Januar 2012

Dieser Artikel von Uli steht in der Januarausgabe 2012



NICHTS, WOMIT MAN REICH WERDEN KÖNNTE...


Seit ein paar Jahren – mit der Einführung von Hartz IV im Januar 2005 – ist die Zahl der Menschen, die Pfandflaschen sammeln, um sich damit ein paar Euro dazuzuverdienen, stark gestiegen. Es sind längst nicht mehr nur Obdachlose, sondern heute sind es immer mehr Hartz IV-Empfänger, Geringverdiener und Rentner, die sich auf die Suche nach Leergut begeben.

Flaschensammler Foto: SCC - BY - SA - zeitfixierer / Flickr.com

Dies ist mittlerweile nicht nur ein Phänomen der Großstädte, sondern auch in den kleineren Städten gehören diese Pfandjäger zum Alltagsbild dazu. Viele ältere Menschen – die mit ihrer geringen Rente gerade mal so überleben können – versuchen sich so etwas anzusparen, um den Enkelkindern mal ein Eis oder einen Kinobesuch spendieren zu können.

Oder Günter, ein Pfandjäger aus Freiburg, der mit dem Flaschensammeln seinen Hund versorge n kann, ansonsten müsste er ihn abgeben. Er schätzt, dass tagtäglich ungefähr 80 Pfandsammler in Freiburg unterwegs sind. Die Reviere sind – damit man sich nicht in die Quere kommt – aufgeteilt. Seiner Meinung nach ist Freiburg noch überschaubar, man kennt und respektiert sich untereinander und von daher kommt es hier noch nicht zu Revierkämpfen, wie es leider schon in einigen Städten vorgekommen ist.

Am Anfang kostet es schon einiges an Überwindung in den Mülleimer hineinzugreifen, ob dort eventuell Leergut verborgen ist und die Flaschen dann herauszuholen. Glücklicherweise stellen einige Menschen die Flaschen bewusst neben die Mülleimer, um dadurch den Sammlern das Herumsuchen in den Abfalleimern zu ersparen. Die Pfandsuche ist auch abhängig von der Witterung. Im Sommer sitzen die Leute gerne in den öffentlichen Parks, grillen und trinken. Das Leergut bleibt danach meistens liegen und dann lohnt es sich schon beispielsweise im Seepark eine Runde zu drehen um die Flaschen einzusammeln. Dafür ist die Ausbeute in den kälteren Jahreszeiten wesentlich geringer. 

 Glückstage im Leben eines Pfandsammlers sind Großveranstaltungen, denn auch hier kann man mit einem relativ geringen Zeitaufwand eine ganze Menge Leergut einsammeln. Bei Bundesligaspielen stehen z.B. in Berlin etliche Pfandsammler mit einem Einkaufswagen vor dem Stadion, um die Menge von Flaschen einzusammeln. Für viele Fußballfans ist dies ein gewohntes Bild und deshalb legen sie das Leergut direkt in die Einkaufswagen hinein. Solche Ereignisse sind, wie schon erwähnt, die Ausnahme im Alltag eines Flaschensammlers.

So richtig reich wird damit keiner von ihnen, denn um 10 Euro am Tag zu verdienen, muss ein Flaschensammler beispielsweise 125 Glasflaschen für 8 Cent Pfand pro Flasche sammeln. Man kann sich vorstellen, welche Wege er dabei zurücklegt und wie viel Zeit ein Sammler damit verbringen muss, um solch eine Tageseinnahme zu erreichen. Mit viel Glück findet er dabei ein paar der begehrten Plastikflaschen oder Dosen zu 25 Cent das Stück, aber dies kommt eher seltener im Alltag eines Flaschensammlers vor.

Jonas Kakoschke, ein Berliner Kommunikationsdesign-Student, betreibt seit Mitte 2011 die Internetplattform www.pfandgeben.de. Die Idee dazu kam ihn als er mit Freunden zusammen beim Bier in seiner WG saß und als er eine leere Flasche in der Hand hatte. „Wäre doch lustig“, dachte er sich, wenn die Pfandflaschen von zu Hause abgeholt werden würden.“ (Spiegel online 28.7.2011). Als an seiner Hochschule das Projekt „von analog zu digital“ entstand, setzte er dies mit seiner Internetseite in die Realität um.
Auf dieser Seite kann sich der Flaschensammler mit Vornamen und seiner Handynummer registrieren und dieses Angebot inzwischen bundesweit nutzen. Die Leergutbesitzer können auf der Seite nachschauen, wer z.B. in Freiburg die Flaschen bei ihm abholt. Der Anbieter muss allerdings mindesten 20 Flaschen zur Abholung angeben, ansonsten heißt es: „Sorry, aber wir denken, dass das zu wenig Flaschen sind, um extra jemanden zu dir kommen zu lassen“.

Die ersten Flaschensammler hat er in Berlin noch persönlich auf der Straße angesprochen und war erstaunt, dass sie seine Idee positiv aufgenommen haben. Kakoschke bittet auf seiner Seite die Nutzer, gebrauchte Handys und SIM-Karten an die Sammler zu spenden, denn nicht jeder hat das dafür notwendige Handy. Weiterhin bittet er die Besucher seiner Webseite darum, in ihrer Stadt die Pfandsammler direkt anzusprechen, um sie auf seine Homepage aufmerksam zu machen.

 Die Kritik des Spiegels: „(...) dass in seinem Projekt Leute, d ie keine Wahl haben, den Faulen das Tragen abnehmen“ lässt er nicht gelten. „Wenn mir jemand vorwirft, dass sich reiche Leute ihren Müll abholen lassen“, kontert er, „dann kann ich nur sagen, dass mir das Feedback der Sammler wichtiger ist“. Für ihn stellt sich eher die Frage, ob es nicht erniedrigender ist, wenn jemand neben ihm im Müll wühlt?

Kakoschke weiß nicht, wie viele Flaschen durch seine Homepage den Besitzer gewechselt haben und auch nicht, wer mittlerweile die Sammler sind. Hier setzt meine Kritik an. Ist es wirklich die anfangs erwähnte Rentnerin, die seine Idee nutzt?

Ich bezweifle dies, denn sie müsste wissen, dass es diese Homepage gibt und dann auch noch Zugang zum Internet haben, um sich dort registrieren zu lassen. Des Weiteren müsste sie um dieses Angebot zu nutzen, auch noch sehr mobil unterwegs sein. Von daher ist es nicht ganz auszuschließen, dass es sich bei den Sammlern um Menschen handelt, die sich damit beispielsweise den Sprit fürs Auto finanzieren, die trifft man mittlerweile nämlich auch auf Großveranstaltungen.

 Eduard (Eddy) Lüning könnte solch ein Mensch sein, der das Internet fürs Flaschensammeln nutzt. Er hat ein Buch mit dem reißerischen Titel: „Mit Dosenpfand zum Wohnmobil – 13.000 Euro Flaschenpfand in 30 Tagen“ www.at-edition.de geschrieben.

Im Juni 2010 fährt Lüning mit seinem alten Ford Kombi los, um in 30 Tagen auf 10 Musikfestivals das große Geschäft mit dem Leergut zu machen. Seiner Meinung nach sind die Campingplätze für die Festivalbesucher „fast mit Pfand gepflastert und pro Dose gibt es 25 Cent“. Bierglasflaschen, dafür bückt er sich erst gar nicht, denn die bringen nur 8 Cent, sind ihm zu sperrig und zu schwer.

In dieser Zeit durchkämmt er unermüdlich die Zeltplätze und fragt die Leute, ob sie ihm die leeren Dosen geben. Er stopft sie in seine Plastiksäcke, stellt fest, dass die Dosen zu viel Platz verbrauchen und deshalb schüttet er alles wieder aus. Damit die Sammelei effektiver ist, fährt er mit dem Auto die Dosen platt. Jetzt passen anstatt 40 über 100 Dosen in einen Sack. So etwas nennt man rationelles Arbeiten. Er rechnet dem Leser vor, wie viel Kohle auf solchen Festivals zu verdienen ist. Er beschreibt auch, dass es dort Menschen gibt, die das Leergut einsammeln und dann pro Sack für 5 bis 10 Euro an andere weiter verkaufen, weil sie sich die Mühe des Schlangestehens ersparen möchten.

 Die Beschäftigten an der Leergutannahme sind über die zerbeulten Dosen und Mengen an Pfand nicht erfreut, denn das muss alles von ihnen per Hand gezählt werden. Für sein Meisterstück beim Wacken-Festival dauerte die Zählerei eine gute Stunde, schreibt er in seinem Buch.

Rücksichtnahme auf das Personal ist für Lüning ein Fremdwort – ihm geht es nur ums Geld! Sollte ein Geschäftsführer die Annahme verweigern, droht Lüning ihm mit der Deutschen Pfandordnung, die ihn gesetzlich dazu verpflichtet, das Leergut anzunehmen. Damit ihm auch wirklich jeder glaubt, dass er dieses Geld zusammengesammelt hat, sind im Anhang des Buches alle Pfandzettel akribisch als Beweise abgebildet.

 Lünings großkotziger, persönlicher Erfahrungsbericht ist für die meisten Pfandsammler ein Schlag ins Gesicht. Diese Menschen können sich kein Fahrzeug leisten und sie werden auch nicht das Geld für die Campingplatzgebühren haben, um seine Idee in die Tat umzusetzen.

Solch ein Buch braucht kein Mensch und es ist schade, dass dafür sinnlos Bäume sterben mussten.

 Auch aus Freiburg gibt es mittlerweile für Pfandsammler eine Internetseite für das gesamte Bundesgebiet, die nach dem gleichen Prinzip funktioniert: www.pfandflaschen-sammeln.de

 Uli