde sich die Temperatur um 2,8 Grad erhöhen, was einen sich selbst verstärkenden Klimawandel auslösen könne

.“ Die gezielte Verschwendung von Rohstoffen, Energie und menschlicher Arbeitskraft durch die Produktion von kurzlebigen Produkten beschleunigt diese Zerstörungspro-zesse und ist unverantwortlich. Angesichts der globalen Verknappung von Energie und Rohstoffen sollte ein Interesse an der Produktion von langlebigen qualitativ hochwertigen Gütern bestehen. Zusätzlich würden die Produktion langlebiger Waren und Reparaturbetriebe Arbeit in Deutschland schaffen.

Die Massenproduktion von billigen Wegwerfartikeln findet schon längst in China oder Indien statt. Durch die Herstellung von nachhaltigen Produkten würden also Arbeitsplätze geschaffen, Ressourcen geschont und der Verbraucher hätte länger Freude daran. Von der bisher gängigen Praxis profitiert nur die Wirtschaft. Es ist an der Zeit, dass wieder der Mensch und die Umwelt im Mittelpunkt stehen und die Wirtschaft solche Produkte herstellt, die dem Verbraucher nutzen und nachhaltig und Ressourcen schonend produziert werden.

Für ein besseres Leben für alle.
Micky


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