WARUM JIM MORRISON EINE DISSOZIATIVE PERSÖNLICHKEIT WAR

Das Tier im Menschen und die Sehnsucht nach dem Tod (Teil 3)

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Mit „Light my Fire“ und „The End“ wurden die Doors zu einer der populärsten Rockbands der Vereinigten Staaten und Jim Morrison zu einem Idol der Generationen jener Zeit.

Obwohl die hier abgebildete Biographie (aus Teil 1) lediglich einen skizzierten Einblick in die Lebenswelt des Rocksängers eröffnet, so scheint gerade die spezifische Persönlichkeitsstruktur Morrisons die Möglichkeit zur Empathie mit ihm zu eröffnen.

 Dabei schafft sie ausreichend Identifikationsfläche für die Gefühlsebene der jungen Amerikaner in den 70er Jahren.

Das Gefühl von Zerrissenheit war ein Phänomen jener Zeit.

Die wirtschaftlich-ökonomischen und innerpolitischen Entwicklungen in den Staaten führten zu einer problematischen Generationenteilung.

Die jungen Amerikaner lehnten die moderne Großindustriegesellschaft nicht gänzlich ab.

Ihr Protest galt eher den unangenehmen Konsequenzen, u.a. den Auswirkungen des Vietnam-Kriegs. Das Resultat war eine Suche nach einer neuen Art der Lebensführung und die Entstehung subkultureller Gruppierungen. Einerseits der gesellschaftlichen Form verpflichtet, versuchte die junge Generation anderseits nicht von der vorherrschenden Anarchie und Ordnung des Landes eingenommen zu werden; ein Wechselspiel zwischen Trieb und Triebunterdrückung.

 Metaphorisch erscheint dabei der Mensch als der dem System untergeordnete Teil, während das Tier aus dieser Ordnung ausbrechen kann. Während die Metapher der Mensch-Tier-Zerrissenheit bei Morrison als eine Selbstinterpretation von ständig wechselnden Stimmungen und Empfindungen verstanden werden kann, ist sie durchaus mehrfach deutbar. Grundlegend ist diese Mensch-Tier-Metaphorik tief greifender und kann aus den modernen Evolutionswissenschaften abgeleitet werden:

Der Mensch besitzt eine natürliche Anlage zur Kooperation, zu aggressiver Selbstbehauptung, aber auch einen angeborenen Sinn für Gerechtigkeit. Der Mensch ist danach das Tier, welches von Natur aus moralfähig ist. Das kann jedoch nur dort erfolgen, wo sich diese Anlagen durch die Integration in eine komplexe Institution entfalten können. Wo die Fähigkeit zur Integration fehlt bzw. die Entwicklung einer sozialen Identität gestört ist, was in diesem Fall auf Morrison zutreffend ist, kann eine Verschiebung in eine Metaphorik der Mensch-Tier-Zerrissenheit stattfinden.

Der Halb-Mensch wäre somit der sich der Institution untergeordnete Teil, während das Halb-Tier außerhalb dieser Institution agieren kann. Diesem Ansatz geht voraus, dass sich Moral und Natur aufeinander beziehen. Der Mensch ist das Lebewesen, das kraft seines Geistes die eigenen Triebimpulse unterdrücken und verdrängen kann.

Die Natur, folglich mit den Begrifflichkeiten der Begierde und Trieb assoziiert, wider der Vernunft zugeordneten Moral. Frühe philosophische Ansätze beschäftigen sich anhand dieser Grundlage mit der Streitfrage, ob der Mensch nun von Natur aus gut oder böse sei.

Das böse Selbst wäre somit durch ein falsches Spannungsverhältnis zwischen Trieb und vernünftiger Selbstbestimmung zu erklären. Seit dem 20. Jahrhundert geht man jedoch davon aus, dass ein solcher Ansatz nicht haltbar ist bzw. ein Spannungsverhältnis zwischen Natur und Vernunft so nicht existieren würde.

Seit Arnold Gehlen besteht die Annahme über den Menschen als Instinkt reduziertes Lebewesen. Dabei sind die menschlichen Anlagen vielfältig und werden mit Hilfe des Denkprozesses produktiv gestaltet. Einen von der Vernunft unabhängig gesteuerten Instinkt würde der Mensch somit nicht besitzen.

Weiter versteht Gehlen den Menschen als reines Kulturwesen, dessen kulturelles Sozialverhalten eben durch seine Anlagen bestimmt wird. Zwischen Trieb und vernünftiger Selbstbestimmung stehen somit kein Spannungsverhältnis, sondern wechselseitige Aktionen und Reaktionen. In einem soziokulturellen Umfeld ist demnach grundlegend eine vernünftige Selbstbestimmung vorherrschend. Grundsätzlich geht

Gehen davon aus, dass der Mensch ein Triebwesen ist, das nur aufgrund der ihm übergeordneten Institution seine Triebe unterdrückt. Würde er in Konflikt mit dieser Institution geraten, so würde auch das Wechselspiel zwischen Trieb und Triebunterdrückung in Konflikt geraten, was in extremen Situationen auch zum Verlust der Identität führen kann.

Interpretativ könnte der Mensch sich innerhalb einer solchen Konfliktsituation wechselseitig entweder als Tier oder als Mensch betrachten. Die dissoziative Persönlichkeitsstruktur Morrisons offenbart diese Zerrissenheit und bezeugt den stetig fortschreitenden Verlust der eigenen Identität. Morrison droht immer öfter mit Selbstmord.

Die Missachtung des eigenen „Lebens-Wertes“ wird auch in seiner Lebensweise, dem Missbrauch von Alkohol und Drogen, deutlich sichtbar. Die Affinität zum Tod bzw. Selbstmord, könnte somit auch als Gedanke der Erlösung aus dieser Leidensposition gedeutet werden.

Das Gefühl der Verzweiflung und die ständig wechselnden Stimmungsschwankungen, die Morrison zu Beginn noch durch seinen künstlerischen Ausdruck verarbeiten konnte, verstärkten sich massiv.

Sie konnten von ihm nicht mehr ausreichend transformiert werden. Darauf folgten emotionale Einbrüche mit steigenden depressiven Verstimmungen, Antriebslosigkeit und Selbstwertprobleme. Je unerträglicher diese Phasen für ihn wurden, umso mehr stieg sein Konsum an Alkohol und Drogen.

Er erlag dem Irrtum, diese Phasen damit behandeln zu können und erreichte dadurch das Gegenteil. Die Phasen verschlimmerten sich durch den erhöhten Alkohol- und Drogenkonsum und lähmten seine Kreativität fast gänzlich.

 Er ging mit seinen psychedelischen Exzessen an die Grenzen des physisch Überlebbaren und unternahm riskante Autofahrten: „Ich bin der König der Eidechsen, ich kann mir alles erlauben“, (so Morrison)

Er verstarb im Alter von 27 Jahren. Laut Pamela Courson war die Todesursache eine Überdosis an Heroin. Auf eine Autopsie wurde damals verzichtet.

Ob sein Tod ein gewollter Suizid war oder lediglich ein Unfall, kann nicht beantwortet werden. Offensichtlich wird nur, dass sich Morrison in einigen seiner Songtexte öffentlich mit der Thematik des Sterbens auseinandergesetzt hatte.

Er verfügte über ein außergewöhnliches literarisches Wissen und Können. Vermutlich kann in diesem Fall die Auseinandersetzung mit dem Tod als eine bewusste Grundlage für die Suche nach einem höheren Selbst verstanden werden.

Harry Bejol

Dezemberausgabe 2014

Dieser Artikel von Harry Bejol
steht in der Dezemberausgabe 2014


Lesen Sie im Februar 2015
den dritten Teil:


„Jim Morrisons musikalische Kreativität“ — wie Morrison versuchte, mit der Kraft der Musik die Menschheit von ihrer zerstörerischen Seite zu befreien und wie er seine lyrische Kreativität nutzte, für die Suche nach einem stabilen Selbst.