DER INNERE SABOTEUR

Teil 1: SELBSTAUFMERKSAMKEIT UND ACHTSAMKEIT

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Wir alle kennen gute Vorsätze -aufzuhören mit dem Rauchen, das Körpergewicht reduzieren oder mehr Ordnung in den Alltag und den Arbeitsplatz bringen.

Oftmals lang angestrebte und durchaus realisierbare Ziele, die eigentlich auch ernsthaft erreicht werden wollen, für die man sich vornimmt, für die man sich stark genug fühlt - zumindest für den Moment.

Dann verliert man plötzlich die Lust, bedient sich Ausreden und gönnt sich Ausnahmen.

Ebenfalls sind uns jene selbstzerstörerischen Äußerungen und Handlungen von öffentlichen Personen bekannt - jüngst, Peer Steinbrück, der offensichtlich willig genug und ernsthaft das Ziel der Kanzlerkandidatur anstrebte und auf seinem Weg durch Selbstsabotage kläglich versagte.

Oder wie sonst sollte man wohl seine Klage über das zu niedrige Kanzlergehalt verstehen, während ihn seine überhöhten Vortragshonorare ins Gerede brachten? Ein Beispiel von vielen, doch wenn ein Mensch eine für sich ungünstige oder negative Art des Verhaltens zeigt, ob rein verbal oder in seiner Handsweise, betreibt er grundsätzlich eine Selbstsabotage.

Eine fragwürdige Verhaltensweise, die dennoch nicht ungewöhnlich und schon gar nicht unnormal zu sein scheint. Denn wir kennen ihn alle -den Saboteur in uns. Und auch wenn dieser uns in peinliche Situationen bringt, so hat er dennoch eine Funktion, und zwar die Funktion des Selbstschutzes.

Die erscheint paradox. Führt man sich jedoch die psychologische Funktionsweise der Selbstsabotage vor Augen, gewinnt diese Aussage an Klarheit. Oftmals stolpern wir nur gelegentlich über unseren inneren Saboteur, der sich hinter unserer Sorglosigkeit, Opferbereitschaft, einem falschen Durchhaltewille, Aufschieberitis, Perfektionismus, Unzuverlässigkeit oder gar Bescheidenheit versteckt.

Ein in uns wohnender Trieb zur Selbstbestrafung bzw. wahrer Masochismus mag vielleicht auf einzelne Menschen zutreffend sein, allgemein gesehen wäre eine solche Motivation für selbstschädigendes Verhalten jedoch nicht belegbar.

Die Theorie des Selbstschutzes hingegen umso mehr. Selbstschädigendes Verhalten verursacht Probleme und erscheint gern als Begleitung, wenn wir andere, besonders höhere Ziele verfolgen. Streben wir diese an, geraten unser Selbstbild und unser Selbstwertgefühl oftmals durch eine zu große Selbstaufmerksamkeit in Bedrängnis.

Dann denken wir über uns selbst nach, bewerten unsere Fehler, Misserfolge und hegen Zweifel daran, ob andere uns mögen oder nicht. Wir messen uns an Normen und Werten, Wünschen und Idealvorstellungen, die wir selbst für richtig halten und sehen uns dabei von dem "idealen Selbst" weit entfernt.

Die dabei entstehende Distanz zwischen dem "wahren" Selbst und dem angestrebten Ideal ist schwer zu ertragen und wird zu einer ständig drückenden "Last des Selbstseins". Um diese Last zu verringern, bietet sich der innere Saboteur als Ausweg an. Und so öffnet ihm die zu hohe Selbstaufmerksamkeit den Weg zur Sabotage unseres Selbst.

Denn letztlich kann sie für Depression, Ängste oder andere seelische Störungen verantwortlich sein. Das bedeutet, dass wir ein selbstschädigendes Verhalten bzw. die daraus resultierenden Folgen in Kauf nehmen, um uns damit aus dieser schwer belastenden "Grübelfalle" -zumindest kurzfristig -zu befreien und unser Wohlbefinden zu sichern. Dass verschafft uns Entlastung und rettet uns vor Selbstzweifeln. Dann lassen wir uns ablenken und verschaffen uns Handicaps.

Vermasseln wir dann etwas, haben wir dafür Entschuldigungen geschaffen, hinter denen sich der Saboteur versteckt. Anders ausgedrückt bedeutet das: Wir nehmen negative Folgen auf uns, die wir durch unser selbstschädigendes Verhalten verursachen, um uns von den negativen Gefühlen, welche die unüberwindbare Distanz zwischen unserem "wahren" Selbst und dem "Ideal des Selbst" verursachen, zu schützen.

Dieser Ansicht nach werden sogar Peer Steinbrücks selbstschädigende Verhaltensweisen fast schon sinnvoll. Vielleicht hatte er ja die Distanz zwischen dem "privaten Peer" und dem Kanzler Steinbrück als zu belastend empfunden und so kurzfristig den auf ihn lastenden Erfolgsdruck reduziert? Allerdings erwiesen sich die daraus reduzierenden Folgen als wenig zielführend für ihn.

Der Schutz des Selbstbildes ist also durchaus funktional, stellt jedoch eher eine destruktiv gefärbte Problemlösung dar. Stolpern wir, wie bereits erwähnt, nur gelegentlich über unseren inneren Saboteur, wäre das vielleicht noch als akzeptabel anzusehen. Passiert uns das jedoch öfter, wäre es durchaus sinnvoll, eine konstruktivere Lösungsstrategie zu wählen.

Zum Beispiel könnte man die destruktiv wirkende Selbstaufmerksamkeit durch Achtsamkeit verringern. Der Unterschied dieser beiden ähnlich klingenden Bergriffe liegt in der Wertung bzw. Nicht-Wertung. Eine hohe Selbstaufmerksamkeit wird durch Introspektion gefördert: Ein intensives Nachdenken über unsere Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen, welche wir ständig überprüfen und bewerten.

Dies kann sodann schnell dazu führen, dass wir uns für "nicht gut genug" halten. Der unmittelbare Schutz davor führt, wie wir gesehen haben, in die Selbstsabotage. Praktizieren wir hingegen eine "Selbstachtsamkeit", können wir dem eigenen Erleben, den eigenen Gedanken neugierig und offen begegnen, ohne diese zu prüfen und zu bewerten.

Somit wäre die Achtsamkeit auf das Selbst als eine konstruktive Methode anzusehen, um der seelischen Belastung entgegenzuwirken, indem wir lernen, unsere Gefühle und Empfindungen einfach zu tragen. Nehmen wir hierzu ein Beispiel: Angenommen,
Sie fühlen sich einsam, so können Sie introspektiv nach einer Erklärung für Ihren Gefühlszustand suchen, der für Ihre soziale Isolation verantwortlich sein könnte.

So könnte es passieren, dass Sie sich ganz schnell in einem Zustand negativer Selbstaufmerksamkeit befinden und die damit verbundenen Gefühle mit selbstschädigenden Verhaltensweisen dämpfen wollen. Zum Beispiel trinken Sie Alkohol oder nehmen Drogen. Mit Sicherheit wird Ihr eigentliches Problem, die soziale Isolation, dadurch keine effektive Lösung erfahren.

Betrachten Sie Ihre Situation jedoch achtsam, so könnten Sie Ihren Empfindungen ohne jegliche Wertung begegnen und diese zulassen. Wenn es Ihnen sodann gelingt, Ihr Gefühl der Einsamkeit für den Moment zuzulassen, benötigen Sie kein selbstschädigendes Verhalten mehr.

Denn eine Flucht vor Ihrer Gefühlswelt ist nun nicht mehr notwendig. Das Problem Ihrer sozialen Isolation ist zwar unmittelbar noch nicht gelöst, jedoch produzieren Sie keine weiteren negativen Folgen durch selbstschädigendes Verhalten, was Ihnen wiederum neue Möglichkeiten eröffnet Ihr Problem anzugehen.

Harry Bejol

Juli 2014

Dieser Artikel von Harry Bejol
steht in der Juliausgabe 2014