die Strassenzeitung aus Freiburg


April 2013

 


Dieser Artikel von Carsten steht in der Aprilausgabe 2013




Abschied von Uli Herrmann


Uli hat viele Jahre mit Witz und Charme im Radio Dreyeckland die "Panne Show" im Gruppenradio moderiert.

Deshalb läßt Radio Dreyeckland Uli nochmals zu Wort kommen.
Mit Grüssen an uns alle mit einem Ausschnitt der Panne Show von 2011

Auch bei den Punks gegen Langeweile war er vor über 10 Jahren schon dabei.

Bürgerliche Attitüden waren nicht sein Ding, sondern Subkultur und konsequente Solidarität mit denen, die in einer immer kälter werdenden Gesellschaft nicht zurecht kommen.


zum Hören bei RDL




CIAO ULI!



Die Zeit heilt alle Wunden…! Das sagt sich so einfach und jeder hat es wohl schon mal gehört, doch in Wahrheit ist es dann doch nicht so einfach! Ulis Tod hat nicht nur eine Wunde oder eine Lücke beim FREIeBÜRGER hinterlassen, nein, er war auch einer meiner besten Freunde, mit dem ich ziemlich viel erlebt habe.

Waage Uli

Kennen gelernt habe ich ihn 1992 am Rotteck-Denkmal vor der Uni, als er wieder einmal für ein paar Monate aus Italien zurückkam, mit elendslangen Haaren, einem Vollbart und seiner seltsamen Kappe auf dem Kopf. Er sah für mich so aus, als wenn er gerade die Zivilisation wieder entdeckt hätte. Aber es war sehr interessant, ihm damals zuzuhören, wenn er von seinen Reisen durch Frankreich und Italien erzählte.

Fast immer zu Fuß, fast immer ohne oder nur mit wenig Geld unterwegs, aber trotzdem war das für ihn eine glückliche Zeit. Er erzählte viel davon, von Land und Leuten, von ihren Eigenarten und von der Küche dort, vor allem aber vom Glücklichsein ohne große Reichtümer.

Das war für mich, der doch erst seit ein paar Wochen auf der Straße war, schon beeindruckend! Eines Tages war Uli wieder weg und von einem Freund erfuhr ich später, er wäre zurück nach Italien. Ein paar Monate später, als ich die Gespräche mit ihm schon fast wieder vergessen hatte, tauchte er genauso plötzlich wieder am Denkmal auf. Jeder begrüßte ihn herzlich und freute sich, ihn wieder zu sehen.

So war es dann Jahr für Jahr. Meine Gespräche mit ihm wurden mit der Zeit intensiver und dauerten irgendwann auch länger als ein oder zwei Bier. Eines Tages beschloss er ganz in Freiburg zu bleiben und mit der Zeit entwickelte sich aus unseren Gesprächen eine Freundschaft, die bis heute andauerte.

Dabei waren wir eigentlich ziemlich verschieden, Uli war überzeugter Kommunist und ich hatte die DDR verlassen, weil ich mit dem dortigen System nicht klar kam.

Ich bin überzeugter Fußballfan, er konnte damit gar nix anfangen und hörte dafür für sein Leben gern Musik. Trotzdem haben wir im Laufe der Jahre oft zusammen gesessen, das ein oder andere Bier getrunken und manchmal stundenlang über alle möglichen Themen reden können, ohne dass uns langweilig wurde.

Als nach ein paar Jahren, 1998, FREIeBÜRGER gegründet wurde, war Uli anfangs etwas skeptisch, denn schließlich gab es ja in Freiburg bereits zwei Versuche mit Straßenzeitungen und die gingen in die Hose. Verkauft hat er den FREIeBÜRGER dann aber trotzdem von der ersten Ausgabe an, denn es war ja auch für ihn ein legaler Gelderwerb und mit diesem Argument lockte er dann so einige Leute für ein paar Stunden vom Denkmal weg! Unter anderem hat er auch mich ködern können!

Da war Uli allerdings schon auf dem Sprung zum Redakteur!
In dieser Zeit haben wir natürlich viel über FREIeBÜRGER gesprochen. Na klar auch darüber, dass der Verkauf eine gute und vor allem legale Geldquelle ist, aber mehr noch über die Möglichkeiten, die eine solche Zeitung bietet. Man kann endlich seine Meinung sagen, auf Probleme aufmerksam machen und Missstände anprangern.  Das war genau sein Ding!

Er brauchte auch nicht allzu lange, mich zur Mitarbeit zu überzeugen und das habe ich bis heute nicht bereut! Zwei Jahre nach Zeitungsgründung verließ uns dann der damalige Vorstand mit einem Berg unbezahlter Rechnungen und in all dem Chaos war es Uli, der einen klaren Kopf behielt, irgendwie die Führung in die Hand nahm und nach Wegen suchte aus den Schwierigkeiten herauszukommen und weiterzumachen – auch wenn keiner von uns wusste, wie wir das überhaupt hinkriegen sollen, so ganz ohne Fähigkeiten oder einen Plan, wie man überhaupt eine Zeitung macht!

Ich glaube ohne ihn und seine Beharrlichkeit wäre das Experiment schon zu diesem Zeitpunkt gescheitert. Obwohl mir ja im Laufe der zwanzig Jahre, die ich ihn kannte, sein Sturkopf so manchmal auf den Nerv ging, habe ich ihn damals für eben denselben bewundert, die Energie und Entschlossenheit, die von ihm ausging, welche das Weiterbestehen von FREIeBÜRGER überhaupt ermöglichte.

Ich glaube im Notfall hätte er damals sogar versucht, die Zeitung irgendwie allein weiterzumachen, so viel lag ihm daran! Als sich kurz darauf ein Bundesverband der deutschen Straßenzeitungen bildete, war Uli auch gleich Feuer und Flamme, weil er auch darin eine Möglichkeit der Verbesserung unserer Zeitung sah.

Auf der Gründungsversammlung dieses Bundesverbandes wurde Uli auf Anhieb in den Vorstand gewählt, was auch mal wieder zeigt, mit welchem Engagement er bei der Sache dabei war und wie viel ihm das Projekt Straßenzeitung bedeutete. Auf vielen Treffen des Bundesverbandes habe ich ihn begleitet und war immer wieder erstaunt, mit welcher Vehemenz er dort auftrat, wenn es darum ging irgendwelche Sachen durchzusetzen, die ihm wichtig waren!

Ich werde z.B. nie vergessen, wie ein Großteil der Vertreter anderer Straßenzeitungen erstaunte Gesichter machte, als Uli ihnen erklärte, dass es bei uns einen Verkäufersprecher gibt, welcher auch im Vorstand sitzt und ein Mitspracherecht hat!  Er sagte, die Verkäufer stehen ja auch auf der Straße und müssen den Kopf dafür hinhalten, was wir für einen Blödsinn schreiben und da haben sie ja wohl auch ein Recht mit zu entscheiden!

Aber sein Leben beschränkte sich ja nicht ausschließlich auf den FREIeBÜRGER, auch wenn es manchmal den Anschein hatte.

Da war seine Musik, über die man auch stundenlang mit ihm fachsimpeln konnte, denn sein Wissen darüber und vor allem seine Sammlung an allen möglichen und unmöglichen Aufnahmen war riesengroß. Er ließ sich dabei auch nicht in irgendeine Schublade pressen.

Uli war vielseitig interessiert und so gut wie allen Musikrichtungen gegenüber ziemlich aufgeschlossen und in seinem Bauwagen findet man von guten politischen Liedermachern über alte Rockklassiker bis hin zur Punkmusik so ziemlich alles und über die Sammlung aus letzterer Stilrichtung würde sich wahrscheinlich so manches Punkarchiv freuen!

Waage Foto: Silke Goes

Wen wundert es da, dass er seit Jahren im Radio eine Punksendung namens „Panneshow“ moderierte und wer die mal gehört hat, war irgendwie davon infiziert.

Nun sah Uli ja nicht wirklich wie ein Bilderbuchpunk aus, aber als häufiger Gast in seiner Sendung war ich immer wieder beeindruckt, mit welcher Kompetenz er die einzelnen Stücke oder Bands ankündigte.

Aber da Uli halt auch nur ein Mensch war, werden mir vor allem die Sendungen im Gedächtnis haften bleiben, in denen wir beide vielleicht doch ein paar Bier über den Durst getrunken hatten und er dann die im Namen seiner Sendungen vorgeschriebenen Pannen produzierte.

Sein gesamter Freundeskreis hatte dann für Wochen Stoff zum Reden und vor allem zum Lachen und ich glaube, das werden außer mir auch noch einige andere vermissen.

Vermissen werden wir ihn auch auf der Wagenburg im Rieselfeld, wo er seit Anfang der 90er Jahre einen Bauwagen stehen hatte und wo er nach dem Ende seiner Auslandsreisen auch fest wohnte! 

Als Ende der 90er feststand, dass unsere Wagenburg weg soll, weil der Stadtteil immer größer wurde, war Uli in vorderster Front dabei, sich dagegen zu wehren. Er kam damals sogar auf die Idee, eine Bürgerinitiative zur Erhaltung irgendeines Flusskrebses, den man nur durchs Mikroskop sah, zu gründen, weil eben dieser vom Aussterben bedroht war und der lebte nun mal dort und wir sammelten Unterschriften, dass er das auch weiterhin darf und wir mit ihm!

Wahrscheinlich lag es nicht in erster Linie daran, aber auch Dank Ulis Einsatz und seinen Ideen, haben wir einen neuen Platz bekommen, auf dem wir alle immer noch unbelästigt wohnen dürfen und im Gegensatz zu früher sogar alle Bequemlichkeiten des modernen Lebens, wie fließend Wasser oder Strom, nutzen können!

Hier auf dem Platz konnte man Uli dann privat erleben, hier war er nicht der Chefredakteur und wollte auch nur in Notfällen über die Zeitung reden. Hier hatte er seine selbstgezogenen Kräuter- und Tomatenpflanzen, seine Musik, die wunderschönen Streitgespräche am Lagerfeuer, die mit jedem Bier zwar oft unsinniger, dafür aber umso lustiger wurden und er hatte jeden Sonntag seine Skatrunde, die in wechselnder Besetzung schon seit ’ner halben Ewigkeit bestand.

Uli war ein außergewöhnlicher Mensch, mit Fehlern und Schwächen wie jeder andere auch, aber vor allem war er ein Mensch mit unglaublichen Stärken! Ich habe selten einen Menschen erlebt, der aufrechter und ehrlicher durchs Leben ging als er! Irgendwie habe ich ihn immer bewundert, sein ehrliches Auftreten, seine Geradlinigkeit und sein Eintreten für die Rechte der Schwächeren!

Am 8. März hat er nun den Kampf gegen seine schwere Krankheit verloren und wir bleiben ohne ihn zurück. Danke, dass ich dich kennen lernen durfte, du wirst mir und allen, die dich kannten und mit dir zusammenarbeiteten, sehr fehlen.

Bis irgendwann mal… Ciao!

Carsten

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