Augustin Legrand

Legrand

Mehr Informationen erhalten Sie in dem Interview mit Augustin Legrand dem Gründer von „Les enfants de Don Quichotte“ der das Zeltlager am Ufer des Canal Saint-Martin in Paris plante.




Bekämpft die Armut und nicht die Armen!

Frankreich wird im Winter 1953/54 von einer Kältewelle heimgesucht und mehre obdachlose Menschen erfrieren. Abbé Pierre – der Gründer der "Bruderschaft von Emmaus" einer Hilfsorganisation für arme Menschen – ruft über Radio Luxemburg die französische Bevölkerung zur Hilfe und Spenden für die Obdachlosen auf. Tausende Menschen, darunter Persönlichkeiten wie Charles de Gaulle und Charlie Chaplin, spendeten und halfen nach diesem Aufruf.

Ziel der Emmaus-Bewegung ist die Armutsbekämpfung und dabei setzt sie auf Hilfe zur Selbsthilfe. Im Mittelpunkt stehen dabei Menschen, die wohnungslos, arbeitslos und ohne Hoffnung sind. In den Emmaus-Gemeinden werden Gebrauchswaren aller Art wieder hergerichtet und verkauft, Bedürftige erhalten die Einrichtungsgegenstände umsonst.

Emmaus ist ein Wohn- und Arbeitsprojekt für Menschen, die in dieser Gesellschaft ansonsten keine Chancen haben. Wer hier arbeitet, bekommt auch einen Mindestlohn gezahlt und kein Almosen, wie es in vielen anderen Einrichtungen ansonsten der Fall ist.

Fast 52 Jahre später, im November 2006, springt Augustin Legrand mit wehendem Mantel von einer Brücke in den Kanal. Der Stunt im Superheldenstil ist Aufmacher eines Internet-Videos mit seriösem Thema: Durchnässt von kaltem Wasser, ruft Legrand und sein Bruder Jean Baptiste die Pariser dazu auf, Solidarität mit den Obdachlosen der Stadt zu zeigen. Jetzt, da sich der Winter ankündigt, sollen normale Bürger für ein paar Nächte das Leben auf der Straße proben.

Durch die gemeinsame Demonstration wollen die Wohnsitzlosen und die Unterstützer aus der Bevölkerung die Politiker im Wahlkampf zum Handeln zwingen. Zum Zeitpunkt der Aktion ist eine dauerhafte Bleibe für viele Pariser unbezahlbar. Mehr als 150.000 Wohnungen fehlen 2006 in der Metropole, schätzen Sozialverbände. Wer kann, kommt bei Angehörigen unter. Doch rund 100.000 Menschen leben in Frankreich auf der Straße. Sie stammen aus allen Schichten.

Der Weg zurück in eine sichere Existenz ist ihnen verbaut: Ohne feste Adresse bekommen sie keinen regulären Job. Die „Kinder von Don Quijote“ kämpfen gegen einen stoischen Gegner – den französischen Staat. Die Politik ignoriert das Problem, das mit dem nötigen Geld einfach zu lösen wäre. Es braucht öffentlichen Druck, damit die Regierung überfällige Investitionen in den Wohnungsbau und in Heimplätze bewilligt. Es folgen Wochen voller Auseinandersetzungen mit Nachbarn, mit Medien, die parteipolitische Interessen hinter der Initiative mutmaßen, und mit Politikern, die nichts versprechen wollen.

Der Konservative Nicolas Sarkozy kündigt dagegen an, im Falle seiner Wahl die Obdachlosigkeit innerhalb von zwei Jahren abzuschaffen. Am Silvesterabend nimmt auch der scheidende Präsident Jacques Chirac Stellung: In seiner Fernsehansprache fordert er die Regierung auf, das Recht auf Wohnraum gesetzlich zu verankern. Er soll in Frankreich den gleichen Stellenwert wie Bildung und medizinische Versorgung erhalten. Für die Demonstranten sind diese Worte nur ein Etappensieg.

Viele „Kinder von Don Quijote“ bleiben, bis das Parlament im Februar 2007 tatsächlich ein Gesetz beschließt, wonach jeder Einwohner Frankreichs sein Recht auf Wohnraum einklagen kann. Ein historischer Erfolg. Zumindest auf dem Papier. Mit dieser Aktion haben die „Kinder von Don Quijote“ das geschafft, was Abbé Pierre Zeit seines Lebens vom französischen Parlament eingefordert hatte. Leider konnte er diesen Erfolg nicht mehr miterleben, da er am 22. Januar 2007 im Pariser Krankenhaus Val de Grace an einer Lungenentzündung verstarb. Es ist ein erster Etappensieg auf dem Weg zur Armutsbekämpfung, denn nicht umsonst heißt es im Filmabspann: „Fortsetzung folgt“. Das eigentliche Ziel ist, wie es Abbé Pierre sich vorstellte: „Armut sollte nicht verwaltet, sondern bekämpft werden!“

Uli (Oktober - Ausgabe 2011)