DAS BUCH EMMA

„Der 2. Weltkrieg war neun Jahre vorbei. Ihre Eltern und Lehrer wussten wenig.

Sie hatten nicht gemerkt, was passiert war. Wie alle Erwachsenen, die nichts wussten, wollten sie nicht gefragt werden“.

In diesem Nachkriegsdeutschland wächst Emma auf. Der Vater wäre gerne Pfarrer geworden, doch die Nachkriegsjahre lassen für ihn ein Studium nicht möglich werden.

So ernährt er die Familie als Buchhalter und lebt seine Religiosität in der Familie aus.

Bei all den häuslichen Predigten denkt Emma Dinge wie „Blöder Himmel“, „Scheiß auf die Sünde“, oder „Lieber Gott, lass Amen werden“.

Emma, irgendwann als Baby herausgerissen aus ihrer warmen, familiären Vertrautheit, als sie für einige Zeit in ein Krankenhaus muss, in welchem sie zum ersten Mal das Gefühl der Kälte kennen lernt, umgibt sich danach mit einem Panzer, weil sie dem Vertrauten nicht mehr vertrauen kann. Sie vertraut nur noch ihrem drei Jahre älteren Bruder Paul, der anders ist als all die anderen, und auch anders als all die „normalen“ Jungen.

Als sie auch ihn immer mehr verliert, bei dem Versuch des Vaters, aus Paul einen „richtigen Kerl“ zu machen, zieht sich Emma nicht nur innerlich, sondern auch immer mehr auf den Dachboden des Hauses zurück, wo sie eines Tages die Spinne Richard kennen lernt.

Die Beiden werden Freunde. Irgendwann spricht Emma von Richard, und ihr Vater fragt sie: „Wer ist Richard?“. „Eine Spinne, sie ist mein Freund“. „Das ist nicht recht, die Leute werden sagen, du bist verrückt.“

Am Abend besprechen sich die Eltern, und der Vater meint, am folgenden Tag den Dachboden zu entrümpeln und das Ungeziefer auszuräuchern. Was er auch gründlich tut, bis er sich irgendwann erschöpft hinsetzt, um ein Nickerchen zu machen. Beim Aufwachen glaubt er, eine Spinne vorbeihuschen zu sehen. Und da war alles wieder da.

Die Erinnerungen an die dunkelsten Tage seines Lebens, in denen auch er eine lange Zeit mit einer Spinne gesprochen hat. Nach einiger Zeit erhob er sich schwerfällig, die Säuberungsaktion war für ihn beendet.

Diese Spinne konnte er nicht jagen. „Gott steh mir bei“, murmelt er, als er die Leiter vom Dachboden herabsteigt. Er selbst steht Emma nicht bei, als die Erwachsenen sie immer misstrauischer beäugen, und meinen, „das Kind ist seltsam“. Emma spricht nur selten, und versteckt sich, wenn man sie ansieht. Aber sie ist auch frei, weil sie niemandem wirklich wichtig ist. Sie besitzt eine sehr einsame Freiheit, und sehr viel Phantasie.

Irgendwann hört Emma ein Gespräch, in dem ihr Onkel sagt: „Das Kind gehört ins Heim“. Emma will in kein Heim, und bemüht sich von nun an um Normalität. Aber normal zu sein ist für sie das Schwerste überhaupt: „Wie das Heranwachsen eines Bonsai, der die Gene einer Eiche in sich trägt“.

Emma lernt, eine Maske zu tragen, und erzählt schon lange nichts mehr von Richard. Aber trotz großer Anstrengung gelingt es Emma oft nicht, anders zu sein, als sie ist. Sie bemühte sich wirklich, aber niemand bemerkte ihre Anstrengungen, im Gegenteil, man unterstellte ihr böse Absichten, wenn sie wieder einmal etwas „falsch“ machte.

Anfangs redete ihr die Spinne Richard dann immer noch gut zu, es weiter zu versuchen, aber später sagte die Spinne auch so merkwürdige Dinge wie „Irgendwann wirst du so normal, dass du gar nicht mehr weißt, wer du bist.“

Das wollte Emma auf gar keinen Fall. Mit fünf kommt Emma in die Schule, und als sie lesen kann, verbringt sie immer mehr Zeit mit Büchern. Sie spricht immer noch sehr wenig, aber sie ist auch neugierig, und will alles wissen.

Dabei stellt sie oft Fragen, oder sagt Dinge, die die Erwachsenen nicht hören wollen. Außerdem will Emma viel lieber ein Junge sein, und wünscht sich oft weit fort. Emmas Kindheit ist eine Zeit, in der die Erwachsenen nicht über das Unfassbare, das solange geschehen konnte, sprechen, weil sie hoffen, durch das Totschweigen würde es verschwinden, sich niemand mehr daran erinnern.

Es ist eine Zeit, in der die Lehrer noch Sachen sagen dürfen wie „Nur die Kinder werden geliebt, deren Eltern sie schlagen“, eine Zeit, die die Phantasie und die Fragen eines Kindes nicht zulässt. Aber Emma hört nicht damit auf, Fragen zu stellen, auch später, als sie damit anfängt, sich für Geschichte zu interessieren. Auch hier stellt sie, laut Lehrer, mal wieder die falschen Fragen, weil sie sich mehr für das Leben der Bauern und einfachen Leute interessiert, als für das der Könige und Kaiser. „Unhistorische“ Fragen. Der Lehrer nennt sie daraufhin kurzerhand eine Marxistin.

Mit siebzehn fährt Emma in den Schulferien in eine ferne Universitätsstadt, verliert dort ihre Jungfräulichkeit und verbringt ihre Zeit gerne mit den Gammlern, die Gitarre spielen und Lieder singen.

Ihr Bruder Paul lebt zu der Zeit schon in dieser Stadt, und schickt ihr später politische Flugblätter gegen Ausbeutung und Unterdrückung nach Hause. Emma fühlt sich immer mehr von der Welt um sie herum und der Welt der Eltern erdrückt, und kann an die Demokratie draußen nicht glauben, weil es die bei den Menschen drinnen nicht gibt.

Und so wird sie zu dem, was die Welt um sie herum am meisten verabscheut: Eine Kommunistin. Sie verabschiedet sich von Richard, und mit einem dürftigen Abitur in der Tasche folgt sie ihrem Bruder in die große Stadt, um dort zu studieren.

Sie tritt in eine K-Gruppe ein und fühlt sich dort anfangs noch geborgen - eine verschworene Gemeinschaft gegen den Rest der Welt, für eine bessere Welt. Aber es gibt auch ein striktes sich unterordnen müssen, zu viele Reglementierungen, und eine eigene Meinung wird gar nicht gern gesehen.

Nach Jahre fällt es Emma, der Unangepassten, immer schwerer, die „Richtige Linie“ einzuhalten. Sie wollte sich zugehörig fühlen, hat sich Freiheit ersehnt, und war in eine äußerste Unfreiheit geraten. Der Ausstieg aus der Partei gelingt ihr nach einer mehrmonatigen Haftstrafe, die sie antreten muss wegen ihrer Beteiligung an mehreren verbotenen, politischen Aktionen.

Und im Gefängnis erlebt Emma dann Seltsames: Sie fühlt sich den Gefangenen zugehörig und lernt ausgerechnet dort Freiheit kennen. Danach ist es ihr unmöglich, in die Arme der Partei zurückzukehren, und sie beschließt, nicht mehr die Welt, sondern sich selbst, ihr kleines Leben, ihre Seele zu retten.

Was sie letztendlich auch ganz gut hinbekommt. „Das Buch Emma“, die Geschichte einer Unangepassten, voller Phantasie, klug, nie mit erhobenem Zeigefinger, sehr kurzweilig und oftmals auch sehr frech geschrieben.

Für all diejenigen bestimmt lesenswert, die gute Lektüre nicht schwer und kompliziert brauchen, und sich ihr Anderssein bewahrt haben, oder sich für das Anderssein interessieren.

Micha



Februar 2014

Dieser Artikel von Micha steht in der Februarausgabe 2014