die Strassenzeitung aus Freiburg


Oktober 2012


Dieser Artikel von Micki steht in der Oktoberausgabe 2012


Mehr Informationen zum Dokumentarfilm  von Peter Ohlendorf


www.filmfaktum.de.


 

 




„BLUT MUSS FLIESSEN!“



Am Donnerstag, den 25. Oktober 2012, um 19 Uhr wird in der Katholischen Akademie der Dokumentarfilm „Blut muss fließen!“ von Peter Ohlendorf gezeigt. Der Film zeigt einzigartige Bilder aus der Rechtsrock – und Neonaziszene, die Herr Thomas Kuban undercover und unter hohem Risiko auf rund 50 Veranstaltungen im In- und Ausland aufgenommen hat. Anlässlich der kommenden Vorführung des Filmes haben wir im Vorfeld dem Regisseur Peter Ohlendorf ein paar Fragen gestellt, welche er uns ausführlich beantwortet hat.

Waage
Peter Ohlendorf nach der Vorführung seines Dokumentarfilms
in Pasewalk (Mecklenburg-Vorpommern)
Foto: © REUTERS/Thomas Peter

Herr Ohlendorf, Sie haben zusammen mit dem Thomas Kuban eine Dokumentation über Rechtsrock und die Naziszene gemacht. Diese hat den Titel „Blut muss fließen“! Wie kam es zu diesem martialischen Titel?

Der Titel hat einen ganz simplen Grund. „Blut muss fließen“ ist so etwas wie der Schlager schlechthin, es fällt mir schwer, dabei von einem Schlager zu reden, aber es ist nun einmal so, bei all diesen klandestinen (lat. geheimen) Konzerten, wenn eine Band diesen Titel nicht covert, intoniert das Publikum dieses Lied. Er gehört zum Muss-Repertoire

Stimmt es, dass „Blut muss fließen“ ein altes SA-Lied ist?

Richtig. Das ist ein altes SA-Lied, welches von den Neonazis wieder aufgegriffen worden ist. Aber es hat noch eine ganz andere Historie: Es kommt aus der Zeit 1848/49, da wurde es von den Revolutionären erfunden und getextet, damals sollte das Fürstenblut fließen. Auch kein schöner Titel, gefällt mir auch weniger gut, ich bin jemand der eine pazifistische Grundeinstellung hat, deshalb kann ich auch bei revolutionären Ansätzen, die ich durchaus verstehen kann, sowas nicht gutheißen. Aber aus der aufgeheizten Stimmung dieser Zeit heraus, war das Lied entstanden und ist dann von der SA auf ihre Art und Weise übernommen worden. Heute gehört es bei den Neonazis zum Grundrepertoire bei den Hardcore- Konzerten.

Kommen wir zu Herrn Kuban. Ich weiß natürlich, dass Sie uns nicht viel über seine Person verraten können. Was mich interessieren würde, ist, wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen Herrn Kuban und Ihnen? Soweit ich weiß, hat Herr Kuban schon über Jahre verdeckte Aufnahmen im rechten Untergrund gemacht und später sind Sie dazu gestoßen. Können Sie uns einige Worte zur Zusammenarbeit sagen?

Genau. Thomas Kuban ist schon lange, bevor wir uns kennen gelernt haben, unterwegs gewesen. Sein erstes Konzert hat er im Herbst 2003 im Elsass gedreht. Das wird auch im Film thematisiert und vor dieser Halle, wo er zum ersten Mal in solch ein Neonazi-Konzert rein gelaufen ist, haben wir dann auch sein Equipment von damals gezeigt, das heute wirklich musealen Charakter hat, sonst hätten wir das auch nicht vor der Kamera präsentiert.
Damals begann seine mutige Reise und ich habe dann von Freunden erst ca. 2 Jahre später davon erfahren.

Waage

Schließlich habe ich dann über solche Kontakte, weil da ja schon eine gewisse Vertrauensbasis da ist, sehr schnell eine Blick auf das Material werfen können.

Da war mir schlagartig klar, dass dieses Material nach einem Dokumentarfilm schreit. Na gut, dann musste es erst einmal zwischen uns beiden passen, das war aber schnell klar, dass wir ein gutes Miteinander haben.

Wir waren ja viel zu Drehs unterwegs und das wirklich auf sparsamste Weise.Wir mussten mit dem Etat, den wir selber zusammen gescharrt haben, kucken, dass wir irgendwie eine europaweite Reise hinkriegen, das heißt, wir haben möglichst dicht gedrängt gedreht.

Wir haben im selben Zimmer geschlafen, einmal sind wir z.B. eine ganze Nacht durchgefahren, um von einem Drehort zum anderen zu kommen, um die Zeit so weit wie möglich zu komprimieren. Das war schon sehr anstrengend und wenn dann so ein Team unter all diesen schwierigen Konditionen noch hält, dann kann man sagen,  OK, wir tragen den Film in die Gesellschaft rein, und so ist es dann ja auch gekommen, dass uns auch im Miteinander nicht die Kondition ausgegangen ist.

Herr Kuban war über Jahre hinweg undercover auf diesen Rechtsrock-Konzerten unterwegs. Meiner Meinung nach hat er sich dabei in extreme Gefahr begeben. Wie schätzen Sie das ein, was passiert wäre, wenn er enttarnt worden wäre?

Wenn Thomas Kuban aufgeflogen wäre, dann hätte es kein Halten mehr gegeben, da braucht man sich keinen Illusionen hingeben.
Es ist vollkommen klar, allein durch die vielen Mordaufrufe, die es gegen ihn gab. Die Szene, die einfach mit Schrecken zur Kenntnis nehmen musste – nicht nur bei seinem ersten Dreh im Elsass, für die Szene schlimm genug – dass da Bilder rausgekommen sind und dass sich plötzlich keiner mehr sicher sein konnte in dieser Szene.

Wenn ich hier drin bin, dann ist es wirklich geheim und draußen hat keiner eine Ahnung, was hier läuft und kriegt es auch nicht mit.
Denn – das muss man sich auch mal vorstellen – die Leute, die nun plötzlich mit ihrem Gesicht bei diesen Neonazi-Konzerten auftauchen, die haben ja auch Arbeitgeber und wenn solche Bilder im Fernsehen gesendet werden, ist das natürlich richtig Panne für Neonazis, denn die müssen ja Angst haben, dass das gesehen wird, zum Beispiel auch vom Arbeitgeber, der dann am nächsten Tag nach der Sendung sagt: „Hey, wo treiben Sie sich denn da rum, das kann ich nicht akzeptieren!“

terminUnd dann entsprechend könnte es ja auch zur Konsequenz haben, dass so jemand von seinem Arbeitsplatz fliegt. Die öffentlich-rechtlichen Sender hatten übrigens kein Interesse an diesem ersten Dreh von Thomas Kuban, sondern ein privater. Spiegel TV hat das sofort gesendet. Das ist eine renommierte Sendung, bundesweit.

Was diese Neonaziszene zunehmend irritiert hat, war dieser Faktor Thomas Kuban, der ja nicht nur einmal aufgelaufen ist wie im Elsass, sondern dann immer dran blieb. Dann hat sich das logischerweise aufgeschaukelt, die Suche wurde intensiviert, die Eingangskontrollen wurden intensiviert und man wollte ihn einfach kriegen.  Und wenn man ihn gekriegt hätte, dann hätte es kein Halten gegeben, dann hätte man ihn zu Tode geprügelt, da bin ich mir vollkommen sicher.

Wo finden diese Nazi-Konzerte eigentlich statt? Gibt es Regionen, wo sich Rechtsrockkonzerte häufen oder finden die über ganz Deutschland verteilt statt? In welchen Räumen finden sie statt? Gibt es da Orte, die immer wieder auftauchen?

Es gibt sicher Konzert-Schwerpunkte, die sich immer wieder herausbilden. Je nach den lokalen Begebenheiten. Es ist ziemlich Panne, wenn sich die Zivilgesellschaft einfach wegduckt, wenn da eine Vielzahl von Autos in ein kleines Städtchen einfallen und ganz erkennbar Neonazis rumlaufen. Und dann ist da auch noch diese fürchterliche Musik, die zumindest im größeren Umkreis der Location zu hören ist.

Wenn da die Zivilgesellschaft nicht reagiert, die Behörden auch nicht reagieren und allen voran die Polizei entsprechend so was laufen lässt – was leider Gottes auch immer wieder vorkommt – dann haben es die Neonazis leicht und dann wird so ein Punkt im Ort, an dem man abfeiern kann, natürlich gerne weiter bespielt. Ist ja auch ganz logisch.

Waage

Wenn man sich da erst einmal eingenistet hat, dann weiß man, wie es läuft, und dann hat man einfach eine Location, wo man sagt: „Prima, da haben wir keine großen Schwierigkeiten, da bleiben wir jetzt erst einmal.“

So etwas gibt es immer wieder und leider viel zu häufig und über das ganze Bundesgebiet verteilt.

Es gibt natürlich Bundesländer, wo deutlich weniger Konzerte sind, aber es gibt kein Bundesland, wo es keine solchen Konzerte gibt.
Das hat gerade damit zu tun, wie hoch der Verfolgungsdruck ist und wenn der ein bisschen höher ist, dann weichen Neonazis auch sofort aus.

Das ist ganz klar erkennbar: Wo Verwaltung, Polizei und Zivilgesellschaft besser aufgestellt sind, da verlieren die schnell die Laune und insofern ist dies das beste Rezept, wie man in Sachen Konzerten ganz effektiv gegen diese Neonaziszene vorgehen kann. Es gibt Ortschaften, auch im Osten, wo es gehäuft Konzerte gibt, aber so einen richtigen Unterschied zwischen Ost und West kann man wirklich nicht machen.

Man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass in der Bundesrepublik an jedem Wochenende ungefähr 4 Konzerte laufen. Das ist eine ganz schöne Menge. Wenn man sich dann auch noch überlegt, was da an Geld generiert wird, nicht nur mit Eintritten, sondern auch mit Merchandising-Artikel, die da verkauft werden und mit dem Ausschank von Getränken. Da kann die Neonaziszene wiederum ganz gut Geld generieren, welches dann in die so genannte Bewegung zurückfließt.

Die NPD ist ja häufig auch mit dabei, die sammelt auch noch ihre Leutchen da ein und natürlich macht sie gleichzeitig damit auch Geld. Insofern sind Neonazi-Konzerte ein richtig gutes Geschäft geworden. Auch deshalb gilt es, zu erkennen, was da läuft und vor allem gilt es zu erkennen, dass diese Neonazikonzerte bestens dazu geeignet sind, junge Leute einzufangen und systematisch zu radikalisieren, mit all den Folgeerscheinungen... weil was da gesungen wird, das sind einfach Lieder, die zu Gewalt, Hass und Mord aufrufen, und nichts anderes.

Reden wir etwas über das Geschäft mit Rechtsrock. In den 1980er Jahren gab es kaum Vertriebe für Nazi-Musik.
Angefangen hat der Rechtsrock ja mit Bands wie Skrewdriver Ende der 1970er, dann gab es die ersten englischen Labels, in Deutschland gab es zunächst nur Rock-O-Rama, die Rechtsrock vertrieben und produzierten.
Heute gibt es in diesem Bereich eine ganze Reihe von Vertrieben und Labels mit einer Vielzahl von Bands und Veröffentlichungen. Sehen sie es auch so, dass sich die Rechtsrockszene immer weiter ausdehnt und dass sie immer mehr Geld generiert, welches dann in die ideologisch richtige Richtung geleitet wird.

Ja, das ist natürlich der Fall. Das ist ein Momentum, mit dem sie ganz klar arbeiten, das hat ja Ian Stuart Donaldson quasi als Arbeitsthese ausgegeben: „Hört mal, es ist klar, junge Leute werden wenig Lust haben, zu politischen Veranstaltungen zu gehen, wo unsere Ideologie verkauft wird, sie werden auch mit Flyern nicht unbedingt zu kriegen sein, die nehmen den in die Hand, schauen kurz drauf und schon ist der im Müll.“ Insofern hat Ian Stuart Donaldson sehr schnell erkannt, wo die Kraft liegt, mit der man diese jungen Menschen einfangen kann. Und dafür wurde letztendlich auch das internationale Netzwerk Blood & Honor gegründet, um darüber in den ganzen verschiedenen Ländern – jetzt bleibe ich einfach mal in Europa – agieren zu können. Es gibt ja viele Konzerte in anderen europäischen Ländern, die von deutschen Neonazis besucht werden. Und zwar gut besucht werden.

Da war Belgien lange Zeit ein richtiger Konzertschwerpunkt, da fahren dann ganze Busladungen von deutschen Neonazis hin, genauso kann man das für Italien sagen. Veneto Fronte Skinhead ist so eine Organisation in Norditalien, die immer wieder für die Neonaziszene attraktive Konzerte organisiert, wo Bands kommen, die man mal gerne hören will.
Die kommen auch von den USA rüber und aus Skandinavien. Deshalb scheut sich ein aktiver Neonazi überhaupt nicht, das Geld in die Hand zu nehmen, um zu einem Konzert nach Italien über das Wochenende zu fahren. Und das ist natürlich ein Teil dieses Geschäftes, das europaweit immer weiter wächst.

Wie sieht es denn mit Gewalt nach solchen Konzerten aus? Gibt es Beispiele dafür, dass nach diesen Konzerten die Besucher durch Gewalttaten, Überfälle, etc. auffallen?

Waage

Also die Gewalt nach Konzerten ganz direkt ist etwas, was sich mir nicht ganz so erschließt. Da kriegt man nämlich ganz, ganz wenig Info darüber. Thomas Kuban hat sich nie in die Situation begeben, dass er in irgendeiner Form da hätte dabei sein können.
Denn das wäre für ihn das Verheerendste gewesen, wenn er da am Ende noch in eine handfeste Auseinandersetzung gekommen wäre.
Man muss sich einfach mal vorstellen, was er an Equipment so alles am Körper hatte, das natürlich auch immens teuer ist.
Und wenn dies dabei nicht nur kaputtgegangen wäre, sondern am Ende er auch irgendwo angepackt worden wäre und dann hätte jemand plötzlich das kleine versteckte Mikro in der Hand gehabt, das wäre superfatal gewesen.

Deshalb hat er sich aus all dem, was gegen Konzert-Ende war, immer rausgehalten und hat da dann seinen sanften Abgang und Ausgang gesucht. Aber es ist natürlich was ganz anderes, was da die große Rolle spielt. Die Leute werden auf diesen Konzerten einfach indoktriniert und dann auch wirklich vorbereitet auf Gewalttaten, die dann später irgendwann einmal folgen können und das ist eigentlich das ganz Entscheidende.

Diese Art von Gewalt, die mit diesen Liedern in Fleisch und Blut übergeht, macht die Neonazis im Kopf bereit dafür, dass sie ihre Ideologie mit Gewalt durchsetzen und dafür auch allzeit bereit sind. Das ist das Entscheidende. Und das war ja auch die Idee von Ian Stuart Donaldson (Sänger der Rechtsrockband Screwdriver).

Das würde ich als das viel Gefährlichere ansehen. Dass es nach so einem Konzert zu einer handfesten Schlägerei kommen kann oder mehr, das ist gar nicht so der Punkt. Zumindest in meinen Augen.

Sie haben ihren Film auf der Berlinale vorgestellt. Wie waren die Reaktionen dort vom Publikum?

Die Berlinale war für den Film überhaupt das Ereignis! Ich sage es gerne so: Er ist da wachgeküsst worden. Davor waren wir ja 5 Jahre in einem dunkelschwarzen Tunnel unterwegs, ohne jede Perspektive, ohne jeden Hoffnungsstreifen am Horizont.

Und... da muss ich wirklich ganz kurz ausholen… Wieland Speck, von der Sektion Panorama, der hat den Film wirklich entdeckt und Interesse an diesem Film bekundet, bevor die NSU aufflog. Das ist etwas, was ich ihm sehr anrechne. Wieland Speck hat sich jetzt nicht gedacht: „Da gibt es sowieso gerade so einen Themen-Hype, also setzen wir uns mal drauf.“

So eine Reaktion, der viele erliegen würden. Aber er hat vor dem Auffliegen der NSU Interesse am Film bekundet. Ja, dann lief er zweimal auf der Berlinale, war natürlich total spannend, weil das heißt internationales Publikum rund um den Globus. Und einen Kinosaal mit 450 Plätzen, das ist dann schon eine Nummer, den zweimal voll zu kriegen.

Aber der Kinosaal war so ausgebucht, dass es nur so geknallt hat. Und die Reaktionen waren beide Male auch sehr gut, es gab spannende Diskussionen danach. Es war auch insofern spektakulär, dass Thomas Kuban in seiner Original-Verkleidung aus dem Film dann direkt im Saal war, nachdem der Film vorbei war. Das war ein bisschen, wie „Purple Rose of Kairo“.

Plötzlich stand der Hauptprotagonist des Films nach dem Film, wie aus der Leinwand, gestiegen im Saal. Natürlich toll, für das Publikum, dann auch direkt entsprechende Fragen stellen zu können. Ich glaube, das war ein gelungener Auftakt. Und dann war natürlich die Frage, wie geht es jetzt weiter?

Aber es fing ja schon im Vorfeld der Berlinale an, für uns gut zu laufen. Denn die ganzen internationalen Scouts erfuhren schon über den Katalog, was für Filme gezeigt werden. Seit der Berlinale ist auf der Filmfaktum-Seite ein unglaubliches Interesse, das sich immer wieder in Form von vielen Anfragen äußert.

Und dann war die Frage: Wie machen wir das? Eine ganz wichtige Bemerkung dazu, weil es immer wieder falsch geschrieben wird:
Wir haben keinen Verleih gesucht, es war wirklich nicht so, dass kein Verleih auf uns zukam. Es kam ein ganz guter Kölner Verleih, der Interesse hatte. Aber wir sahen überhaupt keinen Sinn darin, klassisch die Kinos zu bespielen, sondern wir wollten auch an die Schulen und da hilft uns kein Verleih, sondern da müssen wir selber was auf die Beine stellen.

Ich hatte ja schon immer die Belebung des guten alten Wanderkinos im Kopf und da haben sich dann ein paar Ideen aus diesem Bereich getroffen mit Ideen, welche aus Anfragen heraus entstanden sind. Und so ist der Weg, den jetzt der Film nimmt, die so genannten Aktionstage. Die sind dann mehr oder weniger zusammen mit all denen, die angefragt haben, und mit unseren Ideen in einem schönen Miteinander entstanden.

Und so läuft ein Aktionstag ab: In der Frühe läuft der Film erst einmal in Schulen, wenn es geht zweimal. Wir können auch noch eine dritte Schule da reinkriegen, wenn man das Ganze versetzt macht und ich nur zu den Diskussionen da bin. Das ist eben auch ganz wichtig:
Nach dem Film muss Zeit für Diskussionen sein, ganz besonders in Schulen. Da muss auch die Lehrerschaft kapieren, dass sie das Thema vorbereiten muss und nach der Vorführung nachbereiten muss. Soviel Zeit muss einfach sein. Sonst ist der Film so ein bisschen im luftleeren Raum und da ist mir nicht ganz wohl bei.

Und am Nachmittag gibt es jetzt Filmvorführungen für Multiplikatoren, Sozialpädagogen, Lehrer, Vereinstrainer, Polizei, aber auch Leute aus Verwaltungen, die eben gerade mit Genehmigungsverfahren zu tun haben, die letztendlich dann auch solche Naziaufmärsche angehen. Schlichtweg all die, die in irgendeiner Form stellvertretend in der Gesellschaft gefordert sind, um dann auch wirklich zu wissen, um was es dabei geht.

Und am Abend gibt es dann im Kino oder Kulturzentrum eine öffentliche Veranstaltung mit der jeweiligen Aktionsgruppe vor Ort, mit einer anschließenden Diskussion. Spannende Tage sind das immer.

Sie und Herr Kuban haben viel Geld in das Projekt gesteckt. Sie haben beide meines Wissens Schulden in sechsstelliger Höhe. Ist es richtig, dass sie bisher keine finanzielle Unterstützung von Filmförderungen, Stiftungen, den öffentlich-rechtlichen Sendern, etc. erhalten haben?

Ja, genau. Thomas Kuban hat für seine Dreharbeiten, für die Undercover-Drehs, viel Geld in die Hand genommen, dann hat er sich aber natürlich nicht mehr größer an dieser Produktion zu beteiligen gehabt. Das ist als Produzent dieses Films mein Job. Ich bin ja auch derjenige, der vernetzt ist, im öffentlich-rechtlichen System, auch weil ich einen sehr guten Verteiler habe und schon lange für Sender produziere. Ich war mir sehr sicher, für diesen Film müsste sich Interesse generieren lassen. Na gut, man sieht, ich lag glänzend falsch.
Es gab null Unterstützung für die Produktion und bis jetzt hat sich auch nicht wirklich was getan, sodass ich nach wie vor, vor dem Phänomen stehe, dass die öffentlich-rechtlichen Sender diesen Film ignorieren, trotz dieses schönen Erfolges, den wir jetzt mit dem Film haben.

Die Nachfrage ist nun wirklich groß und ich habe es in einem anderen Interview mal so gesagt: Es gibt einen großen Durst nach diesem Film. Dass man sich da ausklingt, aus diesem Prozess einfach rausgeht, das ist starker Tobak. Ich werde die Öffentlich-Rechtlichen da nicht aus der Pflicht entlassen. Ich werde versuchen, im Rahmen meiner Möglichkeiten – und die wachsen mit der Aufmerksamkeit, die unser Film bekommt, auch bei Politikern, die sich dafür plötzlich auch interessieren, warum dieser Film nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt wird – den Druck zu erhöhen.

Ich weiß es ganz genau, das fällt den Öffentlich-Rechtlichen auf die Füße. Und das soll ordentlich weh tun. Und wenn der Schmerz dann nachlässt, dann sollen sie endlich darüber nachdenken, dass der politische Dokumentarfilm im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wieder anders behandelt wird, wo er heute ein kümmerliches Dasein am Rande des Programms und auch am Rande des Budgets hat
. Ich will nicht nur, dass dieser Film refinanziert wird und diese enormen Schulden, die nach wie vor darauf lasten, sind im sechsstelligen Bereich, liegen bei knapp 160.000 Euro. Dabei habe ich immer noch keinen Cent verdient.

.Dies sind jetzt nur die Schulden, die da im Raum stehen, bedingt durch Rückstellungen z.B. des Cutters Stefan Ganter oder von Micha Legov, der die Musik gemacht hat. Deshalb fordere ich genauso andere Player auf, die meiner Ansicht nach, dringend gut beraten wären, unsere Filmtour durch Deutschland zu unterstützen. Solche Einrichtungen, wie die Bundeszentrale für politische Bildung, die wir schon während der Produktion zweimal angeschrieben haben und die uns da jedes Mal gesagt hat, wir können so etwas nicht mehr fördern.

Und jetzt nach der Berlinale haben sie einen Brief bekommen – so, es gibt den Film, lasst Euch was einfallen, wir wollen auf Tour gehen... Dieser Brief ist Anfang März geschrieben worden und bis heute gab es nicht einmal eine Antwort.
Das ist erschütternd, aber auch der Druck auf die Bundeszentrale wird größer und ich möchte versuchen, sie vor mir herzutreiben, damit hier wirklich einmal klar wird, wie verpeilt – ich kann es gar nicht anders sagen – viele Zuständigen in öffentlich-rechtlichen Medienstrukturen sind.

Und jetzt komme ich zuletzt zur Filmförderung Baden-Württemberg. Die hat sich lange Zeit mit der Argumentation raus gehalten, dass nicht garantiert werden kann, dass der Film an das Publikum kommt, denn wir hatten ja keinen Sender im Boot. Und... hast Du keinen Sender, kriegst Du keine Förderung! Genau damit waren wir konfrontiert. Dadurch war null Kohle da zu holen.

Als es anstand, den Film zur Berlinale fertig zu machen und wirklich das Grüne Licht dafür da war, da gab es dann das Angebot, dass man ein Darlehen in Höhe von 20.000 Euro an uns für die Erstellung der Festival-Kopie gibt. Da habe ich dann „Vielen Dank... und Tschüss!“ gesagt – das ist absurd!

Damit habe ich einen unglaublichen Verwaltungsaufwand, da habe ich es in meinem Freundeskreis leichter: Alles Geld, was ich mir geliehen habe, ist aus meinem persönlichen Umfeld generiert, bei dem ich jetzt hochverschuldet bin. Aber ansonsten wäre es ja auch gar nicht möglich gewesen, den Film zu realisieren.

Keine Sparkasse, keine Bank der Welt hätte mir ein Darlehen auf dieses Filmprojekt gegeben. Und selbst wenn es dazu gekommen wäre, nach einem Jahr hätten die gesagt „Herr Ohlendorf, wir sehen ja überhaupt kein Licht am Ende des Tunnels. Schauen Sie mal, dass Sie dieses eine Darlehen jetzt klar kriegen, ansonsten bekommen sie keine Kohle mehr von uns!“

Anlässlich der Berlinale hat die MFG Baden-Württemberg sich dann bereit erklärt, dieses Darlehen an uns rauszurücken, was ich abgelehnt habe. Und dann habe ich versucht, über verschiedene Kanäle Druck auszuüben, um einfach klar zu machen, dass es so nicht laufen kann. Und dann wurde aus diesem Darlehen doch tatsächlich ein Zuschuss in Höhe von 20.000 Euro. Das ist bisher das einzige Geld, das von irgendeiner öffentlich-rechtlichen Institution im medialen Bereich in unseren Jackpot geworfen worden ist. 20.000 Euro für die Erstellung der Festival-Kopie.

Den Vertrag habe ich vielleicht jetzt endlich in meinem Briefkasten. Es wäre jetzt Zeit, dass der endlich kommt, denn das Geld muss weiter an die Leute, die es mir für die Finanzierung des Films geliehen haben.

Es ist ja unglaublich, dass in Zeiten der Terrorzelle von Zwickau und ihren Unterstützern wie z. B. dem Thüringer Heimatschutz, so ein Film nicht auf offene Ohren trifft.
Da hat man dann doch das Gefühl, dass die Bekenntnisse der Politiker oder auch der Medien gegen Rechts eher unglaubwürdig sind. Man hat den Eindruck, dass sie das Thema nicht anfassen wollen oder sogar Angst davor haben, so etwas in den Medien zu bringen. Ich sehe das etwas in der Tradition „Wir sind lieber auf dem rechten Auge blind!“ Sehen Sie das so ähnlich?

Den Slogan „Auf dem rechten Auge blind“ würde ich ein wenig modifiziert betrachten, aber leider Gottes stimmt er dann doch und für mich viel zu oft, immer wieder. Und dass der Slogan für eine Zeit passt, in der man ignorant dem Thema gegenüber war, das kann man für die letzten Jahre vor dem Auffliegen der NSU allemal sagen.

Das war doch wirklich absurd und wird auch im Film thematisiert, und da meine ich ganz genau den Großteil meiner Kollegen. Die haben sich wirklich immer wieder in den Block diktieren lassen, wie groß die islamistische Gefahr ist und die wurde rauf und runter dekliniert, auch in Verfassungschutzberichtskonferenzen. Und auf dem rechten Sektor war überhaupt kein Interesse mehr da.

Ich erinnere mich an einen Kommentar in der Süddeutschen Zeitung, ziemlich genau vor einem Jahr, da war gerade die Fusion von DVU und NPD gescheitert, aus rein formal juristischen Gründen wurde die vom Gericht nicht akzeptiert, und dann schreibt doch so ein unglaublich toller Polit-Redakteur „Schaun Sie her, ist doch klar, an diesem Beispiel sieht man, die Szene erledigt sich von alleine“.

Als ich das damals gelesen habe, hätte ich gegen Wände laufen können. Aber das ist auch typisch dafür, was die allermeisten Kollegen in dieser Zeit nicht gemacht haben: Sie haben eben nicht genau hingeschaut. Sie haben sich auf diesen Pfad Islam-Terror, auf diesen Leitstrahl einschwören lassen und haben letztendlich in vielfacher Hinsicht das nachgeplappert, was ihnen Behörden, von denen wir heute wissen, wie dubios sie zum Teil sind, vorgesetzt haben.

Und das finde ich echt erschreckend. Die Funktion, die vierte Gewalt im Staate zu sein, die haben wir leider aus der Hand gegeben, wir, die Journalisten. Und deshalb muss ich auch sagen, dass es so wichtig ist, dass es den politischen Dokumentarfilm wieder in verstärkter Form gibt, damit endlich wieder etwas Raum geschaffen wird, für investigative Arbeiten, die heute nicht mehr so stattfinden, weil sie nicht mehr bezahlt werden.

Aber auch weil Kollegen mehr oder weniger klar gemacht wird, dass das eh keinen Platz bei uns hat. Und was in Polit-Magazinen so abgeht, ist auch nur ein kleines Tröpfchen auf den heißen Stein. Und manchmal ist es auch sehr flüchtig, wie da Themen angefasst werden. Deswegen brauchen wir den politischen Dokumentarfilm, damit dieses intensive Recherchieren, das intensive Arbeiten an Themen, dieses Tiefergehen und dann spiegeln in der Gesellschaft auf eine unabhängige Art und Weise stattfindet.

Deshalb bin ich der Ansicht, dass man diese Genre auch gar nicht mehr den Sendern überlässt. Ich bin der Meinung, nächstes Jahr kommt ja die Haushaltsabgabe und davon sollte man 1-2 % in einen Spezialtopf geben, auf den keiner Zugriff hat, von den Filmförderern und von den Sendern. Und daraus wird der politische Dokumentarfilm gespeist.

Dieser Topf soll von einem unabhängigen Gremium verwaltet werden, deren Mitglieder nach ganz bestimmten Kriterien auszuwählen sind und die alle nicht aus Kontexten von Filmförderungen und öffentlich-rechtlichen Sendern stammen, damit diese Gelder dann auch in ganz unabhängiger Weise für den politischen Dokumentarfilm verwendet werden.

Das war zum Schluss ein Plädoyer für den politischen Dokumentarfilm. Herr Ohlendorf, ich danke Ihnen für dieses Gespräch!

Mehr Informationen zur Dokumentation „Blut muss fließen!“ unter www.filmfaktum.de.

Micky

.