Augustin Legrand

Legrand

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Filmpartner

Frau Heidl

Auch das Interview mit Frau Heindl vom Paritätische Wohlfahrtsverband liefert Hintergründe über das Filmfestival.





Allein in der Braunen Wüste


Er war die treibende Kraft hinter den Prozessen gegen die Täter von Auschwitz und galt gleichzeitig als Menschenfreund und Befürworter eines humanen Strafrechts. Nun berichtet ein neuer Dokumentarfilm über die außergewöhnlichen Leistungen von Fritz Bauer.

Wer war der Mann, über den seine Weggefährten voller Bewunderung sprachen?

Fritz Bauer war ein einsamer Mensch, das sagen zumindest diejenigen, die ihn kannten. Einsam war er vor allem wegen seiner Arbeit, seinem fortwährenden Bemühen, die Täter des Naziregimes zu überführen und vor Gericht zu stellen.
Dieser unbedingte Wunsch nach Gerechtigkeit isolierte ihn in der Justiz der Nachkriegszeit, die von manchen Zeitzeugen als „Braune Wüste“ beschrieben und von personellen Kontinuitäten zum NS-Staat dominiert wurde.

Gegen die verkrusteten Strukturen eines Apparates, der jene, die sich schuldig gemacht hatten, vielfach eher schützte, anstatt sie zu verfolgen, kämpfte Fritz Bauer unermüdlich und schuf sich damit viele Feinde. Bauer, ein hochbegabter Jurist, war während der Weimarer Republik zum damals jüngsten Amtsrichter aufgestiegen.

Als Mitglied der SPD und Vorsitzender des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“, eines Bündnisses mit dem Ziel, die Republik vor Gefahren vom rechten und linken politischen Rand zu schützen, plante er 1933 einen Generalstreik gegen die Machtübernahme der Nazis, wurde jedoch überführt und festgenommen.

Nachdem er mehrere Monate in einem Konzentrationslager interniert worden war, gelang ihm die Ausreise nach Dänemark. Von dort führte ihn seine Flucht schließlich nach Schweden, wo er Willy Brandt kennen lernte. Anstatt, wie viele andere jüdische Exilanten, Deutschland für immer zu verlassen, kehrte er 1949 nach Braunschweig zurück, wo er Landgerichtsdirektor wurde. 1950 stieg Bauer zum Generalstaatsanwalt der Stadt auf und stellte damit eine Ausnahmeerscheinung in den von konservativen Kräften bestimmten juristischen Kreisen dieser Zeit dar. Bauer, für den der Einsatz für Freiheits- und Menschenrechte und politische Tätigkeit im Sinne einer fortschrittlichen und offenen Gesellschaft immer die Grundlage seiner Arbeit bedeutet hatten, kam mit großen Erwartungen nach Deutschland zurück.

Erschüttert von einer Justiz, die der Diktatur und ihren ungeheuren Verbrechen den Boden bereitet hatte, wollte er den Aufbau eines Rechtssystems unterstützen, das Prinzipien der Menschlichkeit und Gerechtigkeit praktisch verwirklichte. Nachdem zahllose Juristen den Nazis gedient hatten, sah er die größte Gefahr für die junge Bundesrepublik im Fortbestehen nationalistischer Tendenzen. Noch im Exil hatte er sich intensiv mit den Problemen kommender Prozesse gegen Kriegsverbrecher beschäftigt.

Dabei ging es Bauer mit seinem liberalen, humanistischen Rechtsverständnis jedoch nie um die Bestrafung der Täter als bloße Rache, sondern darum, eine grundlegende Rechtsordnung wiederherzustellen, die durch die Gewalt der Nazis verletzt worden war. Nicht zuletzt beabsichtigte er dabei auch die Aufklärung der deutschen Bevölkerung über die geschehenen Verbrechen. „Die Strafe ist ein Mittel“, sagte Bauer, „die Rechtsauffassung des Volkes zu klären und zu vertiefen.“ Immer wieder wandte er sich dabei auch gegen die repressiven Strukturen des damaligen Strafrechts. Die Resozialisierung straffällig gewordener Personen und das psychosoziale Verständnis der Täterpersönlichkeit waren Ansätze, die nicht zuletzt von Fritz Bauer entwickelt wurden. In einem Umfeld, in dem die meisten während des Krieges tätigen Richter und Staatsanwälte ihre Posten zu behaupten gewusst hatten, drang Bauer mit solch mitfühlenden Positionen freilich nur ungenügend durch.

Die Reinigung des Justizsystems war in der Nachkriegszeit nicht gelungen. Selbst Richter, die während dem Terror der Nazis zahlreiche Todesurteile verhängt hatten, waren in der Lage gewesen, ihre Karriere ungestört fortzusetzen – ein Sachverhalt, der Bauer zutiefst empörte. Bereits 1952 hatte er mit dem so genannten „Remer-Prozess“ für überregionale Aufmerksamkeit gesorgt, im Zuge dessen jene Widerstandskämpfer rehabilitiert wurden, die 1944 versucht hatten, Adolf Hitler zu töten. Otto Ernst Remer, ehemaliger Wehrmachtsgeneral und nach dem Krieg Redner der rechtsradikalen SDR, hatte die Hitlerattentäter öffentlich beschimpft und musste sich dafür vor Gericht verantworten.

In einem wortgewaltigen Plädoyer folgerte Bauer, die NS-Diktatur sei „kein Rechtsstaat, sondern ein Unrechtsstaat gewesen.“ Wann immer Menschenrechte verletzt würden, so argumentierte Bauer, sei es die Pflicht des Bürgers, dagegen einzuschreiten. Er formulierte damit ein Widerstandsrecht, das in fundamentalem Gegensatz zum Weltbild vieler damaliger Juristen stand. Remer verhielt sich seinerseits wenig soldatisch und entzog sich seiner Strafe durch Flucht ins Ausland. 1956 wurde Fritz Bauer auf den Stuhl des hessischen Generalstaatsanwalts berufen.

In diesem Amt erlebte er seinen wohl größten Erfolg: Die Frankfurter Auschwitz-Prozesse von 1963 bis 1965. Bauer, dem es gelungen war, in den Besitz zahlreicher wichtiger Dokumente zu gelangen, war infolgedessen die Zuständigkeit im Fall Auschwitz zugeteilt worden. Ihm und seinen Mitstreitern gelang es, zahlreiche der Täter zu lokalisieren.

Bauers detaillierter Vorarbeit und raffinierter Strategie ist der teilweise Erfolg des Prozesses maßgeblich zu verdanken, der zu einem der spektakulärsten der Nachkriegszeit werden sollte und in dessen Verlauf über zweihundert überlebende KZ-Häftlinge aussagen konnten. Entschieden wandte sich Bauer gegen die Erklärung der Angeklagten, sie hätten lediglich „Befehle befolgt“, als sie zahllose Menschen ermordeten. Letztlich wurden jedoch nur sechs Täter wegen Mordes verurteilt.

Die meisten wurden hingegen lediglich wegen Beihilfe belangt. Für Bauer war das eine bittere Enttäuschung. Nicht nur das Urteil an sich, auch die Sympathie, die den Angeklagten aus Teilen der Bevölkerung entgegenkam, widersprach seiner Hoffnung, mit dem Prozess und insbesondere den schmerzvollen Aussagen der Opfer im Zeugenstand, Aversionen gegen das NS-Regime und seinen menschenverachtenden Totalitarismus zu wecken. „Als wir den Prozess konzipiert haben“, sagte Bauer 1964, „gehörte eigentlich die Vorstellung dazu, dass früher oder später einer von den Angeklagten auftreten würde und sagen würde: Herr Zeuge, Frau Zeuge, was damals geschehen ist war furchtbar, es tut mir leid.“

Diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Stattdessen verfolgten den Ankläger von nun an Anrufe und Drohbriefe, in denen man ihn für seine nachdrückliche Verfolgung der NS-Täter beschimpfte. Bauer erschütterten diese Reaktionen tief, so berichteten seine Freunde. Für einen aufgeklärten, liberalen Geist wie Bauer, der 1961 auch die Humanistische Union mitbegründet hatte, die sich bis heute für Bürger- und Menschenrechte einsetzt, war das starre Deutschland der 50er und 60er Jahre vielleicht noch nicht bereit.

Die Veränderungen, die er angestoßen hatte und die ihre Wirkung in vollem Umfang erst in der Zeit nach 1968 entfalten sollten, erlebte er nicht mehr gänzlich mit. Er starb 1968 in seiner Wohnung. Bis heute vermuten manche seiner Weggefährten, dass er ermordet wurde – zu viele Feinde hatte er sich durch sein couragiertes Vorgehen in Deutschland gemacht. „Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland.“, brachte Bauer diesen Umstand nicht ohne Bitterkeit auf den Punkt.

Auch wenn seine, gegen die Täter der Euthanasie gerichteten Ermittlungen nach seinem frühen Tod eingestellt wurden, bleibt Bauers lebenslanger Einsatz für Demokratie und Freiheit doch unvergessen. „Ich möchte eigentlich wünschen“, sagte Bauer einmal und formulierte damit gleichsam sein Grundverständnis als Mensch wie als Bürger, „dass junge Menschen heute vielleicht denselben Traum von Recht besäßen, den ich einmal hatte und dass sie das Gefühl haben, dass das Leben einen Sinn hat, wenn man für Freiheit, Recht und Brüderlichkeit eintritt.“

Ilona Zioks mehrfach ausgezeichneter Dokumentarfilm Fritz Bauer – Tod auf Raten, der mit beeindruckendem Bildmaterial aufwartet, ist also ungleich mehr, als eine Erzählung über die Person Bauers oder eine Abhandlung über fesselnde Ereignisse der Zeitgeschichte. Es ist eine Parabel über Würde und Grundsätze der Menschlichkeit und darüber, „dass es in unserem Leben eine Grenze gibt, wo wir nicht mehr mitmachen dürfen“, um es in den Worten Fritz Bauers zu sagen.

Bildquelle Fritz Bauer: PIERRE-CC-BY-Studio-Harcourt-Paris