WARUM JIM MORRISON EINE DISSOZIATIVE PERSÖNLICHKEIT WAR

Morrison galt als Identifikationsfigur für die jugendkulturellen Bewegungen in den 1970ern. Jim Morrison - ein biographischer Überblick (Teil 1)

Bilder Als Sänger der Rockgruppe The Doors hatte er einen gewissen Einfluss auf die jungen Amerikaner in Zeiten des Vietnam-Krieges und der Wirtschaftskrise.

In seinen Lied-Texten sang er über Sehnsüchte nach Grenzüberschreitungen, das Aufbegehren gegen Bindungen.

Morrisons Authentizität lag zugrunde, dass er eben jener Generation angehörig war.

Er wusste, von was er sprach und er fühlte, wie sie fühlten. Mit seiner narzisstischen Selbstinszenierung verkörperte er jenen Schmerz einer ganzen Generation und erzeugte somit ein Bild von Stärke und Freiheit.

Morrison war eine reale Persönlichkeit und ebenso repräsentativ für die gesamtgesellschaftliche Krise, in den 1960/70er Jahren der Vereinigten Staaten. Seine öffentliche Präsenz repräsentierte eine Krise, die die Gefühlsebene der Menschen widerspiegelte.

Eine Zuweisung der dissoziativen Persönlichkeitsstörung bei Morrison gestaltet sich insofern als schwierig, als dass eine Diagnose nach sozial-psychologischen Standards kaum erstellt werden kann. Somit muss die Erläuterung der Persönlichkeitsstörung allein aus seiner Biographie bzw. einer Rekonstruktion der Verhaltensmuster erfolgen.

Um diese skizzieren zu können, wird es notwendig, die Begrifflichkeit der Dissoziation zu definieren: Allgemeine Kennzeichen der dissoziativen Persönlichkeitsstörung sind der teilweise oder völlige Verlust der normalen Integration der Erinnerung an die Vergangenheit, des Identitätsbewusstseins, eigener Gefühle und Empfindungen, der Wahrnehmung der eigenen Person oder der Umwelt. Innerhalb der Psychologie sind dabei die gebräuchlichsten Klassifikationssysteme für Persönlichkeitsstörungen das ICD-10 (International Classifikation of Deseases, 10. Revision) oder das DSM-IV (Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen, 4. Revision).

Beide beschreiben die Persönlichkeitsstörung weitgehend übereinstimmend. Ein stabiles und lang andauerndes Muster inneren Erlebens und Verhaltens, welches deutlich von umweltlichen Erfahrungen abweicht, wird als grundlegend für eine Persönlichkeitsstörung verstanden. In den meisten persönlichen und sozialen Situationen ist dieses Muster flexibel und tief greifend. Dabei wird es in mindestens zwei der folgenden Ebenen sichtbar. Gefühl, Denken, Impulskontrolle und Beziehungsgestaltung.

Es wird zumeist auf kontinuierliche Psychotraumatisierungen, insbesondere in der Kindheit oder dem frühen Erwachsenenalter, zurückgeführt. Überdauernde Muster von innerem Erleben und Verhalten sind jedem Menschen als „normale“ Persönlichkeitszüge zu Eigen und bilden letztendlich seinen Charakter. Sind die Abweichungen von der Norm nicht sehr deutlich zu erkennen, wird dies als Persönlichkeitsakzentuierung bezeichnet. Sind die Abweichungen jedoch in deutlicher Form erkennbar, liegt eine Per-sönlichkeitsstörung vor.

Aufgrund der Biographie wird nun ersichtlich, dass Morrison starken emotionalen Schwankungen ausgesetzt war. Dabei interpretierte er den ständig und schwer kontrollierbaren Wechsel seiner Stimmungen und Empfindungen über den Dualismus zwischen Mensch und Tier. Er entwickelte ein eigentümliches Interesse an Reptilien und nannte sich später Lizard King, in Anspielung auf den Aphorismus 276 aus Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse“.

Dabei wählte Morrison das mystische Bild der Schlange. Denn in der Mythologie ist sie nicht nur das Symbol des Bösen, sondern auch des Unzerstörbaren. Bei einer Eidechse wächst ein Finger nach, der ihr verloren ging; nicht so beim Menschen. Die gestörte Wahrnehmung seiner Person und Umwelt sowie vergebliche Versuche eine beständige soziale Identität zu schaffen, veranlassten ihn unter anderem zu einer narzisstischen Selbstinszenierung und der Flucht in psychedelische sowie sexuelle Exzesse.

Die Mensch-Tier-Metapher ist dabei ein interessantes Element innerhalb Morrisons Biographie. Daher wird sie in Teil 3 erneut aufgegriffen und ausleuchtender behandelt. Im Wesentlichen jedoch bezieht sie sich bei Morrison auf eine Selbstinterpretation seiner ständig wechselnden Stimmungen und Empfindungen u nd verweist anhand ihrer starken Ausprägung auf einen Identitätsverlust.

Bedeutend für die Herleitung einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung sind, die gestörte Wahrnehmung der eigenen Person und Umwelt sowie die Unfähigkeit der Integration einer sozialen Identität. Aspekte, die nach Definition der Dissoziation auf eine mögliche Persönlichkeitsstörung hinweisend sind.

Die gestörte Wahrnehmung der eigenen Person und Umwelt wird in der Psychologie ebenfalls als Neurose bezeichnet. Unverarbeitete und oftmals auch unbewusste Konflikte sowie Fehlanpassungen können dabei als Hauptursache verstanden werden. Betroffen davon sind Teilbereiche der Persönlichkeit und des Verhaltens.

rundlegend geht es dabei um die Erreichung eines Triebziels - der Befriedigung tief greifender Bedürfnisse - zum Beispiel die emotionale Bindung an die Eltern bzw. Mutterliebe. Wie die Biographie Morrisons zeigt, so musste er offensichtlich eine auf systematische Bestrafungen aufgebaute Erziehung erlebt haben.

Emotionale Kälte und Leere formten dabei den Prozess seiner Empfindungen von Entwertung und Ablehnung. Interpretativ könnte dadurch bereits eine Angst vor emotionalen Bindungen entstanden sein. Die Bindung zu den Eltern wird zwar erwünscht, kann jedoch aufgrund des elterlichen Verhaltens nicht aufrechterhalten, gar erst erreicht werden. Da dieser Konflikt offensichtlich nie gelöst werden konnte, musste folglich eine Verlagerung auf alle emotionalen Bindungen stattfinden. Da er jedoch bewältigt werden will, wird dabei oft unbewusst eine Ersatzbefriedigung bzw. ein neues Treibziel gesucht.

Das Loslösen Morrisons von den elterlichen Zwängen, die Flucht in die Boheme sowie das hemmungslose Ausleben seines Sexualtriebs, deuten auf ein neues Treibziel hin: Die Freiheit und Unabhängigkeit der eigenen Person. Die Unfähigkeit zur Entwicklung bzw. Integration einer sozialen Identität resultiert zum einen aus der gestörten Wahrnehmung der eigenen Person und Umwelt. Zum anderen besteht die Unfähigkeit zur Bildung eines Kompromisses zwischen Wunsch und Abwehr. Dabei versuchte Morrison vergeblich durch eine narzisstische Selbstinszenierung soziale Bestätigung zu erhalten.

Die dadurch erreichte Pseudo-Unabhängigkeit über sexuelle und psychedelische Exzesse, verschafften ihm zwar eine kurzweilige und lediglich scheinbare Zufriedenheit, jedoch keine soziale Bestätigung. Zudem war Morrison unfähig, einen Kompromiss mit seiner „menschlichen“ und „animalischen“ Seite einzugehen.

Es kam zu einem völligen Verlust der Identität, wobei er kontinuierlich weder das eine noch das andere, weder Tier noch Mensch war. Er war, wie es seiner Metaphorik entsprach, zerrissen und somit unfähig eine beständige soziale Identität zu entwickeln.

Die aufgeführten Aspekte skizzieren aufgrund ihrer Intensität eine klassische dissoziative Persönlichkeitsstörung, wie sie nach ICD-10 klassifiziert werden kann. Die Abweichungen von der Norm erscheinen dabei als deutlich, sodass von einer noch normalen Persönlichkeitsakzentuierung nicht mehr gesprochen werden kann. Die Muster in den persönlichen und sozialen Strukturen erscheinen tief greifend und werden zumindest innerhalb der Ebenen des Denkens, der Impulskontrolle und der Beziehungsgestaltung sichtbar.
Harry Bejol

Novemberausgabe 2014

Dieser Artikel von Harry Bejol
steht in der Novemberausgabe 2014


Lesen Sie im Januar 2015
den dritten Teil:


„Das Tier im Menschen und die Sehnsucht nach dem Tode“. Warum gerade die Zerrissenheit der eigenen Persönlichkeit den Rocksänger zu einer Identifikationsfigur