die Strassenzeitung aus Freiburg


Mai 2012


Dieser Artikel von Mikl steht in der Maiausgabe 2012






„BUSCAR LA VIDA!“ - STATT HARTZ IV



Spanien. Horrende Arbeitslosenzahlen (aktuell 22,9 %), statistisch gemessene Hoffnungslosigkeit bei 17- bis 27-Jährigen.

Wir befinden uns gerade in Andalusien, die von Arbeitslosigkeit und Armut am schlimmsten betroffene Region Spaniens. Arbeitslosenhilfe wie in Deutschland gibt’s zeitlich nur begrenzt und richtet sich nach dem Zeitraum, in welchem man beruflich tätig war. Danach: nix. Es gibt kein Hartz IV, wie in der BRD.

Vom Staat bezahlte Sozialhilfe ist kaum, oder nur sehr schwierig zu bekommen. Auch das sich mittlerweile immerhin im Umbruch befindliche Ausbildungssystem ist ein anderes. Obwohl der Tourismus sicherlich eins der wirtschaftlichen Hauptzugpferde darstellt, ist es unter diesen Umständen erschreckend zu sehen, wie wenig der Spanier im Allgemeinen in Fremdsprachen bewandert ist, was daran liegt, dass z.B. Englisch erst seit ein paar Jahren in den Schulen dementsprechend intensiv gelehrt wird. Erst vor kurzem hat man erkannt, dass es doch Sinn machen würde, diese Fremdsprache bereits im Grundschulalter zu lehren – kommen doch alljährlich zahlreiche ausländische Touristen auf die beliebte iberische Halbinsel.

Waage Foto: CC-BY Gonmi/flickr.com

Viele Arbeitslose, kein Geld, von einem sozialen Netz, wie in Deutschland, ganz zu schweigen. Aber wie geht das, was machen die Leute, um durchzukommen? Augenscheinlich ist, dass auf der iberischen Halbinsel die familiären Strukturen meist recht ausgeprägt sind und eine ganz große Rolle spielt der sog. „Comedor social“, – zu Deutsch: „Soziale Suppenküche“.

Gerade in letzter Zeit wieder leider von Menschen jeder Gesellschaftsschicht verstärkt frequentiert; vom Obdachlosen, über den gescheiterten Unternehmer, Landwirte, die ihren Betrieb aufgeben mussten, da sie EU-Richtlinien nicht erfüllen konnten, Punks, Straßenkünstler aller Art, viele Drogenabhängige, etc. Getragen wird der Comedor meist von der Kirche, bzw. diversen sozialen Einrichtungen, jedoch erstaunlicherweise oft auch aus „privaten“ Spenden – Nachbarschaftshilfe der anderen Art.

Der „Abend-Comedor“ in Granada ist eine private Stiftung eines ehemals Obdachlosen, der in der Lotterie gewann. Der Gewinn machte ihn nicht steinreich, aber er reichte, um sich eine kleine Wohnung zu kaufen und um eben den Comedor ins Leben zu rufen.
Der edle Stifter ist dort bis heute noch täglicher Gast.

Der Comedor befindet sich sehr zentral gelegen in der City in einer recht dunklen und engen Seitengasse. Bewirtet werden hier jeden Abend etwa 40-60 Personen. Es gibt Suppe, einen Hauptgang, sowie Nachspeise, kreiert von ehrenamtlich arbeitenden Leuten.

Die Lebensmittel stammen aus privaten Spenden, oder sind schlichtweg „recycelt“.
Wer zu spät kommt und nicht mehr reinpasst, erhält einen Becher mit heißer Suppe sowie eine Vespertüte. Direkt nebenan das „Café y Calor“.

Eine private Stiftung. Aná Sanchez, langjährige sowie sehr engagierte Präsidentin der Hilfsorganisation, sitzt wie jeden Tag in ihrem kleinen Büro, mit Blick durch ein großes Fenster in dem engen Vorraum, wo Leute sich (vor allem im Winter), bei einer Gratistasse Kaffee aufwärmen. Aná ist „Problemlöserin“.

Sie hat ein Ohr für die vielfältigsten Probleme im Viertel, organisiert z.B. Leute, die einer älteren Person beim Umzug helfen, sie hilft finanziell aus, wenn das Geld mal wieder nicht für Medikamente reicht. Unter ihrer Leitung entstand aus einer kleinen, improvisierten Insel der Wohltätigkeit in einer der finstereren Ecken Granadas ein sehr gut funktionierendes und vor allem praxisnahes soziales Unternehmen. „Café y Calor“ (Kaffee & Wärme), frei von den „großen Trägern“, finanziert sich, wie gesagt, ausschließlich aus privaten Spenden.

Waage Foto:   CC-bBY-SA- jorgeloayza/flickr.com

Die Comedores landesweit bieten meist auch Gelegenheit zur Körperpflege, medizinische Erstversorgung (wegen meist nicht vorhandenem Versicherungsschutz… – zur Erinnerung:

Wir befinden uns hier in „Europa“), sowie Beratung in sozialen Fragen und wenn man Glück hat, ist noch eine Altkleiderkammer integriert. Die Speisekarte schwankt von Ort zu Ort.

Findet im Comedor der Stadt Cadiz, dank engagierter Nachbarn abends ein regelrechtes kulinarisches Feuerwerk statt, sieht’s z.B. im Zentrum der Millionenmetropole Madrids schon anders aus, wo viele Obdachlose im Winter aufgrund völliger Überbelegung gezwungen sind, vor den Notschlafstätten in „Pappschachteln“ zu campieren.

Vergleichsweise ist das Hilfsangebot aufgrund des riesigen Bedarfs oft sehr begrenzt. Man spürt hier regelrecht die Not. In Cadiz ist dies anders.

Der älteste bekannte Siedlungsort des Homo-Sapiens, verfügt seit Jahren schon über die höchsten Arbeitslosenzahlen in Andalusien. Die Halbinsel, auf der sich die Stadt befindet, garantiert, dass die Einwohnerzahlen (von etwa 120.000) relativ stabil bleiben, was heißt, dass auch die Anzahl der mittellosen Menschen, die täglich ernährt werden wollen, im Vergleich zu den großen Städten relativ begrenzt bleibt.

Der Comedor in Cadiz ist klein und mutet sehr familiär an, mehr als etwa 25 Leute passen da nicht rein, deswegen speist man in zwei Schichten. Die Atmosphäre ist sehr entspannt und heiter; die Freude der ausschließlich ehrenamtlichen Mitarbeiter, anderen Menschen helfen zu können, ist unübersehbar.

Das Publikum ist, wie in allen Einrichtungen dieser Art in Spanien, sehr bunt und vielfältig. Fragt man die Leute, wie sie an Geld kommen, um Dinge zu finanzieren, die diese Art von „sozialem Netz“ nicht gewährleistet, erhält man unisono die Antwort: „Buscar la vida!“ –“sich das Leben suchen!“ Buscar la vida ist ein allgemeiner Überbegriff, den man in ganz Spanien kennt. Buscar la vida kann die alte Alu-Duschkabine sein, die jemand vor die Tür stellte und die man zufällig auf seinem Weg findet, um diese beim nächsten Schrotthändler gegen ein paar Euro zu verkaufen.

Buscar la vida heißt aber auch z.B. Straßenmusik, Betteln, „Recyceln“, Autoscheiben-Putzen. Nun, juristisch sicherlich fast immer grenzwertig, drücken die Behörden wohl ein Auge zu. Bis vor ca. 18 Jahren lebten in Valencia sehr viele Leute in eigentlich besetzten Häusern der Altstadt.

Während man in Deutschland beim Begriff „Besetzte-Häuser-Szene“ zuerst mal an „Hafenstraße“ und die Punkszene denkt, war es in Valencia schon damals so, dass auch „ganz normale“ Leute in einem besetzten Haus leben. Mittlerweile ist das „Carmen-Viertel“ geräumt. War es früher oft gegenteilig, setzt die Spanische Polizei heute auf Deeskalation und geht mit ausgesprochener Höflichkeit bei etwaigen Personenkontrollen vor.

Dies jedoch nur nebenbei. Zurück in der schönen, alten Stadt Granada, mit ihren engen, verschachtelten Gassen schildert „M.“ (M. kommt ursprünglich aus Köln, ist drogenabhängig und lebt seit fast 20 Jahren in Spanien) zum Thema „Buscar-la-vida“, wie er täglich über die Mülltonnen Granadas herfällt und all das, was er da so rauszieht, versilbert: da sind zum Beispiel sogar Handys, die er, wie er meint, gut bei den Marokkanern „loskriegt“, Schminke und all sowas kaufen ihm Prostituierte immer gerne ab und gute Klamotten „braucht eh jeder“.

Paulo „sucht sich sein Leben“, indem er aus leeren Getränkedosen auf recht kunstvolle Weise Aschenbecher bastelt und diese auf der Straße verkauft. Paco, selbst „ein alter Mann“, wie er sagt, hält älteren Damen die Supermarkttür auf und erhält dafür eine kleine Spende („herkömmliches“ Betteln, wie man es aus Deutschland kennt, „läuft“ hier nicht so richtig).

Dann ist da Angela, die abends mit gitarrespielenden Freunden, die Tapas-Bars abklappert, um dort Boleros zu singen. Der Notstand in Spanien ist fast überall sehr präsent; „sich-das-Leben-suchen“ ist weitestgehend gesellschaftlich im gegenseitigen Einverständnis akzeptiert, sogar respektiert und auf die ein oder andere Weise anerkannt.

Alfredo ist unterwegs in Granada, rund um den Plaza Nueva, um Flyer an die zahlreichen Telefonzellen zu kleben, die in Spanien inoffiziell als allgemein genutztes Schwarzes Brett fungieren. Während er heiter seine Zettel mit Tesa über die bereits dichte Schicht aus Jobgesuchen, Veranstaltungen (oft „privat“: „Veranstalte ein Picknick gegen Unkostenbeitrag! Kommt doch einfach!!“ oder „Biete Sprachunterricht!“, etc.) und anderen oft skurrilen Angeboten klebt, die aufgrund der wirtschaftlichen Situation Spaniens entstehen.

Alfredo meint lächelnd mit einem Schulterzucken, dass ihm sein Chef sogar ein kleines Zimmer bezahlt, so lange er das hier macht. Zudem verdient er genug, um sich mal einen Café und ein Päckchen Tabak zu gönnen – zum Essen geht’s in den Comedor, welcher natürlich auch als ein sehr willkommener sozialer Treffpunkt gilt. „Buscar-la vida“ und der „Comedor social“ gehen offensichtlich Hand in Hand. „D.“ nutzt das Angebot des Comedors, um jeden Tag die lokalen Kindergärten mit Clownerie zu beglücken: „Ohne ging das gar nicht!“, meint sie.

Der Comedor social ist wohl die wichtigste, am meisten genutzte Säule des sozialen Supports in Spanien. Nebenbei existiert auch noch die sog. „Albergue social“, die Notschlafstätten, wo man für ein paar Tage unterkommen kann.

Oft sehr liebevoll betrieben, finanzieren sich diese Einrichtungen auch aus ausschließlich privaten Spenden. In Tarifa, dem südlichsten Ort Spaniens, kontinental keine 20 Kilometer von Afrika entfernt und ein eher kleines, beschauliches, wie auch etwas verschlafenes Dorf (welches aufgrund des dauernd blasenden Wüstenwindes, genannt Levante, recht stark von der Surfszene frequentiert wird), sucht man vergebens einen Comedor social.

Man wird dort auf den Dorfpfarrer verwiesen, der einem dann – ganz unkompliziert – zwei Gutscheine in die Hand drückt: mit dem einen kann man dann in der hiesigen Dorfkneipe ein Sandwich und ein kaltes Bier genießen, mit dem anderen erhält man ein Busticket... In Tarifa gibt es keine Albergue zum Übernachten.

Mikl


.