Dezember 2011

Dieser Artikel von Micky steht in der Dezemberausgabe 2011



MEHR OBDACHLOSE IN FREIBURG?


Wenn ich in den letzten Monaten durch die Innenstadt von Freiburg gelaufen bin, hatte ich den Eindruck, dass immer mehr arme Menschen auf der Straße sitzen und um Almosen betteln oder mit Sack und Pack die wenigen freien Plätze zum Aufenthalt nutzen. Ging ich abends durch die Kaiser-Joseph-Straße, dann konnte ich feststellen, dass sich in den Geschäftspassagen und Eingängen der Läden Menschen ein Nachtlager bereiten.

unter der Brücke

Ich wohne schon seit über 30 Jahren in Freiburg, aber noch nie sind mir so viele Menschen ins Auge gestochen, die sich auf der Straße einen Schlafplatz suchen müssen. Natürlich kommen mir beim Anblick von Menschen, die sich nachts in einer dunklen, wenn möglich von Regen und Wind geschützten Ecke ihr Nachtlager aufschlagen, einige Fragen in den Kopf. Warum gibt es in einem immer noch sehr wohlhabenden Land Menschen, die kein Obdach haben?

Was läuft in dieser Gesellschaft falsch?

Eine noch immer stattliche Anzahl von Mitbürgern ist ja der Ansicht, „dass bei uns ja niemand auf der Straße leben müsste“. Noch immer glauben viele daran, dass unser Sozialsystem den Fall nach ganz unten auffangen würde. Viele lesen von Einrichtungen wie dem Ferdinand-Weiß-Haus oder von Notunterkünften, wo man günstig übernachten kann. Viele Menschen machen sich keine Gedanken über den Alltag, erfahren wenig über die komplexen Probleme, welche die Betroffenen aus der Bahn geworfen und in das harte Schicksal der Obdachlosigkeit geführt haben.

Für Betroffene ist die Obdachlosigkeit oft das Ende eines schwierigen und mit Problemen belasteten Weges, am Anfang des sozialen Abstiegs lagen z.B. der Verlust der Arbeitsstelle, eine langwierige Krankheit oder ein persönlich schwer zu verkraftender Schicksalsschlag. Und in einer Umwelt, in der immer mehr Menschen die steigenden Belastungen in der Arbeitswelt und wachsenden Anforderungen im Alltag meistern müssen, da gibt es auch immer mehr, die sich überfordert und ausgebrannt fühlen, einfach nicht mehr reibungslos im Sinne der Familie, des Umfeld oder des Arbeitgebers „funktionieren“.

Vielen Bürgern sind die gestiegenen Belastungen des Einzelnen durchaus auch durch eigene Erfahrungen bekannt, jedoch gilt einigen der an der Ecke sitzende bettelnde Obdachlose auch als Zeichen für das selbstverschuldete Scheitern in unserer Gesellschaft. Viele Passanten halten sich an dem Glauben fest, dass sie so ein Schicksal nie treffen kann, sie wollen sich deshalb auch nicht soviel mit den Gescheiterten befassen, je weiter weg man von solch einem Leben auf der Straße ist, umso besser.

Aber nicht nur Gleichgültigkeit schlägt den Obdachlosen entgegen, von manchen Mitbürgern werden sie auch beleidigt, angegriffen oder ihr Besitz wird zerstört. Noch immer gibt es Teile in der Bevölkerung, die der Ansicht sind, dass einige Menschen nur zu faul sind, um arbeiten zu gehen oder halt einfach „Haus & Hof versoffen“ haben. Diese „einfache“ Sicht der schwierigen Lage führt immer wieder auch zu Gewalt gegenüber Obdachlosen. Auch in Freiburg gibt es immer wieder Übergriffe, besonders durch Rechtsradikale oder Jugendliche, auch hier sind schon Obdachlose verprügelt oder deren Platte angezündet worden.

Erst vor ein paar Tagen berichtete mir ein Straßenpunker, dass sein gesamtes Hab und Gut abgefackelt worden ist. Für die meisten Bürger in Deutschland ist es wohl unmöglich, sich vorzustellen, wie hart und schwierig das Leben von Obdachlosen sein kann. Während sich Otto Normalbürger morgens nach dem Klingeln des Weckers zur Morgentoilette in sein Badezimmer zurückzieht, wacht der Obdachlose leicht fröstelnd in seinem Kokon aus mehren Decken und Schlafsäcken unter dem Vordach einer Mehrzweckhalle auf.

Schon morgens kommt der Hausmeister und besteht darauf, dass bis zum Beginn des Unterrichts in der angrenzenden Schule die nächtliche Ruhestätte aufgeräumt und die Obdachlosen verschwunden sein sollen.

Nun beginnt für den Wohnungslosen ein Tagesablauf zwischen Betteln, einem Kaffee in einem Tagestreff, dem Besuch der Tafel, einem Besuch beim Arzt…etc. Duschen oder das Waschen der Klamotten ist für Betroffene fast nur in den Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe möglich.

Viele alltägliche Arbeiten, wie das Wäsche waschen, für die ein Mensch mit Wohnung nur einige Schritte durch seine Räume hin zur Waschmaschine machen muss, können für den Obdachlosen eine zeitaufwendige Aktion werden.

Außerdem führt das Fehlen eines Rückzugspunktes, wo man sich total sicher fühlt, zu ständiger Anspannung. Wenn man nachts draußen liegt, ist man schutzlos der Witterung, aber auch möglichen Angriffen ausgeliefert. Oft ist es der „Schlummerdrunk“, ein tiefer Schluck aus der Weinpulle, der einem die nötige „Bettschwere“ gibt, die dunklen Gedanken vertreibt und so einen kurzen Schlaf unter diesen widrigen Bedingungen zulässt. Besonders der Winter ist eine harte Zeit für die Obdachlosen. Viele räumen dann ihre Schlafgelegenheiten im Freien und nehmen dann oft die Angebote der Notübernachtungen an.

Allerdings sind viele mit den Schlafangeboten der Stadt unzufrieden. Sie sind der Ansicht, dass es mehr Angebote für Betroffene mit Hund oder auch für Pärchen geben sollte. Für viele Menschen auf der Straße ist ihr vierbeiniger Freund das wichtigste Bezugswesen in ihrem Leben. Da ist es durchaus verständlich, dass manche lieber mit ihrem Hund draußen nächtigen als ihn irgendwo zurück zu lassen.
Auch vermissen viele in den Übernachtungseinrichtungen jemanden, mit dem sie über ihre Probleme reden können. Oft ist dort nur ein Hausmeister, der schaut, dass alles seinen einigermaßen geregelten Gang geht. Betreuung oder konkrete Hilfe bei Problemen – das kann man auch in der Notaufnahme in der Haslacher Straße nicht erwarten.

Auch wenn die Hilfsangebote aus Sicht der Betroffenen nicht optimal sind, sind die meisten doch froh, dass es die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe gibt und nehmen diese Angebote auch an. Natürlich gibt es auch diejenigen, die sich mit ihrer Situation schwer tun und die vor lauter Scham oder falschem Stolz versuchen, sich ohne fremde Hilfe durchzuschlagen. Dennoch haben Einrichtungen wie das Ferdinand-Weiß-Haus oder die Pflasterstub’ regen Zulauf.

Ich wollte von einigen Obdachlosen wissen, ob deren Anzahl zunimmt. Leider bewegen diese sich oft im gleichen Umfeld, oft im Schutz einer festen Clique, besuchen oft täglich die gleichen Einrichtungen und haben einfach keinen Überblick über die gesamte Obdachlosenszene. Aber wer hat die schon? In Freiburg geht man von ca. 700 Wohnungslosen aus. Davon leben wohl zwischen 10 und 20 % auf der Straße, andere sind bei Freunden oder in städtischen Übernachtungseinrichtungen untergekommen. Die Dunkelziffer liegt wohl wesentlich höher

Um zu wissen, ob die Anzahl von Menschen ohne Obdach ansteigt, setzte ich mich nun mit den Hilfseinrichtungen in Verbindung. Eine starke Zunahme von Besuchern konnte weder das Ferdinand-Weiß-Haus noch die Pflasterstub bestätigen, auch bei Frei-Raum konnte man nur phasenweise einen Anstieg der Besucher feststellen. Es ist natürlich klar, dass sich bei kalter Witterung mehr Menschen in den Tagesstätten aufhalten, einen generell starken Anstieg der Betroffenen wollte mir niemand bestätigen. Allerdings räumt die Pflasterstub ein, dass sie schon länger feststellt, dass die Anzahl neuer Gäste zunimmt. Und den „Freunden der Straße“ fällt auf, dass immer mehr junge Menschen zu ihren Sonntagstreffs kommen.

Auch Marc Disch, Streetworker vom KontaktNetz, kann nicht bestätigen, dass die Anzahl der Obdachlosen unter seinem Klientel zunimmt. Er definiert aus seinen Erfahrungen die von Obdach- und Wohnungslosigkeit betroffenen und mit „Sack und Pack“ in der Stadt sichtbaren Personengruppen wie folgt:

  • Menschen mit Doppeldiagnose, also meist langjährigen Suchterkrankungen und gleichzeitigen psychischen Erkrankungen. Körperliche Vernachlässigung bis hin zur Verwahrlosung, sozial abweichendes Verhalten, eine Vielzahl (oft unbehandelter) physischer Erkrankungen ergeben gemeinsam mit Überschuldung, Straffälligkeit,... sog. Multiproblembelastungen. Außerhalb der Angebote der institutionalisierten Wohnungslosenhilfe sind diese Menschen praktisch chancenlos
  • Auch Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit „alleine“ genügen, um Obdachlosigkeit zu verursachen bzw. die Beendigung zu verhindern. Solange der Suchtdruck das Leben und den Tagesablauf bestimmt, fehlt die Motivation, auch nur einfachste Erledigungen zu bewältigen, geschweige denn, Verantwortung zu übernehmen.
  • EU-Ausländer, v. a. aus osteuropäischen Ländern. Oft nach Krisensituationen (Trennung/Scheidung, Straffälligkeit, Arbeitsplatzverlust) oder aufgrund einer Suchterkrankung quasi „auf der Flucht“ meist planlos in Freiburg gestrandet. Grund ist meist irgendein entfernter „Kumpel“ oder die angebliche Arbeitssuche.
    Da BürgerInnen der neuen Beitrittsstaaten (außer Bulgarien und Rumänien) seit dem 01.05.2011 die uneingeschränkte Arbeitnehmerfreizügigkeit genießen, ist der Aufenthalt mit einem gültigen Ausweis legal; es bestehen jedoch keine Sozialleistungsansprüche, sofern darin der Einreisegrund liegt oder die Arbeitssuche unterbleibt bzw. erfolglos ist
  • EU-Ausländer, v. a. aus osteuropäischen Ländern, die dort zwar von Arbeitslosigkeit betroffen, aber sonst in stabilen sozialen Bezügen leben. Diese reisen oft in der Herbst-/Winterzeit als Einzelpersonen in die westlichen Metropolen, um hier durch „stilles Betteln“ die Existenz zu sichern. Meist äußerst unauffällig im Verhalten nächtigen diese Personen ebenfalls im öffentlichen Raum. Damit meine ich übrigens nicht die organisierten Banden...
  • Psychisch kranke Menschen, die von z.B. Schizophrenien, Wahnvorstellungen, Verfolgungsängsten betroffen sind. In Folge fehlender Krankheitseinsicht wird psychiatrische Behandlung verweigert. Meist als Einzelgänger umherziehend, lehnen diese Menschen auch soziale Hilfen ab, da diese als Teil des „feindlichen Systems“ (Geheimdienste, Vatikan, kosmische oder göttliche Mächte) in die Wahrnehmung eingebaut werden.
    Umso mehr fällt die Existenz der Betroffenen im öffentlichen Raum auf, z.B. durch scheinbar wahlloses Umherirren, Mitführen von Gepäckbündeln, Einkaufs- oder Kinderwagen mit Habseligkeiten, zerlumpte Kleidung, zerfetzte oder fehlende Schuhe bzw. unangemessene Kleidung im Winter, Wühlen in Mülltonnen, stundenlanges Sitzen auf Parkbänken, auffälliges Nächtigen im öffentlichen Raum auch im tiefsten Winter oder Rückzug in Nischen (öffentliche WCs, Wartebereiche in öffentlichen Einrichtungen, Treppenhäuser und Keller von Häusern mit unverschlossenen Eingangstüren).
  • Auf Sack und Pack sitzen aber immer wieder auch Menschen, die zwar eine Unterkunft haben, aber aus Gewohnheit, zur Sicherheit („Ich weiß nicht, ob ich heute vielleicht woanders pennen will“) oder weil es beim Schnorren besser kommt, ihr Gerödel mit sich führen. Extrem schwierig ist es für Obdachlose und deren Unterstützer Wohnraum zu finden.
  • Der Wohnungsmarkt ist in Freiburg sehr angespannt, sowohl Privatvermieter als auch Wohnungsgesellschaften können sich die Mieter aussuchen. Selbst viele neue Studenten in Freiburg suchen zu Semesterbeginn verzweifelt eine Wohnung. Schuld an der Situation ist das Fehlen von bezahlbarem Wohnraum.
    In vielen Stadtteilen ist eine Umwandlung der Viertel zu beobachten. Ehemals erschwinglicher Wohnraum wird unter anderem von Immobilienunternehmen aufgekauft, saniert und erheblich teurer weiter vermietet. Dies wirkt sich wiederum auf die anderen Wohnungspreise des Viertels aus.
    Die Viertel werden also preislich „aufgewertet“ und ehemals bezahlbarer Wohnraum verschwindet (z.B. im Heldenviertel). Besonders problematisch sehen viele auch die niedrigen Mietsätze, die bei ALG II in Freiburg gewährt werden. Nicht nur der Runde Tisch zu den Auswirkungen der Hartz IV-Gesetze in Freiburg kritisiert schon lange die Höhe und fordert eine deutliche Anhebung der Mietpauschale für Bezieher von Hartz IV.
    Für die knapp 300,- Euro im Monat ist es äußerst schwierig, eine Bleibe zu finden, wenn man dann noch unter psychischen bzw. Sucht-Problemen leidet, ist es fast unmöglich, ein Zimmer/eine Wohnung zu bekommen. Insgesamt ist die Wohnungslosenhilfe in Freiburg gut ausgebaut, allerdings gibt es auch hier einigen Verbesserungsbedarf.

Marc Disch vom KontaktNetz führt dazu folgende Punkte auf:

  • Sozialdienst in der Städt. Notübernachtung
  • Alternativen bzw. Ergänzungen zu den (halbstationären) Hilfen nach §67 SGB XII (Erika-Kramer-Haus, St. Gabriel) – entweder als Anschluss, oder für solche Betroffenen, die eigentlich zu fit für eine 67er sind
  • Aufnahmeeinrichtung für junge Wohnungslose (18-25 J.), die in den bestehenden Einrichtungen evtl. zusätzlichen Gefährdungen ausgesetzt sind (Kontakt zu chronischen Trinkern, Drohungen, Gewalt,...)
  • Ausbau der Sozialen Wohnbegleitung, um drohenden Wohnungsverlust durch frühzeitige Hilfeangebote (auch aufsuchend und vor Ort!) zu vermeiden bzw. (ehemals) wohnungslosen MieterInnen Unterstützung unterhalb des Betreuten Wohnens anzubieten. Dies steigert auch die Bereitschaft potenzieller VermieterInnen, sich auf ein „Risiko“ einzulassen, da bei auftauchenden Schwierigkeiten eine kompetente Ansprechperson zur Verfügung steht
  • Ausreichend günstige Wohnungen: einfach ausgestattete und bezahlbare 1- bis 2-Zimmer-Appartments (35-60 m²) für Alleinstehende und Paare, in kleineren Wohneinheiten dezentral über die Stadt verteilt – also keine „Sozialghettos“!
    Das reduziert Vorbehalte sowie Konfliktpotenziale innerhalb und außerhalb, fördert also auch die Akzeptanz in der Nachbarschaft
  • Einrichtung einer niederschwelligen, medizinischen Ambulanz für wohnungs- und mittellose Menschen, die evtl. auch aufsuchend tätig wird. Das Angebot der Sprechstunden in FWH und Pflasterstub’ v. a. in Person von Christian Schmitthenner reicht längst nicht mehr aus
  • Tagesaufenthalt in geschützten Räumlichkeiten in den Nachmittags- und Abendstunden, sowie an Feiertagen und Wochenenden Nachdem ich mit Betroffenen geredet und mich mit einigen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe ausgetauscht habe, muss ich feststellen, dass es wohl derzeit keine Zunahme von obdachlosen Menschen in Freiburg gibt.
    Allerdings nimmt die Anzahl von Menschen, die wenig verdienen und/oder ihren Lohn durch das Jobcenter aufstocken lassen müssen, zu. Für viele Menschen wird es immer schwieriger, die oft sehr hohe Miete aufzubringen.
    Ohne preisgünstigen Wohnraum kann man weder Obdachlosen wieder eine Bleibe geben, noch gewährleisten, so dass in Zukunft nicht mehr Bürger in Freiburg ihre Wohnung verlieren. Jetzt im Winter ist eine besonders harte Zeit für Obdachlose.
    Ich wünsche mir, dass sich mehr Menschen Gedanken darüber machen, wie schwierig und hart der Alltag für diese Menschen ist und in Zukunft diesen Menschen mit mehr Menschenwürde und Verständnis begegnet wird.

Micky