ABSCHIEDE
SIND TORE IN NEUE WELTEN

Liebe Leser/innen,

während ich diese Zeilen schreibe, umgeben mich kahle Wände, leere Regale, gepackte Kartons und Kisten. So hocke ich quasi in den Startlöchern, kurz vor dem Absprung in ein neues Leben fast 300 km entfernt.

Carina und struppi
Carina und Struppi

Und während Sie diese Zeilen lesen, bin ich schon weg. Für die meisten von Ihnen dürfte das überraschend sein.

Doch diese Entscheidung steht schon seit gut anderthalb Jahren fest und ist mehr als gut überlegt und ich bin glücklich, sie getroffen zu haben!

Fast alle Bekannten, KundInnen und Menschen, mit denen wir durch unsere Arbeit zu tun haben, reagierten ähnlich auf meinen Entschluss:

"Was!? Wieso das denn???" Teils erschrocken, entsetzt bis beleidigt, kam manchmal sogar als Reaktion fast vorwurfsvoll: "Das kannst du doch nicht machen!"

Doch! Ich kann - und ich werde.

Die Antwort auf das "Warum?" gab unser Carsten kurz und bündig auf unserem 15-jährigen Jubiläum: "Der Liebe wegen". Klar will ich auch aus meiner inzwischen 4 Jahre andauernden Fernbeziehung eine Nahbeziehung machen - fast 40.000 gependelte Kilometer sind irgendwann mal zuviel. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, denn es geht mir hier in Freiburg einfach nicht mehr gut!

Als ich diese Stadt vor 15 Jahren kennen und lieben lernte, dachte ich: Hier will ich bleiben, alt werden und sterben." Klingt pathetisch, war aber damals so. Doch Dinge ändern sich. Und die meisten dieser Veränderungen, die hier stattfinden, empfinde ich als ungesund bis unerträglich, ja sie erdrücken mich regelrecht.

Manche davon sind erklärbar bis messbar, andere kann ich schlecht in Worte fassen, obwohl bzw. gerade weil ich ein intuitiv emotional geprägter Mensch bin. Bei dem Versuch, dies doch zu tun, kam bei den meisten Menschen, mit dem fragenden Blick nach dem "Warum?", als Reaktion fast immer Verständnis oder sogar Zustimmung - häufig wurde mir sogar genau das bestätigt, was ich empfinde.

Wenn man mit offenen Augen durch diese Stadt geht, sieht man viele dieser Veränderungen und wir haben oft und ausführlich - v.a. über die Innenstadtveränderung und ihre Folgen - berichtet, doch es wäre jetzt zu UNMÜSSIG, detailliert darüber zu schreiben und ich werde dann nur wieder SAUER!

Denn viele dieser Entwicklungen sorgen dafür, dass sich auch die Menschen hier verändern. Man kann es sogar oft in ihren Gesichtern lesen. Wenn man tagtäglich mit FREIeBÜRGER in der Hand auf der Straße steht, fällt einem das ganz besonders auf.

"Ich mag gar nicht mehr in die Stadt gehen!" sagten viele meiner Kunden häufig, wenn wir uns unterhielten und die Veränderungen thematisierten. Einige bliesen mit mir zusammen ins selbe Horn oder schimpften über die verlogene Klientelpolitik unter einem trügerischen grünen Anstrich. In Freiburg gibt es eine Klimaveränderung - und damit meine ich nicht das Wetter!

Und so geht hier vieles die Dreisam runter, was mir immer so gut getan hat. leider auch die breitflächige Protestbewegung und Gegenkultur, die ich immer ganz besonders geschätzt habe. Das finde ich besonders traurig!

Und ich frage mich:
"Wenn das so viele hier genauso sehen und empfinden, warum tun dann so wenige was dagegen?" Es gab in Freiburg Zeiten, da standen Tausende freie Bürger auf den Straßen und sagten laut und deutlich: "NEIN!"

Inzwischen scheinen sich viele von ihnen in ihre Nischen zurückgezogen zu haben, in denen sie noch etwas verändern können - zumindest haben mir das einige so erklärt, wenn ICH den fragenden Blick hatte.

"Aber das ist doch überall so!" bekam ich häufig zu hören. In vielen Groß-Städten, z.B. Hamburg oder Berlin, mag das durchaus zutreffen und wenn ich mit Freunden aus anderen größeren Städten spreche, bestätigen sie mir ähnlich negative Entwicklungen - trotzdem habe ich den Eindruck, dass die Relation in Freiburg eine andere ist und ich werd das Gefühl nicht los, dass der Wandel in dieser eher kleinen Großstadt schneller und extremer vonstatten geht als in anderen vergleichbaren Städten.

Die Zeit des jahrelangen Pendelns zwischen meiner bisherigen und zukünftigen Heimat machte mir das immer wieder ganz besonders deutlich und mit jedem Mal fiel es mir schwerer, nach Freiburg zurückzukehren.

Und da sind wir bei der Antwort auf die Frage, wohin es mich denn nun verschlägt:

Gut Hundert Kilometer von meiner ursprünglichen osthessischen Heimat entfernt:
nach Mainz am schönen Rhein. Auch hierauf waren die Reaktionen meiner Freiburger Mitmenschen interessant: Von Verblüffung, über merkelige Mundwinkel bis hin zu zustimmendem Grinsen (meist von Zugezogenen aus der Mainzer Region) war alles dabei.

Zugegeben:
Von dem, was viele an Freiburg lieben, gibt es in Mainz wohl nicht allzu viel. Allerdings gibt es dort etwas, das mir sehr gut tut und was mir hier oft fehlt und das ich ebenfalls nur schlecht beschreiben kann: diese spezielle offenherzige, umsichtige Mentalität und diese besondere Art des Humors (ähnlich der mancher Rheinländer).

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass es in Mainz (bzw. im benachbarten Wiesbaden) noch bezahlbaren Wohnraum gibt, der z. T. nur etwa die Hälfte vom hiesigen kostet - ich hätte in den wenigen Wochen meiner Wohnungssuche gleich mehrere Bezahlbare anmieten können - und das sogar zu dem Zeitpunkt als ich noch nicht einmal einen Arbeitsvertrag in der Tasche hatte! Das wäre hier einfach undenkbar!

Auch die Job-Situation ist im Rhein-Main-Gebiet entspannter als hier. Womit wir bei meiner nächsten Veränderung wären:

Leider hat es trotz vorhandener Beziehungen zum ZDF (im Ernst!) bisher nicht geklappt, dort als Mainzelmädchen einzusteigen, also bleibt mir fürs Erste nix andres übrig, als wieder zurück in die Pflege zu gehen und ich habe einen (vorwiegend nächtlichen) Job in einem gehobenen Seniorenstift in Wiesbaden gefunden, in dem anscheinend ein schönes, humorvolles und gesundes Miteinander gepflegt wird. Kurzum: Ich freu mich auf mein neues Leben!

So, Ihr Lieben, ich bin dann mal weg.
Machts gut, seid nicht traurig und gehabt Euch wohl! Manches werde ich bestimmt vermissen und so geh isch mit eem lachende unnem weinende Aach.


Keine Angst, meine allseits beliebten Rätsel gibt es dank internetter Verbindung auch weiterhin im FREIeBÜRGER.

Erreichbar bleibe ich unter: carina at frei-e-buerger.de

Liebe Grüße an alle, die mich kennen!
Carina