DER INNERE SABOTEUR

Teil 2: SELBSTAUFMERKSAMKEIT UND ACHTSAMKEIT

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Im ersten Teil von Selbstaufmerksamkeit und Achtsamkeit – Der innere Saboteur – konnte gezeigt werden, dass selbstschädigendes Verhalten durchaus funktional ist und keineswegs ungewöhnlich, schon gar nicht unnormal zu sein scheint.

Es schützt uns vor Selbstzweifeln, die aus einer zu hohen Selbstaufmerksamkeit resultieren können.

Allerdings konnte ebenfalls gezeigt werden, dass sich diese „Schutzfunktion“ durchaus kontraproduktiv entwickeln kann und uns der momentane Schutz des Wohlbefindens sodann in weitaus größere Probleme bringen kann.

Als effektivere Lösungsstrategie wurde die „Selbstachtsamkeit“ genannt, die ohne jegliche Wertung der Gefühle auskommt.

Was kann also die nach innen gerichtete Achtsamkeit bei Menschen bewirken, die zur Selbstsabotage neigen bzw. dem inneren Saboteur hilflos ausgeliefert sind? Und wie funktioniert „Selbstachtsamkeit“ überhaupt?

Achtsam sein bedeutet, eine Art anderes Erleben. Achtsamkeit ist etwas ganz banales und relativ schwer zu erlernen. Stellen sie sich vor, sie sitzen in einem Kino und sehen sich einen Film an. Der Film ist so spannend und mitreißend, dass Sie keine Zeit haben über die soeben gesehenen Szenen nachzudenken.

Sie lassen Szene um Szene einfach auf sich wirken und genießen das. Das ist Achtsamkeit – einfach formuliert. Wenn wir präsent mit dem gegenwärtigen Wahrnehmen und Empfinden verbunden sind, dann sind wir achtsam.

Man schaut sozusagen von außen her auf die eigenen Gedanken. Psychoanalytisch bezeichnet man so etwas als „Defusion“ – Beobachtung der Gedanken. Dabei merken wir, dass wir grundsätzlich Gedanken haben.

Man nennt das auch Gedankenfluss. An manchen bleiben wir haften, denken über sie nach und legen ihnen eine Wertung bei. Manche bekommen wir bewusst gar nicht mit.

Die negative Selbstaufmerksamkeit zwingt uns in Situationen, wie sie im ersten Teil beschrieben wurden, zu Selbstzweifeln und als Resultat daraus, zur Depression, Ängsten oder anderen seelischen Störungen führen kann unser Selbstbild und unser Selbstwertgefühl sind dann durch eine zu hohe Selbstaufmerksamkeit bedroht, was dem inneren Saboteur den Weg zu einem selbstschädigenden Verhalten öffnet, um diese Bedrohung abzuwenden. Wie gezeigt, schafft man dadurch zwar eine kurzfristige Erleichterung durch die Flucht vor seinen Gedanken, sabotiert jedoch auch seine Ziele.

Das schafft keine Ebene, die zu einer effektiven Problemlösung führen könnte. Somit muss man erst einmal erlernen, seine Gedanken und Gefühle zu „erleben“ und im Moment des Gewahrsams zu akzeptieren.

Wer seine Aufmerksamkeit bewusst auf den Gedankenfluss richtet, merkt relativ schnell, wie leicht er dazu verführt wird, an seinen Gedanken anzuhaften und wie schwer es eigentlich ist, diese wahrzunehmen ohne sie zu beurteilen.

Ähnlich wie bei unserer Kinovorstellung: Ist der Film nun zwar gut, aber nicht ganz so spannend und mitreißend, kann man sich oftmals dabei ertappen, dass man über die eine oder andere Szene nachdenkt.

Man hätte sie vielleicht anders machen können – lustiger oder spannender, es wäre vielleicht auch gar nicht schlimm gewesen, wenn sie gar nicht vorhanden wäre oder man denkt vielleicht sogar darüber nach, was man morgen gerne essen möchte und fragt sich sogleich, ob man Hunger hat.

Das ist es, was Achtsamkeit so schwer macht. Den Film zu beobachten, ohne über ihn nachdenken und ohne jede einzelne Szene beurteilen zu müssen. Das betrachten, was geschieht, in dem Moment, indem es geschieht. Dabei tragen wir alle nötigen Aspekte für Selbstachtsamkeit in uns. Eine natürliche Neugierde, Aufmerksamkeit und die Fähigkeit des Staunens über das, was gerade passiert. Achtsamkeit ist erlernbar.

Dabei ist es auch nicht unbedingt wichtig, dass wir alles einfach beurteilungslos beobachten können, denn das bedarf einer großen Achtsamkeitserfahrung. Wenn wir bereits die Fähigkeit erlernen, zu erkennen, wann wir anfangen zu grübeln, wann wir uns selbst kritisieren oder uns unnötig Katastrophen ausmalen, dann sind wir bereits ein ganzes Stück weiter gekommen.

Denn dann können wir uns von den Gedankengängen, von diesem Anhaften an unseren Gedanken, distanzieren und sie verlieren ihre Macht über uns. Haben wir das gelernt, dann müssen wir unsere Gedanken fortan nicht mehr beurteilen, sondern wir können sie beobachten und genießen, was geschieht.

Ein selbstschädigendes Verhalten ist daher nicht mehr notwendig und der innere Saboteur in uns hat keine Möglichkeit mehr, unsere Ziele zu sabotieren. Das schafft Potenzial für neue Kräfte und Möglichkeiten, die zuvor durch negative Gedanken oder Selbstsabotage blockiert waren. Das wiederum könnte Strategien eröffnen, die ein möglicherweise vorhandenes Problem tatsächlich lösen können.

Denn wer Achtsamkeit erlernt hat, wird nicht nur sich selbst gegenüber achtsam sein, sondern auch gegenüber seinem gesamten Umfeld. So erkennen wir oftmals Dinge, die wir vorher nicht sehen konnten, weil wir viel zu sehr mit uns selbst und unseren Problemen beschäftigt waren. Doch wie und wo kann man Selbstachtsamkeit erlernen?

Man könnte sich kleine Inseln schaffen und Übungen machen. Zum Beispiel den eigenen Atem beobachten. Man nimmt sich fünf Minuten seiner Zeit, setzt sich hin und richtet seine gesamte Aufmerksamkeit nach innen, um die eigene Atmung wahrzunehmen. Man atmet ein, man atmet aus, etc. Wird man während der Übung von seinen Gedanken und Problemen abgelenkt, nimmt man das bewusst wahr und kehrt wieder zum Atem zurück.

Denn Atmen ist in diesem Moment alles, was man tut. Man muss nichts leisten und auch nichts verändern. Genauso kann man auch bewusst Tee trinken oder eine Zigarette rauchen. Man tut das, was man gerade tut, bewusst.
Sonst nichts.

Man sollte dann mehrere solcher Inseln über den gesamten Tag verteilen und immer öfters üben. Allein das bewirkt bereits eine Veränderung.

Ebenso kann man auch andere Angebote annehmen, die mit der Praxis der Achtsamkeit arbeiten: zum Beispiel Tai Chi, Yoga oder andere Formen der Meditation. Für jeden Menschen gibt es einen anderen Weg des Lernens bzw. des Erlernens.

Jeder muss für sich selbst den besten Weg finden. Eins bleibt jedoch eine Tatsache: Wer achtsamer durch das Leben geht, sich selbst und andern gegenüber, hat bereits gewonnen.

Wer das nicht glauben kann, dem empfehle, ich diesen Artikel ein weiteres Mal zu lesen. Harry Bejol

Doppelausgabe 2014

Dieser Artikel von Harry Bejol
steht in der Doppelausgabe
August - September 2014