ZUCKER EINE GEFÄHRLICHE DROGE?

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Wer sehnt sich nicht ab und an nach herrlich süßen Softdrinks, butterzarten Muffins oder Sandwiches mit „Super-Käse-Explosionen“? Zucker ist der Stoff, aus dem die süßesten Träume entstehen. Und dabei müssen wir wohl sehr viel träumen, betrachtet man sich den stetig wachsenden Zuckerkonsum

Innerhalb der letzten 50 Jahre hat sich dieser nämlich weltweit verdreifacht (derzeit 165 Millionen Tonnen pro Jahr).

Eine äußerst bedenkliche Entwicklung, hört man auf die Stimmen von einigen angesehenen Forschern. Denn die sind der Meinung, dass Zucker als ein Gift angesehen werden müsse, als eine Droge, die nicht nur Schäden an der Leber verursachen könne, sondern auch den Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht bringen würde. Zucker sei somit kein Segen, sondern eher ein Fluch.

Der Zucker selbst ist ein äußerst wirkungsvolles Süßungsmittel und ein brauchbarer Geschmacksträger und heutzutage in Lebensmitteln enthalten, in denen man ihn eher nicht erwarten würde. Aufgrund der „Low Fat“ –Bewegungen in den siebziger und achtziger Jahren wurde der Fettanteil in unserer Nahrung immer weiter reduziert.

Daher essen wir heute in der Tat fettärmer als früher. Da Fett jedoch als hervorragender Geschmacksträger dient, musste dieser kalorienreiche Stoff ersetzt werden, um die geschmackliche Qualität zu gewährleisten. Somit wird das Fett als Geschmacksträger durch Zucker ersetzt und lässt sich nun u.a. in Wurst, Brot, Frischkäse, geräuchertem Lachs, panierten Schnitzeln, Salatsaucen, Pizzen, Frühstücksflocken oder Salzstangen wiederfinden. Nicht nur, dass der Verbraucher dabei leicht die Übersicht verlieren kann, diese Allgegenwärtigkeit des süßlichen Stoffes erschwert unser Leben und bedroht letztendlich unsere Lebensqualität.

Tatsächlich leiden lt. dem Berliner Robert Koch-Institut ca. 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen in Deutschland unter Übergewicht. Und das trotz einer zum Teil recht fettarmen Ernährung. Jeder Fünfte gelte dabei als adipös (krankhaft fettleibig). Die Zahl der an Diabetes leidenden in Deutschland liege derzeit bei ca. 6 Millionen Menschen, Tendenz drastisch steigend. Was besonders beunruhigend erscheint, der sog. Altersdiabetes (Typ2) sei nun bereits vermehrt im Kindesalter anzutreffen.

Fachlich korrekt gesehen spielt hierfür zwar das Insulin die eigentliche Schlüsselrolle, jedoch ist der Zucker eindeutig als dessen verführerischer Komplize zu entlarven. Daher verwundert es nicht, wenn der Gebrauch von Zucker von einigen Forschern mit einer Droge verglichen wird.
Und noch verständlicher wird dieser Vergleich, wenn man sich die Mechanismen der Zuckerwirkung betrachtet. Zucker erzeugt im Gehirn ein vergleichbares Aktivitätsmuster wie eine süchtig machende Droge. Im Gegensatz zu anderen Kohlenhydraten gelangt der Zucker ohne Umwandlung bis in den Darm und von dort direkt ins Blut.

Nach dem Genuss zuckerhaltiger Lebensmittel steigt der Blutzuckerspiegel rasch nach oben. Daraufhin wird in der Bauchspeicheldrüse sofort die Insulinproduktion hochgefahren, damit die Glukose vom Blut an ihren eigentlichen Bestimmungsort (z.B. Muskelzellen) transportiert werden kann.
Der Blutzuckerspiegel sackt sodann durch das mit Insulin überschwemmte Blut schnell wieder ab, und zwar weit unter den Anfangswert zurück. Weitere Botenstoffe melden diese Unterzuckerung an das Gehirn und wir empfinden wieder Hunger.

Daher kann man sagen, je zuckerhaltiger unsere Lebensmittel sind, umso mehr verzehren wir auch davon, was für die Lebensmittelindustrie nicht ganz uninteressant zu sein scheint. Zudem gibt es aus evolutionsbiologischer Sicht weitere Bedenken:
Da Süße in der Natur als ein Signal für kalorienreiche und ungiftige Nahrung gilt, hat unser Körper kein natürliches Stoppsystem, was den Zuckerkonsum angeht.

Im Gegenteil: Wenn unsere Urahnen irgendwo süße Früchte entdeckten, war es für sie durchaus sinnvoll, sich daran zu überessen – daher galt süße und kalorienreiche Kost noch vor 10.000 Jahren als ein Geschenk. Evolutionär gesehen sind wir somit eher darauf programmiert, uns mit Süßem den Bauch vollzuschlagen als die Finger davon zu lassen. Und da wir heute Essen überall und jederzeit verfügbar gemacht haben, sollten wir allein aufgrund dieser evolutionären Tatsache unser Essverhalten grundlegend überdenken.

Wie also umgehen mit dem Übermaß an Süßem? Hilft uns vielleicht eine sportliche Aktivität dabei? Leider nicht, denn Sportlichkeit allein ist keine Lösung für Übergewicht, da Bewegungsmangel für die Entstehung von Fettpolstern kaum eine Rolle spielt. Zahlreiche Langzeitstudien, die den Körperfettanteil von Kindern mit ihrer körperlichen Aktivität verglichen hatten, kamen zu dem Ergebnis, dass ihre Bewegungsaktivitäten nicht unmittelbar eine Wirkung auf die Bildung von Körperfett hatten.

Allerdings wurde dabei festgestellt, dass ein erhöhter Fettanteil wiederum ursächlich dafür war, ihre Bewegungsaktivitäten in den kommenden Jahren deutlich zu reduzieren. Somit wurde klar, dass der Fokus eigentlich nicht auf eine sportliche Aktivität gelegt werden muss, sondern auf die Ernährungsweise selbst. Denn faktisch essen wir auch mehr, wenn wir unseren Körper einer zusätzlichen Belastung aussetzen. Die Art und Weise, wie wir uns ernähren, hat demnach einen größeren Einfluss auf die Bildung von körpereigenen Fettzellen.

Was können wir nun also tun, um unsere Ernährungsweise zu ändern und der süßen Lust zu widerstehen? Die Lebensmittelindustrie gibt hierzu eine eindeutige Antwort: Als Alternative von Zucker setzt sie die natürliche und kalorienärmere Stevia rebaudiana, eine Pflanze, die bis zu 300-mal süßer als Rohr- und Rübenzucker sein soll.

Doch während nun die Steviolglykoside, der eigentliche Süßstoff dieser Pflanze, in vielen Ländern bereits verwendet werden, wurden sie innerhalb der Europäischen Union erst seit 2011 offiziell zugelassen. Auch wird Stevia nicht unbedingt als ein Konkurrent von Zucker gesehen.

Interessant für die Lebensmittelindustrie scheint wohl eher eine Kombination von Stevia und Zucker zu sein. Doch greifen wir auf diese Alternative zurück, können wir uns dann auch sicher sein, dass die negativen Effekte eines übermäßigen Zuckerkonsums nicht einfach nur verlagert werden? Letztendlich sollte ein gesunder Menschenverstand das wohl erst einmal verneinen. Zumal Stevia zwar als weitaus kalorienärmer gilt, jedoch die Insulinbildung nicht wesentlich reduziert.

Der eigentliche Wirkungsmechanismus selbst bleibt somit unverändert. Am Ende scheint es nur eine Möglichkeit zu geben, unsere Ernährungsweise sinnvoll und langfristig zu verändern und unserem Körper eine gesunde Grundlage zu gewähren, und zwar durch Selbstdisziplin. Gleichfalls sollten Überlegungen darüber angestellt werden, ob nicht auch hier, wie bei Zigaretten, die Werbung für ungesunde Lebensmittel eingeschränkt, sogar ganz verboten werden sollte. Speziell dann, wenn es dabei um für Kinder attraktive Produkte geht.

Gesellschaftlich gesehen stehen uns nun zwei Möglichkeiten zur Verfügung: Entweder warten wir Jahrtausende darauf, dass sich evolutionär unser Körper an unsere zum Teil giftige Umwelt anpasst oder wir verändern unsere Umwelt derart, dass sie uns nicht mehr krank macht.

Harry Bejol