WARUM JIM MORRISON EINE DISSOZIATIVE PERSÖNLICHKEIT WAR

Morrisons musikalische Kreativität (Teil 4)

Bilder


Für Morrison war die Musik von elementarer Bedeutung. Er verfiel dem Wahn, durch Dichtung und Musik, die Menschen von der zerstörerischen Seite ihrer Natur erlösen zu können.

Er wusste um die Kraft der Musik und ihrer Fähigkeit, die zerstörerischen Segmente von Natur und Kultur transformieren zu können.

So versuchte Morrison auch seine eigene Suche nach einem stabilen Selbst sowie seine traumatischen Erlebnisse in lyrische Kreativität umzuwandeln. Allerdings waren seine traumatischen Erfahrungen und seine strukturelle Labilität zu groß, um sie in eine für ihn erträgliche Empfindung zu transformieren. Seine Musik als auch sein Leben symbolisieren einen Kampf zwischen Schöpfung und Zerstörung.

So beschrieb Morrison mit dem Song "Dawn´s Highway" seine permanent wiederkehrenden Erinnerungen an ein traumatisches Erlebnis aus seiner Kindheit.

Indianer, blutend verstreut auf der Straße der Dämmerung / Geister dringen in die wie eine Eierschale zerbrechliche Seele des Kindes ein.
(Originaltext ins Deutsche übersetzt)

Psychoanalytisch wird angenommen, dass dieses Erlebnis und die Unfähigkeit es zu verarbeiten zu grundlegenden Ängsten führten, die Einfluss auf die Bildung seiner dissoziativen Persönlichkeitsstörung hatten. Später begann er sich mit den Opfern dieses Unfalls zu identifizieren und entwickelte ein starkes Interesse für indianische Riten. Morrison war der Meinung von den Geistern der verstorbenen Indianer besessen zu sein.

Wenn ich darüber nachdenke und zurückblicke, stellt sich das Gefühl ein, dass die Seelen oder die Geister dieser vielleicht ein oder zwei toten Indianer umherrannten, vollkommen verwirrt waren und geradewegs in meine Seele eindrangen. Und da sind sie immer noch.
(Originaltext ins Deutsche übersetzt)

Zwar versuchte Morrison die Bewältigung dieses Erlebnisses durch seine Kreativität zu erreichen, war jedoch nicht in der Lage, es ausreichend zu transformieren. So fing er an, seine selbst auferlegte Besessenheit mit Alkohol und Drogen zu behandeln.

Die Musik Morrisons hatte etwas Magisches. Die Authentizität seiner Ausdruckskraft, durch das Erlebte, in Verbindung seines traumatisierten Selbst, transportierte eine tiefe und spürbare Verzweiflung im Klang seiner Musik. Gleichzeitig, und das ist das eigentlich bemerkenswerte, transportierte es auch eine ganz spezifische Ästhetik: Die transformierte Leidenschaft des am Abgrund der Seele geschaffenen Kunstwerks.

Im Song The End wird Morrisons Affinität zur Überschreitung von Grenzen und zum Tod offensichtlich. Auch die jugendlichen Protestbewegungen gegen den Vietnamkrieg veranlassten ihn, sich mit den Themen Tod und Zerstörung auseinanderzusetzen.

In seiner zunehmend selbstzerstörerischen Melancholie und Verzweiflung sowie seinen Alkohol- und Drogenexzessen spielte Morrison mit dem Tod. Er war der Annahme, das Leben so intensiver spüren zu können. Die Verdichtung von Leidenschaft und Melancholie, selbstzerstörerischer Entgrenzung und Konstruktivität, wird im Song "The End" offensichtlich:

Das Ende
Dies ist das Ende, schöner Freund Dies ist das Ende, mein einziger Freund, das Ende
Von unseren ausgefeilten Plänen, das Ende Von allem, was zu Stande gekommen ist, das Ende Keine Sicherheit oder Überraschung; das Ende
Nie wieder werde ich in deine Augen schauen Kannst du dir vorstellen was sein wird?
So grenzenlos und frei Verzweifelt angewiesen auf eines Fremden Hand In einem verzweifelten Land. Verloren in einer römischen Wildnis des Leidens Und alle Kinder sind wahnsinnig
Alle Kinder sind wahnsinnig Im Warten auf den Sommerregen, Ja Am Rande der Stadt lauert Gefahr Nimm den Kings Highway Unheimlich böse Szenen in der Goldmine Nimm den Highway nach Westen Geliebte Reite die Schlange Reite die Schlange, Zum See, Dem uralten See, Geliebte. Die Schlange ist lang Sieben Meilen. Reite die Schlange Sie ist alt Und seine Haut ist kalt Der Westen ist das Beste […]

Komm her und wir werden den Rest tun Es ruft uns der blaue Bus […]
Wohin bringst du uns, Fahrer? Der Mörder erwachte vor Sonnenaufgang
Er zog seine Stiefel an Er nahm ein Gesicht aus der Ahnengalerie Und ging weiter den Flur entlang
Er ging in das Zimmer, wo seine Schwester wohnte Und dann schaute er bei seinem Bruder herein Und dann ging er weiter den Flur hinunter Und er kam zu einer Tür Und er schaute in das Zimmer hinein
Vater? Ja, mein Sohn Ich will dich töten Mutter ich will dich f ... Komm Geliebte, gib uns eine Chance […]
Und triff mich hinter dem blauen Bus … Das ist das Ende Schöner Freund Das ist das Ende Mein einziger Freund, das Ende
 Es schmerzt, dich freizugeben Aber du wirst mir niemals folgen Das Ende des Lachens und der sanften Lügen

Das Ende der Nächte, in denen wir versuchten zu sterben Das ist das Ende.
(Originaltext ins Deutsche übersetzt)

Es erweckt den Anschein, als wollte Morrison mit The End sein gesamtes zerstörerisches psychologisches Selbst zum Ausdruck bringen. Der verzweifelte Versuch alles Traumatische zu bewältigen, begleitet durch die Einsicht des eigenen kläglichen Scheiterns.

Der "einzige Freund", das poetische Selbst, schien für Morrison zu diesem Zeitpunkt nicht mehr erreichbar zu sein. Alles, was unter der Persönlichkeit Morrisons aufzufinden ist, wurde in diese lyrischen Komposition transformiert:
Die Vision der grenzenlosen Freiheit und der Aufschrei nach Hilfe, das Gefühl der Zerrissenheit und der Bedrohung durch Erinnerungen, das Unzerstörbare und die sexuellen Abgründe sowie die Aversion gegen die eigene Elternliebe.

Und das poetische Selbst will nicht sterben und versucht sich verzweifelt aus seinen Verstrickungen zu befreien. Doch das gelingt nur für einen Augenblick des sexuellen, höheren Selbst. Dann stellt es sich wieder ans Ende, "Das ist das Ende.

Mit dem Ausdruck seines Schmerzes in seinen Song-Texten und seiner Musik, der die Motivation zur Flucht und der spezifisch transformierten Ästhetik verinnerlichte, verkörperte Morrison die Gefühlsebene einer ganzen Generation - transformiert durch Dichtung und Musik.

Mit dem Ausdruck seines Schmerzes in seinen Song-Texten und seiner Musik, der die Motivation zur Flucht und der spezifisch transformierten Ästhetik verinnerlichte, verkörperte Morrison die Gefühlsebene einer ganzen Generation - transformiert durch Dichtung und Musik.

Harry Bejol