WAS ARUN GANDHI
VON SEINEM GROßVATER GELERNT HAT


Der indisch-amerikanische sozial-politische Aktivist Arun Gandhi ist der fünfte Enkelsohn von Mahatma Gandhi. Im Alter von 12 Jahren schickten seine Eltern ihn nach Indien, um mit seinem Großvater zu leben.

Gandhi führte ihn in seine Theorien und sein tägliches Leben mit Frieden und Gewaltlosigkeit ein. Die beiden hatten nur 18 gemeinsame Monate bis zur Ermordung Mahatmas, doch dieses war genug, um Arun zu einem sehr überzeugenden Anwalt der Ideale Gandhis zu formen.

Wir trafen Arun in der Lobby des Hotels Amigo und das erste, was wir bemerkten, war seine Energie, die ihn umgab. Er sieht sehr kräftig aus für seine 81 Jahre und wenn er redet, dann zeigt sich seine starke Persönlichkeit. Wir übergaben ihm eine Auswahl der weltweiten Straßenzeitungen, die er mit Interesse studierte. Er hat 30 Jahre für die Times of India als Journalist gearbeitet und hat ein feines Gespür für die Rolle der Medien entwickelt. Er fragte uns nach der Art und Weise wie Straßenzeitungen funktionieren und wir diskutierten kurz die Wichtigkeit unabhängiger Medien. Dann goss er sich eine Tasse ein und nickte in Richtung unseres Aufnahmegerätes. Arun Gandhi war bereit, unsere Fragen zu beantworten.

Das große Erbe, das Ihr Großvater Ihnen hinterlassen hat, ist die Vorstellung der Gewaltlosigkeit. Können Sie erklären, warum Sie das als noch bedeutender als die friedvolle Konfliktlösung ansehen?
Leider haben weltweit viele Studenten der Philosophie Gandhis die Gewaltlosigkeit als Waffe gesehen, als Strategie, die in manchen Konflikten benutzt wird. Aber ich glaube, dass es hierbei um eine persönliche Transformation geht. Mein Großvater machte sich große Sorgen um die Gewaltkultur und wie sie die Menschheit dominierte. Sie ist so tief in uns verwurzelt, dass es uns nicht mal auffällt, dass viele Dinge, die wir machen, gewaltbeladen sind. In den Vereinigten Staaten von Amerika geht eine geschätzte Million Menschen hungrig ins Bett und gleichzeitig werden Lebensmittel im Wert von 120 Milliarden jedes Jahr weggeworfen. Das ist auch eine Form von Gewalt. Das ist die passive Form von Gewalt, die sich aufschaukelt und die Zorn in den Opfern hervorruft, die sich dann, um Gerechtigkeit zu bekommen, in physischer Gewalt entlädt. Wenn wir dieses Feuer der physischen Gewalt löschen wollen, Kriege und Hass beenden, dann müssen wir ihm die Luft abgraben, die von jedem von uns kommt. Das ist der Punkt, wo wir die Veränderung sein müssen, die wir uns wünschen in der Welt zu sehen.
Wie sehr beeinflusst dieses die Erziehung unserer Kinder? Der Hauptgesichtspunkt in der Schule ist Alphabetisierung und rechnerische Fähigkeiten zu vermitteln, doch an immer mehr Schulen sehen wir neue empathische Ansätze und die Einführung von „Soft Skills“ in die Lehrpläne.
Ich bin sehr traurig über die weltweiten Bildungssysteme. Sie basieren darauf, junge Menschen in einen Beruf zu pressen und zum Geldverdienen zu schicken. Die Schulen schaffen passende Arbeitskräfte für die Industrie, die diese ausbeuten und zur Expansion nutzen. Das ist keine Bildung. Bildung ist, wenn Menschen etwas über sich selbst, ihren Charakter und ihre Beziehungen zueinander lernen. Dieses wird jedoch gar nicht gelehrt, da liegt kein Schwerpunkt drauf. Ich sage Studenten in den Vereinigten Staaten, wo ich unterrichte, dieses: Ihr kommt zusammen aus unterschiedlichen Rassen und Nationalitäten. Ihr seid hier für vier oder fünf Jahre um zu studieren und lebt auf engem Raum zusammen, daher ist dieses eure Gelegenheit, um voneinander zu lernen und die Unterschiede zu erkennen, die existieren. Aber da hört oft niemand zu. Daher finden sich indische und afrikanisch-amerikanische Studentenvereinigungen separat von den Vereinigungen weißer Studenten. Jeder hat seine eigene Vereinigung und es gibt kein Zusammenkommen. Es gibt den „Black History Month“ wo nur schwarze Studenten etwas über ihre Geschichte lernen und das Gleiche auch noch mal als „Women‘s History Month“ für weibliche Studentinnen. Warum lernen das nicht alle? Die Bildung lässt die Bildung des Charakters einer Person und einer kohärenten Gesellschaft aus.
Sie sind in einer Familie erzogen worden, die sich der gewaltfreien Sozialreform verschrieben hat. Erst bei Ihren Eltern in Südafrika und später bei Ihrem Großvater in Indien. Glauben Sie, dass es für jedes Kind möglich ist, von Kindesbeinen an so erzogen zu werden?
Es muss zu Hause starten. Wir müssen uns bewusst werden, dass unsere Erziehungsmethoden oft gewalttätig sind. Wenn wir Kindern mit Strafen drohen, wenn sie sich schlecht benehmen, dann bringen wir ihnen bei, dass Gewalt richtig ist. Als ich sehr jung war, lebten wir auf einer Farm in Südafrika. Die einzigen Kinder mit denen ich spielen konnte, waren die der afrikanischen Farmarbeiter. Ihre Familien lebten seit sehr langen Zeiten in extremer Armut. Meine Eltern erlaubten mir nur unter der Bedingung mit ihnen zu spielen, dass ich von ihnen lernte, wie sie leben und wie sie spielten, ohne Spielzeug und ohne Luxusgegenstände. Im Gegenzug brachte ich ihnen Lesen und Schreiben bei. Hunderte Kinder kamen aus der Umgebung und wir hatten ein gutes Verhältnis zueinander. Mitgefühl entstand in uns auf diesem Weg. Wenn du erlebst wie deine Eltern diese Dinge selbstlos tun, dann lernst du davon und machst es zu deinem eigenen Leben. Das ist es, wo in der modernen Gesellschaft die Probleme sind. Von der Geburt an bringen wir sie in Krippen, wo sie von Fremden erzogen werden. Die Kinder sind müde von ihrem Tag in den Krippen und die Eltern sind es genauso von ihren langen Arbeitstagen. Die Kinder sehen ihre Eltern hart arbeiten für den materiellen Gewinn und so wird der Materialismus auch zu ihrem Lebensstil. Indem wir den Samen des Egoismus in ihnen einpflanzen sagen wir ihnen, dass es richtig ist den Schwächeren zu überrennen, um an die Spitze zu kommen.
Sehen Sie einen Weg, um den Kreislauf aufzubrechen?
Wir müssen eine Balance finden zwischen Moral und Materialismus. Mein Großvater sagte immer dass diese zwei eine umgekehrte Beziehung haben und wir sehen das jeden Tag. Die USA ist eine hoch materialistische Gesellschaft, aber hat eine schwache Moral. Unser Auskommen und unsere Karriere müssen wir selbst erarbeiten, aber das sollte nicht unser einziges Streben sein. Und wenn es das ist, dann sollten wir keine Kinder haben. Wenn sie sich entscheiden Kinder zu haben, dann haben sie die Verantwortung, ihnen genug Zeit zu geben, die Fundamente für ihr Leben zu setzen.
Viele Eltern sagen, sie arbeiten, um für die Kinderbetreuung zu sorgen und den Kindern die bestmögliche Ausbildung zu geben
Die beste Ausbildung, die ein Kind bekommen kann, ist die von seinen Eltern zu Hause. Keine Privatschule, auch wenn sie tausende Dollar an Gebühren kostet, kann dem Kind jemals das vermitteln, was ihm die Eltern in den ersten fünf Jahren seines Lebens beibringen können. Wir denken, dass wir alles kaufen könnten. Von Top-Ausbildung bis zum Erfolg im Leben. Aber man kann Mitgefühl, Liebe und Respekt nicht kaufen. Es gibt unterschiedliche Probleme in verschiedenen Teilen der Welt. Aber das Problem der Habgier und Ausbeutung ist fundamental und universal. In Indien ist es im Moment ein Trend, in den Medien zu betonen, dass die Ökonomie boomt, aber die Hälfte der Einwohner lebt noch immer in Armut. Das ist eine halbe Milliarde Menschen, die der Wohlstand nicht erreicht.
Fortsetzung des Interviews in der August-September-Ausgabe

Von Danielle Batist
Foto: Dimitri Koutsomytis, Oslo
Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von INSP News Service
Deutsche Übersetzung: Ute Kahle, Göttingen