DIE INNERE FREIHEIT

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Beschäftigt man sich mit der Frage, wie frei der menschliche Geist ist, so gewinnt man die Erkenntnis, dass der Geist an sich oftmals weniger frei ist, als man denken mag.

Das verdeutlicht sich darin, dass der heutige Mensch unter einem sich selbst permanent auferlegten Druck steht, was unter der allgemeinen (neueren) medizinischen Begrifflichkeit - Stress - bekannt ist.

Die evolutionäre Entwicklung unseres Gehirns hat eine unglaubliche Fähigkeit hervorgebracht: Wir sind imstande, uns Dinge vorzustellen und im Voraus zu planen.

Doch genau diese Fähigkeit hat sich auch zu einem enormen Problem entwickelt:
Wir fangen an zu grübeln und malen uns Ängste aus, die uns real nicht drohen. Ein Paradoxon, welches auf unsere heutige Lebensweise zurückzuführen ist.

In grauer Vorzeit galten die Funktionen von Stress als Notwendigkeit des Überlebens. Drohte Gefahr, so wurden Adrenalin und Kortisol freigesetzt, um den Körper auf die Generalmobil-machung vorzubereiten. Gleichzeitig folgte die Aktivierung diverser Schutzmechanismen sowie die Unterdrückung von momentan nicht lebensnotwendigen Funktionen (Sexualtrieb, Immunsystem, Verdauung, etc.).

Diese funktionale Sequenz ist auch heute noch aktiv und gilt als Erbe jener Zeit. Wenn wir auch neuerdings keinem Säbelzahntiger mehr entkommen müssen, so kann eben dieser Schutzmechanismus durchaus hilfreich sein und z.B. unsere Schlagfertigkeit erhöhen, wenn wir mit Vorgesetzten sprechen, uns helfen, einer Gefahr zu entweichen oder als Ansporn dienen, wenn wir schwer erfüllbare Aufgaben zu erledigen haben. Dann spricht man im Allgemeinen von einem Symptomatisch positiven Stress.

Diese Art des Stresses hat der Medizin zufolge keine unmittelbar negative Auswirkungen auf unsere Physis. Auf Phasen der Entspannung folgen Phasen der Erholung - eine natürliche Funktion der systematischen Struktur unseres Körpers.
Problematisch wird es, wenn die Phasen der Erholung immer seltener werden und sich unser Körper nicht mehr auf Normalwerte einpendeln kann. Dann befindet sich der Mensch im sogenannten Dauer-Stress (chronischer Stress), einem symptomatisch negativen Stress.

Unser Körper steht sodann unter einer permanenten Alarmbereitschaft, was psychische und physische Schäden verursachen kann, Herzinfarkte, Depressionen und Angststörungen sind nur einige Folgen des symptomatisch negativen Stresses. Auch Asthma, Fettsucht und Diabetes werden dadurch begünstigt.

Zudem verändert sich unsere Sozialität. Im Extrem bis hin zu einem antisozialen Verhalten. Verschiedenste Forschungseinrichtungen - darunter die Berliner Charité - kamen zu der Erkenntnis, das dem Hippocampus hierbei eine zentrale Bedeutung zuzumessen sei. Die an der Innenseite des Schläfenlappens gelegene Struktur, ist für die Bildung neuer Nervenzellen verantwortlich.

Leidet ein Mensch an chronischem Stress, so wird die Entstehung neuer Nervenzellen gemindert, was unmittelbar dazu führt, dass kleinste Veränderungen in unserer Lebensumgebung nicht mehr wahrgenommen werden. Man befindet sich sodann in einem Extrem einer dauerhaft düsteren Verfassung.

Die Neugier und die mentale Aufnahmefähigkeit werden getrübt, das Gedächtnis verschlechtert sich und folglich können Sorgen nicht mehr positiv verarbeitet werden. Der Mensch erkrankt psychisch.

Bereits Sigmund Freud postulierte:
"Wenn der Mensch seine Trauer nicht überwinde, verfestigte sich diese zur - krankhaften - Melancholie." Eine erschreckende Erkenntnis und ebenfalls die Begründung, warum die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Stress als eine der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts ausgemacht hat.

Dabei muss der Mensch gar nicht zwingend zu einem Opfer seines gestressten Gehirns werden. Denn - und dies ist ebenfalls eine Erkenntnis der Forschung - unser Gehirn besitzt ein erstaunliches Potential zur Regeneration.

Wenn man von den pharmazeutischen Forschungen und deren Bestrebungen, eine Anti-Stress-Pille zu entwickeln, absieht, sowie einer induktiven Auswahl an Medikamenten zur Behandlung von Stress-symtomen (z.B. Antidepressiva), so besitzt unser Körper eine ganz eigene Fähigkeit, um sich von chronischem Stress und seinen Symptomen befreien zu können - und zwar dauerhaft.

So ist zum Beispiel eine gesunde körperliche Aktivität als ausgezeichnete Medizin gegen Stress bekannt. Primär mag sich das simpel und klischeehaft anhören, doch eine regelmäßige sportliche Betätigung unterstützt die affektive Bildung eines Proteins (BDNF), welches den Hippocampus zur Nervenbildung anregt.

Dies erscheint logisch, denn wenn Stress ein Erbe grauer Vorzeit ist und das ausgeschüttete Adrenalin unseren Körper Flucht- und Kampfbereit macht, so ist eine effektive Bewegung das pragmatische Mittel, um das Adrenalin wieder abzubauen.

Doch körperliche Aktivität allein ist nicht die einzig natürliche Anti-Stress-Maßnahme. Das Waismann Laboratory for Brain Imaging and Behavoir in Madison Wisconsin untersuchte die Gehirnaktivität von etwa einem Dutzend buddhistischen Mönchen. Einer dieser Mönche hatte in der tibetischen Abgeschiedenheit mehr als 10 000 Stunden meditiert.

Innerhalb der Studie überwachten die Forscher die Gehirnwellen dieses Mönchs mit einem Elektroenzephalographen, während seiner Meditation. Dabei wurden Werte von Gammawellen (Hirnaktionsströme) gemessen, die 30-mal so stark waren, wie die gewöhnlicher Studenten. Die Gammawellen werden mit kognitiven Höchstleistungen in Verbindung gebracht.

Das Massachusetts General Hospital führte daraufhin eine ähnliche Studie mit westlichen Meditierenden durch, unter denen sich Anwälte, Ärzte, Journalisten, etc. befanden. Zwar konnte bei keinem der Probanden ein solch effektiver Wert an Gammawellen festgestellt werden, jedoch ergab die Kernspinuntersuchung bei allen - so auch bei Mönchen - eine auffällig dickere Gehirnrinde (Kortex) und somit eine effektivere Regenerationsfähigkeit des Gehirns.

Die Motivation zur Meditation war bei den Probanden unterschiedlicher Natur. Einige fühlten sich zuvor äußerst gestresst und suchten über die Meditation einen Weg, um ihrem Geist Ruhe zu gönnen. Andere wiederum probierten die Meditation aus reiner Neugierde heraus aus. Das Resultat:
Der Überdruck im Kopf wurde durch das Meditieren abgebaut, Psychologen nennen dies eine "achtsamkeitsbasierende Stressreduktion". Die eigene Aufmerksamkeit wird auf das Hier und Jetzt gelenkt und jedes Wegdriften in düsteres Sinnieren wird verhindert. Natürlich bedarf dies einer kontinuierlichen Übung - Doch nach mehreren Wochen steigt die kognitive Belastbarkeit dank regenerierender und neuer Nervenzellen deutlich an.
Man fühlt sich fröhlicher und strahlender. Ergo stellte sich die Meditation ebenfalls als ein faszinierender Ausweg aus der Stress-Falle dar. Ein gestresster Mensch könne somit sein Gehirn regelrecht umtrainieren und so die schädliche Folgen des Stresses vermeiden - sogar bereits geschädigte Regionen des Gehirns regenerieren. Wenn unser Geist unfrei ist, beginnt er zu leiden. Leidet unser Geist, so beginnt auch unser Körper zu leiden.

Die Folgen dieses Leidens werden offensichtlich. Chronischer Stress und die daraus resultierenden Folgen sind - wie die WHO festgestellt hat - eine ernstzunehmende Krankheit. Doch die aufgezeigten Erkenntnisse verweisen darauf, dass kein Mensch obligatorisch Opfer seines gestressten Gehirns sein muss.

Die erste und wichtigste Gegenmaßnahme ist; sich selbst bewusst zu machen, wie Stress entsteht. Dann kann man erkennen, dass man ihn in den Griff bekommen kann und nicht mehr gezwungen ist, den drückenden Vorstellungen seines Geistes folgen zu müssen.

Harry Bejol