Januar 2013


Dieser Artikel von Marta und Micha steht in der Januarausgabe 2013






Ein kleiner Einblick ins polnische Sozialsystem



Waage Foto: CC-BY_Metaphox/Flickr.com

Polen gehört seit Mai 2004 zu den ersten acht osteuropäischen Ländern, die der EU beigetreten sind.

In den ersten sieben Jahren nach dem EU-Beitritt gab es jedoch u .a. auch für polnische Staatsangehörige erhebliche Einschränkungen für den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt.

Damit sollte eine zu große Zuwanderung von Arbeitskräften aus den neuen Beitrittsländern verhindert werden, wodurch es für Arbeitssuchende oftmals nur die Möglichkeit einer sogenannten. Selbstständigkeit gab.

Am 1. Mai 2011 wurden diese Einschränkungen aufgehoben und seitdem können polnische Staatsbürger einer regulären, versicherungspflichtigen Arbeit in Deutschland nachgehen.
In Deutschland zu sein und hier arbeiten zu können, ist für viele Polen ein Traum.
Viele kommen hier her und sind auch mit eher schlecht bezahlten Jobs zufrieden, weil selbst die Niedriglöhne in Deutschland zumeist noch höher liegen als der polnische Durchschnittslohn.
Da der FREIeBÜRGER mittlerweile auch vier polnische Mitarbeiter/innen in seinem Verkäufer-Team hat, dachte sich Marta, eine von ihnen, uns mal einen kleinen Einblick ins polnische Sozialsystem zu geben.
Wenn man in Deutschland z.B. unterhalb einer gewissen Einkommensgrenze liegt, kann man Zuschüsse und Hilfen bekommen.

Und wie läuft das in Polen?

Um Hilfe zu bekommen muss man:

  • Die polnische Staatsbürgerschaft haben
  • In Polen leben.

Wann bekommt man Hilfe in Form von Sachleistungen?

Wenn man als Einzelperson zu wenig Geld hat, kann man Kleidung und/oder Lebensmittel bekommen und bei Familien erhalten die Kinder zusätzlich in der Schule ein Mittagessen. Das gilt für Familien mit einem Einkommen unterhalb von 526,50 Zlotys pro Familienmitglied und bei Einzelpersonen mit einem Einkommen von weniger als 715,00 Zlotys.

FINANZIELLE HILFEN

Arbeitslosengeld:

  • In den ersten drei Monaten der Arbeitslosigkeit erhält man 794,20 Zlotys, für alle darauf folgende Monate 623,60 Zlotys
  • Arbeitslose, die eine Ausbildung machen oder Kurse belegen wollen, erhalten ca. 800,00 Zlotys pro Monat.

Wohngeld: Die Höhe ist abhängig von Einkommen und Wohnungsgröße

  • Als Einzelperson darf man nicht mehr als 1.045,56 Zlotys verdienen
  • Bei Familien darf das Einkommen nicht über 746,83 Zlotys pro Familienmitglied liegen
  • Die Wohnung darf nicht zu groß sein:
  • 1 Person: bis 35 qm
  • 2 Personen: bis 40 qm
  • 3 Personen: bis 45 qm
  • 4 Personen: bis 55 qm
  • 5 Personen: bis 65 qm
  • 6 Personen: bis 70 qm
  • Für jede weitere Person darf die Wohnung 5 qm größer sein.

Kindergeld:

Nach der Geburt bekommen alle Mütter 1.000 Zlotys als einmalige Leistung. Es gibt aber auch noch weitere Leistungen. Wenn die Einkommen nicht höher als 504,00 Zloty pro Familienmitglied liegen und ein Kind nicht älter als 18 Jahre ist, bekommt man pro Monat: 48 Zlotys für ein Kind bis zum 5. Lebensjahr. 64 Zlotys für ein Kind bis zum 18. Lebensjahr. Für Kinder über 18 Jahre, die studieren, kann man noch bis zum 24. Lebensjahr monatlich 68 Zlotys erhalten.

Einmalige Hilfen:

Wenn man mal nicht genug Geld hat, um sich Holz zum Heizen zu kaufen, kann man eine Brennstoffbeihilfe beantragen. Oder es gibt in Notfällen, z.B. nach Auslaufen des Arbeitslosengeldes, die Möglichkeit, dass man die Krankenversicherung bezahlt bekommt. Alles in allem könnte man also meinen, dass die Hilfsangebote in Polen gar nicht so schlecht sind, doch wenn man bedenkt, dass alle hier angegebenen Geldbeträge durch vier geteilt werden müssen, bleibt nicht wirklich viel an Geld übrig – z. B. das max. Arbeitslosengeld von 794,20 Zlotys.

Hört sich erst mal viel an, entspricht aber gerade mal 198,55 Euro.

WAS KANN MAN IN POLEN VERDIENEN?

Zwei Beispiele aus einer typischen Kleinstadt:
Als Lehrer verdient man ca. 1.500 – 3.500 Zlotys brutto pro Monat. (375,00 – 875,00 Euro). Ich selbst habe als Lehrerin nach 9 Berufsjahren 1.670 Zlotys brutto verdient (417,50 Euro) und meine Mutter bekam, im selben Beruf, mit 30 Dienstjahren monatlich 3.000 Zlotys brutto. (750,00 Euro)

Als Verkäufer kann man ca. 1.800 Zlotys brutto (450,00 Euro) im Monat verdienen, wobei viele Menschen, die in diesem Beruf arbeiten, viel weniger Geld bekommen.

UND WIE VIEL KOSTET WAS? Hier ein paar Beispiele:

  • Bei einer normalen Mietwohnung (40 qm) beträgt die Warmmiete in etwa 600 – 1.000 Zlotys. Also 150 – 250 Euro.
  • 1 Liter Benzin kostet 6 Zlotys.
  • Ein Brot kostet 3,50 Zlotys,
  • Milch 2,65 Zlotys,
  • 10 Eier 4,75 Zlotys,
  • Butter 3,20 Zlotys
  • Zucker 3,78 Zlotys.

Bei den alltäglichen Lebenshaltungskosten sind die Unterschiede zum Euro also nicht so groß wie bei den Einkommen und Sozial-Leistungen.Vielen Menschen in Polen reicht ihr Einkommen deshalb zum Leben nicht wirklich aus und sie sind dringend auf Hilfe angewiesen.

Hilfe, die nicht immer einfach zu bekommen ist oder die es in manchen Situationen erst gar nicht gibt. Zum Beispiel:
Man ist arm und das Geld, das man verdient, reicht nicht aus, um die Miete oder das Essen für die Kinder zu bezahlen.

Dann geht man auf die Ämter, und da kann es passieren, dass man Folgendes zu hören bekommt: „Es tut uns leid, aber Sie können keine Unterstützung bekommen, weil Sie 2 Zlotys (50 Cent) zuviel verdienen.“ Oder (was auch öfter mal passieren kann): „Es tut uns wirklich leid, aber diesen Monat haben wir kein Geld mehr“

Tja, und da glauben viele Polen natürlich, dass in Deutschland alles besser ist.
Denn:
Hier gibt es Arbeit, viel besser bezahlt, und wenn man mal in eine Notsituation kommt, wird einem auch geholfen.

Marta & Micha