DIE ANGST ZU VERGESSEN

Am 7. Mai 2011 nahm sich der junge Playboy, Fotograf, Geschäftsmann und Kunstsammler, Gunter Sachs, mit 78 Jahren das Leben.
Auf seinen eigenen Wunsch hin wurde sein Abschiedsbrief veröffentlicht.

Die selbst gestellte Diagnose – Alzheimer.
Sein gewählter Ausweg –
der Suizid.

Die Wirkung seiner Worte – eine zeitweilige Auseinandersetzung mit einer unheilbaren Krankheit in der medialen Öffentlichkeit.

Und was bleibt?
Wer an Alzheimer erkrankt, wird mit der Tatsache konfrontiert, dass er früher oder später grundsätzlich auf die Fürsorge anderer angewiesen sein wird. Nach heutigem Stand der Medizin ist ihr Verlauf unheilbar, ihr Beginn oft unmerklich und das Ende unausweichlich.

Dabei ist es nicht das Ende, welches die Furcht vor der Diagnose schafft. Es ist die Angst vor dem Vergessen und auch die Angst davor, dass man vergessen wird. Ca. 1,2 Millionen Menschen sind deutschlandweit an Demenz erkrankt.Etwa zwei Drittel von ihnen an Alzheimer.

Ich sehe in den Spiegel
entgegen starrender Augen
ohne Tiefe, voller Angst.

Ein Gesicht in Falten gebettet
mit Lippen, die nicht sprechen.

Stille, die entgegentritt
als unertrgliches Gerusch.

Das Haar ergraut, die Haut erblasst
mit schwarzen Flecken gefrbter Wellen, mit Lippen, die nicht sprechen.

Ein Gesicht in Falten gebettet.
Und ich frage mich,
ob ich dich kenne?

HB

Die Furcht davor seine geistigen und emotionalen Fähigkeiten zu verlieren und als Pflegefall zu enden ist groß. Diese Angst drückte auch Gunter Sachs in seinem Abschiedsbrief aus und entschied sich dafür, ihr auf seine Weise zu begegnen.

Doch ist diese Krankheit wirklich ein auswegloses Schicksal, für das es nur einen Ausweg gibt, ihm zu begegnen? Es steht niemanden zu, Richter über den Freitod eines anderen zu sein. Jedoch ein Urteil darüber, ob ein Leben mit Alzheimer lebenswert sein kann, sollte sich jeder bilden können.

Und eigentlich sollte in unserer heutigen Gesellschaft die Antwort darauf klar sein: Ein Leben mit Alzheimer kann durchaus lebenswert sein. Denn sie ist keineswegs als eine ausweglose Krankheit anzusehen.

Der unausweichliche Verlust der geistigen und emotionalen Fähigkeiten lässt uns nicht zu einem bloßen Etwas werden, sondern zu einem Menschen, einer Persönlichkeit, die in der geborgenen Obhut anderer ein lebenswertes Leben führen kann.

Das allerdings setzt voraus, dass die Gesellschaft und auch andere Personen, wie zum Beispiel Familie und Freunde, sich dem betroffenen Menschen annehmen. Doch leider entspricht die allgemeine Annahme, dass gerade der Verlust über die Kontrolle des „Geistigen“ eine Art von „Entmenschlichung“ nach sich zieht.

Eine Sichtweise, die sich wohl in unsere heutige funktional gesteuerte Leistungs- und Wissensgesellschaft als ein verengtes Gedankenmuster eingeschlichen hat – Der Mensch als genuin vernunftbegabtes Wesen.

Dabei wird es leicht vergessen, dass der Mensch zugleich auch ein sinnliches und emotionales Lebewesen ist – Ein animal rationale, so die klassisch menschliche Definition Aristoteles. Vernunft und Sinnlichkeit sind untrennbar miteinander verbunden.

Ein Mensch, der seine geistigen Fähigkeiten verloren hat, ist dennoch in der Lage, seine Wünsche und Bedürfnisse mitzuteilen. In einem Essay von Prof. em. Dr. Ekkehard Martens (2001) heißt es dazu:

„Mimische oder gestische Äußerungen eines dementen Patienten können und müssen als dessen Willensäußerungen verstanden werden, zum Beispiel bei der Nahrungsaufnahme, der Mobilität und der Körperhygiene“.

Dennoch wird kritisiert, dass selbst wenn man als an Alzheimer erkrankter Mensch sinnlich zufrieden weiterleben kann, nicht leugnen könne, dass das letzte Stadium dieser Krankheit zum völligen Verlust der eigenen Kräfte führt.

In diesem Stadium würde man sodann unweigerlich zu einem Pflegefall ohne Selbstbestimmungsrecht werden. Und wie sollte man nun als „unmündiger Pflegefall“ in der Obhut anderer ein lebenswertes Leben führen? Diese Frage ist in der Tat nicht leicht zu beantworten, da es darauf ankommt, wie man Mündigkeit und Autonomie versteht.

Begreift man diese etwa als eine uneingeschränkte „geistige Kontrolle“ über das eigene Leben, so muss die Kritik wohl als gerechtfertigt angesehen werden. Doch auch hier wird vergessen, dass einem Menschen, der selbständig und nonverbal nur noch minimale sinnliche Bedürfnisse äußern kann, Mündigkeit zugesprochen werden sollte.

Denn der Mensch, wie er war, ist noch immer da, auch, wenn er nun ein anderer ist. Und er sagt uns, was er möchte, auch wenn er nicht mehr spricht. Natürlich lässt sich der unheilbare Verlauf der Alzheimer-krankheit nicht schönreden.

Das sollte auch keinesfalls die Ambition dieses Artikels sein. Jedoch muss diese Krankheit auch nicht als ein „auswegloses“ Schicksal erlebt werden, und zwar von keinem Menschen. Allerdings hängt das zunächst von der finanziellen, familiären oder professionellen Pflegesituation ab. Gesamtgesellschaftlich gesehen, muss die Frage gestellt werden, was ihr ein Mensch, der an Demenz oder Alzheimer erkrankt ist, wert ist.

Und auch, was ihr die Menschen wert sind, die für jenen Obhut leisten. Zudem spielt ebenfalls die persönliche Einstellung eines jeden eine gewichtige Rolle. Denn ein erkrankter Mensch benötigt nicht nur Fürsorge, sondern er muss auch in der Lage sein, sich anderen anzuvertrauen.

So gesehen kann die „Angst vor dem Vergessen“ ihr lähmendes Gift verlieren. Vielleicht ist die moderne Medizin zukünftig in der Lage, ein Mittel herzustellen, mit dem man Demenz heilen kann? Vielleicht wird auch nie mehr möglich sein, als lediglich die Symptome lindern zu können? All das wird sich zeigen.

Jedenfalls sollte niemals ein Mensch Angst davor haben müssen, dass sein Schicksal ausweglos sein könnte.

In Gedenken an Heinz und Franz.
Harry Bejol



Mrz 2014

Dieser Artikel von Harry Bejol
steht in der Mrzausgabe 2014