Musik Ein Film von Julian Tyrasa

Die Freiburger erleben gerade am eigenem Leib, wie schwierig es hier geworden ist, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Das Vertrauen in die Politik, die die Möglichkeit hat, diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten, pendelt sich immer mehr bei Null ein. Dieser Film zeigt auf amüsante Weise, dass es mit ein bisschen Glück und verrückten Ideen durchaus möglich ist, Immobilienhaien und deren Lakaien das Wasser zu reichen und sie letztendlich in die Knie zu zwingen.

Der Film spielt im Bezirk Prenzlauer Berg in Berlin, wo die mehr oder weniger an ihren Lebensträumen gescheiterten Hart, Kurt, Frank und Josef die Schnauze ganz gewaltig voll haben, als sie erfahren, dass durch den selbstverliebten und gefühlskalten schwäbischen Investor Dr. Ernst Siebold weitere bezahlbare Wohnraumkomplexe in ihrer Umgebung dem Bau von Luxus Townhouses weichen sollen.

Jetzt, wo sie auch noch mitbekommen, dass auch der in der Nachbarschaft ansässige Kindergarten "Die Räuberbande" der Willkür des Spekulanten zum Opfer fallen soll, wacht in ihnen ihr alter Kampfgeist wieder auf und sie beschließen endgültig, dass etwas getan werden muss, um diesen an der Durchführung seiner Pläne zu hindern. Ein konstruktiver Plan muss her, dessen Umsetzung sich aber als nicht so einfach herausstellt. Das Chaos nimmt seinen Lauf...

Am 05.09. fand in Berlin die Vorpremiere von HARTs5

Geld ist nicht alles

Hallo Herr Julian Tyrasa, wir freuen uns, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview mit uns nehmen konnten. Am 05.09. fand in Berlin die Vorpremiere von HARTs5 statt. Wie ist sie gelaufen?

Die Vorpremiere war für uns alle die erste offizielle öffentliche Vorführung. Dementsprechend nervös waren wir auch. Das ist dann so eine Mischung, dass man sich natürlich erstmal fragt, "kommt der Film gut an?"

Das ist ja das Wichtigste, aber es kommen auch ganz triviale Dinge dazu, z.B. ob alles mit der Technik hinhaut.

Diese Verantwortung, dass da jetzt alles, was man über Jahre hinweg gemacht hat, an einem Abend zusammenläuft, das habe ich in dieser Größenordnung auch zum ersten Mal gespürt.
Es war ein relativ großes Kino, gut besucht, wir waren sehr zufrieden.

Wenn die ersten Lacher bei einer Komödie kommen, dann ist man schon glücklich und denkt: Okay, gut. Es kommt an.
Gerade jetzt, in der heutigen Zeit, wird es immer schwieriger und ist sogar fast unmöglich, auch in Freiburg, bezahlbaren Wohnraum zu finden. War das auch einer Ihrer Hauptgründe als Drehbuchautor und Regisseur von HARTs5 zu versuchen, mit diesem Film einem breiten Publikum auf amüsante Weise aufzuzeigen, dass es noch lange nicht zu spät sein darf und vor allem auch nicht ist, sich gegen diese jetzige Wohnungspolitik mit aller Kraft zu wehren?
Ja, kann man so sagen, und der Gedanke war eben auch nicht, ein Sozialdrama oder eine Dokumentation zu machen, sondern das, was für mich die Engländer und Franzosen so toll können in ihren Filmen, wo die Helden nicht immer Geld haben und nicht immer am Schluss steht: "Jetzt haben wir die Million, jetzt haben wir es geschafft. Jetzt sind wir die Guten".

Es ist ja in der Wirklichkeit oft genau andersherum, zumindest jetzt in Zeiten der Bankenkrisen. Die schlecht bezahlten Berufe sind eigentlich die Wichtigsten.

Zum Beispiel: Berufe im Pflegebereich werden mies bezahlt, während alle Berufe, die Geld hin und her schieben, gut bezahlt sind (jetzt etwas pauschal gesagt).

Da ist ein Grundgefühl der gesellschaftlichen Ungerechtigkeit, das viele Menschen haben. Und das wollten wir nicht mit erhobenem Zeigefinger anprangern, sondern halt als Komödie, um viele Leute zu erreichen.

Was ich daran aus meinem eigenen Leben kenne: Mal kommt genug Geld rein, dann ist man beruhigt für ein paar Monate, manchmal reicht es nur für ein paar Wochen, und manchmal fragst du dich, wie soll ich das eigentlich schaffen?
Das Thema, dass die Helden wenig Geld haben, das ist uns sehr vertraut. Wir wollen uns aber jetzt nicht als Helden darstellen...

Um auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen, also mit dem bezahlbaren Wohnraum oder eben mit dem langsam nicht mehr bezahlbaren Wohnraum, das haben wir in Prenzlauer Berg selbst mitbekommen und sind mittlerweile aus Berlin weggezogen, weil es für uns einfach nicht mehr ging.

Es wurde alles einfach so teuer, dass wir dachten, wir müssten uns so viel ums Geldverdienen kümmern, dass uns die eigentliche, wichtige Zeit fehlt, in unseren Berufen kreativ arbeiten zu können. Unsere Arbeit bringt ja in der Regel erst einmal kein Geld, man hofft halt, dass irgendwann etwas dabei herumkommt.
Diese Frage wurde Ihnen bestimmt schon oft gestellt: Die Produktionskosten lagen unter 5000,- Euro. Wie war das mit einem so kleinen Budget möglich, diesen Film zu drehen und in deutsche Kinos kommen zu lassen?
Rückblickend fragen wir uns das natürlich manchmal auch. Es war uns aber tatsächlich eine klare Grenze gesetzt, dadurch, dass es einfach nicht mehr Geld gab; und auch das war ja Geld, das ich eigentlich mal für meine Rente gedacht hatte. W

enn es mir gelingt, mich als Künstler, na ja, Künstler ist etwas hochtrabend, sagen wir mal: Als "Kreativer" etwas mehr zu etablieren, stecke ich mein Geld lieber in Projekte, die ich für wertvoller halte, als in eine Rentenversicherung, die in Zeiten von Finanzkrisen und Bankenskandalen vielleicht am Ende sogar noch platzt.

Das halte ich für nicht sinnvoll. Ich will jetzt Filme machen. Und darum war auch klar, da sind diese Fünftausend, mehr kann es nicht geben. Wir sind zum Schluss sogar etwas drunter geblieben, weil wir das ganz konsequent von Anfang an allen gesagt haben.

Das Catering z.B. kennt man beim Film sonst ja immer so, dass da ein Riesenwagen angefahren kommt, und man kann zwischen verschiedenen Menues auswählen; bei uns war es halt der Döner an der Ecke. Das war aber auch jedem klar, der da mitmacht.

Das Schöne daran, wenn man für wenig Geld arbeitet, ist, dass man auch merkt, wie viele Leute das gut finden und unterstützen. Wildfremde, zu denen man geht, und sagt:

"Wir haben nicht viel Geld, wir drehen für Fünftausend einen Film. Dürfen wir bei Ihnen drehen?"
Und es gab erstaunlich viele, die das gemacht bzw. erlaubt haben. Als Dankeschön gab es dann eine Flasche Wein oder Pralinen. Mehr hatten wir ja auch nicht. Nochmals ein ganz großes "DANKESCHÖN" an alle diejenigen, die uns in irgendeiner Form geholfen haben.

Es ging auch letztlich nur, weil die Technik in den letzten Jahren digital geworden ist, auch in den Kinos, sonst könnte der Film auch gar nicht in die Kinos kommen. Gedreht auf einer Fotokamera mit Videofunktion, geschnitten auf einem geschenkten Programm der Firma "Magix" und meinem vierhundert Euro teuren Computer.
Nur so ging es.
Diese Sozialkomödie entwickelt von Anfang an ihren ganz eigenen Charme. Endlich wieder ein toller deutscher Film, der ohne große Spezialeffekte auskommt. War die Fertigstellung des Films zu irgendeiner Zeit gefährdet und was waren Ihre größten Hürden, die Sie bewältigen mussten, um den Film letztendlich auch in den Kasten zu bekommen?
Die Endfertigung hat sich halt wahnsinnig hingezogen. In der 5000,-Euro Planung hatte ich ganz übersehen, dass ich ja eigentlich in dieser Zeit auch nebenbei Geld verdienen müsste...

Das darfst du keinem Banker erzählen. Der würde dir wahrscheinlich erst einmal links und rechts eine scheuern und sagen, dass das doch das Erste ist, woran man denken muss.

Bei mir war es halt so, dass ich es einfach verdrängt hatte.

Dass mir das Geld zum Leben und für die Miete fehlt, daran hatte ich vorher nicht gedacht.

So hat sich die Fertigstellung des Films in die Länge gezogen und HARTs5 hätte es fast geschafft, mich in Hartz IV zu drängen.
Also musste ich nebenher Geld verdienen, um über die Runden zu kommen. So gab es immer wieder Drehpausen, die so nicht eingeplant waren.
Wie lange dauerte die Arbeit an dem Film?
Insgesamt drei Jahre, wobei der Dreh sehr schnell ging. Wir waren in drei Monaten fertig und haben dreiundzwanzig Tage gedreht. Normaler Weise dreht man natürlich am Stück. Aber da galt auch wieder, wenn irgendein Schauspieler Geld verdienen kann, dann ermöglichen wir ihm das auch, das heißt, der Drehplan wurde umgestellt, damit die Leute, die eben auch alle das Problem kennen und haben, zwischendurch Geld verdienen können.
Sie haben bestimmt vielen Filmemachern, oder die es noch werden wollen, Mut gemacht sich jetzt an Filmproduktionen mit kleinen Rahmen heranzutrauen. Wo sehen Sie deren größten Probleme, sich diesen "Traum vom eigenen Film" erfüllen zu können und werden junge Filmemacher Ihrer Meinung nach in Deutschland überhaupt ausreichend gefördert?
Die Etablierten werden gut gefördert. Wenn man einmal drin ist oder auf´s Karussell aufspringen konnte, dann ist das schon ein System, das für die Beteiligten gut funktioniert. Allerdings kommt man als Außenstehender so gut wie gar nicht ran.

Das Problem ist, wenn man gefördert werden will, dass man sich bei den eigenen Stoffen um das bemühen muss, was die Förderer gerade suchen.

Meine Wahrnehmung ist, dass Redakteure und Förderer und überhaupt alle, an die man mit einem Stoff herangehen kann, schon ihre Vorstellung haben, wie junges deutsches Kino auszusehen hat. Wenn man da rein passt, okay. Aber wenn nicht, hat man kaum eine Chance. Das war meine Erfahrung in den vergangenen Jahren.

Man setzt halt viel auf Muster, die schon funktioniert haben.
Hat man es als Filmemacher in anderen Ländern Europas, wie zum Beispiel Frankreich, einfacher Filme zu drehen?
Da habe ich keine wirkliche Vergleichsmöglichkeit; aber in Frankreich ist meiner Meinung nach die Bandbreite größer und es somit vielleicht auch einfacher, "Außenseiter"-Filme zu drehen. Ich habe das Gefühl, dass es im deutschen Kino hauptsächlich Komödien gibt, die recht belanglos sind und die keine wirkliche Problematik aufzeigen.

Wir sehen viele junge, aber mit Entsetzen immer mehr ältere Menschen auf den Straßen, die Pfandflaschen sammeln, die betteln oder Straßenzeitungen verkaufen müssen, um über den Monat zu kommen.
Sie haben es mit wenig finanziellem Aufwand geschafft, den Menschen eine zum Nachdenken anregende Sozialkomödie näher und in die Kinos zu bringen, wie auch wir mit begrenzten Mitteln auskommen müssen, um eine monatliche Straßenzeitung zu produzieren, die den Verkäufern helfen und ihnen als Sprachrohr dienen kann. Teilen Sie unseren Eindruck, und wie kritisch sehen Sie die Entwicklung in Deutschland, speziell in Bezug auf die Armut und Obdachlosigkeit?
Ich sehe sie sehr kritisch und als sehr gefährlich an. Und fast noch gefährlicher ist die öffentliche Wahrnehmung: Von meinem Empfinden her ist eine immer größere Verachtung für Menschen spürbar, die wenig Geld haben. Ob sie nun obdachlos sind oder einfach so wenig Geld haben.

Ich sehe mit Erschrecken, wie sich das entwickelt, und dass eben zum Beispiel zeitgleich, wie kürzlich in den Medien zu hören war, die Sanktionen für Hartz IV-Empfänger verschärft werden - und in der gleichen Woche erfuhr man von weiteren Bonuszahlungen für Banker, die die Krise mitverursacht haben! Mit der Neoliberalisierung des Finanzmarktes in den Neunzigern fing das Elend ja an.

Wenn man erlebt, wie sich die Lage zuspitzt, und dann die Politik von den "Leistungsträgern der Gesellschaft" reden hört, dann kann einem schon schlecht werden. Das finde ich sehr schlimm, eine gefährliche Entwicklung, die man nicht ausblenden darf.
Bei mir ist es weniger eine politische als eine humanistische Einstellung, dass man einfach erst einmal den Wert jedes Menschen sehen sollte, und dass der nichts mit dem Einkommen zu tun hat.

Schön finde ich allerdings, dass man eben doch merkt, sei es durch ATTAC oder auch viele, viele kleine Gruppen, gesellschaftlich ändert sich auch gerade etwas. Deshalb habe ich dem Film auch dieses Kästner-Zitat vorangestellt
"Es gibt nichts Gutes - Außer: Man tut es.",
weil ich glaube, das ist das Entscheidende.
Wie dramatisch sich der Unterschied zwischen den Gesellschaftsschichten verhält, blendet die Politik gerne aus. Auf diesem Auge ist die Politik schon ziemlich blind. Security vor der Agentur für Arbeit ist Alltag. Die Gewaltbereitschaft wird sich irgendwann zuspitzen.

Es gibt ja schon die ersten alarmierenden Meldungen, dass Sachbearbeiter mit Messern bedroht werden und sogar getötet wurden. Das ist doch Wahnsinn! Ich glaube auch nicht, dass das die berühmten "verrückten Einzeltäter" sind, sondern ich glaube, das ist eine gesellschaftliche Stimmung, die sich sehr, sehr gefährlich aufheizt.
Insofern sehe ich das Ganze äußerst kritisch und kann nur hoffen, dass sich im Bewusstsein der gesamten Gesellschaft etwas ändert und durchsetzt.
Haben Sie schon einmal eine Straßenzeitung gekauft?
Ja, in Berlin kommt man ja kaum umhin, es gibt ja sogar mehrere. Und da ist es so, wenn ich die Ausgabe schon habe, drücke ich oft den Verkäufern auch nur noch etwas in die Hand, einfach, weil ich den Gedanken dahinter so toll finde.

So was auf die Beine zu stellen finde ich super. Ich finde auch die Straßenmusiker toll, alles, was damit zu tun hat, dass man zeigt, wir können was; nur dass wir nicht in Euer Schema passen, heißt ja nicht, dass wir die Versager sind.

Das finde ich sehr wichtig, denn letztlich ist ja das Entscheidende für jeden Menschen, dass er das macht, was er kann. Habe ich getan und werde ich auch weiter tun, die Zeitung zu kaufen und zu unterstützen finde ich wichtig.
Eine Frage sei noch gestattet. Wann kommt der nächste Film von Ihnen in die Kinos und/oder sind Sie schon in der Planung neuer Filme?
Viele Projekte liegen in der Schublade. Jetzt habe ich gerade in einem Sommertheater im Berliner Umland "Sherlock Holmes - Der Hund von Baskerville!" inszeniert, in einer etwas skurrilen Fassung, in der Holmes der Trottel ist und Watson eigentlich alles macht.

Natürlich, Filme möchte ich auch wieder machen, jetzt warte ich aber erst mal alles ab und beobachte und freue mich, was mit HARTs5 so passiert. Ein großes Glück für mich wäre natürlich, einen zweiten Teil von HARTs5 zu drehen.
Wir bedanken uns für das nette Interview mit Ihnen und wünschen weiter viel Erfolg mit Ihrem Film und dem hoffentlich bald Folgenden.

Keule und Ekki


Ausgabe Juli 2013

Doppelausgabe

Dieser Artikel von Keule und Ekki steht in der Oktoberausgabe 2013


Mit einem Budget von unter 5000,- Euro (keinerlei Förderung, Fernsehbeteiligungen o.ä.) beweist der Filmemacher Julian Tyrasa (Buch und Regie) mit seinem Film




Harts 5 - Geld ist nicht alles",
dass es mit wenig zur verfügung stehenden Mitteln möglich ist, gute Filme zu produzieren.