AUCH DIE KLEINEN DINGE ZÄHLEN

The front seat of view of the city
Was Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen bewirken können, zeigt sich an der Geschichte von Mehmet D. Der mittlerweile 42jährige ist türkischer Staatsbürger und Muslim. In der Nähe von Ankara geboren, emigrierte er sodann 1980 mit seiner Familie nach Deutschland.

Leider verlief sein Leben ab da an nicht mehr so geradlinig, wie zuvor. Mehmet D. wurde zu einem „harten Typen“ und letztendlich auch straffällig. Wie er selbst sagt, sei die Person, die er heute ist, mit dem früheren Mehmet D. nicht mehr zu vergleichen.

„Hättest Du mich damals kennengelernt, Du hättest mit mir nichts anfangen können.“ Dabei ist der Mann, der vor mir sitzt eine sehr umgängliche und sympathische Persönlichkeit. So jemand, der sich Gedanken macht über sich, über andere Menschen und die Welt. Eigentlich eher untypisch für einen Menschen, der sich bereits seit 1998 in Haft befindet. Denn oftmals stagnieren Inhaftierte psychisch nach einer so langen Haftzeit.

Doch Mehmet D. Tat genau das Gegenteil. Während er zu Beginn seiner Haftzeit noch als äußerst gefährliche Person galt und sich demgemäß als ziemlich unumgänglich präsentierte, so änderte sich sein Denkverhalten strikt, als er selbst zum Glauben fand. Er wurde um einiges ruhiger, nachdenklicher und stellte sich die Frage, ob es auch für ihn jemals Vergebung geben würde. Vergebung von Allah, für all seine Taten.

Wer im Islam eine Sünde begeht, der muss einen Ausgleich schaffen. Natürlich, so sagt er selbst, wäre es für seine unschwer möglich einen geeigneten Ausgleich finden zu können. Doch mit dem, was er tut, würde er zumindest einen Anfang schaffen. Und Mehmet D. tut einiges für sich selbst, vor allem aber für andere. Denn er engagiert sich für Minderheiten und gegen Ungerechtigkeiten in der JVA Freiburg.

So ist es nicht zuletzt ihm zu verdanken, dass es in der Haftanstalt heute eine regelmäßig stattfindende Gebetsgruppe für türkischsprachige Muslime gibt sowie die Möglichkeit koschere Lebensmittel über den Anstaltskaufmann erwerben zu können. Doch das ist bei weitem nicht alles: Durch seine langjährige Mitarbeit in der Insassenvertretung konnte er auch erreichen, dass verschiedensprachige TV-Sender im Medienangebot der Anstalt installiert werden.

Nun können sich die meisten Insassen über das TV-Medium in ihrer Muttersprache informieren. Ein Zustand, der vorher so nicht möglich war. Auch für die Muslime gibt es noch weitere Gruppen. U.a. seit 2007 eine Imam-Gruppe, bei der Wissen über den Islam gelehrt wird. „Schließlich ist es gerade heute wichtig, dass die Menschen den Islam auch richtig verstehen lernen“, sagt Mehmet. D. Daher wurde kürzlich noch zusätzlich eine solche Imam-Gruppe für deutschsprachige Muslime integriert. Mehmets D. Engagement ist jedoch nicht nur auf ausländische Inhaftierte begrenzt, er setzt sich primär für alle ein. Hauptsächlich dafür, dass das Leben innerhalb der Freiburger Haftanstalt für alle erträglicher wird, denn viele Probleme sind ähnlicher Natur. Und dabei zählt jeder kleine Schritt hin zum Positiven.

Doch die Schritte sind beschwerlich und oft mit Schikanen verbunden. Wenn Mehmet D. etwas durchsetzen möchte, so ist sein erster Ansprechpartner die Anstalt selbst. Kommt es zur Ablehnung, so bleibt ihm nur der Weg über das Konsulat. Und das würde von Seiten der Anstalt nicht so gerne gesehen. Zudem gelte man immer als Querulant, möchte man etwas haben, was es so nicht gibt. Und das sagt Mehmet D. ganz offen: „Aus Sicht der Anstalt bin ich ein Querulant. Und das, obwohl ich nichts fordere, was laut Gesetz auch nicht erlaubt ist.“ Da in justiziellen Angelegenheiten grundsätzlich alles dokumentiert sein muss, so bleibt auch Mehmet D. nichts weiter übrig, als eine Vielzahl an Anträgen zu verfassen. Darunter Bittschreiben und natürlich auch Beschwerden.

Hin und wieder ernte er dafür auch unüberlegte Kommentare von Justizvollzugsbeamten: „Damit machst Du Dir hier keine Freunde“, oder „Wenn ein Christ in der Türkei in den Knast kommt, dann kann er auch kein Schweinefleisch kaufen“, seien Standartsprüche. Doch Mehmet D. sieht darüber hinweg. Sie würden bei ihm seine Wirkung verfehlen, da ihm das Ergebnis seiner Bemühungen wichtiger sei. Außerdem könne er als Muslim gar nichts anders machen. So sagt er selbst, „Ich hätte mich persönlich niemals bessern können, wenn ich meine Augen vor Ungerechtigkeiten schließen würde“ und damit scheint er nicht unbedingt falsch zu liegen.

Was ihm jedoch sehr zugesetzt haben soll, als man ihm gesagt habe, Ausländer die abgeschoben werden, dürften keine Therapie machen. Somit wurde ihm gleichzeitig jegliche Möglichkeit auf eine frühere Entlassung genommen, was für ihn einer Höherbestrafung gleichkommt. Denn eine erfolgreiche Therapie wäre nicht nur für ihn selbst vorteilhaft gewesen, sie hätte auch seine Maximalhaftzeit deutlich reduziert. So fragt er sich selbst: „Wie kann es sein, dass in einem Land, in dem die Menschenrechte an oberster Stelle stehen, die Rechte dieser Menschen von der Justiz genommen werden können?“ Eine Antwort darauf versucht er mit seinem Rechtsanwalt zu finden; ein langer Weg, der wohl noch über viele Gerichtsinstanzen führen wird.

Auf die Frage, warum er sich trotz aller Gegenwehr nicht unterkriegen lässt, lieferte er sogleich einen überzeugende Antwort: „Entweder haben wir eine Demokratie oder wir haben keine. Es darf einfach nicht sein, dass trotz eines Gleichberechtigungsgrundsatzes noch immer Benachteiligung vorherrscht.“ Und die Insassen sind tatsächlich dankbar für Mehmets Engagement. Natürlich seien nicht immer alle Beteiligten seiner Meinung, aber das gebe es ja überall. Außerdem könne er auch gut mit Kritik umgehen, sofern sie gerechtfertigt ist. Daher würde er sich grundsätzlich immer mit den anderen abstimmen, bevor er eine neue Aufgabe in Angriff nimmt.

„Das Wohl der anderen liegt mir mehr am Herzen, als irgendwelche egoistischen Ziele“, bekräftigt Mehmet D. Schließlich sei er nicht der Typ Mensch, der in seiner Zelle sitzt und Däumchen dreht. Man müsse auch etwas tun, wenn etwas bewegt werden soll, denn umsonst sei nicht einmal der Tod. So gibt er auch gleich ein Beispiel: „Nach langen Verhandlungen haben wir nun endlich erreicht, dass unsere Schreinerwerkstatt für die Gebetsgruppe eine Predigerkanzel baut, damit der Imam auch seine Predigt ordnungsgemäß abhalten kann. Wie es eben auch in der Anstaltskirche üblich ist. Mein Traum wäre allerdings, dass auch wir Muslime eines Tages einen richtigen Gebetsraum für uns haben und nicht immer auf einen Schulraum ausweichen müssen. Außerdem wäre es schön, wenn es einen islamischen Seelsorger geben würde, der, wie der katholische und evangelische Seelsorger, für uns täglich ansprechbar wäre.“

Die Frage, wie er seine Zukunft sieht, beantwortete Mehmet D. sehr nachdenklich: „Das kann ich eigentlich noch gar nicht so genau sagen. Zunächst wünsche ich mir einen positiven Kontakt zu meinen Kindern, so, wie das eben jeder Vater gerne hätte. Und da ich ein Familienmensch bin, so möchte ich natürlich auch wieder eine neue Familie gründen und Fehler, die ich früher gemacht habe, vermeiden. Arbeiten möchte ich natürlich auch wieder. Da ich gerade mein türkisches Abitur nachhole, könnte ich mir sogar vorstellen, danach zu studieren. Aber das werden wir alles sehen. Was für mich auf jeden Fall feststeht, ist, dass ich auch weiterhin eine gemeinnützige Arbeit leisten werde; vielleicht werde ich sogar deutsche Gastgruppen in islamischen Zentren betreuen, oder Destillationsanlagen in Äthiopien bauen. Das wiederum sei abhängig von Sponsoren.“ All das sind jedoch Ziele und Wünsche, die erst nach seiner Entlassung verwirklicht werden können. Für jetzt plane er erst einmal die Installation von Kochgelegenheiten auf den Stockwerken sowie eine Trennung von Langzeit- und Kurzzeitstraftätern, da die vorherrschende Mischbelegung immer wieder zu Schwierigkeiten führe.

Alles in allem war das Gespräch mit Mehmet D. wirklich aufschlussreich. Es zeigte mir, wie wichtig doch Kleinigkeiten sein können und wie schwer es sein kann, genau diese Kleinigkeiten zu erreichen. Es zeigte aber auch, dass Menschen sich verändern können und dass diese Veränderung nicht von jedem unbedingt so positiv gewertet wird, wie sie eigentlich sollte. Zum Schluss gab Mehmet D. uns allen noch einen Rat mit auf den Weg: „Es ist schwer etwas zu verändern, wenn sich immer nur einzelne für die Rechte anderer stark machen. Jeder sollte sich gerechtfertigt für andere einsetzen, ob hier drinnen oder draußen. Es fällt einem nichts vom Himmel in den Schoß. Und wer immer nur darauf wartet, dass andere etwas für ihn tun, der könnte schnell einmal enttäuscht werden.“

Harry Bejol