Seit nun über 17 Jahren FREIeBÜRGER

Im Sommer 1998 wurde die Idee einer Freiburger Straßenzeitung ins Leben gerufen und von (ehemals) Obdachlosen ohne jegliches Know-how auf die Beine

Unser Ziel war und ist es Menschen mit geringem Einkommen, Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen und ihnen gleichzeitig ein Forum zu geben, in das sie sich selbst mit einbringen können.

Der Verdienst der Verkäufer umfasst pro Zeitung rund 50 Prozent des Verkaufspreises (1,50 Euro) plus Trinkgeld und ermöglicht Menschen in sozialer Not die aktive Hilfe zur Selbsthilfe. Besonderheiten beim FREIeBUERGER: Fast alle aktiven Redaktionellen waren wohnungslos und haben keine Fachausbildung, zudem gibt es keinen Träger und bisher nur wenig Sponsoren. (mit Zaunpfahl wink).

Versuch einer Chronik

Zeit genug um einmal zurück zu blicken, was alles in diesen „wilden Jahren“ seit 1998 so passiert ist.

Verständlicherweise können dies nur ganz persönliche, subjektive Eindrücke aus diesem bewegten Leben sein, und wir ließen Uli, unseren leider viel zu früh verstorbenen Chefredakteur, damals einfach erzählen.

Und hier ist nun der "Versuch einer Chronik" von Ulli erzählt:

Juni 1998

Strömender Regen, skeptisch nehme ich die ersten 20 Exemplare des FREIeBÜRGER in die Hand und Uwe, der Initiator dieses Projektes, wünscht mir viel Erfolg. Die meisten Passanten laufen vorbei und den Stammkunden aus meiner bisherigen Zeit des Bettelns muss ich kurz erklären, was ich da mache, allerdings kaufen sie mir trotzdem keine Zeitung ab. Na ja, nach einer Stunde werfe ich das Handtuch und bettle erst mal solange, bis mich die Polizei wieder darauf hinweist, dass Betteln verboten ist und „wenn wir Sie heute noch einmal erwischen, geht`s ab aufs Revier Nord!“

Erstausgabe Unsere allererste Ausgabe 1998

Frustriert gehe ich ans Rotteckdenkmal um hier in Ruhe zu überlegen, wie der Tag weitergehen soll und ob es sich wirklich lohnt den FREIeBÜRGER zu verkaufen. Den meisten Verkäufern geht es nicht anders als mir, allerdings hat der Verkauf einen entscheidenden Vorteil: Diese Tätigkeit ist vom Ordnungsamt erlaubt und die Ordnungshüter müssen uns, ob sie es wollen oder nicht, in Ruhe lassen.

Die nächsten Tage laufen besser und so langsam spricht es sich auch unter den Freiburgern herum, dass es nun auch in Ihrer Stadt eine Straßenzeitung gibt. Täglich treffen wir uns mittags am Denkmal, zählen unsere Tageseinnahme und stellen fest, davon kann man gut leben. Unter den Bettlern und Schnorrern spricht sich das schnell herum und es werden immer mehr Verkäufer.

Da der FREIeBÜRGER noch kein eigenes Büro hatte, fand der Vertrieb im Essenstreff statt. Vielen war der Weg bis dahin allerdings wegen ein paar Zeitungen zu weit und so organisierten wir einen eigenen Vertrieb. Noch bis heute trage ich im Normalfall so 200 Zeitungen täglich durch die Gegend und an meinem Verkaufsplatz in der Eisenstraße kommen die Verkäufer vorbei um die Zeitungen abzuholen.

Am Anfang war es schon ein komisches Gefühl, da zu sitzen und das Geld der Verkäufer-Kollegen anzunehmen, denn ich möchte nicht wissen, was manch ein Passant gedacht hat, wenn mir ein Verkäufer Hundert Mark gibt und ich sogar noch wechseln kann. Diese Vertriebsform findet auch heute noch statt und meine Kundschaft weiß mittlerweile auch, dass dies die Außenstelle vom FREIeBÜRGER ist.

Die damaligen Macher des FREIeBÜRGER wollten schon immer hoch hinaus und so wurde in der Ausgabe Nr. 2 direkt eine ganze Fabrikhalle gesucht. Ende des Jahres hatte der FREIeBÜRGER dann endlich ein eigenes Büro in der Wallstraße und zur Eröffnungsfeier wurde der Partywagen der VAG gemietet.

Im September kam der damalige Chefredakteur und 1. Vorsitzende auf die geniale Idee eine Aufräumaktion zu starten. Mit Traktor, Hänger und einigen Verkäufern ging`s zum Hirzberg. Hier haben wir den Müll von mindestens 5 Jahren eingesammelt und entsorgt. Leider hat sich die örtliche Presse nicht, wie erhofft, für diese Aktion interessiert.

Juni 1999

Im März zog die Redaktion in die Hebelstraße um und hier kam es auch schon zu den ersten Differenzen unter den damaligen Vorstandsmitgliedern. Uwe stieg dann, im April komplett aus und er verlangte eine Offenlegung der Bücher wegen mehrfachen Ungereimtheiten bei den Abrechnungen Im Impressum wurde der Ausstieg Uwes elegant mit „In Urlaub“ umschrieben.

Es folgten mehrere Vereinssitzungen, in denen wir als neu eingetretene Mitglieder (noch sehr unerfahren und blauäugig) wiederholt durch Ausreden und Vertröstungen einfach keine konkreten Aussagen über die finanzielle Situation des Vereins bekamen. Im Mai kam es zu einem zweitägigen Verkäuferstreik, da die Ausgabe grottenschlecht und voller Rechtschreibfehler war. Zu diesem Zeitpunkt stiegen auch die ersten Verkäufer des jetzigen Redaktionsteams aktiv in die Arbeit ein. Danach gab es dann endlich auch öffentliche Redaktionssitzungen und wir bekamen dadurch auch mehr Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung unserer Zeitung.

Juni 2000

Dies war ein sehr turbulentes Jahr: Im März zogen wir in die jetzigen Redaktionsräume in der Ensisheimerstraße um. Der damalige 1. Vorsitzende ließ sich immer weniger in der neuen Redaktion blicken und ein paar Tage vor Druckabgabe erhielten wir einen Anruf aus der Druckerei, der uns wie ein Schlag traf. Wir erfuhren, dass der FREIeBÜRGER ab sofort nur noch gegen Vorkasse gedruckt wird, da die Außenstände mittlerweile auf 8.147,00 DM angestiegen waren, obwohl der 1.Vorsitzende mehrmals versprochen hatte, die ausstehenden Rechnungen zu bezahlen.

Innerhalb eines Tages organisierten wir ca. 2.000 DM - das meiste Geld kratzten wir privat zusammen da die vorhandenen Bargeldbestände aus dem Zeitungsverkauf nicht ausreichten. Bis zu diesem Zeitpunkt wussten wir nichts über das damalige (äußerst leere) Vereinskonto, noch hatten wir Zugriffsrechte auf dieses. In drei völlig chaotischen Tagen und Nächten haben wir dann irgendwie die Aprilausgabe fertig gemacht. Kalle hatte damals gerade mal minimale Grundkenntnisse im Layout und der Bildbearbeitung. Artikel mussten auf die Schnelle geschrieben werden und am Donnerstagmorgen, als die Ausgabe fertig war, lagen wir uns erleichtert in den Armen.

Wir hatten es erstmals alleine geschafft! Jetzt musste nur noch das heikle Gespräch, wie wir die Druckerei überzeugen sollten, uns trotz der Misere weiterhin als Kunden zu akzeptieren, geführt werden. Es klappte, die Druckerei kam uns sehr entgegen und ließ uns 3 Monate Zeit, um einen realistischen Rückzahlungsbetrag für die Altschulden vorzuschlagen. Allerdings wurde uns dieses Problem glücklicherweise genommen, da ein anonymer Spender unsere gesamten Druckschulden bezahlte und zudem den Druck der folgenden Ausgabe. Danach fuhren Kalle und ich total übernächtigt nach Hannover, denn hier wurde am 1. April der Bundesverband Soziale Straßenzeitungen gegründet. Hier wurde ich dann in den Vorstand als Verkäufervertreter gewählt

Zurück in Freiburg haben wir erst einmal eine Krisensitzung einberufen, denn mittlerweile hatten wir erfahren, dass der bisherige Vorstand dem Verein FREIeBÜRGER auch noch über 12.000 DM Mietschulden beschert hatte. Insgesamt beliefen sich die Gesamtschulden auf ca. 30.000 DM (der Gerichtsvollzieher gehörte schon fast mit zum Team) und unsere Fotoausrüstung mussten wir in der Pfandleihe auslösen. Obwohl zu dieser Zeit ein Schock den andern jagte, musste etwas passieren!

Da gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir hören auf und der alte Vorstand haftet für die Schulden oder wir übernehmen diesen Scherbenhaufen und wählen einen neuen Vorstand, der allerdings auch für die gesamten Schulden aufkommen muss. Da der FREIeBÜRGER für uns mittlerweile sehr wichtig geworden war, entschieden wir uns spontan fürs Weitermachen.

Nun hatten wir neben der Zeitungsarbeit auch noch die ganze Vereinsarbeit am Hals, und das, obwohl wir damals weder von dem einen, noch von dem anderen viel Plan hatten. Bis zum heutigen Tag haben wir allerdings viel dazugelernt, sind routinierter geworden und meistern zu fünft mit (fast) denselben Leuten auch weiterhin die gesamte Redaktions- und Vereinsarbeit – wohlgemerkt zum größten Teil alles ehrenamtlich und unentgeltlich!

Unser Zeichner, ein sensibler Künstler, ließ uns dann nach der Sommerausgabe ganz ohne Vorwarnung im Stich! Ab jetzt mussten wir auch noch das Titelbild selber machen und wir entschlossen uns, nachdem uns auch noch ein Ersatzzeichner im Stich ließ, ab jetzt nur noch Fotos für die Titelseite zu machen. Die letzten Woche vor Abgabe arbeiteten wir oft Nächte lang durch und kurz vor Schluss kam dann fast immer der übliche Schrei von Kalle: „Mist, uns fehlt noch ´ne Seite!“. So ging das Jahr 2000 auch zu Ende.

Juni 2001

Das Jahr beginnt erfreulich, wir bekommen von der Stadt Freiburg einen monatlichen Mietkostenzuschuss. Das allgemeine Chaos geht weiter bis zum Sommer 2002, Kalle verlässt den FREIeBÜRGER und zieht nach Erfurt. Wir stehen schon wieder ohne Layouter da und R. ein KOLA-Mitarbeiter springt ein, allerdings ist das auch schon wieder so ein sensibler Künstler und am Ende des Jahres trennten wir uns wieder von ihm.

Wie bei vielen anderen Straßenzeitungen, kommt es auch bei uns zu einem Verkaufseinbruch und im Dezember stehen wir dadurch vor dem finanziellen Aus! Wieder entwickeln wir auf einer Krisensitzung ein neues Konzept, welches wir dann auf einer Pressekonferenz bekannt geben. Der FREIeBÜRGER erscheint ab 2003 zweimonatlich, um Druckkosten einzusparen. Als diese Nachricht erscheint, erfahren wir eine große Solidarität aus der Bevölkerung und es gehen viele Spenden ein.

Juni 2003

Wir haben einen neuen Layouter, der voll ins Team passt. Carina, die bisher nur wenig Layoutkenntnisse hatte, lernt durch Micky ´ne ganze Menge. Die Zeiten der Nachtschichten haben ein Ende und durch den neuen Rhythmus müssen wir auch die Schrift verkleinern, da sich in zwei Monaten jede Menge Artikel ansammeln, die wir veröffentlichen wollen. Am Ende des Jahres können wir sagen, es ist geschafft, der FREIeBÜRGER kommt ab 2004 wieder monatlich heraus.

Da die meiste Arbeit vom Redaktionsteam ehrenamtlich geleistet wird, entwickeln wir mit Hilfe einer Kennerin ein Arbeitsplatzkonzept. Diese Idee stellen wir unseren Lesern vor und verschicken 200 Briefe an eventuelle Anzeigenkunden. Im April haben wir unser Ziel erreicht, die Finanzierung ist für 1 Jahr gesichert und wir können Carina auf 400-Euro-Basis einstellen, die kurz zuvor das Layout übernimmt.

Die letzten Jahre

Rückblickend kann man sagen: diese Arbeit hat sich gelohnt! Bis auf ca. 1.500 Euro (Mietschulden) haben wir alle Altlasten abgezahlt und stehen heute finanziell relativ stabil da. Es gäbe noch ´ne Menge zu erzählen, aber für heute soll´s mal gut sein.

Nachtrag März 2007

Juhuuu! Endlich: Wir haben es geschafft! Wir sind schuldenfrei!!!

Nachtrag 2008

10 Jahre sind geschafft

Dies wäre ohne die Unterstützung unserer Leser und Anzeigenkunden nicht möglich gewesen. Auch die Stadt Freiburg hat unsere Arbeit unterstützt. Ebenfalls möchten wir uns recht herzlich bei unseren VerkäuferInnen und vor allem bei Ihnen bedanken! Wir hoffen, dass Sie uns auch weiterhin die Treue halten.

Nachtrag Oktober 2011

Wir beziehen ein neues Büro